9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Politik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2021 - Politik

Joe Biden agiert brutal mit seinem Abzug aus Afghanistan, aber leider trifft er die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung, meint Silke Mertins in der taz. Und auch die der deutschen? "Zur Ehrlichkeit gehört dazu, dass die meisten, die nun über die furchtbaren Attacken am Flughafen erschüttert sind, sich über Jahre nicht für die Terroranschläge in Afghanistan interessiert haben. Sie waren häufig nicht mal eine Kurzmeldung wert. Das Schicksal der Menschen in Afghanistan ist in Deutschland bei der großen Mehrheit der Bevölkerung nur noch auf Schulterzucken gestoßen."

Richard Herzinger rät in seinem Blog, die Taliban nicht als "kleineres Übel" etwa gegenüber dem "Islamischen Staat" zu betrachten. "Am Ende wird für die westliche Politik nur noch zählen, dass die Taliban vermeintlich exklusiv an der Herrschaft über Afghanistan interessiert seien, nicht aber am Terrorexport in den Westen. Das aber ist eine gefährliche Illusion. Denn in welcher Spielart auch immer der Islamismus auftritt - das Streben nach der Weltherrschaft des Islam ist ihm konstitutiv eingeschrieben, und er kann nicht Halt machen, bevor er zu diesem Zweck den Westen zerstört hat."

Der Künstler Ibrahim Quraishi stellt in taz online ein paar zornige Fragen an die "Gemäßigten" unter den Muslimen, die so gut wie nie gegen die Talibanisierung ihrer Religion aufstehen: "Wo sind die mutigen muslimischen, die wütenden arabischen Stimmen, die Gerechtigkeit fordern gegen die Talibanisierung der gesamten muslimischen Welt? Wann ist es endlich erlaubt, sich gegen die ständige Instrumentalisierung des Islams zur Aufrechterhaltung von Hass und messianischer Gewalt zu wehren? Warum wird weiterhin endlos geschwiegen? Wann werden wir aufhören, im Namen der Religion zu töten? Schluss, aus, es reicht!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2021 - Politik

Der grausame Anschlag am Flughafen von Kabul wurde von einem Ableger des Islamischen Staats verübt, informiert Thomas Ruttig in der taz, dem vor allem im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan operierenden ISKP: "Wie in allen Phasen der seit 1978 ununterbrochenen afghanischen Bürgerkriege trägt erneut die Zivilbevölkerung - in diesem Fall die vor den Taliban Flüchtenden - die größte Opferlast. Wie alle Parteien in diesem Konflikt nimmt auch der ISKP keine Rücksicht auf Zivilist:innen. Wegen der terroristischen Mittel, die auch die Taliban einsetzen, sieht die betroffene Zivilbevölkerung keinen Unterschied zwischen beiden Organisationen. Dabei trennen sie politisch-ideologisch Welten: Der IS strebt ein weltweites islamisches Kalifat an, die Taliban ein nationales Emirat."

Der Abzug aus Afghanistan wird dem weltweiten Dschihadismus Auftrieb geben, aber nicht er allein, mahnt der Economist. Viel gravierender sind schlechte Regierungen: "Dschihadisten sind nicht alle gleich. Viele sind sich über ihre Doktrin uneinig. Viele hassen und bekämpfen sich. Die Anhänger des Islamischen Staats verachten die Taliban, absurderweise, als Amerikas Handlanger. Als eine ihrer ersten Handlungen holten die Taliban vorige Woche in Kabul den Führer des IS von Südasien aus dem Gefängnis und brachten ihn um. Die meisten dschihadistischen Gruppen sind motiviert durch lokale Missstände: eine räuberische Regierung, ethnische oder sektiererische Spaltungen, ungläubige Invasoren. Dabei zapfen sie auch globale Narrative an. Auf ihren Telefonen sehen sie tagtäglich die Beweise dafür, dass ihre Unterdrückung Teil eines weltweiten Musters ist, der Verfolgung von Muslimen, von den Gulags in Xingjiang bis zur verwüsteten Landschaft von Gaza.  Wenn Dschihadisten irgendwo auf der Welt Erfolg haben, fühlen sich alle stolz - und zu Taten aufgerufen."

Im Perlentaucher fürchtet Richard Herzinger, dass sich China und Russland nach dem Rückzug der USA zu neuen Aggressionen ermuntert sehen könnten: "An erster Stelle wird sich nun das demokratische Taiwan verschärftem Druck vonseiten des Pekinger Regimes ausgesetzt sehen. Zwar haben die USA erst kürzlich ihre Beistandsverpflichtung gegenüber Taipeh bekräftigt. Doch nachdem Washington bereits die völkerrechtswidrige Gleichschaltung Hongkongs weitgehend tatenlos hingenommen hat, befeuert das afghanische Desaster die Zweifel, ob die USA im Ernstfall tatsächlich einen Krieg mit China riskieren würden. "

Die zwanzigjährige Intervention in Afghanistan zielte weder auf wirtschaftliche noch auf geopolitische Interessen, sondern auf den Export westlicher Werte, meint jetzt auch in der taz der ubiquitäre Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Dass sich jetzt auch Joe Biden von regime change und nation building verabschiedet hat, deutet Münkler als Zäsur, ohne dies zu bedauern: "Es dürfte ein Regime der Einflusszonen entstehen, in dem die USA und China, Russland und Indien sowie die Europäische Union, sofern sie handlungsfähiger wird, als Akteure auftreten. Der neuralgische Punkt dieser Ordnung werden die Überschneidungszonen und Zwischenräume der Einflusszonen sein sowie die Territorien, an denen keiner der großen Akteure interessiert ist, weswegen er sich weder um deren politische Stabilität noch wirtschaftliche Prosperität sorgt. Parallel dazu werden die Nichtregierungsorganisationen, die als Wertebeobachter und Normverwalter auftreten, an Bedeutung und Einfluss verlieren, jedenfalls in globalen Fragen."

In ein ähnliches Horn stoßen in der NZZ der Politikwissenschaftler Benedikt Korf und die Sozialanthropologin Christine Schenk: Der Westen kann mit einem überhöhten moralischen Anspruch an den Niederungen der Praxis nur scheitern: "'Fixing Failed States', so hieß der Titel einer Weltbankstudie, verfasst u. a. von Ashraf Ghani, dem letzten Präsidenten Afghanistans vor der Machtübernahme der Taliban... Im Begriff 'fixing' klingen zugleich die Stimmung von Machbarkeit und der Überlegenheitsduktus einer globalen Elite an. Es ist die Idee, man könne und müsse fragile Staaten mit technischen Massnahmen und westlicher Expertise reparieren und auf ein solides Fundament stellen. Schließlich könne man die Menschen in diesen Weltregionen nicht ihrem Schicksal überlassen. Dieser Anspruch führt direkt in den Moralismus einer globalen Mission, die sich als unentbehrlich darstellt. Widerspruch oder Kritik wird moralisch zurückgewiesen: 'Wir können doch nicht nichts tun!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2021 - Politik

Am Flughafen von Kabul hat ISIS Attentate begangen, Dutzende sind gestorben, darunter 13 amerikanische Soldaten, die den äußerst brenzligen Auftrag hatten, den Zugang zum Flughafen zu kontrollieren (hier der Bericht der New York Times). Dominic Johnson hat in der taz zum Erfolg der Luftbrücke wohl noch ohne Kenntnis der Attentate geschrieben, und der Kommentar klingt erstaunlich: Er greift den Satz von Angela Merkel auf, man müsse die Ziele von Außenpolitik "jetzt kleiner" fassen: "Wie klein denn noch? Seit dem Verzicht auf ein Eingreifen gegen Assads Verbrechen in Syrien und gegen russische Aggression in der Ukraine traut sich doch sowieso niemand im Westen mehr irgendwas, was eine andere Großmacht ärgern könnte. Kabul beweist demgegenüber: Wir schaffen das. 2015 hat sich wiederholt, im Guten."

