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Heute in den Feuilletons

Wir beliefern keine Blogs

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2009. Die FAZ überzeugt die FR von der Sinnlosigkeit staatlicher Interventionen in der Krise. Das Blog Carta ist traurig, denn es muss ohne ein PR-Bild von Nikolaus Brender auskommen. Die taz erlebte Slavoj Zizek bei einem Vortrag in Berlin als Leibhaftigen. Die SZ lässt sich auch von der Meldung, dass Nicolas Sarkozy Briefmarken sammelt, nicht über den Niedergang der Philatelie täuschen. Die Welt testet Sonys E-Book. Alle Feuilletons feiern ein Wiedersehen mit der "Trilogie des Wiedersehens".

Welt, 09.03.2009

Die männliche Hälfte des Feuilletons hat Sonys E-Book getestet, das am Mittwoch auf den Markt kommt. "Thalia und Libri werden die Vertriebspartner von Sony, von deren Internet-Plattformen können Bücher heruntergeladen werden", informiert Thomas Lindemann in der Einleitung: "Die kleinen Buchhändler dagegen beobachten das neue Geschäft zu Recht skeptisch - es bedroht ihre Existenz, denn sie werden an den digitalen Vertriebswegen nicht beteiligt. Thalia.de bietet schon jetzt E-Books an. Der Top-Titel ist dort zurzeit 'Bestrafe Mich!' über Sadomaso-Sex. Er kostet fünf Euro, als gedrucktes Buch wären es 7,95 Euro gewesen."

Weiteres zum Thema: Holger Kreitling meldet Optimierungsbedarf für Linkshänder an, Elmar Krekeler hätte gern ein Leselicht.

Im Interview mit Michael Loest erklärt Pop-Sternchen Lily Allen, warum sie sich von Mohammed Al Fayed zur Neueröffnung von Harrod's hat einkaufen lassen: "Manche sind richtig opportunistisch dabei. Was ich ausdrücklich nicht bin. Ich habe es nur des Geldes wegen getan." In der Randglosse bemerkt Peter Dittmar, wie Russlands Oligarchen reihenweise von der Liste der Dollar-Milliardäre purzeln.

Besprochen werden Michael Thalheimers Abschiedsinszenierung "Der Reigen" am Hamburger Thalia Theater, Kate Berridges Biografie der "Madame Tussaud", die DVD-Edition des "Filmverlag der Autoren".

FR, 09.03.2009

Der nächste Finanzcrash kommt todsicher, Kapitalisten sind die größten Feinde des Kapitalismus und staatliche Hilfen für Unternehmen einfach ungerecht. Das alles hat Arno Widmann in "Der amerikanische Virus", einem Buch des Wirtschaftsredakteurs der Sonntags-Faz Rainer Hanks, gelesen: "Rainer Hank blickt mit äußerster Skepsis auf die Versuche, den Staat als regulierende Kraft zu installieren. Den Staat gibt es nicht. Der Staat sind die Politiker. Die wollen gewählt werden. Sie kümmern sich um Opel. Denn dort gibt es Wählerstimmen. Sie geben einem bankrotten isländischen Fonds Geld, damit dieser deutschen Sparern ihre Einlagen auszahlen kann. Das heißt, so Hank: 'Deutsche Sparer, die wegen satten sieben Prozent Zinsen nach Island gingen, lassen sich von jenen Deutschen herauspauken, die mit drei Prozent bei ihren heimischen Sparkassen zufrieden waren.'"

Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod Tullio Pinellis und zitiert den italienischen Drehbuchautor zu seiner ersten Begegnung mit Fellini: "Als wir uns trafen, war es, als hätte der Blitz eingeschlagen. Wir sprachen gleich dieselbe Sprache und träumten von einem Drehbuch, das ganz anders war als das Kino jener Zeit: Ein einfacher Angestellter entdeckt plötzlich, dass er fliegen kann."

Besprochen werden Hermann Beils Inszenierung von George Taboris "Mein Kampf" am Berliner Ensemble (Jürgen Otten hatte einen Kloß im Hals), eine Ausstellung mit Fotografien von Gordon Watkinson von Bauter im Deutschen Architekturmuseum und Tena Stivicics Stück "Funkenflug" am Staatstheater Wiesbaden.

