Magazinrundschau - Archiv

Lettre International

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Magazinrundschau vom 26.06.2007 - Lettre International

In der neuen, wie immer reichhaltigen und inspirierenden Lettre erzählt der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu, wie er die erste Frau kennenlernte, mit der er Sex hatte. "Ich war Philologiestudent, ein Graphomane, ausgeflippt, Dichter bis in die Zahnspitzen (jedenfalls in meiner Vorstellung) und trotzdem blaß, klein, tot vor Schwäche, so dass der einzige Teil der Menschheit, der mit interessierte, die Mädchen, durch mich hindurch schauten wie durch Fensterglas. Ich lebte in grauenhafter Einsamkeit." Das ändert sich erst als der 23jährige 1979 nach Cluj reist, zu einem Eminescu-Kolloquium, und dort Irina trifft. "Sie hatte Englisch und Rumänisch studiert, war hässlich, schlampig, und wenn sie ging, schien sie bei jedem Schritt über die eigenen Füße zu stolpern. Alle, was sie trug, sah aus wie mit der Heugabel auf sie geworfen. Von Anfang an fühlten wir uns wohl miteinander: zwei Verrückte, zwei Phantasten. Ich sprach nur in Zitaten meiner Lieblingsautoren, sie nur ironisch und in Parabeln..."

Die schwedisch-iranische Autorin und Wissenschaftlerin Haideh Daragahi porträtiert Fatemeh Baraghani, "die erste Frau in der islamischen Welt, die, vor mehr als 150 Jahren, in der Öffentlichkeit ihren Schleier abnahm. Sie glaubte, dass aller Reichtum Diebstahl sei, schrieb Gedichte und wissenschaftliche Abhandlungen (...) Ihre Lebensumstände waren bereits von dem französischen Diplomaten Comte de Gobineau, dem britischen Orientalisten Edward Brown und einer Reihe weiterer damaliger Iranreisender aufgezeichnet worden. Dass sie dem westlichen Feminismus dennoch unbekannt ist, dürfte, wie man nur vermuten kann, an einem eurozentristischen Provinzialismus liegen, dem das Vorstellungsvermögen fehlt, eine Frau ihres Formats mit dem Kulturkreis ihrer Herkunft in Einklang zu bringen."

Online lesen dürfen wir unter anderem Auszüge aus Dunja Melcics (mehr) Reportage über den Mord am serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic. Jean Baudrillard fragt: Warum ist nicht alles schon verschwunden? Daryush Shayegan (mehr) beschreibt den Schauplatz Teheran. Terry Glavin (mehr) erzählt von Glanz und Elend der Papageien und Ahmed Rashid spricht mit Georg Brunold über Pakistans rührige Islamisten.

Magazinrundschau vom 27.03.2007 - Lettre International

Das Potenzial der Städte erkundet die neue Ausgabe der Lettre. Der Anthropologe Filip de Boeck hat Kinshasa besucht, die "wahnsinnige" Mega-Stadt, die zugleich "Aufbau und Zerstörung, Erektion und Impotenz, Überfluss und Armut, Orgie und Tod" sei: "In Kinshasa zählt vor allem der Körper. Wo Steine fehlen oder Beton einstürzt, ist ein anderes Material gefragt, nämlich der menschliche Körper. Allein die Tatsache, dass so viele Körper sich gemeinsam bewegen, arbeiten, essen, trinken, sich vereinen, beten, tanzen, fasten und leiden, verleiht Kinshasa sein eigenes Temperament, seinen typischen, oft fieberhaften Rhythmus. Der Körper, diese 'Wunschmaschine', wie ihn David Harvey nennt, gibt dem Chaos der Stadt eine gewisse Ordnung. Oder vielmehr sind es diese Körper, die der Stadt ihre eigene zwischenmenschliche Logik aufzwingen. Der Körper ist einer der wenigen Orte, wo die Bewohner Kinshasas ihren brutalen, als bloßes Überleben wahrgenommenen Alltag hinter sich lassen können. Sehr häufig wird dieser Körper auf die Ebene des Bauches oder des Phallus allein reduziert."

Der Historiker Karl Schlögel erinnert an das Moskau des Jahres 1937, das Moskau des großen Terrors: "Was gehört alles zu diesem Bild? Die Angst. Die Allgegenwart der Geheimpolizei. Die Rede von der Verschwörung. Die Allgegenwart des Misstrauens. Die Unberechenbarkeit. Die schockierende Erfahrung, dass alles möglich ist, dass es keinen Schutz und keine Verteidigungsmöglichkeit gibt. Die Erfahrung des vollständigen Ausgeliefertseins. Die Absurdität der Vorwürfe. Die Selbstbeschuldigung der Angeklagten, die Selbstverleugnung und Selbstanklage. Vollständige Willkür, dass es jeden treffen kann."

