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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2006. In der SZ bedauert Tony Judt Amerika für den Kollaps seiner liberalen Intelligenz. In der FAZ bedauert Thomas L. Friedman Europa für seine Unfähigkeit, Leute schnell feuern zu können. Die NZZ erklärt, wie Hoteljournalismus im Irak funktioniert. Die taz beschreibt die Härten der Karriere-Konsolidierung im Pop-Geschäft. Und die Welt feiert einen gigantischen Werbeclip für Richard Strauss' "Rosenkavalier".

FAZ, 08.09.2006

Im Interview erklärt New-York-Times-Kolumnist Thomas L. Friedman, warum die Welt mit dem Fall der Mauer und dem Internet wieder flach geworden ist und warum Europa dies endlich begreifen sollte: "Ich reise gern nach Europa! Ich liebe die Museen, ja Europa ist ein lebendes Museum, das, wie ich hoffe, weiterleben wird. Ich bewundere so viel an Europa, zum Beispiel die sechs Wochen Urlaub, die öffentlichen Verkehrsmittel, das Umweltbewusstsein. Ich meine das wirklich ernst, und wenn Europa den Zauberspruch kennt, wie diese Errungenschaften zu bewahren sind, ohne in die von einer flachen Welt ausgelösten Anpassungsnöte zu geraten, dann um so besser...Wissen Sie, was das Größte an Amerika ist? Wie leicht es ist, jemanden zu feuern. Denn wenn es so leicht ist, jemanden zu feuern, ist es ebenso leicht, jemanden einzustellen."

Weiteres: Christian Geyer, ausgewiesener Natascha-Kampusch-Experte des FAZ-Feuilletons, weiß jetzt, wie die Entführte ihre Einsamkeit ausgehalten hat: "Es war die Kraft der Abstraktion, mit der sie dem empirischen Desaster standgehalten und ihm endlich entkommen ist." Michael Gassmann geht in epischer Breite der Frage nach, ob Günter Grass wirklich mit Louis Armstrong jazzte (kurze Antwort: nein). In Venedig ist Michael Althen weder mit dem neuen Film von Johnnie To noch mit dem jüngsten Werk von Jean-Marie Straub und Daniele Huillet zufrieden. Dietmar Dath macht sich in der Glosse über die Entzauberungskünste der Naturwissenschaften lustig. Felix Johannes Krömer hat sich die Dauerausstellung der Gedenkstätte Bautzen II angesehen. Niklas Maak porträtiert den Architekten Frei Otto, Träger des diesjährigen Praemium Imperiale. Wolfgang Sandner schickt einen Bericht von der "Quincena Musical" in San Sebastian. Anmerkungen zu einer Rede Bernd Neumanns, die Kontinuität der Gedenkpolitik betreffend, gibt es von Patrick Bahners. Eric Pfeil war dabei, als Pur in Köln ihre neue Platte vorstellten. Gemeldet wird die Einführung orthoxen Religionsunterrichts an russischen Schulen. Aro. berichtet von einer Lesung britischer Dichter durch Armin Mueller-Stahl und Vanessa Redgrave in Bochum.

Auf der letzten Seite erzählt Paul Ingendaay aus Spanien von vielerorts unerwünschten Versuchen, Bürgerkriegsverbrechen auf die Spur zu kommen. Dirk Schümer porträtiert Davide Croff, den Leiter der Biennale von Venedig.

Besprochen werden Deepa Mehtas Film "Water" und Chuck Klostermans Roman "Eine zu 85 % wahre Geschichte", ein Band über "Kleidung und Repräsentation im Mittelalter" und Bücher über Papst Benedikt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 08.09.2006

