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Heute in den Feuilletons

Altmodische Korrespondenztheorie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.12.2008. Soll ein Bekenntnis zur deutschen Sprache in die Verfassung aufgenommen werden? Unsinn, findet die SZ. Warum denn nicht, die anderen machen's doch auch, meint die Welt. In der Zeit regt sich Klaus Harpprecht über Peter Sloterdijks "Theorie der Nachkriegszeiten" auf: ein "Schwadroneur in Schwarz-Weiß-Rot".

Welt, 04.12.2008

Dankwart Guratzsch hat gegen die von der CDU geforderte Verankerung der deutschen Sprache in der Verfassung nichts einzuwenden: "In halb Europa ist der Verweis auf die Nationalsprache in der Verfassung eine Selbstverständlichkeit. Die Deutschen haben hier eine Zurückhaltung geübt, die sicherlich eine historische Vorgeschichte hat, angesichts der Diskussion über die mangelhafte Sprachkompetenz ausländischer Jugendlicher aber anachronistisch erscheint."

Weitere Artikel: Im Aufmacher arbeitet Wolf Lepenies anhand der Geschichte der amerikanischen Präsidenten den amerikanischen Zwiespalt von Intellektuellenhass und Geistesliebe auf (und zitiert eine hübsche Definition des Intellektuellen von Dwight D. Eisenhower: "Ein Intellektueller ist jemand, der mehr Worte als nötig verwendet, um mehr zu sagen, als er weiß.") Berthold Seewald kommentiert den Fall des Bremer Professors Ronald Mönch, der gesagt hat, dass Atatürk nach heutigen Maßstäben wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden müsste und gegen den nun in der Türkei ermittelt wird. Peter Dittmar wirft einen Blick auf die heute beginnende Art Basel in Miami Beach, die über die Lage auf dem Kunstmarkt Aufschluss geben wird. Katharina Dockhorn schreibt über die Arbeit der Defa-Stiftung, die gerade zehnten Geburtstag feiert. Und Rainer Haubrich inspiziert die jetzt ausgestellten Modelle für den Schlossneubau in Berlin.

Besprochen werden Filme, darunter Helma Sanders-Brahms' Film "Geliebte Clara" mit Martina Gedeck als Clara Schumann (der aber Manuel Brugs Gnade nicht findet).

Auf der Magazinseite unterhalten sich Jacques Schuster und Andrea Seibel mit Arnulf Baring, Udo Knapp, Klaus Schütz und Thea Dorn über sechzig Jahre Freie Universität.

Tagesspiegel, 04.12.2008

Im Gespräch mit Caroline Fetscher erklärt der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar die Gründe für Rückständigkeit der Muslime in Indien, deren Zukunft er aber optimistisch sieht: "Zu den Ursachen dafür zählt, dass bei der Abspaltung Pakistans von Indien der indisch-muslimische Mittelstand und die muslimischen Eliten es vorzogen, nach Pakistan auszuwandern. Wer ärmer war, blieb in Indien zurück. Diese Menschen machen nun die Mehrzahl der Muslime in Indien aus. Zu den größten Errungenschaften des wirtschaftlichen Fortschritts in Indien gehört es allerdings, dass wieder ein muslimischer Mittelstand entsteht, der der Modernisierung offener gegenübersteht."

NZZ, 04.12.2008

Martin Sander schreibt über die Wiedereröffnung des Museum der jugoslawischen Staatsgründung im bosnischen Jajce, das seinen Informationen zufolge trotz titoistischer Stoßrichtung in der bosnischen Bevölkerung recht populär ist. Besprochen werden Patrice Chereaus Inszenierung von Marguerite Duras' "La Douleur" im Theatre des Amandiers in Nanterre, Martin Amis' Gulag-Roman "Haus der Begegnungen", Günter Dux' politische Ökonomie "Warum denn Gerechtigkeit?".

Auf der Filmseite sieht Christoph Egger Woody Allen mit seinem Film "Vicky Cristina Barcelona" Bergman sehr nahe gekommen, Bettina Spoerri preist Ari Folmans Animationsfilm über den Libanon-Krieg "Waltz With Bashir".
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TAZ, 04.12.2008

"Mein Blut kocht", bekennt der Drehbuchautor Paul Laverty im Interview, wenn er an die "Kriegsverbrecher" Negroponte, Cheney, Wolfowitz und Bremer denke, die nicht nur den Irakkrieg zu verantworten hätten, sondern auch die Niederlage der Sandinisten. Das weiß Laverty nämlich, der seit 1996 die Drehbücher für Ken Loach schreibt, seit ihrem ersten gemeinsamen Nicaragua-Film "Carla?s Song". Über die Hauptfigur ihres jüngsten Films "It?s a Free World", eine Arbeitslose, die ob ihrer Perspektivlosigkeit die Seiten wechselt und zur knallharten Unternehmerin wird, sagt er: "Es hat mir offen gestanden auch Spaß gemacht, es diesen Predigern, die vom Finanzzentrum in London aus den anderen Ländern in Europa Vorschriften machen, wie sie ihre Wirtschaft zu deregulieren haben, einmal so richtig zu zeigen, was dabei herauskommt: kriminelle Verhältnisse."