Die humanitäre Krise in Afghanistan hat eine neue Qualität, weil sich zumindest in den Städten praktisch jeder mit Videocalls melden kann, beobachtet Johannes Schneider bei Zeit online: "Fast ist es zum Lachen: Während in innerdeutschen Videokonferenzen 'schlechtes Netz' die Kommunikation erschwert, steht manche Leitung nach Kabul verstörend stabil."

Nach der Diagnose des Amerikanisten Tobias Endler im Standard ist der Westen tot, nur die Europäer haben seinen Leichengeruch noch nicht wahrgenommen. Bidens Behauptung, in Abstimmung zu agieren, war ein leeres Versprechen: "Biden hat Trumps Entscheidung, die US-Truppen komplett aus Afghanistan abzuziehen, nie infrage gestellt. Der Unterschied zwischen beiden Oberbefehlshabern besteht in drei Monaten, und dies auch nur, weil Biden das Ende der Besatzung mit dem 20. Jahrestag der 9/11-Anschläge zusammenbinden wollte. Die europäische Hilflosigkeit angesichts der Entwicklungen war und ist erschreckend."

"Der Sieg der Taliban erklärt sich auch daraus, dass weder die bisher herrschenden Eliten noch die Mehrheit der Afghanen ihr Staatswesen für schützenswert hielten. Offenbar haben entscheidende Teile der Afghanen die vergangenen zwei Jahrzehnte aller Hilfe zum Trotz als Besatzungszeit empfunden", meint Jacques Schuster in der Welt, ohne die Amerikaner und Europäer allerdings aus der Schuld zu lassen: "Sie hatten berechtigte Gründe, in Afghanistan einzufallen, um das Terrornetzwerk der al-Qaida und ihrer Verbündeten zu zerstören. Doch anstelle punktuell zuzuschlagen und das Land im Anschluss zu verlassen, frönten sie - genau wie die Deutschen - ihrem Missionierungswillen. Das Land sollte nach den Werten der Demokratie und der Menschenrechte neu aufgebaut werden. Auch daran ist nichts auszusetzen, wenn die kulturellen Eigenheiten beachtet und all die Mittel zur Verfügung gestellt werden, die dafür nötig sind. Doch sie blieben aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2021 - Politik

In einem ganzseitigen FAZ-Artikel wirft Navid Kermani, der Afghanistan aus eigener Anschauung kennt, anderen Kommentatoren mangelnde Ortskenntnis vor. Der Westen, hält  er fest, hat in Afghanistan nie humanitär, sondern stets aus Interessen agiert - was Kermani nicht unbedingt falsch findet. Dennoch beobachtet er auch, dass der Westen attraktiv bleibt, denn es ist noch nicht verzeichnet worden, dass die Menschen am Kabuler Flughafen von einer Ausreise nach China oder Russland träumen. Interessant ist seine Beobachtung, dass die aktuelle Katastrophe nicht aus dem Engagement in Afghanistan resulitert, sondern aus einem Desengagement: "Dass die Gewalt eskalierte und die Taliban erstarken konnten, war nämlich die unmittelbare Konsequenz einer Außenpolitik, die Donald Trump als 'America First' verkaufte, während er tatsächlich die Verzwergung und damit Entmachtung Amerikas betrieb - nicht umsonst hatte der russische Geheimdienst auf seine Wahl gesetzt. Spätestens als Washington auch noch direkt mit den Taliban verhandelte, ohne die gewählte afghanische Regierung auch nur zu konsultieren, war für die Afghanen klar, wem die Macht zufallen würde." Und noch eine deprimierende Erkenntnis: "Gerade auf die Menschen, die nun ausgeflogen werden, wäre Afghanistan am dringendsten angewiesen."

Ebenfalls in der FAZ schildert Bülent Mumay, wie Tayyip Erdogan hofft, durch die Aufnahme afghanischer Flüchtlinge Europa noch besser erpressen zu können.

Das von Kermani benannte Desengagement Trumps wurde von Joe Biden kaltschnäuzig fortgesetzt. Der afghanische General Sami Sadat bestätigt in einem beeindruckenden Artikel in der New York Times, dass die Auflösung der afghanischen Armee nicht einfach ein Weglaufen vor den Taliban war, denn sie hätte monatelang sehr wohl gekämpft. Aber dann "sagte Präsident Biden, dass 'amerikanische Truppen nicht in einem Krieg kämpfen und in einem Krieg sterben sollten, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit sind, für sich selbst zu kämpfen'. Es stimmt, dass die afghanische Armee ihren Kampfeswillen verloren hat. Aber das liegt an dem wachsenden Gefühl, von unseren amerikanischen Partnern im Stich gelassen zu werden, und an der Respektlosigkeit und Illoyalität, die sich in den letzten Monaten in Bidens Ton und Worten widerspiegelten." Sadat macht darauf aufmerksam, dass die afghanische Armee im Kampf gegen die Taliban in den letzten zwanzig Jahren 66.000 Soldaten verlor.

Generalleutnant a. D. Rainer Glatz, bis 2013 Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Afghanistan, übt im Gespräch mit Peter Dausend und Michael Thumann von der Zeit sehr deutliche Kritik an der Bundesregierung, die viel zu spät anfing, die Mitarbeiter der Bundeswehr vor Ort zu schützen und und zu evakuieren: "Nach meiner Auffassung hätte sie die Rückführung der Ortskräfte großzügiger handhaben müssen und hätte anfangen müssen, den Ortskräften gleich die Möglichkeit zur Ausreise zu geben, als wir den endgültigen Truppenabbau beschlossen hatten, das heißt, möglichst noch, bevor die Soldaten rausgehen. Die Verteidigungsministerin hat dafür im April dieses Jahres ein unbürokratisches Verfahren gefordert. Ich selbst habe eine entsprechende Initiative mitunterschrieben. Das war im Mai dieses Jahres, also lange vor der jetzigen Situation. Es kann keiner sagen, sie oder er hätte nicht gewusst, dass es eine sich drastisch verschlechternde Sicherheitslage, auch für die Ortskräfte, gab und gibt."

