Vor zehn Jahren entschloss sich der tunesische Markthändler
Mohammed Bouazizi zur Selbstverbrennung und löste mit seiner Tat den "
arabischen Frühling" aus, vor dessen Trümmern wir heute stehen. Die
taz bringt ein mehrseitiges Dossier zum Thema. Karim El-Gawhary legt
in seinem Eröffnungsessay dar, dass er nicht im Islam, sondern in der
krassen Ungleichheit in den arabischen Ländern die Ursache für das Problem sieht. Aber ihre Bevölkerung ist jung: "Die Autokraten befinden sich langfristig in der Defensive. Je stärker sie die repressiven Schrauben anziehen, desto mehr Menschen entfremden sich von dem System und suchen nach einem Raum, ihren Ärger loszuwerden. Die entscheidende Frage lautet: Wer lernt schneller: die
Repression oder die
Rebellion?"
Mirco Keilberth
berichtet aus
Tunesien, dem einzigen Land, das sich durch die Ereignisse reformierte. Aber die Fortschritte sind prekär: "Der Markt der Stadt hat sich nicht verändert, immer noch kassieren die Beamten ihren Anteil, immer noch arbeiten viele hier einfach, weil sie
keinen besseren Job gefunden haben. Die Corona-bedingte frühe Schließung und die Eröffnung eines Supermarkts der französischen Carefour-Gruppe habe ihre Einkommen noch einmal halbiert, sagen die Händler."
Und
Europa erweist sich in der Region als zahnloser Tiger, sagt der Politologe
Asiem El Difraoui im Gespräch mit Jannis Hagmann in der
taz: "Wir brauchen
das ganze Arsenal einer von den USA unabhängigen Außen- und Sicherheitspolitik, in der Partikularinteressen einzelner EU-Staaten zurückgestellt werden. Die Amerikaner werden im südlichen Mittelmeerraum
auch unter Biden nicht groß Initiative zeigen. Überlassen wir also der Türkei, den Golfstaaten, Russland und China das Feld? Alles große Demokraten!"
Weitere Artikel des lesenswerten Dossiers: Julia Neumann
schildert das Engagement der libanesischen Feministin
Roula Seghaier. Der syrische Aktivist
Abdallah Alkhatib, der heute in Deutschland lebt, und die Hoffnung für sein Land nicht völlig aufgeben will
erinnert sich. Karim El-Gawhary
fragt, was die Nachzügler
Sudan,
Algerien,
Libanon,
Irak aus dem Scheitern der ersten Länder lernten. Rim Mugahed
berichtet über den Kampf der Frauen im Jemen. "Dass die
Chance auf eine Bürgergesellschaft nach 2010 nicht erfolgreich genutzt wurde, macht die kollektive Abwehr gegen die alten Regime nicht ungeschehen", schreibt Daniel-Dylan Böhmer in der
Welt: "Dahinter stand eine echte Wut über Staaten, die nicht mehr der allgemeinen Bereitstellung öffentlicher Güter und der Lösung gemeinsamer Probleme dienten, sondern der Bereicherung jeweiliger Cliquen. Diese
Wut gibt es noch heute." Und Paul Anton
meint in der
SZ: "Wer künftige Migrationsbewegungen abwenden will, sollte sich vor allem um die
Bedürfnisse der Jungen kümmern."