Wem gehört der Weltraum? Rachel Riederer stellt fest, dass der Weltraumvertrag von 1967 hoffnungslos veraltet ist, um die Aspirationen der Weltmächte im All im Zaum zu halten: "Mehr als ein halbes Jahrhundert später bleibt dieses Dokument des Kalten Krieges die Grundlage für alle außerirdischen Gesetze. Es verbietet, Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen in die Umlaufbahn zu bringen, aber weder sagt es etwas über Erde-zu-Weltraum-, Weltraum-zu-Weltraum-Waffen noch über kinetische Waffen oder die mannigfachen subtileren Angriffsformen aus, die seit seiner Ausarbeitung entwickelt wurden. Das Abkommen schweigt darüber, was feindseliges Verhalten ausmacht, und obwohl es besagt, dass sich das Völkerrecht in den Weltraum erstreckt, gibt es keine einfache Übersetzung irdischer Regeln in einen Bereich ohne nationale Grenzen oder Schwerkraft und mit grenzenlosen Konfliktebenen. Im Lauf der Jahre ist die Unzulänglichkeit des Weltraumvertrags zu einer erheblichen Gefahr geworden, da sich neben den USA und Russland längst andere Nationen im Weltraum tummeln und die Technologien immer ausgefeilter wurden … Seit 2015 haben Russland, China, Indien, Iran, Israel, Frankreich und Nordkorea militärische Raumfahrtprogramme etabliert. China und Russland sind den USA dicht auf den Fersen. Laut Secure World Foundation haben die USA einige ihrer offensiven Technologieprogramme stillgelegt, während China und Russland die gleichen Fähigkeiten aktiv testen. Im Laufe der letzten zwei Jahre ist jenseits unserer Atmosphäre die kriegerische Aktivität explodiert, und Weltraum- und Sicherheitsexperten erklären, dass der Druck steigt. 'Wir beobachten, dass sich die Spannungen verstärken', sagt Jack Beard, ein ehemaliger Anwalt des Verteidigungsministeriums und Professor für Rechtswissenschaften mit Spezialisierung auf den Weltraum."
Garret Keizer erkennt in der Dummheit eine Macht, gerade so mächtig wie das Gute und das Böse, und fragt sich, wie ihr zu begegnen sei: "Die weit verbreitete Dummheit, die der Populismus und COVID-19 in den Vordergrund gerückt haben, geht weit über die seit der Gründung der USA bekannte Verachtung für Intellektuelle hinaus … Was bringt Menschen dazu, die Dummheit zu umarmen, auch wenn es sie umbringt? Jeder, der an eine Volksregierung glaubt, sollte sich die Frage stellen. Als natürlicher Verbündeter autoritärer Regime bedroht die Dummheit die Demokratie doppelt: indem sie ihre Initiativen behindert und indem sie den Glauben untergräbt, dass diese Initiativen möglich und sinnvoll sind. Wozu 'alle Macht dem Volk', wenn das Volk dumm ist? Möglich, dass einige die Dummheit anbeten, weil sie nicht alleine sein wollen. Idiotie liebt Gesellschaft. Als ich an der Schule unterrichtete, verstand ich die rührende Inklusivität des Drogendaseins. Aussehen, Noten, Fitness spielten keine Rolle, Hauptsache du warst drauf. Wer von uns hat sich noch nie in der Gemeinschaft Gleichgesinnter gesonnt. Nachdenklichkeit dagegen kann eine sehr einsame Sache sein, umso mehr, wenn sie mit Mut gepaart ist (Nietzsche gegen Twitter: 'Du suchst Follower? Suche Nullen!'). Wenn COVID-19 irgendwas so deutlich ans Licht gebracht hat wie die sinnlose Missachtung wissenschaftlicher Beweise und die Gleichgültigkeit gegenüber der Gesundheit anderer, dann ist es die ergreifende Unfähigkeit mancher Menschen, allein zu sein und Menschenmengen zu meiden. Nicht in einer vollen Bar, Fitnessstudio, Restaurant sein zu können, bedeutet für diese Leute quasi das Ende … Wenn wir akzeptieren, dass Dummheit aus einem Realitätsverlust resultiert, und anerkennen, dass Realität am besten durch das kreative Zusammenspiel von Geist und Materie behauptet, das wir Arbeit nennen, dann könnte ein Schritt zur Befreiung von kollektiver Dummheit sein, Vollbeschäftigung zu erreichen."