Weiteres: Stefanie Peter berichtet über eine Veranstaltung, bei der die amerikanische Historikerin Natalie Zemon Davis im Gespräch mit Sigrid Löffler ihr Buch "Leo Africanus. Ein Reisender zwischen Orient und Okzident" über Al-Hasan al-Wazzan, einen Weltreisenden des 16. Jahrhunderts, präsentierte.

Besprochen werden der Animationsfilm "Madagascar 2", die DVD von "Radio On" (1979), dem Debüt des britischen Filmkritikers und Filmemachers Chris Petit, und die Erzählungen der amerikanischen Kriegsreporterin und Schriftstellerin Martha Gellhorn "Das Wetter in Afrika" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und hier Tom.

Zeit, 04.12.2008

Klaus Harpprecht hat Peter Sloterdijks "Theorie der Nachkriegszeiten" über das Denken ind Deutschland und Frankreich gelesen - und schäumt vor Wut. Als "ein Nationalschwätzer, ein Schwadroneur in Schwarz-Weiß-Rot" habe Sloterdijk sich mit seinen Thesen erwiesen, nach denen die Deutschen im Übermaß umgelernt hätten, während die Franzosen der Selbsttäuschung verhaftet geblieben seien: "Die Deutschen leugneten nicht, 'im Sinne der Anklage schuldig' zu sein, während sich die 'französische Kritik an eine Gesellschaft von seltsam Freigesprochenen' richtete. 'Mag sein, dass deswegen das intellektuelle Deutschland die einzige Weltgegend ist, in der noch eine altmodische Korrespondenztheorie der Wahrheit dominiert.' Bravo! Das musste den Nachbarn endlich gesagt werden."

Weiteres: "Auf desaströse Weise engherzig und mutlos" findet Hanno Rauterberg den Schlossentwurf des italienischen Architekten Franco Stella, wobei ihm besonders die Ostfassade "furchtbar kalt und leblos" erscheint. Volker Hagedorn besucht den Großmeister der amerikanischen Avantgarde, den Komponisten Elliott Carter, in New York - er wird ebenfalls in diesen Tagen hundert. Tobias Timm lästert in der Randspalte über die designierte Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev: mit ihr werde schon wieder ein "Freizeitkapitän" auf große Weltreise geschickt.

Besprochen werden Woody Allens Dreieckskomödie "Vicky Cristina Barcelona", Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Rechnitz", Beethoven "Fidelio" in Paris, Ludger Vollmer Adaption von Fatih Akins "Gegen die Wand" für die Bremer Oper, die Ausstellung des amerikanischen Künstlers Mike Kelley in der Münchner Sammlung Götz und Gabor Csalogs Einspielung von György Kurtags "Jatekok Miniaturen".

Im Literaturteil schreibt Werner Bloch über den Business-Class-Ausflug deutscher Intellektueller nach Dubai. Andreas Isenschmid sichtet Alexander Kluges zehnstündigen Kapital-Film ("Herausgekommen sind beinahe vier durchaus wagnerianische Abende"). Das Dossier umkreist das Phänomen Schweiz: "Die Schweiz ist kein Paradies der Wohlanständigkeit. Aber der Schweizer ist nicht blöd." Und im Politikteil singt der indische Autor Suketu Mehta ein Hohelied auf das sündige Mumbai.

FR, 04.12.2008

Peter Michalzik besucht die Proben zu Shakespeares "Maß für Maß" in den Münchner Kammerspielen: "Stefan Pucher heißt der Mann, der hier den Überblick behalten muss. Der Regisseur lässt die Probe sehr lange ihren Weg gehen, ohne einzugreifen. Er sagt fast nie etwas vor. 'Das bringt nichts. Ich möchte, dass die Schauspieler und die Worte langsam verschmelzen.'"

Tom Schulz beschreibt das zähe Werden der Hamburger Elbphilharmonie: "Die von der Stadt zu tragenden Kosten liegen inzwischen bei 323 Millionen Euro" - und damit dreimal höher als ursprünglich geplant. Sandra Danicke stellt Carolyn Christov-Bakargiev vor, die designierte Leiterin der nächsten Documenta. Johannes Wendland besichtigt in einer Ausstellung im Kronprinzenpalais die verschiedenen Entwürfe zum Berliner Stadtschloss. In der Times mager würde Ina Hartwig gern wissen, warum die Fischer-Chefin Monika Schoeller erst jetzt zur Verlegerin des Jahres gekürt wurde.