Thomas Winkler beschreibt die Strapazen, mit denen Beyonce, Christina Aguilera und Kelis immer wieder ihre Karriere konsolidieren müssen: "Trainiert in Kirchenchor und Musikschulen, getriezt von ehrgeizigen Eltern, vorbereitet in Talentwettbewerben, gestählt in der Maschinerie Teeniepop, gehärtet in den Klatschspalten: Beyonce, Christina, Kelis. Wer von der Presse nur beim Vornamen gerufen und vom Publikum so erkannt wird, der hat es geschafft. Aber jetzt erst beginnt die Schufterei. Denn oben zu bleiben, das stellt sich als ungleich komplizierter heraus, als dorthin zu gelangen. Irgendwann wird der Status quo zum Rückschritt, irgendwann ist das Sichern des Erreichten nur mehr Stillstand. Irgendwann steht sie an, die Karrieretransformation. Wer nicht abstürzen will, der muss sich, Madonna hat's vorgemacht, ständig neu erfinden."

Weiteres: Die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt ist entsetzt von Eva Hermans antifeministischem Manifest "Das Eva Prinzip": "Das Ärgerliche an der Herman'schen Suada ist aber nicht nur der pastorale und selbstgerechte Stil. Die weinerliche Überheblichkeit, die sich durch das Buch zieht... Sondern dass alle und alles so bleiben kann wie bisher, nur die Frauen müssen sich ändern - und zwar zurück." Cristina Nord hat die unterschiedlichsten Filme der Biennale in Venedig gesehen: Jean-Marie Straubs und Daniele Huillets Filmessay "Quei loro incontri" sowie Johnnie Tos Gangsterfilm "Fangzhu". Besprochen werden auch Deepa Mehtas Film "Water" (für Ekkehard Knörer nicht mehr als ein "sozial engagierter Arthouse-Bilderbogen") sowie zwei neue Platten von Whitest Boy Alive und den Junior Boys.

Und hier noch TOM.

FR, 08.09.2006

Matthias Arning vermutet, dass es entgegen des Berichts in der FAZ vom Dienstag nicht im Fritz-Bauer-Institut kriselt, sondern dass Leiter Dietfrid Krause-Vilmar mit dem externen Beiratsmitglied Joachim Perels im Clinch liegt. Die Initiative Lobby Control wirft Sabine Christiansen eine Bevorzugung von wirtschaftsnahen Lobbygruppen vor, meldet Harry Nutt. Antje Hildebrandt glossiert den Auftritt von Eva Herman bei der Pressekonferenz zu ihrem Buch "Das Eva-Prinzip", das jedoch, so muss Hildebrandt zähneknirschend zugeben, das Zeug zum Bestseller hat. Daniel Kothenschulte genießt das "meisterlich dargebotene" Chaos in David Lynchs in Venedig gezeigtem Film "Inland Empire". Und in Times mager sinniert Elke Buhr über die Verbreitung von Magenta.
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NZZ, 08.09.2006

Auf der Medienseite beschreibt die Irak-Korrespondentin Inga Rogg die schwierige Arbeit im vom Terror heimgesuchten Land: "Zumal die noch verbliebenen Journalisten ihre Anlagen entweder gar nicht oder nur in Begleitung von Leibwächtern verlassen dürfen. 'Hoteljournalismus' haben das böse Zungen genannt. Die Reporter seien bloß noch in Bagdad, weil sich das in der Datumszeile besser mache, sagen sie. Die Polemik geht freilich an der Realität vorbei, auch wenn sie einen wahren Kern treffen mag. Die großen amerikanischen Zeitungen haben auf die Einschränkungen reagiert, indem sie irakische Journalisten ausbildeten. Diese sind es heute, die einen Großteil der Informationen zusammentragen."

Paul Jandl erklärt sich - und uns - die Überlebensfähigkeit Natascha Kampuschs. Iso Camartin erinnert anlässlich seines 100. Geburtstags an den einst hochberühmten, heute fast vergessenen Schweizer Philosophen und Essayisten Denis de Rougement. Von Possen in der Basler Kulturpolitik berichtet Peter Hagmann. Sieglinde Geisel erstattet Bericht von einer Veranstaltung zur Causa Grass auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin. Joachim Günter zeigt sich begeistert vom wiedereröffneten Dresdner Grünen Gewölbe.