Joseph Bernstein erzählt die Geschichte der Nachrichten. Es war einmal, da knippste der amerikanische Mann nach Feierabend die Glotze an, und er wusste, wo sein Platz war zwischen Frau und Kindern und den Nachbarn, in seiner Stadt, seinem Land, in der Welt: "Heute sind wir verloren. Die Medien begreifen wir mit Hilfe einer Metapher ('Informations-Ökosystem'), die dem US-Bürger suggeriert, in einem hoffnungslos denaturierten Habitat zu leben. Immer wenn er sich bei Facebook oder Twitter einloggt, begegnet er den toxischen Nebenprodukten der Moderne: Hassrede, Trollen, Interventionen fremder Nationen. Es gibt Lügen über die Größe von Inaugurationsfeiern, über den Ursprung von Pandemien und über Wahlergebnisse … Was anfangen mit all dem miesen Content? Im März kündigte das Aspen Institute an, unter dem Vorsitz von Katie Couric eine unparteiische Kommission für Informationsstörungen einzuberufen, die 'Empfehlungen liefern soll, wie auf den Verlust des Vertrauens in wichtige Institutionen reagiert werden soll'. Zu den fünfzehn Kommissaren gehören Yasmin Green, die Direktorin für Forschung und Entwicklung bei Jigsaw, einem Technologie-Inkubator von Google, der 'Bedrohungen für offene Gesellschaften erforscht'; Garry Kasparov, Schachgroßmeister und Kreml-Kritiker; Alex Stamos, Ex-Sicherheitschef von Facebook und jetzt Direktor des Stanford Internet Observatory; Kathryn Murdoch, Rupert Murdochs entfremdete Schwiegertochter, sowie Prinz Harry, entfremdeter Sohn von Prinz Charles. Zu den Zielen der Kommission gehört es zu bestimmen, 'wie Regierung, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten können, um eine Gesellschaft der Unzufriedenen anzusprechen, die den Glauben an die evidenzbasierte Realität verloren hat'." Seit der Pandemie aber scheint genau das noch schwieriger geworden zu sein, wie Bernstein im weiteren festhält: "Mit dem Virus bot sich eine epidemiologische Metapher für schlechte Informationen an. Des- und Fehlinformationen waren keine exogenen Toxine mehr, sondern ansteckende Organismen, die bei Exposition so unweigerlich Überzeugungskraft entfalteten wie Husten oder Fieber. In perfekter Umkehrung der Sprache des Digital-Media-Hypes war 'going viral' plötzlich eine schlechte Sache. Im Oktober verkündete Anne Applebaum in The Atlantic, Trump sei ein Superspreader von Desinformation'. Eine Studie von Cornell-Forschern von Anfang des Monats ergab, dass 38 Prozent der englischsprachigen 'Desinformations-Narrative' über COVID-19 Trump erwähnten, was ihn laut New York Times zum 'größten Treiber der Infodemie' macht." Trump war damit so erfolgreich, dass ihn jetzt seine Fans in Alabama ausbuhten, als er sie zum Impfen aufforderte, berichtete vor zwei Tagen der Guardian.
Bevor Gewerkschaften in einem amerikanischen Betrieb tätig werden dürfen, muss die Mehrheit der Belegschaft dem zugestimmt haben. Vor diesen Abstimmungen finden in den jeweilen Betrieben heftige Wahlkämpfe statt: Gewerkschaften schicken Organiser in die Stadt, die Konzerne halten mit Überwachungskameras, "Fortbildungskursen" und Kampagnen ("Unions can't, we can.") dagegen. Daniel Brook erzählt in einer lehrreichen Reportage von dem fast schon historischen Kampf in Bessemer in Alabama aus diesem Frühjahr, mit einem bewundernswert vielschichtigen Protagonisten und bitteren Pointen: "Als Amazon 2018 beschloss, auf einem Gelände in Bessemer, das einst U.S. Steel gehört hatte, ein Logistikzentrum zu errichten, war die Stadt am Boden. Die Armutsrate lag bei 30 Prozent, der Median für Häuserpreise stand bei 86.500 Dollar. Um den Handel perfekt zu machen, ließ sich die Stadt auf große Konzessionen ein: Sie würde in dem Lager die einprozentige Einkommenssteuer erheben, davon aber 50 bis 65 Prozent an Amazon zurückzahlen, je nach dem wie viele Menschen das Unternehmen einstellte. Das Lieferzentrum nahm im März 2020 den Betrieb auf, genau zu dem Zeitpunkt also, da die Pandemie den Online-Handel in ungeahnte Höhen schnellen ließ. Um schnell expandieren zu können, stellte Amazon eine Belegschaft zusammen, die in großer Mehrheit schwarz war, obwohl eine solche Homogenität nach Einschätzung des Konzerns selbst die Wahrscheinlichkeit der Gewerkschaftsbildung erhöhen könnte. Wie der Business Insider berichtet hatte, zeigten Dokumente von Amazons Biokette 'Whole Foods', dass das Unternehmen das Potenzial zur gewerkschaftlichen Organisierung in seinen Läden mit einer Heatmap-App einschätzt, die unter anderem das Maß der Diversität am Arbeitsplatz misst. Arbeitsstätten, die einen hohen Diversitätsindex aufweisen werden als weniger gewerkschaftsanfällig eingeschätzt, vermutlich weil Solidarität oft an ethnischen Grenzen oder bei der Hautfarbe aufhört."