Wie konnten die Amerikaner, die ja eine Demokratie sind, "so lange einen Krieg führen, der mit einer so erniedrigenden Niederlage endet?", fragt Hubert Wetzel in der SZ in Richtung USA. Warum wurde keine der zehn Kongress- und fünf Präsidentschaftswahlen genutzt, "um Rechenschaft zu erzwingen oder einen neuen Kurs zu erzwingen", fährt Wetzel fort und gibt drei Antworten: Sie hätten einen "Ertrag" gemacht, der Krieg war ihnen egal, und sie wurden belogen. "Statt die Wahrheit über die Stärke der Taliban, die Schwäche der afghanischen Armee, die Korruption in der afghanischen Regierung zu erfahren, bekamen die Amerikaner von ihren Politikern vor allem rosige Propaganda zu hören. (…) In den zuständigen Ministerien und Geheimdiensten wusste man durchaus, dass die Realität finster war."

"Weder sind aus den Taliban Demokraten geworden, noch engagieren sie sich feministisch oder sind sie progressiv. Das sind die anderen Akteure in Afghanistan übrigens auch nicht", sagt der österreichisch-afghanische Journalist Emran Feroz im Standard-Interview mit Ronald Pohl. Sie verkaufen sich nur besser. Aber: "Man muss ihr Handeln auch in den anderen Regionen beurteilen, wo sie schon seit langem aktiv sind. Es gibt genug Berichte, dass dort wieder puritanische Zustände herrschen, dass gewaltsam gegen Dissidenten vorgegangen wird. Vergangene Woche soll in Jalalabad aus Anlass von Protesten in die Menge geschossen worden sein. Es gab Tote und Verletzte. Es existieren genügend Anlässe zu echter Besorgnis. Man muss die Ideologie der Taliban zu verstehen versuchen, zumal sie sich mit paschtunischen Besonderheiten überschneidet."

Algerien hat die diplomatischen Beziehungen zu Marokko abgebrochen, berichtet Jannis Hagmann in der taz. Einer der Hintergründe ist die marokkanische Unterstützung für die Kabylen in Algerien, aber der Kontext ist noch weiter, so Hagmann: "Die Regierung in Rabat kann als großen Erfolg verbuchen, dass die USA unter Ex-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr Marokkos Souveränität über die Westsahara anerkannt haben - eine historische Kehrtwende der US-Außenpolitik. Im Gegenzug hat Marokko begonnen, seine Beziehungen zu Israel zu normalisieren, was Trump wiederum als außenpolitischen Erfolg für sich verbucht hat. Algerien blieb bei der Entwicklung außen vor und hält an der Position fest, weder Marokkos Herrschaft über die Westsahara zu akzeptieren noch Israel anzuerkennen, solange der Nahostkonflikt nicht gelöst ist."

Inzwischen ist aus den Konfliktpunkten zwischen China und den USA "eine moderne Entsprechung der Rivalitäten während des Kalten Kriegs geworden", schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Daron Acemoglu im Tagesspiegel. Aber: "In der verflochtenen Welt von heute ist globale Kooperation unverzichtbar. Der Wettstreit mit China mag vielleicht für die weltweite Verteidigung der Demokratie wichtig sein, ist aber nicht die einzige Priorität des Westens. Auch der Klimawandel erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den USA und China."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2021 - Politik

Heute hält Angela Merkel ihre womöglich letzte Regierungserklärung - der Bundestag muss dem Einsatz der Bundeswehr zur Evakuierung der Ortskräfte zustimmen. Und dieser Einsatz besiegelt ein letztes Versagen der Regierung Merkel, kommentiert Tobias Schulze in der taz: "Monatelang wurde die Bundesregierung von verschiedensten Seiten gedrängt, den sogenannten Ortskräften die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen. Ein Unterstützungsnetzwerk, das von Pro-Asyl-Aktivisten bis zu Bundeswehr-Generälen reicht, schrieb flehende Briefe. Diverse Medien griffen die Forderungen auf. Die Opposition formulierte Lösungswege. Die Bundesregierung? Reagierte mit Ignoranz und brachte damit nicht nur die betroffenen Afghan*innen weiter in Gefahr, sondern nebenbei auch die deutschen Soldat*innen, die jetzt in Kabul in einem belastenden Einsatz stehen." Der Bundeswehroffizier Marcus Grotian, der sich für die Rückkehr afghanischer Ortskräfte einsetzt, wirft den deutschen Behörden vor, die Zahl Einreiseberechtigter viel zu klein zu halten.

Maria Stöhr von Spiegel online interviewt Zarifa Ghafari, Bürgermeisterin der Provinzhauptstadt Maidanschahr vor den Toren Kabuls, die von ihrer Flucht nach Deutschland erzählt: "Wir konnten nichts mitnehmen. Gepäck schürt Verdacht. Ich habe die Militärmütze meines Vaters mitgenommen. Die trug er immer, als er noch lebte. Er war General, vor neun Monaten wurde er von den Taliban ermordet. Ich habe meine eigene Militäruniform mitgenommen, die aus meiner Zeit als Mitarbeiterin am Verteidigungsministerium stammt. Sie erinnert mich an die Zeit, die gut war in Afghanistan. Und ich habe eine kleine Dose voll mit afghanischem Sand mitgenommen." Mehr über Ghafari in der taz.

Für die Afghanen wird es vermutlich gar nicht so schlimm mit den Taliban, meint der Politikwissenschaftler Olivier Roy, der deshalb auch nicht an eine Flüchtlingswelle glaubt, im Interview mit der FR - ausgenommen emanzipierte Frauen und Helfer der Allierten. Denn die Taliban seien zwar noch die selben Personen wie vor zwanig Jahren, aber sie haben sich geändert, glaubt Roy: "Sie haben viel mehr Erfahrung gesammelt. Als sie Kabul 1996 eingenommen hatten, wussten sie absolut nichts über die wirkliche Welt. Sie kamen aus den Madrassen, kämpften jahrelang in den Bergen und Wüsten. Nun sind sie in Pakistan gewesen, einige haben Englisch gelernt. Sie gingen an den Golf. Sie haben diplomatische Kontakte geknüpft. Geschäftliche und diplomatische. Und sie wissen mehr über die Welt, sie haben Internet. Sie sind deutlich ausgebuffter. Sie sind fit. Sie wissen, dass es rote Linien gibt. Daher werden sie alle Garantien für außerhalb Afghanistans geben. Aber sie werden niemals im Inneren die Macht teilen."

Vielleicht hätte Roy noch die Hazara erwähnen sollen, eine vorwiegend schiitische Minderheit in Afghanistan, "die in einer jahrhundertelangen Geschichte religiös begründeter Gewalt nun ein weiteres Kapitel mit Hinrichtungen, Zwangsehen und Zwangskonvertierungen befürchten müssen", schreibt die Politikwissenschaftlerin Maheen Atif auf Zeit online. "Im Mai 2021 wurden bei einem Anschlag in der Nähe einer Mädchenschule in einem mehrheitlich von Hazara bewohnten Viertel in Kabul fast siebzig Menschen, darunter viele noch ganz junge Schülerinnen, getötet. Gerade dieses Viertel wurde häufig von den islamistischen Fundamentalisten angegriffen, und die verheerende Natur dieses besonders brutalen Angriffs verweist auf die Haltung der Fundamentalisten gegenüber Frauen, insbesondere schiitischen Hazara-Frauen, die sich um ihre Bildung bemühen." Dass sie dabei nicht stehen geblieben sind, zeigt dieser Bericht von Amnesty International.

