Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2024 - Film

Wenn Mitteilungsbedürfnis in Schweigen kippt: Hirokazu Kore-Edas "Die Unschuld"

Der japanische Autorenfilmer Hirokazu Kore-Eda meldet sich mit einem seiner leisen Dramen zurück, für die wir ihn so sehr schätzen. In "Die Unschuld" (im Original "Ungeheuer" betitelt, nun ja) erzählt er von einer kleinen Ortschaft, in der ein Lehrer verdächtigt wird, einen Schüler geschlagen zu haben. Dieser "ganz und gar nicht besserwisserische Film" schafft es dabei, in drei Kapiteln Empathie für alle Seiten zu wecken, schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher: Kenntlich wird etwa "der Druck, den die Schule als Institution auf alle Beteiligten ausübt. ... Und zwar, weil die Schule als sozialer Raum, in dem verschiedene Interessen aufeinander prallen, ein allseitiges Beobachtungsverhältnis etabliert, das weder von einer zentralen Stelle aus hierarchisch kontrolliert, noch in ein harmonisches, pluralistisches Miteinander überführt werden kann. Die Schule soll auf die Zukunft vorbereiten und produziert doch vor allem Angst vor der Zukunft." Erneut "erweist sich Kore-eda dabei als ein Meister in der Inszenierung einer kindlichen Kommunikation, in der dringlichstes Mitteilungsbedürfnis von einem Moment auf den anderen in tiefstes Schweigen, in radikale Kontaktabwehr kippen kann. Die Welt erweitert sich" im dritten Kapitel, dem "schönsten Teil des Films - vielleicht gar: in den schönsten 40 Minuten des bisherigen Kinojahres? - nicht nur in sozialer, sondern auch in topografischer Hinsicht."

Der Film handelt auch vom Leben in einer 'stinknormalen Familie', wie es im Filmdialog mal heißt, schreibt Cosima Lutz im Filmdienst. Diese zu feieren, "gehört eigentlich zur DNA des US-amerikanischen Kinos. Kore-eda gibt dieses Konzept weder der Lächerlichkeit preis, noch stellt er ihm eine allzu naiv idealisierte Alternative gegenüber; er lässt es eher eine Art Wiedergeburt durchlaufen und nutzt dafür Zeichen, die Westliches und Östliches amalgamieren. ... Fast alle Hauptfiguren tragen demonstrativ Shirts mit Aufdrucken wie "Working Class" oder "California". ... Einen verwaschenen Rest von gesellschaftlicher Utopie tragen diese T-Shirt-Aufdrucke noch in sich, als Erinnerung an das Recht auf ein Streben nach Glück, aber auch das Recht, die Mächtigen und die sozialen Verhältnisse zu kritisieren und dabei auf Höflichkeitsfloskeln zu pfeifen." Für die taz hat Thomas Abeltshauser mit dem Regisseur gesprochen.

Weiteres: Marian Wilhelm erinnert im Standard an den vor zehn Jahren verstorbenen Filmemacher Michael Glawogger. Besprochen werden Ute Holls und Peter Otts Science-Fiction-Film "Die Amitié" (Perlentaucher, FD), Kristoffer Borglis "Dream Scenario", in dem Nicolas Cage Menschen weltweit im Traum erscheint (FD), Gil Kenans "Ghostbusters: Frozen Empire" (Presse, SZ), Tamer Rugglis "Rückkehr nach Alexandria" (NZZ), die chinesische Netflix-Serie "3 Body Problem" nach dem Science-Fiction-Epos "Die drei Sonnen" von Cixin Liu (Freitag) und die DVD-Ausgabe von Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (taz). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Und hier der Überblick mit allen Kritiken vom Filmdienst zur laufenden Kinowoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2024 - Film

Im Filmdienst meldet Marius Nobach die Nominierten für den Deutschen Filmpreis: Mit insgesamt neun Nominierungen in acht Kategorien ist Matthias Glasners Berlinale-Erfolg "Sterben" (Kinostart Ende April) der Favorit. "Das Resultat ist ein kleiner Realitätscheck nach dem Oscar-Glamour der vergangenen Monate", kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der Jahrgang 2024 zeichnet ein deutlich realistischeres Bild vom Zustand des deutschen Kinos als das, zugegeben, außergewöhnliche Vorjahr, in dem gleich zwei Oscar-Nominierte die Verteilung der Lolas unter sich ausmachten. Ohne Netflix-Geld sieht die hiesige Produktion gleich wieder zwei Nummern kleiner aus."