Weiteres: Carlos Castresana verteidigt das absolute Folterverbot, dessen Aufweichung eine Beleidigung der Menschenwürde darstellte. Nadine Gordimer denkt darüber nach, welches Zeugnis Literatur abgeben kann und muss. Der schwedische Autor Sven Lindqvist diskutiert die alliierten Bombenangriffe auf Nazi-Deutschland und kommt zu dem Schluss, dass sie weniger kriegstaktisch begründet waren als vielmehr aus der Konkurrenz britischer Waffengattungen. Sein Fazit: "Heutige Bombenangriffe werden heutige Gesetze nicht respektieren, solange die Verbrechen von gestern entschuldigt oder geradezu verherrlicht werden."

Magazinrundschau vom 12.12.2006 - Lettre International

Ihre 75. Ausgabe feiert die Lettre mit wunderbarem neuen Papier für die Zeitschrift. Auf matt glänzenden Seiten erinnert sich Bora Cosic an den serbischen Schriftsteller Marko Ristic, dessen im Irrenhaus geschriebenen Roman "Der Vampir" und die Belgrader Surrealistenszene der dreißiger Jahre. "Einer von ihnen ohrfeigte an einem öffentlichen Ort einen konventionellen Literaturkritiker, ein anderer aß im vornehmen Stadtcafe in aller Seelenruhe eine zerschnittene Schabe. Manche von ihnen kamen aus bescheidenen Beamtenfamilien, andere waren sehr reich. So nahm einer von ihnen jeden Abend seine Fliege mit einer Rasierklinge ab." Belgrad war in Sachen Umstürzung aller Werte ganz vone mit dabei, meint Cosic. "Das müsste auch jeder europäische Journalist, ob er nun aus Portugal oder aus Island kommt, im Auge haben, wenn er hin und wieder über mein Land als eine völlig primitive Gegend schreibt, wo nur das Messer Verständigungsmittel sei. Und ich behaupte, dass das Belgrader Umfeld weit von der primitiven Mentalität, wie sie Levy-Bruhl postuliert hat, entfernt ist. Es ist ganz im Gegenteil schon längst in die Dekadenz abgeglitten."

Der Aufstand der Ungarn 1956 hat einiges bewirkt, gerade weil er gescheitert ist, konstatiert der Schriftsteller Peter Nadas. "Die ungarische Revolution hat eine qualitative Veränderung im Verhältnis der Großmächte zueinander erzwungen. Sie hat der heißen Phase des Kalten Krieges ein Ende gesetzt, die Gefahr eines Atomkrieges verringert und die Epoche der friedlichen Koexistenz als ein für beide gegnerischen Seiten akzeptables Minimum erzwungen. Erzwungen jedoch nicht durch den Sieg der 'res publica' oder der Demokratie, sondern durch deren Niederlage." Hier ein Auszug.

Auszugsweise zu lesen gibt es außerdem Mike Davis' Porträt der neoliberalistischen Modellstadt Dubai, Michel Braudeaus Apologie der Fälschung sowie ein Gespräch zwischen Boris Groys und Carl Hegemann über kommunistische Spuren in den Religionen.

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - Lettre International

Am Samstag wurde in Berlin der Lettre Ulysses Award für literarische Reportagen verliehen. In der neuen Ausgabe sind Auszüge aus sämtliche Finalisten-Texte zu lesen, die bisher noch nicht auf Deutsch erschienen sind. Darunter natürlich auch Linda Grants Reportage über junge Soldaten in Israel, die den ersten Preis bekommen hat: "Die Jungs waren Kinder, aber diese jungen Frauen waren kleine Mädchen, ausgesetzt, mitten im Westjordanland. Natürlich waren sie in Wirklichkeit 18 oder 19 Jahre alt, sahen aber viel jünger aus, und mir schien, dass zwei Seelen in ihrer Brust wohnten: Die eine träumte von Frieden, und Frieden bestand aus Wolken, Einhörnern, Schmusetieren und anderen kindlichen Phantastereien. Die andere hatte sich hinter Stacheldraht verschanzt, führte die gleichaltrige Palästinenserin ab, die an einer Straßensperre versucht hatte, einen Soldaten niederzustechen, weil ein paar Wochen zuvor ihr Bruder von einem Soldaten aus dem Lager der Fallschirmjäger ermordet worden war."