Joe Biden hat seine Entscheidung, Afghanistan aufzugeben, aufgrund einer rationalen Abwägung und im Sinne einer Theorie getroffen, ist sich der Politologe James W. Davis in der FAZ sicher: "Für ihn wäre ein endloses Engagement für eine verlorene Sache namens Afghanistan eine ständige Belastung amerikanischer Ressourcen und damit ein Geschenk an die Despoten in Moskau und Peking. Frieden sei durch die Konzentration amerikanischer Fähigkeiten und die Aufmerksamkeit auf das Abschrecken von Russland und das Ausbalancieren von China zu fördern." Schon mit seiner Zustimmung zu Nordstream 2 hatte Biden den Russen ja einen gehörigen Schrecken eingejagt!

Es gibt auch international genug muslimische Gruppierungen, die sich den Taliban nahe fühlen, schreibt die säkulare SPD-Politikerin Lale Akgün bei hpd.de: "All diese Gruppierungen haben auch Dependancen in Europa, und natürlich auch in Deutschland. Der Erfolg der Taliban wird diese Gruppierungen in ihrem Selbstverständnis stärken und ermutigen. Jetzt schon leiden liberale Muslime, Säkulare und Atheisten aus Ländern mit islamischer Regierungsform unter dem Druck der Fundamentalisten. Ich spreche von Deutschland. Und sie haben Angst. Was passiert, wenn diese Fundis durch die Akzeptanz der Taliban Morgenluft wittern?"

Hackern ist es gelungen, in die Überwachungssysteme des Evin-Gefängnisses in Teheran einzudringen. Ihre Videos zeigen Misshandlungen von Gefangenen und das umfrangreiche Videoüberwachungssystem des Gefängnisses, meldet unter anderem heise.de mit AP-Agenturmaterial: "Die Hacker behaupten gegenüber AP, bei dem Einbruch in die Systeme des Gefängnisses 'Hunderte' Gigabyte an Daten erbeutet zu haben. Die Aufnahmen stammen ausweislich ihrer Timestamps größtenteils aus den Jahren 2020 und 2021. Auf undatierten Aufnahmen sind Wärter mit Atemschutzmasken zu sehen, was auf eine Herkunft jüngeren Datums schließen lässt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2021 - Politik

Der chaotische Rückzug aus Afghanistan ist eine Katastrophe, für die der Schriftsteller Khaled Hosseini in der SZ die westlichen Alliierten durchaus verantwortlich macht. Aber zu sagen, die ganze Intervention hätte nichts gebracht, findet er auch falsch: "Schauen sie etwa die Verfassung Afghanistans an, sie reserviert einstweilen ein Viertel aller Parlamentssitze für Frauen. Eine weitere Folge der Präsenz internationaler Truppen war, dass wir nun eine große, städtisch geprägte Gruppe junger Afghanen mit guter Berufsausbildung haben, die via Social Media an der Welt teilhaben. Sie haben sich mit Thematiken des 21. Jahrhunderts auseinandergesetzt, mit Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit. Das alles ist nicht vom Himmel gefallen, sondern musste schmerzhaft erkämpft werden, durch Blut, Schweiß und Tränen. Wird all das zurückgedreht? Ich glaube, diese Frage ist sehr drängend."

Naheed Esar, die heute in Amerika studiert und vorher Politikerin in Afghanistan war, hofft im taz-Gespräch mit Tom Mustroph, dass die Taliban nicht alles rückgängig machen: "Ich wünsche mir wirklich sehr, dass das neue Regime all die Errungenschaften für Frauen in den letzten zwanzig Jahren bestehen lässt, ja dass diese Entwicklung sogar weitergeht. Denn Frauen haben in ganz vielen Sektoren, sei es Bildung, sei es Wirtschaft, sei es Kultur, unglaublich viel beigetragen. In der Universität von Herat gab es zum allerersten Mal in unserer Geschichte überhaupt eine Mehrheit von 60 Prozent Studentinnen. Diese Generation hat sich selbst gebildet, sie hat viele Hürden dabei überwunden."

Im Interview mit Zeit online erklärt der Politikwissenschaftler Niamatullah Ibrahimi, warum sich die Ethnie der - zumeist schiitischen - Hazara vor den - in der Regel sunnitischen - Taliban besonders fürchten muss. Schlecht behandelt wurden sie in Afghanistan allerdings schon immer: "Obwohl Sklaverei in Afghanistan zu Beginn des 20. Jahrhunderts offiziell abgeschafft wurde, änderte sich wenig an ihren Lebensbedingungen. Viele arbeiteten als Diener in wohlhabenden Haushalten unter sklavenartigen Bedingungen und ohne Chancen darauf, ihre soziale und ökonomische Situation zu verbessern. Erst mit der sowjetischen Besatzung in den Achtzigerjahren begannen die Hazara, sich zu organisieren und ein Ende der Marginalisierung und Verfolgung zu fordern." Damit war es vorbei, als die Taliban in den Neunzigern an die Macht kamen: "Das zahlenmäßig schlimmste Massaker fand im August 1998 statt. Nachdem die Taliban die Stadt Masar-i-Sharif eingenommen hatten, ermordeten sie systematisch Hazara-Männer. Zwischen 2.000 und 4.000 Menschen starben."

Noch während der grausamen ersten Herrschaft der Taliban waren die Pakistaner überzeugt, dass die Taliban die besseren Muslime seien und liebten sie, behauptet der pakistanische Schriftsteller Mohammed Hanif im Guardian (er spricht immer von "we"). Dennoch haben die Pakistaner nach 9/11 mit den Amerikanern paktiert: "Jetzt freuen sich viele Pakistaner über die Niederlage der Amerikaner, während andere vor der Zukunft warnen. Wir führen einen Siegestanz auf, aber in unseren Herzen herrscht Furcht. Wir reden zwar über Dinge wie Frauen und Kinder, freie Medien und den internationalen Konsens, aber wir hoffen, dass sich die Taliban an die guten Zeiten erinnern, die wir gemeinsam hatten. Wir hoffen, dass sie sich nicht zu sehr an ihr Leid erinnern werden. Wir hoffen, dass sie sich auch an unser Leid erinnern werden. Das letzte Mal, als wir die Taliban verrieten, brachten ihre pakistanischen Cousins den Kampf im Stil der Taliban auf unsere Straßen, in unsere Moscheen und Schulen. Viele Jahre lang haben wir uns eingeredet, dass es gute Taliban (hauptsächlich in Afghanistan) und böse Taliban (hauptsächlich in Pakistan) gibt. Bei dem Versuch, diese Unterscheidung aufrechtzuerhalten, wurden mehr als 70.000 Pakistaner getötet - darunter 132 in einer von der Armee betriebenen Schule, die innerhalb weniger Stunden ermordet wurden. Das amerikanische Militär hat in 20 Jahren mehr als 2.300 Menschen verloren."