Weitere Artikel: Fürs British Film Institute schreibt James Naremore zum Tod von David Bordwell, dem "Aristoteles der Filmwissenschaft". Aaron Taylor-Johnson könnte nach sich verdichtenden Gerüchten der nächste James Bond werden, meldet Andreas Frei im Tagesanzeiger. Besprochen werden Kristoffer Borglis schwarze Komödie "Dream Scenario" mit Nicolas Cage (taz, Presse), David Schalkos und Daniel Kehlmannns in der ARD-Mediathek gezeigte "Kafka"-Serie (taz, FAZ) und die in der ZDF-Mediathek gezeigte, irische Serie "Northern Lights" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2024 - Film

Harry Nutt ist in der Berliner Zeitung höchst unzufrieden mit der jüngsten Debatte um Jonathan Glazers "The Zone of Interest" (umsere Kritik): Während Naomi Klein in dem Auschwitz-Drama an allen Ecken und Enden nur Gaza sehen kann, sieht Mirna Funk in dem Film die Singularität des Holocausts von Grund auf infrage gestellt (hier und dort unsere Resümees). Doch beide Wortmeldungen "sind kaum um eine ästhetische Durchdringung des Films bemüht. Vielmehr dient ihnen 'Zone of Interest', ebenso wie die politischen Akklamationen des Regisseurs zur Preisverleihung, als Material im Ringen um Deutungshoheit über das Gewaltgeschehen in Gaza, das zuletzt jenseits jeglichen Bemühens um begriffliche Genauigkeit als Völkermord, Apartheid etc. beschrieben worden ist. Glazer selbst scheint mit seinem Bedürfnis, sich politisch eindeutig zu positionieren, der künstlerischen Dimension seines Filmes, die ja nicht zuletzt in Mehrdeutigkeit besteht, zu misstrauen. Die Haltungen zum Kriegsgeschehen in Gaza, dem die jeweiligen Sprecher von großer Entfernung aus zuschauen, geraten zu Glaubensbekenntnissen, in denen es scheinbar vor allem darum geht, moralisch auf die sichere Seite zu gelangen."

Über 450 jüdische Kreative aus Hollywood geben Glazer derweil Gegenwind in einem offenen Brief, wie Variety berichtet. Darin heißt es unter anderem in aller Eindeutigkeit und in Anlehnung an Glazers eigene Worte: "We refute our Jewishness being hijacked for the purpose of drawing a moral equivalence between a Nazi regime that sought to exterminate a race of people, and an Israeli nation that seeks to avert its own extermination."

Weiteres: Mariam Schaghaghi hat für Frankfurter Allgemeine Quarterly ausführlich mit Adam Driver geplaudert, der aktuell in Michael Manns "Ferrari" (unsere Kritik) zu sehen ist. Thomas Abeltshauser berichtet in der taz vom queeren Schwerpunkt des Internationalen Dokumentarfilmfests in Thessaloniki. Besprochen wird die deutsche, auf Netflix gezeigte Science-Fiction-Serie "Das Signal" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2024 - Film

August Diehl in "Meister und Margarita" von Michael Lockshin

Für die Berliner Zeitung spricht Liudmila Kotlyarova mit August Diehl, der zur Zeit in Russland in einer bereits 2021 entstandenen und trotz einiger verklausulierter Spitzen gegen Putin äußerst erfolgreichen Adaption von Bulgakows "Meister und Margarita" zu sehen ist. Einen deutschen Starttermin gibt es noch nicht. Dass Russland mit der Invasion der Ukraine auch kulturelle Bündnisse zerschlagen hat, hält der Schauspieler für eine "Tragödie. ... Immer, wenn ein Land totalitär und gewalttätig wird, trocknet es kulturell aus. Und alle großen Künstler und Komponisten müssen dann mit Symbolen oder versteckt arbeiten, wie eben Bulgakow zu Stalin-Zeiten. Es kommt so viel Großartiges aus Russland, und es ist eine riesige Tragödie, dass Menschen sich wegen Kriegen nicht mehr künstlerisch austauschen können." Aber "ich glaube auch daran, dass Russland sich mit dem Rest der Welt wieder versöhnen wird. Aber es müssen immer beide Seiten dazu bereit sein." Die Ukraine wird sich für solche Ratschläge bedanken.

Außerdem: Valerie Dirk wirft für den Standard einen Blick auf den sagenhaften Erfolg des New Yorker Filmstudios A24, das sich in den letzten Jahren bei Kritikern, Festivals, Nerds, Oscars und Publikum als verlässliche Bank für außergewöhnliche Filme etablieren konnte: "Noch nie war der Hype um ein Filmstudio so groß wie um dieses."

