Der Abzug der Amerikaner
aus Afghanistan hat auch deshalb eine so symbolische Wirklung, weil er von Joe Biden als
ein Jubiläumsevent inszeniert wurde. Zwanzig Jahre nach dem
11. September sollte der Krieg für die Amerikaner beendet sein. Die
New York Times gab ihm in diesem Punkt
im Sonntagseditorial recht: "Am 6. April teilte er seinen Mitarbeitern mit, dass er alle Truppen bis zum 11. September abziehen wolle. 'Ich war der vierte Präsident, der über eine amerikanische Truppenpräsenz in Afghanistan verfügte - zwei Republikaner, zwei Demokraten', sagte er später. 'Ich würde und werde diesen Krieg nicht an einen fünften weitergeben.' Es war eine Entscheidung,
die Mut und Weisheit erforderte. Der Präsident wusste genau, was seine Kritiker daraus machen würden - und was sie schon jetzt daraus machen."
Auch jetzt noch könnte sich erweisen, dass
Biden Recht hatte,
meint New York Times-Kolumnist Thomas Friedman, der auf die
gewandelten Taliban setzt: "Sie haben gerade die Verantwortung für ganz Afghanistan geerbt. Sie werden bald unter
großem Druck stehen, Ordnung und Arbeitsplätze für die Afghanen zu schaffen. Und das wird
ausländische Hilfe und Investitionen von Ländern erfordern, bei denen Amerika großen Einfluss hat - Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Pakistan und die Mitglieder der
Europäischen Union."
Eine der Fragen, die sich die Welt nach dem überstürzten Abzug der Amerikaner (von ihren unbedeutenden Alliierten nicht zu sprechen) stellen wird, lautet: "
Was für ein Verbündeter sind die Vereinigten Staaten?" Die Amerikaner hätten ebenso gut zu ihrem Engagement stehen können,
meint Bret Stephens ebenfalls in der
New York Times: "In den letzten Jahren haben die Vereinigten Staaten eine
relativ kleine Truppe in Afghanistan aufrechterhalten, die größtenteils für die Überwachung, die Logistik und den Schutz der afghanischen Streitkräfte in der Luft zuständig war und dabei nur
minimale Verluste hinnehmen musste. Jeder amerikanische Präsident hätte diese Position fast unbegrenzt beibehalten können - ohne Aussicht, die Taliban zu besiegen, aber auch ohne Aussicht, von ihnen vertrieben zu werden."
Chinesische Staatsmedien haben den Abzug der Amerikaner aus Afghanistan hämisch kommentiert, und die chinesische Führung hat die Taliban bemerkenswert früh anerkannt,
notiert Fabian Kretschmer in der
taz. Die Gründe liegen auf der Hand: "Beide Länder teilen eine 76 Kilometer lange Grenze, die entlang der muslimisch geprägten
Krisenprovinz Xinjiang verläuft; dort also, wo China Hunderttausende Uiguren in politischen Umerziehungs- und Straflagern interniert hat. Es wäre ein
Super-GAU für die Volksrepublik, wenn militante Anhänger der Uiguren nun in Afghanistan Schutz finden würden, um aus dem Exil eine Widerstandsbewegung zu organisieren. Dementsprechend früh und präventiv rollte Peking den Islamisten den diplomatischen roten Teppich aus."
Nicht nur für Amerika,
auch für Deutschland ist der Abzug aus Afghanistan eine schwere Niederlage, schreibt Berthold Kohler in der
FAZ: "In der deutschen Afghanistan-Diskussion spielten die strategischen Fragen nur am Rande eine Rolle. Sie beschäftigte sich, wie auch jetzt wieder, lieber mit den humanitären Aspekten. Aber auch Berlin wollte in Afghanistan etwas bekämpfen, allerdings eher mit den
Mitteln des Technischen Hilfswerks als mit denen der Bundeswehr:
Fluchtursachen. Jetzt aber droht eine Massenflucht, deren Ziel klar ist." Und Thomas Gutschker ergänzt ebenfalls in der
FAZ: "Die Lowtech-Kämpfer haben
reiche Beute gemacht. Sie besitzen jetzt fast alles, was die afghanischen Streitkräfte eigentlich dazu befähigen sollte, die Islamisten zurückzuschlagen."