NZZ, 09.03.2009

Mehr Wahrheit als Patina hat Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" angesetzt, findet Paul Jandl, dem Stefan Bachmanns minimalistische Inszenierung des kapitalistischen Realismus sehr gut gefallen hat: "Eine grell kolorierte tragische Komödie ist Bachmanns 'Trilogie des Wiedersehens', wenn sie die Ökonomie des Lebens als Mangelwirtschaft vorführt. Der Liebe nämlich bleibt nur noch Kleingeld: Man zählt, was man hat, und es wird niemals reichen. Die wechselnden Liebespaare des Stücks sind 'Rücken an Rücken Vereinte', denen der Beziehungspessimismus des Botho Strauß jegliche Chance nimmt, sich sehenden Auges nahe zu sein."

Weiteres: Joachim Güntner wirft die Frage auf, wie maßgeblich die Patientenverfügung des an Demenz erkrankten Walter Jens ist, der sich mal den Tod wünscht und sich mal ans Leben klammert. Anlässlich der Jubiläumsspielzeit des Theaters Lübeck lobt Marianne Zelger-Vogt den Operndirektor und GMD Brogli-Sacher für Stückeauswahl, Regie und Orchesterarbeit.

Besprochen werden das Tanzstück "Fürchtet euch nicht" am Luzerner Theater, Gerhard Meisters Stück "Hugos schöner Schatten" in Bern, die DVD "London to Brighton" und die Ausstellung im Münchner Theatermuseum zu den legendären "Ballets Russes".
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Aus den Blogs, 09.03.2009

Das Blog Carta hätte gern für seine Berichterstatutung über die Brender-Debatte ein PR-Foto Nikolaus Brenders vom ZDF erhalten - das wurde ihm aber verwehrt, was laut Gedächtnisprotokoll zu folgendem Telefongespräch führte:
"Carta: Herr Ladewig, Sie haben uns gerade per E-Mail mitgeteilt, dass wir keine Fotos vom ZDF erhalten - warum eigentlich nicht?
Ladewig: Wir beliefern keine Blogs.
Carta: Hm, ach so. Kann man das so schreiben - ist das zitierfähig?
Ladewig: Nein, das dürfen Sie so nicht schreiben. Sie verwenden bitte die Formulierung aus der E-Mail, dass 'für diesen Verwendungszweck' keine Fotos zur Verfügung gestellt werden können.
Carta: Das ist nicht ihr Ernst.
Ladewig: Doch."

Der britische Physiker Stephen Wolfram hat eine neue Suchmaschine entwickelt, die besser sein soll als Google, meldet Owen Thomas in Valleywag. Sie heißt Wolfram Alpha "and will 'compute' answers to questions, where Google and other search engines merely trawl the Web for pages which might hold the answer. To do this, Wolfram has had a small army of researchers working on systematically analyzing and structuring the corpus of human knowledge so that a computer might be able to answer questions with concrete answers, such as, 'How far will the Earth be from the Sun tomorrow?', a question Google completely fails to answer."

TAZ, 09.03.2009

Tim Caspar Boehme war total hingerissen von Slavoj Zizek, der zur Premiere seines Film "The Pervert's Guide to Cinema" in Berlin einen Vortrag hielt: "In gewisser Hinsicht repräsentiert Zizek auf höchst eigene Weise die - üblicherweise etwas anders gemeinte - Rückkehr des Leibes in die Philosophie im 20. Jahrhundert. (...) So würden statistische Angaben darüber, wie oft er sich bei Vorträgen ruckartig an die Nase fasst, sicher zu bemerkenswerten Ergebnissen führen. Doch statt bloß unfreiwillig komisch zu wirken, sind seine Tics fester Bestandteil seines Denkens. Was andere einfach verdrängen, kehrt bei ihm aus Prinzip wieder." Oh.

Besprochen werden Jason Lutes' Graphic Novel "Berlin - Bleierne Stadt" und die Aufführung von Schorsch Kameruns Stück "M. S. Adenauer" am Schauspiel Köln.

Und Tom.