Besprochen werden Cord Jeffersons oscarnominierte, auf Amazon Prime gezeigte Literaturbetriebs-Satire "American Fiction" (Filmfilter), Georg Maas' und Judith Kaufmanns Kafka-Biopic "Die Herrlichkeit des Lebens" nach dem gleichnamigen Roman von Michael Kumpfmüller (Welt), Rodrigo Morenos Gaunerkomödie "Die Missetäter" (Jungle World) und Jörg Burgers vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Archiv der Zukunft" über das Naturhistorische Museum in Wien (Standard).
Stichwörter: Diehl, August, Russland, Biopic, Oscars

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.03.2024 - Film

In aller Entschiedenheit wendet sich Daniel Gerhardt auf Zeit Online gegen die Versuche, nach der Kritik an Jonathan Glazers Oscar-Dankesrede nun auch dessen Film "The Zone of Interest" (unsere Kritik) als Holocaust-Relativierung darzustellen (unser Resümee): "Das Grauen der NS-Morde ist allgegenwärtig, es äußert sich unter anderem durch rauchende Schornsteine im Hintergrund und eine (ebenfalls oscarprämierte) Soundkulisse aus Angst- und Schmerzensschreien, Schüssen, bellenden Hunden und kläffenden KZ-Aufsehern. Anders als das Filmpersonal kann man dieses Grauen als Kinozuschauer zu keiner Sekunde ignorieren. 'The Zone of Interest' wird dadurch umso eindringlicher: Im Gegensatz zu visuellen Gewaltdarstellungen, auf die heutiges Kino- und Fernsehserienpublikum längst mit einer gewissen Abstumpfung reagiert, steckt in der akustischen Gewaltdarstellung des Films noch immer aufrüttelndes Potenzial. Die Singularität des Holocausts untergräbt Glazer dadurch nicht, sondern erkennt sie an. Die Nicht-Darstellbarkeit des Grauens, die etwa Claude Lanzmann, Regisseur der epochalen Dokumentation Shoah, schon 1994 anmahnte, bleibt von 'The Zone of Interest' unberührt."

Nach Claudia Roths Plänen zur Reform der Filmförderung stockt der politische Prozess, um diese umzusetzen, "weil sich das Bundesfinanzministerium, das für die Einführung eines steuerlichen Anreizsystems von zentraler Bedeutung ist, den Gesprächen bislang komplett verweigert", sagt NRW-Minister Nathanael Liminski im FAZ-Interview. Aber auch Roth selbst sieht er in der Kritik: "Die Länder sehen die Notwendigkeit einer Reform und bringen vielfach die Bereitschaft mit, einen Teil der finanziellen Ausfälle zu übernehmen. Allerdings erwarten wir, dass die große finanzielle Leistung der Länder bei der regionalen Filmförderung berücksichtigt wird. Es ist unseriös, wenn die Kulturstaatsministerin der Branche das Blaue vom Himmel verspricht, aber allem Anschein nach den Anteil des Bundes zulasten der Länder nicht erhöhen will."

Außerdem: Susan Vahabzadeh ärgert sich in der SZ darüber, dass in Michael Manns "Ferrari" (unsere Kritik) alle englischsprachigen Schauspieler ihre Sprache italienisch einfärben: "Wenn sich Shailene Woodley und Adam Driver streiten, klingt das, als hätten die Super Mario Brothers Zoff." Für die WamS porträtiert Elmar Krekeler den Schauspieler Stefan Jürgens. Im Filmdienst erinnert Christoph Dobbitsch an David Leans Klassiker "Die Brücke am Kwai", der dieser Tage in einer restaurierten Fassung erschienen ist. Josef Schnelle schreibt im Filmdienst zum Tod von Percy Adlon.

