Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Fünf Regale voll Lyrik! Dum derra dum!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2009. In der Welt prangert Juli Zeh unsere selbstgewählte intellektuelle Legasthenie an. Im Tagesspiegel erklärt Stepan Russ-Mohl den Zeitungen: Die Hölle im Netz sind die anderen. Die taz swingt in einem Buchladen in Venice Beach. Die SZ erklärt den Skyscraper Index, an dem sich der Stand einer Wirtschaftskrise ablesen lässt. Die FAZ kritisiert das geringe Interesse der Niederländer für die Massaker in ihren ehemaligen Kolonien.

Welt, 19.12.2009

Einen schönen Auftritt verschafft die Welt heute den verschiedensten AutorInnen. Juli Zeh zum Beispiel prangert in der Literarischen Welt unsere selbstgewählte intellektuelle Legasthenie an, die nicht Folge, sondern Ursache eines miserablen Bildungssystems sei: "Wer keine Zeit hat, ein Buch zu lesen, während es für die tägliche Stunde Fitnesscenter oder Yoga durchaus reicht; wem ein Theaterbesuch zu teuer ist, die neue Anti-Falten-Creme mit dreifachem Wirkstoffkomplex aber nicht; wer politische Demonstrationen sinnlos findet und am Wochenende mit Tausenden von Gleichgesinnten in bunten Wurstpellen durch die Innenstadt joggt - der muss sich nicht wundern, wenn sein Kind in der Schule Lindgren light zu lesen bekommt."

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat Robert Bolanos "2666", ein "Wal von einem Roman", gelesen und ist hin und weg: "Seine Toten leben und wollen uns unbedingt noch etwas sagen. Man hört ihr Geschrei, während sie verscharrt werden und sich die Aktendeckel über ihnen schließen. Sie vibrieren förmlich. Metaphernsicher, mit Sinn für rasante dramaturgische Schnitte (auch den locker eingestreuten Kürzestdialog beherrscht er hinreißend), dabei höchst ambivalent zwischen Frechheit, Wahn, Zynismus, Trauer, Wut und Komik schwankend, berichtet dieser chilenische Vielfraß und Alleskönner vom Bösen."

Jacques Schuster trifft den amerikanischen Autor Nathan Englander, der gerade als Stipendiat in Berlin lebt und es gar nicht mochte, als Vertreter einer neuen jüdischen Literatur, als ein "New Yiddishst" abgestempelt zu werden: "Wenn jemand onaniert, ist er ein Masturbator. Ist er das immer noch, wenn er später in der S-Bahn sitzt?"
 
Im Feuilleton werden eine Schau des spanischen Barockmeisters Juan Bautista Maino im Prado sowie eine Londoners Inszenierung von Molieres "Menschenfeind" mit Keira Knightley besprochen.

Tagesspiegel, 19.12.2009

Der Medienforscher Stephan Ruß-Mohl setzt im Interview mit Thomas Eckert und Joachim Huber ganz auf bezahlte Inhalte. Denn von der Politik sollte sich der Journalismus nicht aushalten lassen und Werbung funktioniert online auch nicht: "Hubert Burda hat es jüngst auf den Punkt gebracht: Man kriegt nur 'lausige Pennies' für Onlinewerbung, weil das große Geschäft im Internet die Suchmaschinen machen, weil online Wettbewerb herrscht und die Medienhäuser ihre einstigen Monopol- oder Oligopolstellungen verloren haben und keine Preise mehr diktieren können. Und weil das gesamte Kleinanzeigengeschäft wegbricht."

FR, 19.12.2009

Peter Michalzik kommentiert den Diebstahl des "Arbeit macht frei"-Schriftzugs über dem Eingangstor in Auschwitz und erläutert, warum es sich dabei um eine Schändung von großer symbolischer Wirkung handelt: "'Arbeit macht frei' und 'Jedem das Seine' über den Toren von Auschwitz und Buchenwald, darin klingt das Echo des Spruches 'Erkenne dich selbst!' an, der angeblich über dem Eingang zur antiken Welt gestanden haben soll. Es ist das Echo eines emphatischen Menschseins, einer Verheißung, es ist dieses Echo eines Entwicklungsversprechens, das den Spruch der Nazis so ganz besonders perfide macht."

Weitere Artikel: Christian Thomas geht mit dem Architekten Christoph Mäckler durch Frankfurt und lässt sich von ihm die schlimmsten architektonischen Sünden erklären. Harry Nutt widmet dem nach Renovierung wieder eröffneten Schloss Schönhausen eine Times Mager. Ulfried Kleinert stellt - im interreligiösen Vergleich - den Religionsstifter Buddha vor. Marcia Pally erklärt in ihrer US-Kolumne, warum in Amerika alle mit Barack Obamas Friedensnobelpreisrede glücklich waren.

