Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 31

Magazinrundschau vom 17.03.2015 - Eurozine

Im russisch-ukrainischen Krieg versuchen die Russen nicht einfach nur die Ukraine unter ihrem Einfluss zu halten, sie fürchten die Auflösung einer orthodox-slawischen "Ummah", die ihre Wurzeln im 10. Jahrhundert hat, erklärt der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk in New Eastern Europe (online gestellt von Eurozine): "Der andauernde Krieg, euphemistisch als "Krise" bezeichnet, markiert den Anfang, nicht das Ende eines schmerzhaften und mühsamen Emanzipationsprozesses beider Nation von einer vormodernen "imaginierten Gemeinschaft" östlicher Slawen (der mittelalterlichen Slavia Orthodoxa), neu belebt und überpolitisiert in einem höchst zweideutigen Konzept der "Russischen Welt". Die Ukrainer haben aus einer Reihe von Gründen die größeren Fortschritte in diesem Emanzipationsprozess gemacht, während andere slawische Nationen - wie Russland (oder noch mehr Weißrussland) - zu einem gewissen Grad immer noch einer quasireligiösen Identität anhängen, die sie immer noch zu vormodernen, nicht bürgerlichen Werten und Klientelismus treibt. Diese Art von Identität, Ergebnis eines bestimmten imperialen Diskurses, wurde in abgewandelter Form unterstützt von den herrschenden Mächten in den drei Ländern, die einer radikalen de-Sowjetisierung ihres Machtbereichs widerstanden, vor allem weil sie begriffen, dass die Verwandlung des Sowjets - oder des imperialen, schwer mythologisierten "orthodoxen Slawen" - in Ukrainer, Russen und Weißrussen vor allem bedeutete, dass aus ihren gehorsamen, quasifeudalen Subjekten freie und selbstbewusste Bürger werden würden."

Magazinrundschau vom 10.03.2015 - Eurozine

Pawel Pawlikowskis Film "Ida" hat letzten Monat einen Oscar als bester ausländischer Film erhalten, aber in Polen ist darum eine erbitterte Debatte entstanden, die Filip Mazurczak in der Zeitschrift Respublica (englisch in Eurozine) analysiert. Der Film spielt in den Sechzigern. Eine junge Nonne, die als Waise ins Konvent kam, erfährt, dass sie Jüdin ist. Ihre Eltern wurden von einem polnischen Bauern umgebracht. Und sie erfährt, dass sie eine Schwester hat, die eine böse kommunistische Richterin ist. Angegriffen wird der Film von rechts und links - von rechts, weil der einzige Judenmörder im Film ein Pole ist, während Zehntausende Juden von Polen unter Lebensgefahr gerettet wurden. Von links, weil die rächende kommunistische Jüdin ein antisemitisches Klischee sei. Mazurczak plädiert dafür, den Film nicht als ein historisch repräsentatives Bild, sondern als eine individuelle Geschichte zu sehen: "Was die Mehrheit der Polen angeht, so hatten manche Mitleid mit den Juden und andere empfanden Schadenfreude... Es ist überliefert, dass es es polnische Bauern gab, die Juden, die bei ihnen untergebracht waren, umgebracht haben. Und darum ist der Film nicht als solcher antipolnisch. Nie wird in dem Film suggeriert, dass das Verhalten des Bauern die polnische Gesellschaft repräsentiert."

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Eurozine

Die Architektin Arna Mackic schreibt sehr lesenswert über den Wiederaufbau der Stadt Mostar, die vor zwanzig Jahren zwischen katholischen Kroaten und muslimischen Bosniern umkämpft war. Sie beschreibt den Zustand der Stadt zwischen Kriegsruinen und neu errichteten Gebäuden mit aufdringlich ethnisch-religiöser Note. Und sie macht einen Vorschlag zu einer gemeinsamen Institution, die das berühmteste Bauwerk der Stadt, die Brücke über die Neretva, mit einbindet. Hier gab es seit eh und je eine Tradition des Turmspringens - junge Männer sprangen von der Brücke in den Fluss, um ihre Bräute zu beeindrucken: "Um eine neue Architektursprache in der "neutralen" Zone zu entwickeln schlage ich eine Schule vor, in der Bürger Schritt für Schritt Turmspringen lernen - mit dem Sprung von der Brücke als letztem Schritt. Diese Aktivität stünde allen Bewohnern offen, unabhängig von Nationalität, Relgion oder Geschlecht. Turmspringen ist eine uralte Tradition, etwas Atavistisches. Es ist vorreligiös. Historiker fragen, ob die Turmspringer in vorchristlichen Darstellungen überhaupt schwimmen konnten. vielleicht wurde das Springen sogar vor dem Schwimmen erfunden."