Besprochen werden Catherine Corsinis "Rückkehr nach Korsika" (Tsp, unsere Kritik), die Apple-Serie "Nach dem Attentat", die sich mit den Folgen der Ermordung Lincolns befasst (FAZ) und die ARD-Serie "Sexuell verfügbar" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.03.2024 - Film

Beatrice Loazya ist im Guardian gar nicht zufrieden mit dem Zustand des Feminismus im Kino: Sind Filme wie "Barbie" (unsere Kritik) und "Poor Things" (unsere Kritik) wirklich das ganz große feministische Happening als das sie verkauft werden? Oder handelt es sich einfach nur um Malen-nach-Zahlen fürs Ego-Boosting? Und war früher vielleicht doch alles besser? "Die Siebziger erlebten einen Aufschwung des feministischen Filmemachens. Es gab feministische Filmkollektive, die Dokumentarfilme über Frauenrechtsfragen drehten. Hollywood ging Risiken ein und ließ mehr Frauen Filme inszenieren und schreiben. Eine Handvoll Indie-Filme kamen heraus, die sich auf völlig neue Art mit der weiblichen Erfahrung befassten ('Girlfriends', 'Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles'). Die feministischen Filme der Vergangenheit zeigen uns komplexe und belebende neue Sichtweisen auf Geschlecht, Genderbeziehungen und Hausarbeit auf und sie forderten das Publikum heraus, neu über das nachzudenken, was sie für selbstverständlich hielten. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Streitkultur heute möglich wäre, wenn sich unsere Auffassung von feministischer Stärke auf die niedrighängenden Früchten von Sex-Positivity und akurater Repräsentation fokussiert."

Im NZZ-Kommentar ärgert sich die Schriftstellerin Mirna Funk über Jonathan Glazers Oscarrede und im Zuge auch über seinen Film "The Zone of Interest" (unsere Kritik): Dem Filmemacher "ist der Holocaust in seiner Singularität vollkommen egal. Damit ist er Teil eines Problems, das wir seit Jahren schon an den Universitäten und Institutionen beobachten können: der Versuch von Wissenschaftern und Historikern, den Holocaust zu verallgemeinern. ... Glazer zeigt nicht nur keine Shoah-Opfer, er erinnert auch in seiner Rede nicht an sie. Das liegt daran, dass er einen Film machen wollte, in dem es um den Holocaust geht, ohne von ihm zu erzählen. Das Ziel Glazers ist, eine vermeintliche Lehre zu vermitteln, die konturlos jederzeit und auf jeden politischen Konflikt angewendet werden kann. Der Sprung zum gegenwärtigen Nahostkonflikt ist denn bei Glazer kurz: Geschichtliche Zusammenhänge oder Fakten werden ignoriert."

Elegant, souverän, klassizistisch: "Ferrari" von Michael Mann

Einfach nur bitter findet es Rüdiger Suchsland auf Artechock, dass Michael Manns "Ferrari" (unsere Kritik) - für ihn "der beste us-amerikanische Film des letztes Jahres" - bei den Oscars komplett ignoriert wurde und in Deutschland gleich von vornherein nicht im Kino gezeigt wird. Er "stellt vergleichsweise biedere Werke wie 'Oppenheimer', 'Maestro' oder 'Killers of the Flower Moon' und auch exaltierte akademische Manifeste wie 'Poor Things' in seiner Eleganz, seiner Souveränität und seinem Klassizismus weit in den Schatten, und hätte unbedingt mehrere Oscar-Nominierungen verdient." An dieser Stelle bespricht Suchsland den Film ausführlicher.

Weitere Artikel: Andreas Busche schreibt im Tagesspiegel über aktuelle MeToo-Proteste in der deutschen Filmbranche. Hanns-Georg Rodek von der Welt hat weiterhin offene Fragen zur Berlinale-Abschlussgala. Andreas Scheiner und Lucien Scherrer sprechen für die NZZ mit dem Autor Samuel Fitoussi, der ein kritisches Buch über Wokeness in der Filmindustrie geschrieben hat. Valerie Dirk spricht für den Standard mit Michael Loebenstein, dem Direktor des Österreichischen Filmmuseums, das dieser Tage seinen 60. Geburtstag feiert. Im ersten Beitrag seiner Jahresreihe für den Filmdienst denkt Leo Geisler über das Wesen von Kuchenfilmen nach, ein Kampfbegriff, der in den späten Sechzigern an der Berliner Filmhochschule dffb entstanden ist. Arno Widmann erinnert in der FR an James Bridges' AKW-Thriller "Das China-Syndrom" aus den Siebzigern. Alex Struwe denkt für 54books über Katastrophenfiktionen im Film nach. Peter Kremski blickt für Artechock zurück auf 25 Jahre Preis der deutschen Filmkritik.

