
Ob das zweite Impeachment-Verfahren gegen
Donald Trump fruchtet, bleibt abzuwarten (
mehr in der
New York Times). Bei
Twitter ist Trump jedenfalls schon mal abgesetzt: "
Permanent suspension of
@realDonaldTrump",
meldet das Unternehmensblog.
Nun beginnen die
Spekulationen. Der Historiker
Wolfram Siemann sammelt im
faz.net Belege für seine Behauptung, dass Donald Trump am 6. Januar bewusst auf das Chaos des durch ihn angestachelten Mobs setzte. Ein Beleg ist für ihn der
Brief der zehn Verteidigungsminister an Trump vor einigen Tagen, die vor einem Putsch warnten. Das Chaos sollte Trump die Möglichkeit geben, die Macht an
sich zu reißen, so Siemann. "Das wäre die
Stunde der Exekutive gewesen: Der Präsident erklärt das demokratische Handlungszentrum für handlungsunfähig und ruft den
Notstand aus, um wieder 'Ruhe und Ordnung' herzustellen. Damit wäre er Herr der militärischen Exekutive geworden und der Kongress kaltgestellt, die Zertifizierung der Wahl zugleich wäre verhindert worden - genau der Fall also, den die zehn Verteidigungsminister kommen sahen."
In der
taz beobachten Anina Ritscher und Eva Hoffmann, wie die
rechtsextreme Szene in Deutschland auf die Washingtoner Ereignisse reagiert. Einige Protagonisten scheinen eher frustriert zu sein: "
Jürgen Elsässer, Verleger des rechtsextremen
Compact-Magazins, veröffentlichte Donnerstag früh seine Meinung zu den Ausschreitungen in den USA: Die 'Revolution' sei gescheitert, was insbesondere daran liege, dass die Protestierenden zu friedlich und
zu wenig organisiert gewesen seien. Auch die Ausschreitungen in Berlin nennt Elsässer enttäuscht ein 'Stürmchen'. Der Chef der österreichischen Identitären Bewegung,
Martin Sellner, fand die Aktion 'taktisch schlecht', wie er per
Telegram mitteilt, 'zu chaotisch'. Er gibt gleich eine Anleitung, wie es stattdessen hätte gemacht werden sollen."
Auch der amerikanische Bürgerrechtler
Bill Fletcher glaubt im Gespräch mit
taz-Korrespondentin Dorothea Hahn, dass Trump
einen Putsch geplant hatte und hätte gern Straßenschlachten gesehen. Aber das Problem der Linken scheint das gleiche wie das der Rechten zu sein: "Eines der Probleme der Linken in den USA ist, dass sie
mangelhaft organisiert ist. Wir haben keine nennenswerte linke Partei. Unglücklicherweise haben viele Linke lange auch nicht die substanziellen Unterschiede zwischen neoliberalen Zentristen und rechten Populisten erkannt."
Der einstige Whistleblower
Daniel Ellsberg warnt unterdessen im
Guardian vor einem möglichen Militärschlag Donald Trumps
gegen den Iran - er erinnert sich an seine Zeit in den Washingtoner Stäben, als Vorwände gesucht wurden, um Aktionen
gegen Vietnam zu begründen: "Ich habe wenig Zweifel daran, dass eine solche Notfallplanung des Oval Office jetzt auch wieder existiert, in Tresoren und Computern im Pentagon, der CIA und dem Weißen Haus, um, wenn nötig, einen Vorwand für einen Angriff auf den Iran zu finden, während diese Regierung noch im Amt ist."
Die New Yorker Kolumnistin
Bari Weiss erinnert in der
Welt daran, dass es in diesem Jahr auch von links - im Zeichen von "Black Lives Matter" -
extrem gewalttätige Demonstrationen gegeben hat. "Dies ist kein Whataboutismus", schreibt sie: "Es ist der
entscheidende Kontext für die unentschuldbaren Ereignisse vom Mittwoch. Die Normen waren bereits gebrochen. Wir lebten bereits in Unwirklichkeit." Die Idee, dass das Individuum über der Gruppe steht, so Weiss weiter, ist in diesem Jahr verabschiedet worden: "Dieser
liberale Konsens stirbt aufgrund der Ideologen von links und rechts, die die andere Seite mehr hassen als sie das eigene Land lieben, die ihre eigene Macht mehr verehren als das Gemeinwohl, unsere gemeinsame Geschichte und unsere gemeinsame Identität als Amerikaner."
Auch
Thomas Chatterton Williams, Autor von "Self-Portrait in Black and White" (die
deutsche Ausgabe kommt) und Kritiker linker Identitätspolitik, erinnert im Gespräch mit Mladen Gladic in der
Welt an den "
Sommer offensichtlicher Gesetzlosigkeit, mit Massenunruhen, Plünderungen, heuchlerischen Medienberichten, die das von links kommende Chaos zu entschuldigen oder herunterzuspielen schienen - es kam ja sogar zur Besetzung von Regierungsgebäuden durch Leute, die behaupteten, Polizeigewalt zu bekämpfen -, kann man sehen, dass das Land ein Pulverfass geworden war, wo
nur ein Funke reichte." Williams ist überzeugt, dass sich Trump durch den 6. Januar endgültig ins Abseits manövriert hat.
FAZ-Korrepondet Majid Sattar, der als einziger deutscher Journalist während der Ereignisse im Senat war, berichtet unterdessen, wie bei Trump zumindest kurzfristig das
Realitätsprinzip siegte: "Im Weißen Haus wurde er bedrängt, sich an die Öffentlichkeit zu wenden und endlich die Gewalttäter
eindeutig zu verurteilen. Der Präsident aber weigerte sich. Erst als seine Mitarbeiter darauf verwiesen, dass ihm nicht nur eine Amtsenthebung durch den Kongress drohe, sondern auch
strafrechtliche Konsequenzen, soll Trump eingelenkt haben."
Außerdem:
Wolf Lepenies fühlt sich in der
Welt durch die Washingtoner Ereignisse an
Flauberts "Education Sentimentale" erinnert, wo die Erstürmung des Tuilerien-Palastes im Jahr 1848 beschrieben wird: "Verblüfft liest der
CNN-Zuschauer Flaubert..." Außerdem empfiehlt Lepenies noch mal
Richard Rortys Kritik an der amerikanischen Linken aus dem Jahr 1997 zu lesen. Und was man im Moment kaum mehr wahrnimmt, ist die
Coronakrise in Amerika: 4.000 Tote an einem Tag hat es dort gegeben,
berichtet Libération.