So sehr die deutsche Öffentlichkeit auf amerikanische Debatten fixiert ist, so wenig wurde die Debatte über das "1619"-Projekt der New York Times in deutschen Feuilletons widergespiegelt - helfen denn nicht mal mehr die Hinweise des Perlentauchers, um Debatten aufzugreifen? Matt Karp, recht jung aussehender Historiker in Princeton, der sich wohl eher der klassischen Linken zurechnet, hat sicherlich einen der gewichtigsten Essay dazu geschrieben und zerpflückt dankenswerter Weise die Positionen zur Geschichte sowohl in der Trumpianischen Rechten als auch in der modischen Linken. Während die Trumpianer weit davon entfernt sind, sich positiv auf Traditionen wie die "Lost Cause" der Südstaaten zu beziehen und eher ein Troll-ähnliches Verhältnis zur Geschichte pflegen, das im wesentlichen dazu dient, die ideologischen Gegner lächerlich zu machen, hat die modische Linke den Blick fest auf die Vergangenheit gerichtet. Karp spricht allerdings von einem neuen "Historizismus", einer Lyrik der Ursprünge, die im Grunde ahistorisch sei. Das "1619"-Projekt der Historikerin Nikole Hannah-Jones und ihrer vielen Ko-Autoren ziele darauf ab, in der Sklaverei eine Art genetischen Code zu sehen, der auch heutigen Rassismus erkläre. Das geht bis zur geschichtsfälschenden Behauptung, dass die Revolution von 1776 angezettelt wurde, um die Sklaverei erhalten zu können. "Die dominierenden Bilder sind hier biblisch und biologisch: Sklaverei als Amerikas 'Erbsünde', Rassismus als Teil von 'Amerikas DNA'. (Das 1619-Projekt enthält nicht weniger als sieben solcher Verweise.) Solche Male sind unauslöschlich und von Geburt an eingeprägt. Die Existenz von Sklaverei und Rassismus bedeutet, dass Amerika 'von Anfang an abgestempelt' war, wie Ibram X. Kendi sein erstes Buch ('Stamped from the Beginning') betitelte, wobei er ironischer Weise einen Satz von Jefferson Davis (der Präsident der Konföderierten) entlieh. 'So wie die DNA der Code für die Zellentwicklung ist', schreibt Isabel Wilkerson, 'so ist die Kaste das Betriebssystem für die wirtschaftliche, politische und soziale Interaktion in den Vereinigten Staaten von der Zeit ihrer Entstehung an.'"