Besprochen werden Catherine Corsinis "Rückkehr nach Korsika" (Perlentaucher, Artechock), neue Kurzfilme von Pedro Almodóvar (Artechock), Georg Maas' Kafka-Film "Die Herrlichkeit des Lebens" (Artechock, FAZ). Maryam Keshavarz' "The Persian Version" (Artechock, Welt), Jade Halley Bartletts "Miller's Girl" (Artechock), Mike Mitchells Animationsfilm "Kung Fu Panda 4" (Standard), die auf Netflix gezeigte, deutsche Science-Fiction-Serie "Das Signal" (FAZ), die Sky-Serie "Helgoland" (FAZ, Welt) und die True-Crime-History-Serie "Nach dem Attentat" (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2024 - Film

Mehr Helden, mehr Götter, mehr Bösewichte: "Creation of the Gods I"

Wenn Hollywood wildes Spektakelkino nicht mehr hinkriegt, übernimmt eben China den Job, lautet Lukas Foersters Fazit im Perlentaucher nach Wuershans Fantasy-Klopper "Creation of the Gods I: Kingdom of Storms", der zwar wie einst die Filme der legendären Shaw-Brothers auch auf einem chinesischen Epos aus dem 16. Jahrhundert basiert, mit den Kostüm- und Kampf-Filmen der beiden Hongkong-Produzenten aber kaum mehr etwas gemein hat. Stattdessen: Eine Fülle an Überfülle an Plot, wahnwitzigen Ideen und irren Setpieces: "Es geht einfach immer weiter: mehr Helden, mehr Götter, mehr Bösewichter, mehr Verstrickungen, mehr kinetische Monsterfights, mehr - aber längst nicht genug; das sind die besten Szenen - Fuchs-Fatale-Erotik. ...  Erstaunlicherweise bleibt das Gesamtbild, der Fülle an Erzählmaterial zum Trotz, auch für Nichtkenner des Stoffs lange einigermaßen überschaubar. Die Integration von physischen Schauspielerkörpern und dem sie umgebenden digitalen world building fühlt sich ebenso organisch an wie das Ineinander von 'historischem' Schwertkampf-Schlachtegemälde (die Shang-Dynastie existierte wirklich und beherrschte China zwischen dem 18. und 11. Jahrhundert vor Christus) und Fantasy-Elementen."

Hipgnosis-Klassiker: Das Cover zum Album "Elegy" von The Nice

Mit ihren Plattencovern sorgte Hipgnosis in den Siebzigern für Aufsehen und schuf damit die Grundlage für einen bis heute anhaltenden Ruhm. Jetzt hat der Forograf und Regisseur Anton Corbijn mit "Squaring the Circle" dem britischen Designstudio einen Dokumentarfilm gewidmet. Er ist eine Reise zurück ins Zeitalter der Pop-Megalomanie: "Storm Thorgerson, ausgestattet mit einem 'Ego auf Planetgröße', hatte großspurige Ideen ohne Ende, und Aubrey Powell war für die Ausführung zuständig", erzählt Christian Schröder im Tagesspiegel. "Die Budgets waren gewaltig. Für eine Plattenhülle von The Nice hatten sie schon vorher rote Bälle nicht in irgendeiner Wüste, sondern gleich in der Sahara platziert. Nun ließen sie für das Led-Zeppelin-Album 'Houses Of The Holy' mit Gold und Silber bestäubte Kinder einen Felsen an der irischen Küste erklimmen. Und fürs Coverbild von 'Look Here' von 10cc, auf dem ein Schaf auf einer Psychoanalytiker-Couch vor der Meeresbrandung hockt, flogen sie nach Hawaii."

"Die wilden Geschichten hinter den Plattencovern sind alle toll", schwärmt auch Annett Scheffel in der SZ. Tazlerin Jenni Zylka gähnt bei diesem "Sammelsurium aus affirmativen Erinnerungen.  ... Am spannendsten wird der Film, wo er versucht, die Rezeptionsunterschiede zwischen analogem und digitalem Arbeiten herauszustellen: Wenn auf einem Cover von The Nice scheinbar 60 rote Fußbälle in der Sahara liegen, dann lagen sie wirklich da - und das aufwendige, sündhaft teure Fotoshooting, bei dem die Bälle auch noch unaufgeblasen aus England eingeflogen wurden, kündet von der fatalen Mischung aus 'success and excess', aus der Rockmusik in den Siebzigern bestand. Und die mit der geheimnisvollsten aller Hipgnosis-Ideen, dem Spektrumspyramiden-Cover zu Pink Floyds 'The Dark Side of the Moon' auch immer das Gegenteil der Megalomanie mitdachte."