Der Iran könnte von der Lage in Afghanistan profitieren, weil Länder wie Deutschland nun mit dem Land verhandeln werden, um afghanische Flüchtlinge aufzunehmen. Bei solchen Verhandlungen sollten Menschenrechtsfragen im Iran zumindest angesprochen werden, fordert Gilda Sahebi in der taz. Es wäre "mindestens ein Signal an die Bevölkerung: Es stärkt sie, es stärkt die Opposition, vielleicht stärkt es auch den Widerstand. Die Menschen in Iran fühlen sich von westlichen Staaten im Stich gelassen. Sie haben keine Chance, gegen eine Regierung anzukommen, die nicht nur ungestraft, sondern auch ungestört ihre brutale Politik fortsetzen kann. Jede nicht ausgesprochene Kritik ist ein Signal an die Regierenden: Macht weiter wie bisher."

Der Autor Amir Hassan Cheheltan schildert in der FAZ zugleich die finstere Lage im Iran unter dem neuen Präsidenten Ebrahim Raisi, der einst für Tausende Hinrichtungen verantwortlich war. Die Coronakrise bewältigt das Regime jedoch nicht: "Landesweit verfügt kaum eine Intensivstation über genügend Betten, und Angehörige von an Covid-19 Erkrankten müssen sich erforderliche Medikamente mitunter auf dem Schwarzmarkt beschaffen... Auf einen großen Mangel an Impfstoffen deuten die Anstürme auf Impfzentren hin. Zur Eindämmung der Krise hatte der Gesundheitsminister ausdrücklich um einen zweiwöchigen Lockdown gebeten. Seine Bitte ging ins Leere. Eine erzwungene Einschränkung des öffentlichen Lebens würde auch bedeuten, dass die vielen Menschen, die darauf angewiesen sind, täglich zur Arbeit zu gehen, um ihr Brot zu verdienen, hungern müssten." Cheheltan schätzt die Zahl der Coronatoten im Iran bisher auf 200.000.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2021 - Politik

Die aghanische Feministin Aqelah Nazari-Hossain, die inzwischen im europäischen Exil lebt, berichtet in der FAS über den Schock der neuerlichen Talibanisierung. Aber die Taliban treffen auf eine veränderte Situation: "Das Bewusstsein der Frauen hat sich verändert - das kann ihnen nie mehr genommen werden. Sollte eine diktatorische Herrschaft sie abermals dazu zwingen, ein Leben eingesperrt zu Hause zu führen, werden sie, anders als noch vor zwanzig Jahren, wissen, dass ihnen Unrecht geschieht."

"Man wird Steinmeier und Merkel, all denen, die Verantwortung tragen, sehr kritische Fragen stellen müssen", sagt der der Militärhistoriker Sönke Neitzel im Gespräch mit Julia Encke in der FAS und fordert eine Aufarbeitung des Afghanistaneinsatzes auch in Deutschland: "Wenn Steinmeier 2017 nach Masar-e-Scharif gereist ist, saß er da zwar vor Ort vor den Soldaten, hat aber letztlich zur Hauptstadtpresse gesprochen. Er war in Afghanistan, aber hat den Ort nur als Bühne benutzt - gerade Herr Steinmeier, dessen Person eminent mit dem Versagen der Bundesrepublik in dieser Mission verbunden ist: Er war Kanzleramtschef, er war zweimal Außenminister."

Joe Biden hat den Rückzug aus Afghanistan in der Kontinuität mit seinem Vorgänger als Jubiläumsereignis geplant. Das Ergebnis stellt sich nicht ganz so dar, wie er es sich ausgemalt haben mag, schreibt Hubert Wetzel auf Seite 3 der SZ, die dem Trauma des 11. September gewidmet ist: "Jetzt sind die Taliban die Sieger. Wenn die Amerikaner in drei Wochen den 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 begehen, die den Krieg einst ausgelöst haben, dann wird über Afghanistan wie zum Hohn wieder die Flagge der Taliban wehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2021 - Politik

Der Abzug mag eine finstere Blamage sein, aber der Afghanistaneinsatz selbst war nicht gescheitert, insistiert Silke Mertins in der taz: "Das Afghanistan von heute ist nicht mehr vergleichbar mit dem von 2001. Die afghanische Gesellschaft hat weithin sichtbare Politikerinnen, Rechtsanwältinnen und Journalistinnen erlebt, Menschenrechtsaktivist*innen und halbwegs demokratische Wahlen. Es hat bisher Orte relativer Freiheit gegeben, eine weibliche Fußballnationalmannschaft und Medienvielfalt. All das ist nicht nichts. Gerade die jüngeren Afghan*innen haben in den zwei Jahrzehnten eine Vorstellung davon bekommen, wer sie sein könnten und welches Potenzial ihr Land hat."

Ähnlich sieht das auch die Schriftstellerin Juli Zeh, die in der Welt fragt, wer sich eigentlich für dieses Potenzial interessiert hat. Bestimmt nicht die, die jetzt der amerikanischen und deutschen Regierung Versagen vorwerfen: "Statt sich darüber aufzuregen, auf welche Weise die Mission beendet wurde, könnte man erörtern, welcher Geist sie in den letzten Jahren geprägt hat. In den westlichen Demokratien ist eine regressive Tendenz zu beobachten, die meint, man könne internationale oder globale Probleme irgendwie auch zu Hause lösen. Mit den Worten Joe Bidens: Not our tragedy. Wenn wir ehrlich sind, drückt der amerikanische Präsident aus, was die meisten von uns heimlich denken. Nur dass in einer globalisierten Welt so ziemlich alles 'our tragedy' ist oder werden kann. Die Haltung 'Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass' ist gewiss bequem. Man fordert internationalen Frieden und weniger Flüchtlinge und ist gleichzeitig nicht zu echtem internationalen Engagement bereit. Der paradoxen Einstellung kommt zugute, dass sich unangenehme Fragen im Dauerwirbel der Aufmerksamkeitsspirale ganz gut verdrängen lassen. Aber Verdrängung löst eben keine Probleme, was sich derzeit in Afghanistan auf besonders hässliche Weise zeigt."

Kein Satz ist dümmer als der, dass es keine militärische Antwort auf ein Problem gebe, schreibt Anne Applebaum im Atlantic. Denn das Militär ist in Demokratien auch dazu da, Regimes wie dem der Taliban, denen nebenbei eine "militärische Lösung" serviert wurde, Grenzen zu setzen. Die Gegner dieser Erkenntnis schätzt sie so ein: "Sie tun so, als gäbe es immer friedliche Lösungen, die nicht in Betracht gezogen wurden, als gäbe es immer eine gewaltfreie Antwort, die irgendwie ignoriert wurde, und als sei die 'Solidarität' mit den Frauen in Afghanistan ohne physische Präsenz eine sinnvolle Idee. 'Haltet durch, Schwestern', schrieb der griechische Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis in einem Tweet, der den Fall des 'liberalen Neocon-Imperialismus' feierte und damit unabsichtlich zeigte, in welchem Wahn die Antikriegs-Linke lebt."