FAZ, 09.03.2009

Mark Siemons liest für den Aufmacher ein "Blaubuch" der chinesischen Regierung, die sich in den letzten Wochen auffällig um Europa bemühe. In dem Blaubuch mache man sich Sorgen um europäische Vorbehalte gegenüber China, etwa dem Festhalten an Demokratie und anderen Überheblichkeiten ehemaliger Kolionalherren, und gleichzeitig hoffe man auf eine multipolare und multikulturelle Welt. Swantje Karich surft für die Leitglosse auf muslima.com, wo heiratswillige muslimische Mädchen fromme Männer suchen - zum Glück gibt's auf der Seite aber auch eine Blogroll mit Alternativen: InterracialCupid.com oder MilitaryLoveLinks.com oder SingleParentLove.com. Andreas Kilb verfolgte eine Podiumsdiskussion über die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses, in der es vor allem um Fragen des Innenausbaus ging. Holger Noltze resümiert ein mit führenden Dichtern besetztes Symposion über das Übersetzen im angenehmen Rahmen des restaurierten Schlosses Elmau. Till Krause hat einer Tagung zur hoffnungsfrohen Frage "Kapitalismus am Ende?" der Altermondialisten von Attac zugehört, die in Berlin immerhin 2.500 Zuhörer fand. Auf der letzten Seite wird bedeutenden Kulturmenschen zu unterschiedlich runden Geburtstagen gratuliert.

Besprochen werden Schnitzlers "Reigen" am Thalia Theater in der Regie Michael Thalheimers und Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" am Burgtheater in der Regie Stefan Bachmanns, die aber beide nicht Gerhard Stadelmaiers Gnade finden, Alice Greenways Romandebüt "Weiße Geister", Uraufführungen beim Ensemble Modern in der Frankfurter Alten Oper sowie David Gieselmanns Stück "Die Tauben" an der Berliner Schaubühne (von Marius von Mayenburg laut Irene Bazinger als "federleichte Revue exquisiter Identitätskrisen" inszeniert).

SZ, 09.03.2009

Burkhard Müller knüpft an die Meldung, dass Nicolas Sarkozy Briefmarken sammelt, eine kleine Meditation übe den Niedergang der Philatelie und des Postwesens im allgemeinen: "Die heutige Briefmarke hat ihre Fasson eingebüßt; aus ihrer Gestalt hat sich der Stolz zurückgezogen, der ihr einst eignete, als der Briefverkehr von so zentraler Bedeutung war, dass die souveränen Staaten ihn selbst in die Hand nahmen, um ihm, in mehr als einer Hinsicht, ihren Stempel aufzudrücken."

Weitere Artikel: Tobias Moorstedt stellte sich auf dem Berliner Attac-Kongress die Frage: "Wie viel Verelendung, wie viel Armut, Hunger, Heimatlosigkeit braucht man, damit Attac erfreut zur Kenntnis nehmen kann, dass die Voraussetzungen für den Widerstand erfüllt sind?" In den "Nachrichten aus dem Netz" erzählt Katharina Bueß die Geschichte des neuen Albums der Nine Inch Nails, das unter Kooperation der Fans zusammengestellt wurde und im Netz frei herunterzuladen ist: "Den Titel 'Another Version Of The Truth' darf man getrost als Kritik am Copyright-Verständnis der Musikindustrie deuten." Johannes Willms wundert sich über den zuweilen bizarren Umgang mit Pariser Adressen, die mit der Kollaboration verknüpft sind - ein Politiker schlug nun vor, einfach die Hausnummer eines Hauses zu ändern, in dem einst die Nazis hausten. Gottfried Knapp betrachtet die Entwürfe für ein Beethoven-Festspielhaus in "World-Class-Architektur mit First-Class-Akustik", das die Telekom, die Postbank und die Post der Stadt Bonn spendieren wollen. Stephan Speicher skizziert den Standpunkt des Rechtshistorikers Michael Stolleis zur gerade debattierten Frage, ob die DDR ein Rechtsstaat gewesen sei, den er bei einem Vortrag in Berlin darlegte. Tobias Lehmkuhl inspiziert die provisorischen neuen Räume des Aufbau-Verlags in der Berliner Lindenstraße. Christine Dössel gratuliert der Schauspielerin Lola Müthel zum Neunzigsten.

Besprochen werden Stefan Bachmanns Inszenierung von Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" am Burgtheater (laut Helmut Schödel eine " fast schon pubertäre Attacke" des Regisseurs gegen das Stück, die leider keine Funken schlug), Tschaikowskys "Eugen Onegin" ebenfalls in Wien, neue DVDs, darunter die Darfur-Dokumentation "Sand and Sorrow/Sand und Tränen", die unter Beteiligung George Clooneys entstand, und Bücher, darunter Per Olov Enquists Autobiografie "Ein anderes Leben".