Weitere Artikel: In der FAZ empfiehlt Matthias Hannemann Mikhaël Hers' Drama "Passagiere der Nacht" mit Charlotte Gainsbourg, das aktuell in der Arte-Mediathek zu sehen ist (hier unsere Kritik). Im Standard erklärt Jakob Thaller, wie das Produktionsteam der Oscarverleihung Messi, den sensationellen Border Collie aus "Anatomie eines Falls", ins Publikum getrickst und zum Klatschen gebracht hat.

Besprochen werden Georg Maas' Kafka-Liebesfilm "Die Herrlichkeit des Lebens" (FR, Tsp, taz, FD), zwei neue, im Kino gezeigte Kurzfilme von Pedro Almodóvar (Tsp), Maryam Keshavarz' Culture-Clash-Komödie "The Persian Version" (Tsp, FD, Presse), Jade Bartletts Highschool-MeToo-Drama "Miller's Girl" (FR, Welt, FD), Mike Mitchells Animationsfilm "Kung Fu Panda 4" (FAZ), die deutsche Netflix-SF-Serie "Das Signal" (Presse) und die vierte Staffel von "True Detective" (NZZ). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich lohnen und welche nicht. Und hier der Überblick beim Filmdienst über alle aktuellen Kinostarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2024 - Film

"Mit einem entschiedenen Einerseits-andererseits" wendet sich der Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH nach einer Sondersitzung am Montag zum Eklat um die Berlinale-Abschlussgala an die Öffentlichkeit, kommentiert Andreas Kilb in der FAZ: Berlinale und Künstler sollten getrennt voneinander aufgefasst werden, die Meinungsfreiheit für Künstler auch weiterhin geschützt bleiben und die Möglichkeit zur Gegenrede eingeräumt werden. "Mit anderen Worten: Das Gewürge um israelische Politik, deutsche Verantwortung und palästinensische Opfernarrative geht weiter, das Festival hat immer noch den Schwarzen Peter, nur soll es ihn künftig offen ausspielen." Lieber "sollte Claudia Roth die Freiheit der Berlinale verteidigen, auch falsche, einseitige und politisch abwegige Meinungsäußerungen zuzulassen. Sie muss ihnen ja nicht von der ersten Reihe aus applaudieren."

Große Worte, wenig Ergebnis - so lautet auch Sonja Zekris Fazit in der SZ: "Das ist einerseits eine Selbstverständlichkeit: Was das Grundgesetz schützt, darf überall und natürlich auch auf einer Kulturveranstaltung geäußert werden. Raum für Gegenrede hätte es auf der Berlinale ebenfalls gegeben - nur ist er aus möglicherweise sehr unterschiedlichen Gründen nicht genutzt worden. Andererseits ahnt man in der Formulierung des Beschlusses eine Tendenz, die wenig mit dem Nahostkonflikt, aber viel mit der deutschen Innenpolitik zu tun hat. Die Forderungen nach staatlichen Eingriffen in Kunst und Kultur im Namen der Antisemitismus-Bekämpfung werden lauter. Viele sehen das mit Sorge."

Auch bei der Oscarverleihung gab es einen Eklat um eine Dankesrede: "Zone of Interest"-Regisseur Jonathan Glazer sprach sich nach seiner Auszeichnung dagegen aus, dass "jüdische Identität und der Holocaust gekapert" würden, um die israelische Politik zu legitimieren, und gab zumindest implizit dieser auch eine Mitschuld am 7. Oktober. Nun regt sich (etwa in den Instagram-Storys der Schriftstellerin Mirna Funk), auch Kritik an seinem Film, der jüdisches Leid in die Unsichtbarkeit dränge, schreibt Marie-Luise Goldmann in der Welt: "Hat das Nicht-Zeigen jüdischer Menschen in 'The Zone of Interest' die antisemitische Gewalt, statt sie umso bedrohlicher hervortreten zu lassen, im Gegenteil ausgelöscht, von der Bildfläche verabschiedet, in Vergessenheit sinken lassen? Ein Vorwurf, von dem der Film bislang verschont blieb, erscheint nach Glazers Rede plötzlich plausibel. Glazers Warnung, der Holocaust werde missbraucht, um die Angriffe auf Gaza zu rechtfertigen, entbehrt insofern nicht einer gewissen Ironie, als er selbst im Live-Fernsehen auf der Bühne den Holocaust und seinen brillanten Film über den Holocaust für seine eigene politische Agenda instrumentalisierte."