Im Interview mit der Literarischen Welt hält es der Historiker Heinrich August Winkler einerseits für blanke Selbsttäuschung zu glauben, man könne einem Land wie Afghanistan zur Demokratie verhelfen. Andererseits schilt er den Sonderweg Deutschlands, das lieber auf Moral setze als in der großen Politik mitzumischen: "Wir haben uns - schon in der alten Bundesrepublik - sehr daran gewöhnt, dass für die ganz große Politik der große Bruder in Amerika sowie die ehemaligen westeuropäischen Besatzungsmächte und späteren Verbündeten zuständig sind. Viele haben wohl geglaubt, durch einen mehr oder weniger konsequenten Pazifismus unserer militaristischen Vergangenheit entkommen zu können. Der Drang, Deutschland als ein Land mit einer höheren Moral zu präsentieren, als man sie den westlichen Verbündeten attestiert, hat etwas von einem neuen Nationalismus an sich. Was die Tendenz zur moralischen Selbstüberhöhung angeht, könnte man fast schon von einem neuen deutschen Sonderweg sprechen."

Für Reinhard Mohr (Welt) ist "der deutsche Bullerbü-Pazifismus" eher ein "Ohne-Michel-Reflex der Sorte 'Hauptsache, ich bin nicht schuld'", der mit einer provinziellen Verengung des Blicks einhergeht: "Von Mali und Mauretanien bis zum Sudan, von Somalia über den Jemen, den Maghreb und den Libanon, vom Irak über den Iran bis nach Afghanistan, Pakistan und Bangladesch führt ein gigantischer Krisenbogen durch die halbe Welt, aber wir starren aufs zentrale Mittelmeer, wo ein Bruchteil der noch zu erwartenden Flüchtlinge in Schlepperbooten Leib und Leben riskiert. Dort also soll sich 'unsere Schande' abspielen, so auch die Mehrheit der deutschen Medien, die sich im Übrigen so gut wie gar nicht um die Zustände in Venezuela, auf Kuba oder in Simbabwe scheren, dort also, wo seit Jahrzehnten sozialistische Machthaber ihr Volk ins Elend stürzen. Diese selektive Moral mag ideologische Gründe haben, aber letztlich ist sie Folge einer Realitätsverleugnung, in der sich das Weltgeschehen vornehmlich in der schuldaffinen Empfindsamkeit der deutschen Seele spiegelt."

Der afghanisch-amerikanische Autor Tamim Ansary (Autor einer "Globalgeschichte aus islamischer Sicht") begründet in Zeit online, warum er überhaupt nicht an "Taliban-Chimäre" glauben will: Ein paar tausend Marodeure versuchen, "ein Land mit 39 Millionen Einwohnern zu regieren. Von einem Hauptquartier aus in einer Stadt mit fünf bis zehn Millionen Einwohnern, von denen die meisten die Taliban und den Talibanismus hassen." Für Ansary kommt die Hoffnung aus dem Norden: "In Pandschir, einem nördlich von Kabul gelegenen Tal, formiert sich jetzt glaubwürdiger Widerstand. Einer seiner Anführer ist der Sohn des legendären Ahmad Schah Massoud. Massoud war der afghanisch-muslimische Guerillakommandant, der die Sowjets bekämpfte und wahrscheinlich mehr als jeder andere zum Sturz des Sowjetimperiums beigetragen hat. Er wurde zwei Tage vor dem 11. September von Al-Kaida ermordet. Sein Sohn Ahmad scheint mir heute der Richtige zu sein, er hat die Eloquenz und das Charisma seines Vaters geerbt."

Ebrahim Afsah, Professor für islamisches Recht an der Universität Wien, der jahrelang in Afghanistan gearbeitet hat, warnt dagegen in der NZZ, sich Illusionen zu machen. Wenn die Taliban obsiegen, dann auch, weil sie gewollt werden, meint er. Jene, die das in diesem Land nicht aushalten, werden flüchten. Und nebenbei ist auch die Idee, die "Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen", gescheitert: "Die Implosion der Kabuler Regierung zeigt, dass dies ein frommer Wunsch ist, eine problematische Präferenz, also ein Ziel, zu dessen Erreichung ein gangbarer Weg fehlt. Schlimmer, unseren Universitäten und Forschungseinrichtungen fehlt die intellektuelle Redlichkeit, diese schwierigen Fragen und normativen Dilemmata zu thematisieren. Hierzu gehört ausdrücklich auch eine kritische Beschäftigung mit dem problematischen Erbe der Religion."

Friederike Böge und Thomas Gutschker haben für die FAZ mit afghanischen und alliierten Offizieren gesprochen und ihnen die Frage gestellt, wie es zu einem derart widerstandslosen Sieg der Taliban kommen konnte. Als einen der Gründe definieren sie ein Gerücht, die Amerikaner hätten bei den von Donald Trump initiierten Verhandlungen mit den Taliban diesen das Land versprochen. Aber es gibt auch allgemeinere Faktoren: "In der afghanischen Bürgerkriegsgeschichte hat schon fast jeder mit und gegen jeden gekämpft. Die wichtigste Lehre, die die Gesellschaft daraus gezogen hat, ist, dass man am Ende eines jeden Krieges möglichst auf der Seite der Gewinner stehen muss. Aus dieser Sicht waren die vergangenen zwanzig Jahre eine Episode, in der alle sich in Richtung der westlichen Mächte orientierten, weil von dort das Geld kam und der Einfluss. Mit dem Abzug der westlichen Truppen haben sich die Spielregeln geändert."

Mena-watch.com bringt den Text eines ehemaligen amerikanischen Offiziers, der vom fruchtlosen Versuch, eine afghanische Armee aufzubauen, berichtet - unmöglich in einer Gesellschaft, die in Stämme zerfällt, schreibt er: "Es gibt kein Afghanistan. Unsere Unfähigkeit, dies zu verstehen, war die ganze Zeit das Problem. Das Volk, das wir fälschlicherweise als Afghanen bezeichnen, wird wieder zu dem, was es die ganze Zeit war, bevor wir von ihm verlangten, die gleichen politischen Verkleidungen anzunehmen, in die wir unser politisches System kleiden."

Viktor Jerofejew bekennt zwar in einem Text für die FAZ, dass er nicht an westliche Werte glaube, und er findet den Abzug den Amerikaner schändlicher als seinerzeit den der Russen. Aber die Amerikaner tun ihm leid. Und bald auch die Russen, denn er fürchtet, dass sich nun das "Krebsgeschwür des Terrors" ausbreitet: "Afghanistan wird vielleicht nicht sterben, aber es wird auf viele Jahre hinaus ein unglücklicher Leidgeprüfter bleiben. Und Doktor Westen wird ihm nicht helfen. Er ist bereits vor dem Patienten weggelaufen. Russland und China tun so, als sei der Krebs nicht bösartig, als handle es sich nur um eine 'Kinderkrankheit" der Staatswerdung. Greift aber die Krankheit auf das ehemals sowjetische Mittelasien über, wird Russland selbst in der Falle sitzen."

Außerdem: In der Literarischen Welt fordert Alice Schwarzer - wie kürzlich schon in der Emma - nur weibliche Flüchtlingen aus Afghanistan aufzunehmen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2021 - Politik

Die Taliban haben einen Angehörigen eines Deutsche-Welle-Journalisten, der inzwischen in Deutschland arbeitet, erschossen, berichtet Oliver Pieper bei dw.com. Seine Familie befindet sich jetzt auf der Flucht. Das Ereignis steht nicht isoliert da: "Die Taliban haben die Häuser von mindestens drei DW-Journalisten durchsucht. Kollegen von anderen Medien wurden entführt oder getötet: Nematullah Hemat vom privaten Sender Ghargasht TV wurde vermutlich von den Taliban gekidnappt, Toofan Omar, Leiter des privaten Radiosenders Paktia Ghag Radio, nach Behördenangaben gezielt von Taliban-Kämpfern umgebracht."