Der Artikel ist Teil eines ganzen Dossiers über "New urban topologies", in dem unter anderem Rania Sassine über Beirut schreibt.

Dass Britannien das Asyl für die Unterdrückten dieser Welt sei, ist ein frommer Mythos, den sich Britanien selbst erzählt und den schon der politische Flüchtling Karl Marx einst widerlegte, schreibt Imogen Tyler: "Wie Marx zeigt, lebten zwar 2.000 wohlhabende und Mittelschichtflüchtlinge (wie er) relativ frei in London und genossen nicht nur die Duldung der britischen Regierung, sondern wurden als Beweis für den britischen Liberalismus vorgeführt. Aber die große Mehrheit der Mirgranten wurde mit Misstrauen beäugt und vom Industriekapital skrupellos ausgebeutet. Migranten aus Irland waren die am meisten verachtete, kriminalisierte und stigmatisierte Gruppe in dieser Zeit."

Magazinrundschau vom 17.02.2015 - Eurozine

Die perverseste Kehrseite des europäische Projekts ist die Flüchtlingspolitik, aber paradoxerweise sind alle jene wohlmeinenden Menschen, die Schlange stehen, um gegen Pegida zu demonstrieren, für dieses Thema kaum zu mobilisieren. Auch die Linke, so sagt Fabrizio Gatti in einem bestürzenden Gespräch mit Göran Dahlberg und Linn Hansén von Glänta (englisch in Eurozine) treibt Populismus gegen Flüchtlinge, aus Angst vor Rechtspopulisten. Gatti kennt sich aus - seit zehn Jahren begleitet er Flüchtlinge und verkleidet sich dabei zum Teil selbst als einer (so für sein Buch "Bilal - Als Illegaler auf dem Weg nach Europa"). Dass das Problem für Europa nicht so gravierend wäre, wie getan wird, zeigt er an einer einfachen Rechnung: Es gelangen etwa 125.000 Menschen jährlich nach Europa. "Ungefähr das Äquivalent einer europäischen Stadt. Einer Großstadt! Aber die Bevölkerungszahl der Europäischen Union, die man in der Flüchtlingsfrage wegen der gemeinsamen Außengrenze als Nation betrachten muss, liegt bei 507 Millionen Menschen. Was heißt, dass auf jede europäische Stadt in der Größe Göteborgs mit 500.000 Einwohnern 125 Flüchtlinge pro Jahr entfallen. Es wäre doch sehr seltsam, wenn eine reiche europäische Stadt nicht 125 Menschen zeitweilig oder permanent Unterschlupf geben könnte."

Weitere Artikel zur Lage der Flüchtlinge in Europa: Imogen Tyler kritisiert die britische Flüchtlingpoltik. Und Peo Hansen denkt über "Migration im Zeitalter der Austerität" nach.

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - Eurozine

Roman Schmidt unterhält sich sehr anregend mit David Marcus, dem neuen Chefredakteur der Zeitschrift Dissent über die Blüte neuerer, in den letzten zehn Jahren gegründeter politischer und literarischer Zeitschriften in den USA: "Wirklich, es gibt eine schöne politische Vielfalt in all diesen kleinen Magazinen. Jacobin (Website) ist wahrscheinlich marxistischer als die anderen und stärker an einer Art Zweiten Internationalen oder Volksfront ausgerichtet. N+1 (Website) ist literarischer und versucht eine kulturelle Analyse, die sich an der Frankfurter Schule orientiert, aber es gibt auch eine Menge radikalen Feminismus dort. The New Inquiry (Website) ist vielleicht am schwierigsten festzunageln - was ich als eine ihrer größten Stärken betrachte. Aber viele ihrer Autoren scheinen zum Anarchismus und anderen nicht-sozialistischen Spielarten des Radikalismus zu neigen."