Die Filmseite beschäftigt sich mit dem Filmschaffen im Libanon. Besprochen werden unter anderem Niklaus Hilbers Komödie "Cannabis" und Fernando Leon de Aranoas Film "Princesas".

Welt, 08.09.2006

Als "unverhoffte Sensation" feiert Manuel Brug die Restaurierung des von Richard Strauss noch selbst betreuten Stummfilms "Der Rosenkavalier". "Schon nach der Dresdner Uraufführung des 'Rosenkavalier' 1911 war ein Film als weiteres Glied in der Verwertungskette erwogen, aber wieder verworfen worden... Nachdem Krieg und Inflation die Vermögen von Strauss und Hofmannsthal ziemlich aufgefressen hatten, besannen sie sich in den zwanziger Jahren auf die alte Filmidee. Dem stets etwas weltfremden Dichter schwebte dabei die cinematographische Aufarbeitung der Vorgeschichte von Marschallin, Ochs & Co. vor, also eine Art gigantischer Werbeclip für die Oper mit 'mehr Propagandawert als Konkurrenzgefahr'. Und Strauss glaubte, nach dem Filmgenuss würden die Massen in die Oper strömen."

Weiteres: Im Gespräch mit Hanns-Georg Rodek klagt der amerikanische Filmregisseur Oliver Stone über die Regierung Bush: "Unsere bürgerlichen Freiheiten sind perdu, und sie wurden abgegraben, seit Truman 1947 den National Security Act in Kraft setzte." Thomas Kielinger widmet der Rekordsammlung "Guinnes World Records" ein Porträt. Dankwart Guratzsch hat auf dem dritten Denkmalpflege-Forum in Berlin mehr über die zunehmende Schließung von Kirchen erfahren.

SZ, 08.09.2006

Einen Kollaps des liberalen Selbstbewusstseins konstatiert der britische Historiker Tony Judt in den USA: "Der Liberalismus ist heute in den Vereinigten Staaten eine politische Sünde, deren Namen man noch nicht einmal aussprechen sollte; und diejenigen, die sich selbst zu 'liberalen Intellektuellen' erklären, sind mit anderen Dingen beschäftigt. Inzwischen hat ihren Platz eine Schar bewundernswerter investigativer Journalisten eingenommen, zu denen vor allem Seymour Hersh zählt, sowie Michael Massing und Mark Danner, die für den New Yorker und die New York Review of Books schreiben - wie es einem neuen Gilded Age eben ansteht, einer Zeit des äußerlichen Aufschwungs, aber der inneren Korruption und Armut."

Der schwedische Verleger Svante Weyler, fragt, warum die Schweden eigentlich wählen sollen: "Alle Schweden sind Sozialdemokraten, lautet eine alte und zutreffende Wahrheit. Nur dass alle vier Jahre ein Teil der Sozialdemokraten konservativ, liberal oder sonstwie anders wählt. Wenn dann, was nicht ausgeschlossen ist, die Opposition gewinnt (was in siebzig Jahren zweimal geschehen ist), bleibt dennoch alles, wie es war. Göran Persson fand dafür die völlig korrekte Formel: Wir wollen hohe Steuern bezahlen!"

Weiteres: Thomas Steinfeld erkennt in der europäischen Papstbegeisterung ein Indiz für den schlechten Zustand der Demokratie: "Endlich nicht mehr wählen müssen." Stephan Märki, Reformintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, warnt vor übertriebenen Erwartungen an Strukturreformen: "Es hilft nicht, den Reifen zu wechseln, wenn man dann schnurstracks wieder über denselben Nagel fährt." Sonja Zekri berichtet, dass Deutschland und Russland eine gemeinsame Beutekunst-Ausstellung über die Merowinger vorbereiten. Alexander Kissler beschreibt, wie Patrick Süskind "die Aura des weltentrückten Sonderlings" kultiviert.

Besprochen werden die in Dresden gezeigte Rekonstruktion des "Rosenkavalier"-Stummfilm von 1926 und Niklas Holzbergs "Vergil"-Biografie (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).