Besprochen werden Woody Allens laut Daniel Kothenschulte "hinreißend sexualisierte" Komödie "Vicky Cristina Barcelona", Helma Sander-Brahms Film über Clara Schumann "Geliebte Clara", die Wiedervorlage des Animationsfilms "Madagascar" und Benedict Wells' Romandebüt "Becks letzter Sommer".

FAZ, 04.12.2008

Die Idee der CDU, der deutschen Sprache Verfassungsrang zu geben, weist Patrick Bahners, weit in die deutsche Geschichte hinabblickend, zurück - als Versuch einer weiteren "Sakralisierung des Grundgesetzes". Jürg Altwegg konstatiert nicht unzufrieden, dass in Frankreich die Literaturstars und SkandalautorInnen derzeit nicht reüssieren. Aus England berichtet Gina Thomas von schwindender Beliebtheit der "Misery Lit", jener autobiografischen Literatursparte, in der es ums eigene Elend geht. Andreas Kilb hat sich die Ausstellung mit den Ergebnissen des Stadtschloss-Architekturwettbewerbs angesehen - die, wie am Gegenentwurf von Kuehn Malvezzi eklatant sichtbar werde, noch einmal den Widerspruch zwischen gewünschter Gestalt und gewünschter Nutzung offenbaren. In der Glosse betrachtet Tilman Spreckelsen eine Galerie literaturbekannter nicht existenter Bücher und kommt dann auf Joanne K. Rowlings' "Die Märchen von Beedle dem Barden", das heute erscheint. Andreas Rossmann berichtet, wie Kasper König vom Museum Ludwig in Köln eine Stiftung gründete, um an von der Steuer absetzbare Schenkungen zu kommen. Lisa Zeitz porträtiert den nicht ganz einfachen Kunstmäzen Eli Broad. Über den Baubeginn für Stuttgarts "Bibliothek 21" informiert Timo John. Auf der Kinoseite schreibt Bernd Zywietz über Terrorismusdarstellung in Bollywood-Filmen.

Auf der Medienseite will Conde-Nast-Chef Jonathan Newhouse von einer Einstellung der deutschen Vanity Fair nichts wissen: "Es gibt keinen Grund, Vanity Fair nicht weiterzuführen. Es ist unsere erfolgreichste Marke."

Besprochen werden Patrice Chereaus Pariser Inszenierung von Marguerite Duras' "Der Schmerz", Falk Richters "Kabale und Liebe"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne, ein Konzert des australischen Sängers Scott Matthew in Heidelberg, Helma Sanders-Brahms' Clara-Schumann-Film "Geliebte Clara", die Turiner Kunsttriennale "50 Moons of Saturn", und Bücher, darunter Gabriele Wohmanns neue Erzählungen "Schwarz und ohne alles" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 04.12.2008

Thomas Steinfeld erklärt, warum es Unsinn ist, die deutsche Sprache in Verfassungsrang zu erheben: "Wer wirklich, wie der saarländische Ministerpräsident Peter Müller, 'ein klares Zeichen für die deutsche Sprache' setzen will, der müsste etwas anderes tun, als lauter bürokratischen Akten einen weiteren hinzuzufügen. Er müsste sich um die Attraktivität der Sprache bemühen, darum, was in ihr gesagt wird, und darum, wie es gesagt wird."

Catrin Lorch stellt die "metaphysisch schlagfertige und humorvoll offenherzige Denkweise" der nächsten documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev vor. Knapp informiert Renate Nimtz-Köster über Anwürfe von Islamkritikern gegen das Zentrum für Antisemitismusforschung, das vor "Islamophobie" warnt. Tassilo Schmitt schreibt zum Tod des Althistorikers Fritz Gschnitzer, von Jonathan Fischer kommt ein kurzenr Nachruf auf die US-Folksängerin Odetta.

Besprochen werden Benedikt von Peters Inszenierung von Verdis "I Masnadieri" mit - wegen Streiks - Klavier- statt Orchesterbegleitung, die, wie Jens Bisky bedauert, allzu bieder gemachte Ausstellung mit den Ergebnissen des Berliner Stadtschloss-Wettbewerbs, neu anlaufende Filme wie Helma Sanders-Brahms' "Geliebte Clara" (Website) und Seth Gordons "Mein Schatz, unsere Familie und ich" und Bücher, darunter der Abschlussband zur großen Frieda-Grafe-Werkausgabe und Christoph Menkes philosophische Studie zum Begriff der "Kraft" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).