Besprochen werden ein Sting-Konzert in Baden-Baden, die neue Zirkus-Revue "India" in Frankfurt und Kathrin Hartmanns Anti-LOHA-Buch "Ende der Märchenstunde" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 19.12.2009

Mit einem recht textbefreiten Ohrwurm von Van Morrison im Kopf geht der Schriftsteller Klaus Modick in Venice Beach spazieren und trifft auf viel kalifornisches Lebensgefühl, aber auch durchaus Unerwartetes, wie eine großartige Buchhandlung: "Keiner dieser standardisierten Buchsupermärkte, vollgestapelt mit qietschbunten Bestsellern, dum dum, und mindestens fünfzig Kaffeevariationen im Ausschank, sondern ein liebevoll und sachkundig sortierter, unabhängiger Laden. Allein fünf Regale voll Lyrik! Dum derra dum! Auf dem Tresen stehen die Empfehlungen der Mitarbeiter, und diese Empfehlungen, subjektive Kurzkritiken, sind in schönster Kalligrafie säuberlich auf Kärtchen geschrieben. Dass es so was überhaupt noch gibt! Ausgerechnet hier beziehungsweise diddy diddy dah dah!"

Weitere Artikel: Cristina Nord porträtiert den Schauspieler Birol Ünel, der in Fatih Akins "Gegen die Wand" groß rauskam und in Akins neuem Film "Soul Kitchen" in einer eher kleinen Rolle einen Koch spiel. Michael Braun hat das Enthüllungsbuch des Berlusconi-Callgirls Patrizia D'Addario gelesen und kann erklären, warum das darin Geschilderte die Italiener wenig erschüttert: "Völlig normal findet D'Addario - und mit ihr Millionen Italiener -, politische Macht für eigene, private Zwecke zu nutzen." Kendra Eckhorst unterhält sich mit dem Politikwissenschaftler Patrick Ehnis darüber, wie sich für Männer Kinder und Karriere vereinbaren ließen.

Besprochen werden und Bücher, darunter Urs Widmers neuer Roman "Herr Adamson" und ein Sammelband mit dem Titel "Über Marx hinaus" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 19.12.2009

In Literatur und Kunst plädiert der Historiker Jörg Fisch dafür, Hitlers gesammelte Werke in einer kritisch-wissenschaftlichen Edition zugänglich zu machen. Roman Bucheli schreibt zum Achtzigsten der Schriftsteller Hugo Loetscher und Paul Nizon. Jürgen Ritte schreibt zum Hundertsten der französischen Literaturzeitschrift Nouvelle Revue Francaise. Bernd Roeck erzählt, wie die Stadt als Thema der Kunst entdeckt wurde. Ludger Lütkehaus sucht den Zusammenhang zwischen Nietzsches Lebens- und Sprachstil.

Im Feuilleton untersucht Dorothea Dieckmann unter der Überschrift "Sorgfältig abgeschrieben" Ähnlichkeiten zwischen Uwe Tellkamps "Turm" und dem fünf Jahre früher erschienenen Roman "Die letzten Mohikaner" von Jens Wonneberger. David Albahari antwortet auf die Frage, was sein Stil ist: "Ich weiß es nicht".

Besprochen werden die Ausstellung "The World is Yours" im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebaek, Uraufführungen neuer Stücke von Alan Bennett und John Logan über Künstler (Rothko, Britten, Auden) auf Londoner Bühnen und Jürg Amanns Roman "Die kalabrische Hochzeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 19.12.2009

Der Musikwissenschaftler Boris von Haken hat die Vergagenheit der einstigen Koryphäe des Fachs, Hans Heinrich Eggebrecht aufgedeckt, in der Zeit berichtete Volker Hagedorn (unser Resümee). Der Münchner Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer warnt vor einer allzu schnellen Verurteilung des Musikwissenschaftlers wegen dessen Mitgliedschaft bei der Feldgendarmerieabteilung 683, die Tausende von Juden umbrachte: "Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Artikels, dass das Entscheidende, welcher Art die Beteiligung war, im Dunkeln bleibt. Offensichtlich hat von Haken für individuelle Schuld außer der Angehörigkeit Eggebrechts zu dieser Kompanie nicht die geringsten Belege, sonst hätte er sie vorlegen müssen." Fischer bekennt am Schluss seines Artikels sein Bangen vor dem Projekt von Hakens, ein Buch über die Musikwissenschaft und den Holocaust herauszubringen.