In einem leidenschaftlichen Text attackiert die Osteuropahistorikerin und Ukraine-Spezialistin Anna Veronika Wendland ihr eigenes Fach, aber auch abgehalfterte SPD-Politiker wie Gerhard Schröder, Erhard Eppler und Helmut Schmidt, die bereit sind, halb Osteuropa auf dem Lotterbett ihrer posthumen Entspannungspolitik zu opfern, und den Historiker Jörg Baberowski, der den ukrainischen Nationalmythos auseinandernahm - etwas einseitig, wie Wendland findet: "Vor allem aber vergaß Baberowski, seine Werkzeuge aus der Kiste des Dekonstruktivismus auch auf den großrussischen Nationalismus und seine Mythologien anzuwenden, der sich gerade auf der Krim und in der Ostukraine gewaltsam breitmachte und sich von der Idee des Russländischen Imperiums ja gerade dadurch unterscheidet, dass er ethnozentrisch argumentiert. Aber der russische Mythos erscheint von jeder Analyse enthoben. Kiew sei nun mal der mythische Ur-Bezugspunkt der Russen - jener der Ukrainer offensichtlich nicht? - und das erkläre die russische Reaktion, die man gefälligst zu verstehen habe."

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - Eurozine

Joe McNamee von der Organisation European Digital Rights (Edri.org) erklärt in Eurozine, warum auch das Thema Netzneutralität mit der Frage von Privatsphäre und Bürgerrechten im Netz engstens verknüpft ist. Und er sieht eine unheilige Allianz zwischen Staaten und Internetprovidern heraufziehen: "Access Provider lassen sich sehr gern bitten, bestimmte Online-Inhalte "freiwillig" zu blockieren. Dies erlaubt es Politikern, Verantwortung im Kampf gegen tatsächliche Verbrechen - etwa Kindesmissbrauch und entprechende Videos - abzuschieben. Und sobald solche Blockaden für echte Verbrechen erlaubt sind, können sie für weniger legitime Zwecke wie die Durchsetzung von Urheberrechten genutzt werden. Wie auch immer die Frage, die Antwort lautet: "Sollen doch die Access Provider diesen Inhalt blockieren." Diese begrüßen die Banalisierung der Eingriffe, denn sie schaffen eine Welt, in der die Provider entscheiden, wer auf dem Online-Marktplatz zu den Siegern oder Verlierern gehört."

Magazinrundschau vom 16.12.2014 - Eurozine

Kaya Genç fragt sich in einem Artikel für den New Humanist (online bei Eurozine), was Recep Tayyip Erdogan meint, wenn er von der "Neuen Türkei" spricht und verweist auf eine Kombination von Attributen der Moderne (neunzig Shopping Malls in Istanbul!) und religiösen Symbolen wie dem Kopftuch: "Die Autorin Ece Temelkuran, die ich in einem Straßencafé in Cihangir traf und die eine der prominentesten Unterstützerinnen der Gezi-Proteste im letzten Jahr war, spricht mit Blick auf die "Neue Türkei" lieber von einem "Neuen Dubai", gegen das die Türken sich wehren sollten. "Seit fünf Jahren erleben wir einen Dubaisierungsprozess", sagt Temelkuran. "Und das heißt: Säubere den öffentlichen Raum von allen sozialen Umtrieben, zerstöre die Idee der öffentlichen Sphäre, indem du alle humane Interaktion auf Konsum reduzierst. Die Idee der Politik schwindet dabei natürlich in dramatischer Weise." Hiergegen richteten sich ihrer Meinung nach die Gezi-Proteste." Genç schließt, dass es nicht eine alte und eine neue Türkei gibt, sondern zwei neue: eine säkulare, in der man Alkohol trinken und schwul sein darf und eine islamische mit Hochgeschwindigkeitszügen.

Kirill Rogov begleitet (ursprünglich in vedomosti.ru, auf Englisch in Eurozine) den Aufstieg des russischen Nationalismus mit einigen soziologischen und wirtschaftlichen Daten, nur ein Beispiel: "Von 2005 bis 2007 fiel die Rate der Einkommen aus Sozialtransferts auf 12,1 Prozent und die Proportion der Einkommen aus unternehmerischen Aktivitäten lag bei 20,6 Prozent. Im Zeitraum von 2011 bis 13 dagege stieg die erste Zahl auf 18,4 und die zweite sank auf 14,1 Prozent." Mit weiteren Zahlen kann Rogov untermauern, das in den letzten Jahren die staatliche und staatsnahe Sphäre immer weiter auf Kosten der Wirtschaft gepeppelt wurde.