Neu ist, dass die westlichen Länder sich ihre Flüchtlinge jetzt aussuchen, schreibt Dominic Johnson in der taz. Die einen werden reingelassen, weil sie einstige Mitarbeiter sind. Aber dann sind da noch diejenigen, die flüchten, "weil ihre bisherige Vita nicht den Moralvorstellungen der Taliban entspricht. Sie können jetzt sehen, wo sie bleiben. Entweder werden sie gleich an den Toren des Flughafens von Kabul zurückgewiesen und erschossen, oder sie landen in von Spitzeln durchsetzten Lagern in der Islamistenhochburg Pakistan, oder sie sterben auf dem Weg nach Europa: auf der lebensgefährlichen Odyssee durch Iran und die Türkei, in der Hölle der griechischen Insellager oder irgendwo in einem der vielen rechtsfreien Räume Europas zwischen Bosnien und Calais, in denen 'Illegale' gejagt werden wie Ungeziefer."

Ebenfalls in der taz interviewt Sabine am Orde den am King's College lehrenden Terrorexperten Peter Neumann, der zwar nicht einen ähnlichen Mobilisierungseffekt auf die islamistische Szene befürchtet, wie nach den Siegen des Islamischen Staats im Irak und Syrien, denn "die Taliban sind nicht der IS, sie haben keine globalen Ambitionen. Sie sind eine gewalttätige islamistische Organisation, aber eben auch eine paschtunische Stammesorganisation. " Dennoch hat ihr Sieg natürlich einen gewaltigen Glamour. "Die Taliban haben ja nicht nur irgendwo die Macht übernommen: Sie haben Amerika besiegt, die stärkste militärische Macht der Welt. Aus Sicht der Dschihadisten ist das die ultimative Konfrontation. Und dann jährt sich am 11. September der Anschlag zum 20. Mal. Diese Symbolik ist schon stark."

Begriffe wie "radikalislamisch" reichen nicht, um die Taliban zu beschreiben, meint Conrad Schetter, Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn, der seit dreißig Jahren zu Afghanistan forscht, in der SZ. Neben einer flexiblen Auslegung des Islam und einem maskulinen Kontrollanspruch spiele "soziale Gerechtigkeit" eine große Rolle, erklärt Schetter. Sie generieren sich als "Vertreter der sozial Benachteiligten", "die sich anders als die Kriegsfürsten und städtischen Eliten angeblich niemals bereicherten. Wenn man diesem Selbstbild auch eine gehörige Skepsis entgegenbringen muss, werden die Taliban doch so auch als soziale Bewegung der 'kleinen Leute' wahrgenommen. Sie werden eben nicht von religiösen Gelehrten angeführt, die an Hochschulen in Kairo oder Saudi-Arabien studierten, sondern von Dorfmullahs, die kaum des Lesens mächtig sind. Diese Bedeutung der Taliban als Vertreter der sozial Schwachen übersah der Westen immer wieder. Es passte nicht in sein Werteschema."

Karen Krüger analysiert in der FAZ die Bilder, die uns aus Afghanistan geschickt werden, und stellt fest: Es gibt so gut wie keine Frauen darin. "Schon jetzt, wenige Tage nach der Einnahme der afghanischen Hauptstadt, sind Frauen nahezu aus dem Stadtbild verschwunden. Und nichts deutet darauf hin, dass sich das in naher Zukunft wieder ändern wird."

Warum betont der Westen dauernd die bedrohten Frauenrechte in Afghanistan, fragt sich indes die Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp auf Zeit Online: "Es scheint, als würden die afghanischen Frauen, wie der Chor in einer Tragödie, das Trauerspiel der Militäraktionen am Hindukusch mit Bedeutung ausstatten. (…) Natürlich haben die Taliban mit ihrer extrem frauenverachtenden Politik einen realen Anlass geboten, um die westlichen 'Frauenretter' auf den Plan zu rufen. Doch auch in Afghanistan verlaufen die gesellschaftlichen Konflikte nicht einfach zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen den Taliban mit ihrer radikalfanatischen Auslegung des Islam und anderen, anders gesinnten Bevölkerungsgruppen. Auch viele Männer stellten sich gegen die Taliban, auch viele Männer müssen nun um ihr Leben fürchten."

Die Bilder vom Kabuler Flughafen sind "Symbol für die gebrochenen Versprechen des Westens" schreibt Herfried Münkler , der in der Welt wieder mit den ganz großen Bauklötzen spielt: Sie "symbolisieren auch das Ende einer regelbasierten und normorientierten Weltordnung, einer Ordnung, in der es nicht nur in den Zentren, sondern auch an den Peripherien der Wohlstandszonen eine gewisse Erwartungssicherheit gibt. Die Bilder werden sich schon bald als Beschleuniger einer Entwicklung erweisen, die anstatt Regeln als Basis und Normen als Orientierung auf einer Reihe von Einflusszonen beruht, die ihre je eigene Ordnung (oder Unordnung) sowie ihre eigenen Werte und Normen haben. Der Traum von der Durchsetzung universeller Normen und Werte ist, zumindest auf globaler Ebene, ausgeträumt."

"Der Westen hat seinen normativen Selbstanspruch in den Schmutz gezogen", schreibt auch Thomas Assheuer in einem wütenden Kommentar auf Zeit Online: "Man muss nicht viel vom Weltbild islamistischer Gotteskrieger verstehen, um zu begreifen, welch epochale Genugtuung ihnen der westliche Selbstverrat verschafft. Seit Jahrzehnten kennen die Radikalen nur diese eine Killerphrase, nur diese Propagandaformel: Traut niemals dem Westen! Er sagt Moral und will Öl. Er sagt Menschenrechte und will betrügen."

Etwas weniger pathosdröhnend schreibt der Grünen-Politiker Ralf Fücks bei libmod.de: "Die Afghanen zahlen jetzt den Preis für die Realitätsflucht derjenigen, die von einer 'politischen Lösung' mit den Taliban träumten, weil sie einen unbequemen, kostspieligen Konflikt loswerden wollten."