Der Literaturdozent Barrett Swanson hebt seine großartige Reportage über eine Villa, in der Investoren TikTok-Influencern gratis Kost und Logis bieten, solange sie nur einträglich influencen, performen und skalieren, zwar nicht mit den ersten Zeilen aus Allen Ginsbergs "Howl" an ("I saw the best minds of my generation destroyed by madness"), aber hinter der Motivation zu diesem Trip steckt ein sehr ähnlicher Befund: Zum einen brechen immer mehr Studenten ihre College-Laufbahn ab, um sich lieber als Influencer zu versuchen, zum anderen neigen diejenigen, die am College bleiben, zu Depressionen, Zukunftsängsten. Derweil schießen die gesponserten Clubhouses und Villas, in denen die TikTok-Influencer vor sich hin werkeln, überall aus dem Boden: "Das Pooldeck blickt auf die gewellte Landschaft der Beverly Hills, mit den kirchturmartigen Spitzen der Pinienbäume in die Ferne geätzt. Es hätte alles den Anschein der Idylle, wären da nicht die giftigen Rauchkleckse von den Waldbränden, die Kalifornien einhüllen und dem Himmel die dräuende Anmutung eines Katastrophenfilms verleihen. Die Westküste steht in Flammen. 50.000 Amerikaner stecken sich pro Tag mit Covid-19 an und die Wirtschaft rückt immer näher an ihren steilen Absturz heran. Vor dieser apokalyptischen Kulisse wirkt es seltsam, diesen Kids dabei zuzusehen, wie sie herumhüpfen und -wirbeln. Wenn ich die Jungs frage, ob sie sich Sorgen um den Zustand der Nation machen, kratzen sie sich an der Nase und blicken von ihren Telefonen auf. 'Was. Nääh, Mann', sagt einer. 'Es wird doch jedes Jahr besser.' ... Diese Kids waren noch sehr jung, als ihre Eltern ihnen iPhones und Tablet in die Hand drückten. Sie kannten nie ein Selbst, das nicht einer anonymen, virtuellen Beobachtung gegenüber stand. So kann es durchaus sein, dass das, was auch immer wir in diesem Zusammenhang unter 'authentisch' verstehen, nicht der Standarddefinition entspricht, wie Rousseau und die Romantiker sie auffassten - ein wahrhaftiger Ausdruck der ungeschminkten Persönlichkeit -, sondern sie sind 'authentisch' in dem Sinne, dass ihre Identitäten geformt wurden in makelloser, unbewussterSympathie für alles, was ihr Mob an Onlinefollowern für zuspruchsfähig und harmlos hält. Mehrere Male während meines Besuchs scheint es mir, als sehe ich den Preis, den siedafürzahlen, in ihren Gesichtern aufschimmern - eine Art fahle Verzweiflung. Einmal kam Brandon zu mir und sagte: "Was wirklich Angst macht und viele von uns nachts umtreibt: Man weiß nie, wie lange es so bleiben wird. Also quasi: Was kommt als nächstes?"
Krähen, die sich schwarmweise bestimmte Familien als Opfer zum Piesacken herauspicken, eine Frau, die von sich behauptet, mit Tieren auf einer tieferen, therapeutischen Ebene kommunizieren können: Was ist dran an solchen Geschichten aus dem Grenzbereich zur Esoterik, fragt sich Lauren Markham in der aktuellen Ausgabe von Harper's - und ist dabei mitunter eine deutliche Spur weniger skeptisch als dies angemessen wäre. Mit Frans de Waal findet sie immerhin auch einen etwas weniger enthusiastischen Verhaltensforscher, der von selbsternannten Tierflüsterern nicht sonderlich viel hält: Als Reaktion auf entsprechende Geschichten erzählt er von Rupert Sheldrake, "einem weitgehenden diskreditierten Biologen, der den Begriff der 'morphischenResonanz' geprägt hat, um den theoretischen Austausch von Gefühlen und Wissen zwischen Tieren über Zeit und Raum hinweg zu beschreiben. ... 'Dafür braucht man aber kontrollierteExperimente', sagt de Wall, 'und sobald man diese durchführt, fallen sie auseinander'. Für Verhaltensforscher wie de Waal sind einige der Tierkommunikatoren klassische Gauner, die ihr Auftreten insofern manipulieren, dass sie offensichtliche Schlussfolgerungen ziehen oder einfach nur das erzählen, was die Tierbesitzer gerne hören wollen. ... Aber Biologen und Hellseher neigen gleichermaßen zu der Ansicht, dass wir die Intelligenz von Tieren und die Komplexität ihrer Gefühlswelt dramatisch unterschätzen. ... Tiere kommunizieren in einer Myriade von verbalen und nichtverbalen Sprachen, betont de Wall. Und Menschen sind dazu in der Lage, sie zu entziffern. Umgekehrt greifen auch Tiere menschliche Auslösereize auf, um sich zu schützen, und auch aus so etwas wie Liebe heraus. 'Die Intelligenz der Tiere ist an sich schon wunderschön und faszinierend', sagt de Waal. 'Man muss sie nicht noch mit fiktiven Elementen ausschmücken. Sie ist schon rein aus sich heraus ziemlich frappierend.'"