Zahlreiche jüdische Organisationen in den USA wenden sich in aller Entschiedenheit gegen Glazers Auftrit, berichtet Etan Vlessing im Hollywood Reporter, darunter etwa auch David Schaecter, der drei Jahre in Auschwitz und ein Jahr in Buchenwald überlebt hat: "Sie sollten sich dafür schämen, Auschwitz dafür herzunehmen, um Israel zu kritisieren", schreibt der Präsident der Holocaust Survivor's Foundation USA in einem offenen Brief. "Es ist skandalös, dass Sie annehmen, für die sechs Millionen Juden, darunter anderthalb Millionen Kinder, sprechen zu können, die einzig und allein wegen ihrer jüdischen Identität ermordet wurden. ... Die 'Besatzung', von der sie reden, hat nichts zu tun mit dem Holocaust. Die Existenz jüdischer Menschen im Lande Israel und deren Recht, dort zu leben, geht dem Holocaust um Jahrhunderte voraus. Die heutige politische und geografische Landschaft ist das direkte Resultat von Kriegen, die von früheren arabischen Anführern begonnen wurden, weil sie jüdische Menschen nicht als ihre Nachbarn in unserem historischen Heimatland akzeptieren wollten."

Weitere Artikel: Claudius Seidl (FAZ) und Daniel Kothenschulte (FR) schreiben zum Tod des Regissseurs Percy Adlon. Besprochen werden Catherine Corsinis "Rückkehr nach Korsika" (taz), zwei neue, ab morgen in den Kinos gezeigte Kurzfilme von Pedro Almodóvar (Welt) und Jade Halley Bartletts romantische Komödie "Miller's Girl" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2024 - Film

Die Feuilletons betreiben weiter Oscar-Nachlese. "Noch nie gab sich eine Oscar-Verleihung derart offen gegenüber der traditionellen Antithese zu Hollywood, dem europäischen Festivalkino", lautet das Fazit von Daniel Kothenschulte in der FR. Der Goldjungen-Regen für "Oppenheimer" geht nach Marius Nobachs Ansicht (Filmdienst) nicht bloß auf einen Prestigefilm nieder: "Die Bereitschaft, sich in dieser Ausführlichkeit und formalen Raffinesse mit der Frage nach der Verantwortung auseinanderzusetzen, ist im Kino selten geworden. Auch deshalb gibt 'Oppenheimer' Anlass zur Hoffnung für mehr Wagemut und Originalität, gerade im US-amerikanischen Filmgeschäft." Diese Oscarverleihung stand ganz im Zeichen der Restauration, findet Andrey Arnold in der Presse: "#OscarsSoWhite, #MeToo, die Streiks der Schauspieler und Drehbuchautoren, das Schreckgespenst KI - all das schien bei der heurigen Hollywood-Gala im Dolby Theatre in weiter Ferne zu liegen. ... The show must go on, ein bisschen Spaß muss sein: Gelassenheit war die Devise des Abends." Weitere Resümees des Abends schreiben Jenni Zylka (taz), Tobias Kniebe (SZ) und Dietmar Dath (FAZ).

Einige der Stars traten bei der Oscar-Verleihung mit einem auffälligen Pin auf. In einem roten Kreis wurde eine rote Hand gezeigt, auf ihre Handfläche ist noch ein schwarzes Herz gezeichnet. Die Hand ist das Signet der Initiative "Artists Call for Cease Fire Now". Die Hollywood-Stars sind sich der finsteren Symbolik des Zeichens offenbar nicht bewusst, schreibt Thierry Chervel im Perlentaucher. "Für Israelis verknüpft sich mit der roten Hand nämlich eine ganz klare Assoziation. Im Oktober 2000 hatten sich zwei israelische Reservisten, Vadim Nurzhitz und Yossi Avrahami, nach Ramallah verirrt. Sie wurden erst von der Polizei aufgegriffen, dann von einer mordlustigen Menge auf das Sadistischste gelyncht. Die umstehende Menge geriet in einen seit dem 7. Oktober auch der Weltöffentlichkeit bekannten Blutrausch. Am Fenster zeigte einer der Mörder seine vom Blut geröteten Hände vor."

Jonathan Guggenberger ärgert sich im taz-Kommentar nicht nur über diese roten Buttons, sondern auch über die Dankesrede von Jonathan Glazer zur Auszeichnung seines Auschwitz-Films "The Zone of Interest" als "bester internationaler Film", da der Regisseur seinen Film auch als Kommentar zur Gegenwart des Nahostkonflikts verstanden wissen will: "Auf die Dehumanisierung in Auschwitz folgt die Dehumanisierung von Palästinensern - Israelis sind die neuen Nazis. Denn: Nicht nur für die tatsächlich unmenschlichen Zustände in Gaza ist die israelische 'Occupation' verantwortlich. Auch für das Massaker der Hamas am 7. Oktober. Getreu dem Motto: Die Juden sind selbst schuld, wenn sie gehasst werden. Oder: Palästinensische Terroristen besitzen keine Agency, sie sind nur Opfer ihrer jüdischen Verhältnisse."