Der Wolkenkratzer in Dubai ist gerade fertig geworden - und die Krise ist da. Kein Zufall, weiß Burkhard Müller: "Die großen ehrgeizigen Wolkenkratzerprojekte tendieren dazu, Nachzügler jenes Booms zu sein, dem sie sich verdanken. Es besteht hier ein so zuverlässiger Zusammenhang, dass Andrew Lawrence von der Bankengruppe Dresdner Kleinwort Wasserstein schon vor zehn Jahren einen 'Skyscraper Index' aufgestellt hat. Dieser besagt, dass die höchsten Gebäude der Welt immer gerade dann ihre Fertigstellung erleben, wenn die Konjunktur dabei ist, abzustürzen."

Weitere Artikel: Jörg Häntzschel stellt das größte private Bauprojekt der USA vor - angesiedelt in Las Vegas. Petra Steinberger macht eine Inventur des Klimawandels. Friedrich Dieckmann wittert zwanzig Jahre nach Mauerfall nach dem Geruch der DDR und der Freiheit - aber er riecht nichts mehr davon. Alex Rühle kommentiert den Streit um die Schließung des Lesesaals des Goethe-Instituts in Pjöngjang. Hans-Peter Kunisch gratuliert dem Schriftsteller Paul Nizon zum Achtzigsten. Fritz Göttler schreibt zum Tod der Schauspielerin Jennifer Jones.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende hat Werner Bartens den Eindruck, dass wir vor lauter Bemühen um unsere Gesundheit schon ganz krank sind. Antje Wewer porträtiert Vater Edzard und Sohn Leander Haußmann. Eva Karcher schildert, wie Hugh Hefner nicht nur den Playboy, sondern auch noch sein Leben erfand. Martin Amanshauser verabschiedet den Wiener Südbahnhof. Auf der Literaturseite gibt es einen Auszug aus Benjamin Steins demnächst erscheinendem Roman "Die Leinwand" zu lesen. Gabriela Herpell spricht mit Fatih Akin über Romantik, Männerfreundschaften und Fernsehen, das verdummt.

Besprochen werden die Jack-Goldstein-Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, die Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns "Der Mann, der die Welt aß" in Heidelberg, die Inszenierung von Dejan Dukovskis Stück "Leere Stadt" im Münchner Marstall, ein Konzert des Cellisten Jean-Guihen Queyras in München, Martin Provosts Film "Seraphine" und Bücher, darunter Friederike Mayröckers zu ihrem 85. Geburtstag erscheinender neuer Gedichtband "dieses jäckchen (nämlich) des Vogel Greif" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 19.12.2009

Angehörige der Opfer eines Massakers auf der indonesischen Insel Java haben den niederländischen Staat verklagt, berichtet Dirk Schümer in Bilder und Zeiten. 1947 hatten niederländische Truppen im besetzten Indonesien auf der Suche nach einem Guerillaführer 431 Bewohner des Dorfes Rawagede abgeschlachtet. Niemand wurde dafür je verurteilt. Und auch heute interessieren sich die Niederländer nicht für die Geschichte, so Schümer: "Das Interesse an den Greueln des Kolonialkriegs ist in den Niederlanden überraschend gering und kann es mit der Allgegenwart der Opfergeschichten aus der deutschen Besatzungszeit nicht entfernt aufnehmen. Die Nachricht von der Klage der Rawagede-Opfer, die in Indonesien selbst großes Aufsehen verursachte, schaffte es Anfang Dezember kaum in die Amsterdamer und Rotterdamer Medien. Unter den etablierten Parteien unterstützt einzig die radikalsozialistische SP die Forderung der Opfer nach Entschuldigung und Kompensation."

Weitere Artikel: Melanie Mühl vermisst die romantische Liebe in heutigen Zeiten. Helmut Mayer gratuliert der französische Literaturzeitschrift Nouvelle Revue Francaise zum Hundertsten. Jan-Frederik Bandel begutachtet japanische Modelabels für klassische amerikanische Outdoor-Kleidung. Die Sopranistin Christine Schäfer klagt zwar im Interview: "Die ganze Gesellschaft samt ihren Idealen von Kunst und von Künstlern tendiert inzwischen weltweit zur Nivellierung", wirkt aber insgesamt doch ganz zufrieden. Besprochen wird Ulrich Bechers Roman "Murmeljagd" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Fürs Feuilleton haben sich Jugendliche mit Künstlern, Wissenschaftlern und Bankiers unterhalten oder wurden bei der Unterhaltung beobachtet. Hier das Zusammentreffen von Judith Hermann mit der 17-jährigen Clara von Rauch. Auf der letzten Seite porträtiert Uwe Ebbinghaus die Sängerin und Sinti Sarah Kreuz, die um ein Haar Deutschlands nächster Superstar geworden wäre und jetzt eine Karriere als Sängerin in Angriff genommen hat. Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht's unter anderem um Lieder von Gabriel Faure und die neue CD der Girls.

In der Frankfurter Anthologie stellt Eva Demski ein Frühlingsgedicht von Else Lasker-Schüler vor:

"Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein,
Du hüllst mich in Dein Leben ein
..."