In Kolumbien geht der Krieg trotz des Friedensabkommens zwischen der Regierung und den Guerillagruppen weiter. Ein Drama für die Menschen und für die Umwelt, erzählt in einem Brief aus Kolumbien Jessica Camille Aguirre: "Die Bombardierung des Öltransportnetzes des Landes, das fast unmöglich vollständig zu sichern ist, wurde eine der bevorzugten Taktiken der ELN. Das Ziel ist es, das Wirtschaftsleben des Landes zu stören, insbesondere einen Sektor, der so direkt die Regierung bereichert, gegen die sich die Guerrilla gestellt hat. In Kommuniqués besteht die ELN darauf, dass sie an den Schutz der Umwelt glaubt, aber die Unterbrechung der Förderung natürlicher Ressourcen als wichtiges Werkzeug im Kampf gegen den Kapitalismus betrachtet. 'Für die Oligarchie, den Imperialismus oder die Konzerne ist das Einzige, was zählt, der Profit', sagte mir ein Kommandeur der westlichen Kräfte der ELN, der sich den Decknamen Uriel gab. 'Sie werden nur von dieser Art von Plünderung getroffen.' ... Bataillone der kolumbianischen Gesellschaft zum Schutz der Infrastruktur, Plan Meteoro, patrouillieren die Pipeline in Arauca, um Bombenanschläge zu minimieren, was das kolumbianische Militär in die schlecht sitzende Rolle von Umweltschützern bringt. Die ELN 'ist einer der größten Umweltverbrecher auf dem Planeten', sagte mir ein General der kolumbianischen Armee namens Luis Felipe Montoya, bevor er andeutete, dass die Guerilla dem kolumbianischen Staat 57 Milliarden Dollar schulden würde, behandelte man sie nach dem dem gleichen Standard wie Exxon nach der Ölpest von 1989.'"
Sehr ausführlich befasst sich Will Stephenson mit AmandaSewells vor kurzem veröffentlichter Biografie über die Synthesizer-PionierinWendyCarlos, die vielen wohl vor allem für ihre düster dräuenden Soundtrack-Kompositionen zu Stanley Kubricks "Clockwork Orange" und "The Shining" und für ihr elektronisches "Switched On Bach"-Album bekannt ist (mehr zu dessen mühsamer Entstehung bereits in dieser Magazinrundschau). Letzteres wird heute gerne als Skurrilität abgetan. "Es ist schwierig geworden, die Provokation zu hören, die in diesem Album steckt. Diese hat zu tun mit dem unerwarteten, aber profunden Einverständnis zwischen Bachs Musik und dem frühen Synthesizer. In diesem Bündnis liegt einfach etwas urwüchsig stimmiges. Bach selbst war ein Techniker und Instrumentekonstrukteur. ... Hinzu kommt noch die grundlegende Präzision und täuschende Einfachheit dieser Musik. 'Bach repräsentiert den Triumph der reinen Logik', schrieb der Pianist Jeremy Denk einmal. 'Er erfasst tiefste Gefühle, bleibt dabei aber streng logisch und zeigt auf diese Weise, dass zwischen beiden Geboten kein Widerspruch besteht.' Dies kam der nicht nur der (depressiven) Physikstudentin in Carlos entgegen, sondern passte auch zu den spezifischen Möglichkeiten und Begrenzungen des musikalischen Mediums. Akkorde zum Beispiel konnte der Moog-Synthesizer kaum hervorbringen. Aus ihm kam lediglich eine Note nach der anderen. ... Und wie das Cembalo war das Keyboard auch nicht kontaktempfindlich, was es erschwerte, die hierarchischen Beziehungen zwischen Melodiestimmen auf eine Weise hervorzubringen, wie es einem Pianisten instinktiv gelingt. In dieser Hinsicht, war der Moog die perfekte Maschine, um tatsächliche Kontrapunkte herzustellen, etwas, womit wir Bach fast schon synonymhaft verbinden." Für Glenn Gould "repräsentierte 'Switched on Bach' jene Form unmenschlicher Perfektion, auf die er zwar abzielte, die er aber auch für unerreichbar hielt. Er hatte Carlos zu Gast in einer Sendung für das kanadische Radio, in der er das Album als 'eine der aufregendsten Leistungen der Musikindustrie in dieser Generation' und 'als eines der großen Meisterstücke in der Geschichte des Klavierspiels' bezeichnete." Das Album selbst ist auf Youtube leider nicht zu finden, auch in den Streamingdiensten schlägt es nicht auf - offenbar eine Rückzugsgeste der Komponistin. Dafür gibt es ein BBC-Interview aus den späten 80ern, das die Komponistin in ihrem beeindruckenden Studio zeigt:
Im Mai übernahmen Aktivisten in Chicago ein pleite gegangenes vierstöckiges Sheraton Hotel und quartierten dort Obdachlose ein. Ihre Vorstellungen waren heroisch - naiv, aber heroisch, meint Wes Enzinna, der selbst dort mithalf: Autonomie, Teilen, Sex und Drogen sollten erlaubt sein, keine Polizei. Das Experiment lief nach kürzester Zeit aus dem Ruder, aber dennoch: War es schlechter als die Zustände, in denen die Obdachlosen zuvor gelebt hatten? Kurz vor dem Ende des Experiments brach gegen 3 Uhr morgens auf dem Parkplatz vor dem Hotel, eine Schlägerei aus: "Steve, der gerade draußen war und die Menge kontrollierte, kam mit erhobenen Händen rein und sagte: 'Darauf lasse ich mich nicht ein.' Die anderen Freiwilligen taten dasselbe. Am Ende verpuffte der Kampf, aber ich fragte mich, was Steve oder irgendjemand anders getan hätte, wenn die Gewalt noch weiter eskaliert wäre, da klar war, dass die Freiwilligen weder die Fähigkeit noch die Willenskraft zum Eingreifen hatten. Bedeutete keine Polizei wirklich, Menschen gegeneinander kämpfen zu lassen? Waren die AktivistInnen einfach so überwältigt, dass sie aufgaben? Oder mussten sie ihrem Experiment irgendwo eine Grenze setzen, wobei sie entschieden, dass der Parkplatz außerhalb der Reichweite ihrer Ideale lag? Die Antwort war wahrscheinlich etwas von allen dreien. Ich hatte dafür Verständnis. Ich war auch nicht herbeigeeilt, um einzugreifen. Ich hätte es auch nicht gewollt. Ich wusste auch, dass die Polizei die Situation nicht besser gemacht hätte. Sie wäre eher schlechter geworden, insbesondere für zwei Afroamerikaner. Also, nein, es war nicht so, dass der Kampf gezeigt hätte, dass wir die Polizei brauchten, oder dass die Abolitionisten naive Idealisten waren - sie wollten nicht tausend Sheratons, sie wollten eine Welt, in der keine Sheratons notwendig waren - aber es zeigte doch, dass die Abolitionisten nicht wussten was sie tun sollten, wenn die Handlungen einiger das Wohlergehen anderer bedrohten."
Annie Hylton erzählt die Geschichte des ersten Prozesses, der gegen syrische Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt wird- bekanntlich in Deutschland: Der Fall hat auch in der hiesigen Presse großes Interesse ausgelöst. Anwar Raslan war ein Oberst unter Baschar al-Assad, aber dann war er zur Opposition übergelaufen und geflohen und suchte Schutz in Deutschland. Zuvor hatte er jahrelang in verantwortlicher Position in einem Gefängnis gearbeitet, wo Hunderte Menschen gefoltert und ermordet worden sind. Interessant schildert Hylton die Lage unter syrischen Flüchtlingen in Deutschland, die voreinander Angst haben: "Europäische Regierungen wissen nicht, wie viele mutmaßliche syrische Kriegsverbrecher innerhalb ihrer Grenzen Zuflucht gesucht haben. Zu Beginn des Krieges, als es so aussah, als würde Assad schnell besiegt, sind viele Mitglieder des syrischen Regimes aus Angst übergelaufen. Später verließen einige das Land, weil sie ein schlechtes Gewissen bekamen, weil sie Gräueltaten erlebten oder an ihnen beteiligt waren. Andere nutzten einfach die Gelegenheit, mit ihren Familien in Europa eine Zukunft aufzubauen. Unabhängige Organisationen schätzen, dass Hunderte von ehemaligen Assad-Beamten - Mitglieder des Militär- und Sicherheitsapparates des Landes auf mittlerer bis hoher Ebene - in den Nahen Osten und nach ganz Europa geflohen sind."
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