Weitere Oscar-Betrachtungen: Christopher Nolan musste sehr lange auf seinen ersten Regie-Oscar warten, hält Marian Wilhelm im Standard fest. Konstantin Nowotny freut sich im Freitag über den bereits zweiten Oscar für Billie Eilish. Carolin Ströbele berichtet einer Reportage für Zeit Online von ihrer Reise an der Seite des für Deutschland nominierten Regisseurs İlker Çatak zur Oscarverleihung.

Außerdem: Für die FR plaudert Marc Hairapetian mit Adam Sandler über dessen neuen Film "Spaceman". Fritz Göttler schreibt in der SZ zum Tod des Regisseurs Percy Adlon. Besprochen wird die Netflix-Serie "Supersex" über das Leben von Pornostar Rocco Siffredi (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2024 - Film



Die Oscars sind vergeben: "Oppenheimer" ist mit sieben Goldjungen (darunter "bester Film", "beste Regie", "Bester Hauptdarsteller" - Cillian Murphy - und "Bester Nebendarsteller" - Robert Downey Jr.) der Abräumer des Abends in fast allen Hauptkategorien, gefolgt von "Poor Things" (unsere Kritik) mit vier Auszeichnungen, darunter "beste Hauptdarstellerin" für Emma Stone, die damit Sandra Hüller geschlagen hat. Martin Scorseses für zehn Oscars nominierter "Killers of the Flower Moon" (unsere Kritik) ging völlig leer aus. Der Oscar für den besten internationalen Film geht an Jonathan Glazers "Zone of Interest" (unsere Kritik), der damit "Perfect Days" von Wim Wenders (unsere Kritik) und "Das Klassenzimmer" von İlker Çatak (unsere Kritik) schlägt. Zusammenfassungen des Abends liefern unter anderem Variety, Tagesspiegel und FAZ.

"Nachdem die Oscars 2023 ein verrücktes, migrantisches Fest waren, stimmte die Academy heuer für das klassische, technikverliebte Kino mit maskulinem Touch, den Nolan wie kein anderer der heuer nominierten Regisseure ausstrahlt", resümieren Valerie Dirk und Jakob Thaller im Standard den Abend. Tatsächlich, "Oppenheimer" ist kein "quirliger Zeitgeist-Film wie im vergangenen Jahr 'Everything Everywhere All at Once'", konstatiert auch Andreas Scheiner in der NZZ. "Hätte die knapp 10 000 köpfige Akademie weitermachen wollen, wo sie aufgehört hat, wäre 'Barbie' in seiner verspielten Wokeness der naheliegende Gewinner gewesen. Oder auch die Komödie 'Poor Things' von Yorgos Lanthimos." Auch SZ-Kritikerin Susan Vahabzahdeh sieht mit diesem "klaren Sieger, den tatsächlich sehr viele Zuschauer gesehen haben", die "Rückkehr zu alten Oscar-Traditionen" vollzogen. "Dazu passte die Show dann auch ganz gut. Schon weil so viele Hollywood-Größen im Publikum und auf der Bühne dabei waren - Martin Scorsese und Robert De Niro (für 'Killers of the Flower Moon'), Jamie Lee Curtis, Steven Spielberg und Al Pacino, die Preise vergaben."

Mehr zu den Oscars: Dians Weis spricht für Zeit Online mit der Kostüm-Designerin Holly Waddington, die für ihre Arbeit in "Poor Things" ausgezeichnet wurde. Sandra Hüller hat dann zwar doch keinen Oscar bekommen, aber dafür kann man sich in der Arte-Mediathek mit ihren frühen Filmen trösten, die Fritz Göttler in der SZ empfiehlt. Und Ryan Gosling in Pink, der gemeinsam mit Slash seinen Barbie-Hit "I'm Just Ken" zum Besten gibt, sollte man gesehen haben: 



Abseits von Hollywood: Bert Rebhandl arbeitet sich für die FAS durch die aktuellen Neuveröffentlichungen von Pedro Almodóvar. Besprochen wird Éric Gravels "Julie - eine Frau gibt nicht auf" (online nachgereicht von der FAZ).