Festlandchina hat dem freien Hongkong "den Garaus gemacht" und der Westen beließ es bei "zahmen Mahnworten", schreibt Marko Martin in der NZZ. Wenigstens Taiwan sollte der liberale Westen auf längere Sicht "nicht nur moralisch, sondern auch militärisch" unterstützen, meint er: "Das Ende des freien Hongkong lässt Taiwan als demokratischen Akteur vorerst allein zurück auf einer Bühne, auf der Pekings Narrativ von der Überlegenheit des eigenen Systems desto lauter erschallt - nicht zuletzt unter dem Beifall so mancher hiesiger 'China-Experten'. Diese erklären in Büchern, Vorträgen und Zeitungsartikeln freudig erstaunten westlichen Managern noch und noch, 'den' Chinesen gehe es eher um Wohlstand als um 'unser' Konzept der Freiheit. Gerade Hongkong aber zeugte bisher davon, dass beides möglich war. Auch deswegen schritten die Pekinger Digital-Leninisten derart rabiat ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2021 - Politik

Was, wenn Amerika "nie wieder auf die Weltbühne zurückkommt? Was passiert dann? Das chinesische Jahrhundert? Europa als neuer Anführer der freien Welt? Oder einfach nur die alte internationale Anarchie?", bangt Timothy Garton Ash im Tagesspiegel: "China wird mit ziemlicher Sicherheit zu einer dominierenden Macht in Asien, aber nicht zur vorherrschenden Macht. Japan, Indien und Australien, ganz zu schweigen von den Vereinigten Staaten, die weiterhin im indopazifischen Raum präsent sind, werden alles daransetzen, dies zu verhindern. In China selbst werden die Widersprüche zwischen einem zunehmend leninistischen politischen System, in dem die Macht nicht nur in den Händen einer Partei, sondern eines einzigen Mannes konzentriert ist, und einer komplexen, entwickelten kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft früher oder später zu einer eigenen internen Krise führen. Die Suche nach mehr nationalistischer Legitimität durch Abenteuer im Ausland könnte die unmittelbare Folge sein: Vorsicht, Taiwan." Sein Wunsch: "Die USA müssen wieder eine führende Rolle im Kreise der Demokratien spielen, nicht mehr als Hegemon, sondern als Erster unter Gleichen."

"Wenn hier jemand jemanden verraten hat, dann haben Afghanen Afghanen verraten", meint Ulrich Ladurner in der Zeit: "Aber in der westlichen Wahrnehmung erscheinen Afghanen in der Regel nur als Opfer: Opfer der grausamen Taliban, Opfer westlicher Fehlentscheidungen, Opfer der lokalen Kriegsherren, Opfer der allgegenwärtigen Korruption. Als Akteure tauchen sie so gut wie nie auf, als Menschen, die fähig sind, Entscheidungen zu treffen, selbst in schwierigen, gefährlichen Situationen. Dieser Blick auf Afghanistan ist ein klassisches Produkt westlichen Paternalismus. Noch in der heute geübten Selbstkritik des Westens ist dieser deutlich zu erkennen: Dem mächtigen, großen Vater Westen ist es in zwanzig Jahren nicht gelungen, die afghanischen Kinder ordentlich zu erziehen!"

Anfangs hätte er dem Satz, dass unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt werde, gar nicht zugestimmt, sagt der CDU-Politiker Norbert Röttgen im Interview mit der Zeit, aber "im Laufe der Zeit ist der Satz für mich immer richtiger geworden. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, dass die Sicherheit Europas und unsere gesellschaftliche Stabilität von den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten nicht zu trennen sind. Im letzten Bundestagswahlkampf gab es kein anderes Thema als die Flüchtlinge aus dieser Region. Und darum stimmt der Satz heute wahrscheinlich mehr, als er damals gestimmt hat. Außer, dass wir jetzt die Verteidigung eingestellt haben."



Auf das Versagen deutscher Geheimdienste ist Verlass, auch jetzt wieder, wo der BND laut Konrad Litschko in der taz das Vordringen der Taliban total unterschätzte: "Noch am Freitag sollen Vertreter laut Bild auf einer Sitzung des Krisenstabs der Bundesregierung einen Fall Kabuls vor dem 11. September als 'eher unwahrscheinlich' bezeichnet haben. Die Gruppierung habe an einer militärischen Übernahme der Stadt 'derzeit kein Interesse'. Zwei Tage später übernahmen die Taliban Kabul." Für Andreas Fanizadeh sind die Fehleinschätzungen der Regierung der "Sargnagel dieser Großen Koalition".

Die Taliban "sind keine wilden, gesetzlosen Krieger", sagt Susanne Schröter im Gespräch mit Evelyn Finger in der Zeit, "sondern halten sich an Gesetze, die vor ihnen schon viele Islamisten für richtig hielten. Die Taliban glauben, dass Gott den Muslimen eine klare Handlungsanleitung für den Alltag gegeben habe. Ihr idealer Staat ist ein Gottesstaat, und das machte sie schon in den Neunzigern attraktiv für viele Afghanen. Das Land war im Bürgerkrieg versunken, die Zivilbevölkerung litt. Nun versprachen die Taliban eine einheitliche Ordnung, ein Rechtssystem, letztlich Frieden. Dass der auf einer fürchterlichen Diktatur beruhte, steht auf einem anderen Blatt."

Wofür wurden Tausende Soldaten der internationalen Gemeinschaft getötet und wofür Hunderte von Milliarden Dollar ausgegeben, fragt der afghanische Exil-Journalist Noorullah Rahmani im Tagesspiegel. Die Taliban konnten ihre Siege nur erringen, "weil sie ausländische Unterstützer haben. Sie leben von der Unterstützung des pakistanischen Militärs und der Geheimdienste sowie des Korps der iranischen Revolutionsgarden. Genau hier muss die internationale Gemeinschaft ansetzen und Druck auf Pakistan und den Iran ausüben. Die Bundesregierung sollte hier voran gehen. Denn auch für Europa hätte es gravierende Folgen, wenn sich in Afghanistan wieder ein Terrorregime mit Unterschlupfmöglichkeiten für Radikale aller Art bildet und sich Millionen Menschen auf die Flucht machen. Inzwischen gibt es hier viele Afghanen mit deutscher Staatsbürgerschaft."

Einen Bildersturm, wie ihn der IS im Irak veranstaltet hat, fürchten Archäologen laut Moritz Baumstieger in der SZ weniger: "Dazu seien die Taliban 2.0 viel zu sehr auf internationale Anerkennung bedacht." Aber was ist mit den Experten, die seit 2007 an der Restauration von Überresten in Afghanistan arbeiten? "Wie andere Archäologen, die in Afghanistan gruben, fürchten auch sie nun um die Sicherheit ihrer lokalen Mitarbeiter. Viele seien 'akut von Verhaftung, Rache und Misshandlung bis hin zum Tod' bedroht, schreiben nun mehrere deutsche Archäologen-Verbände und Institutionen in einem offenen Brief, in dem sie die Bundesregierung zur Rettung der Mitarbeiter auffordern."

Kerstin Kohlenberg verabschiedet sich von ihrer Zeit als Zeit-Amerika-Korrrespondentin mit einer sorgenvollen Beobachtung: So wie Trump durch Einschüchterung gemäßigte Stimmen bei den Republikanern zum Schweigen brachte, zeigten auch die Demokraten Schwäche gegenüber radikalen Kräften, schreibt sie. Zu ihnen zählt sie die Abgeordnete Ilhan Omar, die jüngst in einem CNN-Interview sagte, jüdische Abgeordnete seien noch nie Partner im Kampf für Gerechtigkeit gewesen: "Nach dem CNN-Interview von Ilhan Omar entschied sich Nancy Pelosi, die Chefin der demokratischen Partei, sie nicht zu rügen, wie sie es nach früheren antisemitischen Äußerungen getan hatte. Im kommenden Jahr stehen die wichtigen Kongresswahlen an, und die Demokraten brauchen jede Stimme, um ihre knappe Mehrheit zu verteidigen. Die junge Linke, für die Omar ein Star ist, wird da gebraucht. Die Kritik ist verstummt."