Nicht mal alle Deutschen sind aus Afghanistan evakuiert worden, es sind auch noch gut 10.000 ihrer
afghanischen Helfer im Land, denen der Tod droht.
Laut Zeit online hat die Bundesregierung "Vorwürfe zurückgewiesen, trotz des Vormarschs der Taliban in Afghanistan zu lange untätig geblieben zu sein. Es werde
schon seit Monaten an Verfahren zur Evakuierung gefährdeter afghanischer Ortskräfte gearbeitet, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts, Christofer Burger."
In der
SZ ist Stefan Braun fassungslos über das "monatelange Zögern" bei der Erteilung von Visa für die Ortskräfte. "Jetzt setzt sich der Eindruck fest, dass hier sehr viele
nicht das Verantwortungsgefühl mitgebracht haben, um diesen Einsatz anständig zu Ende zu bringen.
Anständig hätte geheißen, sich früh auf alle Eventualitäten vorzubereiten.
Anständig hätte geheißen, sich rechtzeitig Gedanken zur Rettung und Aufnahme der Ortskräfte zu machen.
Anständig hätte bedeutet, bei diesen Ortskräften nicht zu unterscheiden zwischen denen, deren Arbeitgeber die Bundeswehr war - und all den anderen, die für zivile Organisationen gearbeitet haben. Und
anständig zu sein, hätte verlangt, im Moment der Not wirklich alle bürokratischen Hemmnisse hintanzustellen, um die Menschen rechtzeitig herauszuholen. Was da alles passiert oder eher alles nicht passiert ist: Es ist
zum Schämen."
In der
SZ möchte sich Sonja Zekri nicht vorstellen, was
Frauen und Mädchen in Afghanistan gerade durchmachen. Im Verlust ihrer Freiheit liegt auch "eine
Botschaft an den Westen, die weit düsterer ist als es die Taliban-Herrschaft vor zwanzig Jahren war. Dass Frauen und Mädchen ihre alles andere als vollkommene Freiheit nur so wenige Jahre genießen konnten, dass ihnen Rechte gewährt und nun wieder genommen werden, dass sie den Befindlichkeiten launischer Herrscher
so schutzlos ausgeliefert sind, das ist eine Botschaft, die
die Frauen der Welt als Warnung begreifen müssen: Nichts, was sie erstritten haben, kein Recht, das sie erkämpft haben, ist unantastbar, wenn der Wind sich dreht."
Und was sagt
die Linke zu dem Schlamassel? Sie hat immerhin Wahlkampf gemacht mit der Parole "
Raus aus Afghanistan". In der
Welt ist Ulf Poschardt auf hundertachtzig: "Genauso gut hätten sie
gesteinigte Frauen und Mädchen plakatieren können. Oder die Schwulen, die nun erschlagen und gehängt werden. Auch der in vielen Teilen vulgäre Pazifismus der Grünen blendet aus, was die
Konsequenz jener Wehrlosigkeit für die letzten Menschenrechtsstandards ist. Da sind diese Linken und ja leider auch viele Bürgerliche
sehr nahe bei Donald Trump, der sein 'America first' ja auch als Abkehr von alten imperialen Neigungen verstand." Für Poschardt zeigt das vor allem eins: "Die intellektuellen und kulturellen Eliten haben den Denkhorizont auf die Reichweite ihres Lastenfahrrads reduziert. Wer das Erreichen von Beirut, Bagdad oder Kabul aus ökologischen Gründen sowieso für sich außer Betracht lässt, hört im Zweifel eher auf, daran zu glauben, dass das
eine Welt ist."
Der Arzt
Reinhard Erös betreibt seit Jahrzehnten in Afghanistan Schulen und erwartet im Gespräch mit Michael Hanfeld von der
FAZ, damit auch
unter den Taliban weitermachen zu können, "da wir auch in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit den regionalen Würdenträgern und
den '
Religiösen', sogenannten 'moderaten Taliban', unsere Projekte abgesprochen haben und in dieser Zeit keines unserer Projekte und keiner unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ihnen bedroht wurde." Erös schlägt vor, den angeblich geläuterten Taliban nun mit Entwicklungshilfe zur Seite zu stehen.