Magazinrundschau vom 25.11.2014 - Eurozine

Die Klage ist alt und bekannt. Europa hat keine Öffentlichkeit. Eurozine-Macher Carl Henrik Fredriksson will mit Jürgen Habermas die Hoffnung auf die Medien und ihre Fähigkeit, nationale in internationale Debatten zu übersetzen, trotzdem nicht aufgeben und redet ihnen ins Gewissen: "Wenn die vierte Gewalt eine Säule des demokratischen Systems bleiben will, dann sollte sie sich dieser "komplizierten Übersetzungaufgabe" schnellstens stellen und sich "fremden" Perspektiven öffnen. Politik ist längst nicht mehr auf den Nationalstaat begrenzt, während der Standpunkt der Medien und das Wertesystem, auf dem die Berichte der Journalisten basieren, fast ausschließlich national begründet sind. Solch eine Medienlandschaft kann keine Fundamente für eine vereinte Gesellschaft legen."

Ebenfalls in Eurozine: ein aus New Eastern Europe übernommenes Gespräch mit der polnischen Lyrikerin Ewa Lipska, die über ihre Stadt Krakau spricht und neulich gar einen Song für den polnischen Rapper O.S.T.R. schrieb: "Diese Entscheidung fiel in Kalisz, wo man an den hundertsten Jahrestag der Zerstörung der Stadt erinnern wollte. Adam Klocek, der Direktor der dortigen Philharmonie hatte die Idee. Ich mochte die Vorstellung. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mit einem Rapper debütieren würde." Frage des Interviewers Lukasz Wojtusik: "Und wenn Sie heute neu anfangen würden?" Antwort: "Oh nein, heute würde ich Pianistin werden."

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - Eurozine

Während sich das Jahr allmählich dem Ende zuneigt, denkt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann darüber nach, ob das allgemeine Gedenken geholfen hat, eine gemeinsame Erinnerung an die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs zu etablieren. Einen Schritt in diese Richtung kann Assmann erkennen, aber noch deutlicher sind die nationalen Unterschiede in der Erinnerung zutage getreten: "Der europäische Gedenktag ist der 11. November, der Tag, an dem 1918 der Waffenstillstand an der Westfront vereinbart wurde. In England wird dieser Tag mit Mohnblumen und zwei Schweigeminuten begangen, einer für die Gestorbenen und einer für ihre Angehörigen. Am selben Tag feiern die Deutschen den Beginn ihrer Karnevalsaison - ein bemerkenswertes Beispiel für die kulturelle Vielfalt in Europa. Auch hierzulande gibt es einen offiziellen Trauertag, aber der Erste Weltkrieg spielt dabei keine Rolle. Die Erinnerung der Deutschen an den Ersten Weltkrieg wurde von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg überlagert, und diese Erinnerung wird wiederum vom Holocaust überlagert."

Magazinrundschau vom 04.11.2014 - Eurozine

Im Wespennest (online gestellt von Eurozine) erzählt die finnische Autorin und Künstlerin Rosa Liksom eine kurze Geschichte Finnlands und vor allem Lapplands, wo sie 1958 geboren wurde - in einem Dorf, das so winzig war, dass die Einwohner zusammen ein Auto besaßen, mit dem sie einmal im Monat nach Schweden zum Einkaufen fuhren. Heute ist die Grenze in Lappland zwischen Finnland und Schweden vollkommen offen. Aber auch mit Russland gibt es wenig Berührungsängste: "Weder Russland noch die Sowjetunion wurde in der arktischen Region sonderlich bestaunt, denn wir Finnen sind mit den finnisch-ugrischen Völkern verwandt, die die gesamte arktische Zone Russlands bis hin zum Pazifik besiedeln. Die finnisch-ugrischen Völker verbindet ein spezielles Zusammengehörigkeitsgefühl, obschon in allen arktischen Völkern, auch in denen, die nicht zu den Finno-Ugriern gehören, ein gemeinsamer Geist herrscht. Als ich in Christiania lebte, wo es viele Inuit aus Grönland gab, freundete ich mich zuerst mit ihnen an. Eine gemeinsame Sprache hatten wir nicht, aber wir verstanden uns sofort."