Der Jurist
Reto Hilty erklärt im Interview mit der
SZ, warum die geplante EU-Reform des Urheberrechts ein
Rückschritt ist: "Gewährt der Gesetzgeber Schutz, wo ein solcher nicht nötig wäre, kann das durchaus negative Folgen haben. ... Ein eindrückliches Beispiel lieferte die
Musikindustrie vor bald 20 Jahren. Damals wurde es möglich, Songs über Internet herunterzuladen, was Nutzer auch zunehmend nachfragten. Jahrelang gab es aber nur illegale Anbieter, weil die
Musikindustrie nicht bereit war, die notwendigen Lizenzen zu erteilen. Stattdessen setzte sie sich mit allen Mitteln für stärkeren Rechtsschutz ein, sogar für eine
Kriminalisierung der Nutzer solcher Angebote. Verloren hat sie am Ende nicht nur diesen Kampf, sondern auch ein Jahrzehnt in der technologischen Entwicklung, letztlich zulasten der Verbraucher." Hilty hätte für eine Vergütungspflicht ähnlich der
Kassettenabgabe plädiert, deren Früchte dann direkt an die Urheber hätte verteilt werden können. Aber dafür sei es jetzt wohl zu spät.
In der deutschen Politik gibt es bei strittigen Fragen der
EU-Urheberrechtsreform ja wenigstens noch Unsicherheit. In
Frankreich ist die Macht der traditionellen Lobbies - besonders der
Filmindustrie - noch größer. Alexander Fanta
berichtet bei
Netzpolitik, dass die
französische Botschafterin in Berlin, Anne-Marie Descôtes,
persönlich bei SPD-Abgeordneten für ein Ja vorstellig wurde. "Die Begegnung fand bei einem Europa-Abend der SPD am Donnerstag in Berlin statt. Botschafterin Descôtes bemängelte dort das 'merkwürdige' Verhalten der Partei beim Thema Urheberrecht, berichtet ein Teilnehmer. Botschaftsangehörige verteilten demnach Flyer, die vor 'falschen Interpretationen' der Reform warnen. Auf dem Flugzettel, der
netzpolitik.org vorliegt, heißt es, Artikel 13 der Reform führe nicht zu Uploadfiltern. Der Text liest sich wortgleich wie einer des
Rechteinhaberverbands GESAC."
Eine Gefahr bei Artikel 13 (Uploadfilter)
benennt Internetaktivist Joe McNamee ebenfalls in
Netzpolitik: "In unserer Gesellschaft ist
Freiheit die Vorgabe, und Einschränkungen, einschließlich des Urheberrechts, sind die Ausnahme. Deswegen sind Sonderregeln vorgesehen, um übermäßige urheberrechtliche Einschränkungen zu vermeiden. So gibt es beispielsweise im EU-Recht Ausnahmen,
sogenannte Schrankenregelungen, für die Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte im Privaten, für Satire, Bildung usw. Nach Artikel 13 müssten Filter in der Lage sein, diese Ausnahmen zu erkennen. Doch das können sie nicht. Deswegen wird es unmöglich sein, diese entscheidenden Ausnahmen richtig anzuwenden."
Und bei der Electronic Frontier Foundation
schreibt Cory Doctorow zum geplanten europäischen
Leistungsschutzrecht für Presseunternehmen: "Artikel 11 weist eine sehr
beunruhigende Unklarheit auf: Er hat eine sehr
vage Definition von 'Nachrichtenseite' und überlässt die Definition von 'Ausschnitt' der Gesetzgebung jedes EU-Landes. Schlimmer noch, der endgültige Entwurf von Artikel 11 enthält keine Ausnahmen zum Schutz
kleiner und nicht kommerzieller Dienste, einschließlich Wikipedia, aber auch eines persönlichen Blogs. Der Entwurf gibt Medien nicht nur das Recht, Links zu ihren Artikeln in Rechnung zu stellen - er gibt ihnen auch das Recht, die Verknüpfung mit diesen Artikeln ganz zu verbieten (wo ein solcher Link ein Zitat aus dem Artikel beinhaltet), so dass Websites Kritiker bedrohen können, die über ihre Artikel schreiben."
Brauchen wir Upload-Filter denn wenigstens, um
rechte Hassreden im Netz zu löschen? Auf
Netzpolitik hat Thomas Rudl auch nach dem Attentat in Christchurch
seine Zweifel. Totschweigen funktioniert einfach nicht mehr: "In einer vernetzten Welt, in der kurz nach dem Anschlag
Donald Trump weißen Nationalismus und rechtsextremen Terror als keine große Gefahr einstuft, um wenig später, in der Sprache des Attentäters, vor einer 'Invasion' an der US-Grenze zu Mexiko zu warnen, in einer solchen Welt funktioniert es nicht mehr. Einen vorgeblichen 'Bevölkerungsaustausch' beklagt auch der Täter in seinem 74-seitigen Pamphlet. Die
deutsche Bundeskanzlerin steht deshalb ganz oben auf der Tötungsliste des weißen Australiers, weil sie 'wie kaum jemand sonst Europa Schaden zugefügt und ethnisch von seinen Menschen gesäubert' habe. Ein Narrativ, das sich in derselben Form bei sogenannten Identitären findet wie auch bei
Horst Seehofer, der Migration als 'Mutter aller Probleme' bezeichnet. Mit Ansichten solcher Art dürften die meisten schon mal konfrontiert worden sein, ob im Netz oder offline.
Kein Uploadfilter wird sie je aus der Welt schaffen."