Vom Bürgerkrieg in Nepal berichtet die Autorin Manjushree Thapa, die sich zu Fuß durch die allerärmsten Provinzen des Landes gemacht hat: "Am nächsten Morgen fragten wir einen Mann, der in der Lodge einen Tee trank, ob hier tatsächlich zwei Frauen von den staatlichen Sicherheitskräften umgebracht worden seien. Er nickte. Eine von ihnen war Lehrerin an einer hiesigen Schule gewesen, die andere eine Schülerin, sagte er. 'Ihre Namen waren Laxmi Shahi und Laxmi Rizal.' Ein Mädchen im Teenageralter, das in der Nähe saß, mischte sich in das Gespräch ein und erzählte, dass die beiden Laxmis hier festgenommen und zwei Wochen lang in der Garnison von Dailekh Bazaar festgehalten worden seien. Dann seien sie zu den unmittelbar vor dem Dorf liegenden Feldern gebracht und erschossen worden. 'Ich habe die Schüsse selbst gehört', sagte sie. 'Ich habe die Armee gesehen. Es waren viele Soldaten und nur die beiden. Sie gingen an den Feldern vorbei. Und da habe ich die Schüsse gehört. Andere Leute im Dorf haben auch gesehen, wie sie erschossen wurden.' Nach einer Pause fügte sie leise hinzu: 'Sie waren keine Maoistinnen.' 'Es wäre auch dann nicht legal, wenn sie welche gewesen wären', entgegnete ich."

Ausgezeichnet wurden auch Erik Orsenna für seinen Text über die globalisierte Baumwollindustrie und Juanita Leon für ihre Chronik aus dem kolumbianischen Drogenkrieg. (Ein Kommentar zum gefährdeten Lettre Ulysses Award hier.)

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Lettre International

Auch von dieser sehr lesenswerten Ausgabe stehen nur einige Texte in Auszügen im Netz. Mike Davis (mehr) erzählt die 85-jährige Geschichte der Autobombe als halbstrategische Waffe. "An einem warmen Tag im September 1920, einige Monate nach der Verhaftung seiner Genossen Sacco und Vanzetti, stellte ein rachsüchtiger italienischer Anarchist namens Mario Buda seinen Pferdewagen unweit der Kreuzung Wall Street und Broad Street ab, direkt gegenüber der Bank J. P. Morgan Company. Buda stieg in aller Ruhe vom Wagen und verschwand unbemerkt in der Menge der Leute, die soeben zum Mittagessen aus ihren Büros kamen. Ein paar Häuserblocks weiter fand ein erstaunter Postangestellter Zettel mit der Forderung: 'Lasst die politischen Gefangenen frei, oder der Tod ist euch allen sicher!' Gezeichnet war die Warnung von 'amerikanischen anarchistischen Kämpfern'. Die Glocken der nahegelegenen Trinity Church begannen zwölf Uhr zu schlagen. Als sie verstummten, explodierte der Pferdewagen mit seiner Ladung Dynamit und Schrott wie ein Feuerball aus Schrapnell."

Der Schriftsteller Antonio Tabucchi verfasst eine Liebeserklärung an Pedro Almodovar. "Das Kino Almodovars gleicht einer Fahrt durch die Clownerie des Lebens, diesen uralten und immer wieder neuen Archipel, wo der Clown in uns alle Masken aufsetzt und alle Posen einnimmt, die ihm seine synkretistische Natur gestattet. Er ist Tolpatsch und Engel, Opfer - ein Ebenbild Christi - und Verbrecher, der an die Stelle des Teufels tritt; er ist eine feixende Grimasse und der Schleier der Melancholie, das ausgelassene Lachen und die Träne aus Glas, die auf unserer Wange klebt, die Lebensfreude und die Melancholie, die Euphorie und die Dysphorie, die kindliche Fröhlichkeit und die abgrundtiefe Schwermut. Aber vor allem ist er das Begehren. Denn wir begehren, begehren, begehren. Der Mensch ist ein begehrendes Geschöpf. Und das Leben ist Begehren."

Weiter schreibt Chang Ping I über die 1930 von den Japanern auf Taiwan errichtete Leprastation Lesheng. Abdelwahab Meddeb diskutiert die durch die Mythenbildung blockierte Reformfähigkeit des Koran. Juan Villoro schickt Impressionen aus Kuba: vom Steakersatz aus Pampelmusenschalen bis zu den Jineteras.

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - Lettre International

Die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft nutzt der mexikanische Schriftsteller Juan Villoro, um an den besten Fußballspieler aller Zeiten zu erinnern. Diego Maradona, der "Gott mit den kleinen Füßen", der 1984 den SSC Neapel rettete. "Zu den Wundern des Fußballs gehört, dass Maradona in körperlicher Hinsicht erstaunlich paradox wirkt. Er ist 1,62 Meter groß, schläft bis elf, rennt lustlos und verdaut in aller Ruhe. (Eine übertrieben reichliche Portion Samstagsspaghetti machte sich bei ihm während des Spiels am Sonntag bemerkbar.) Eine sonderbare Spannung durchzieht trotzdem seinen Körper. Selbst wenn er einen Frack trägt, sieht es so aus, als wollte er gleich einen Ball mit der Brust abfangen. Er ist der kapriziöseste und theatralischste Fußballkünstler und derjenige, von dem eine Mannschaft am meisten abhing. Nicht einmal Pele hat solch unangefochtene Führungsrolle gespielt. Bei der Weltmeisterschaft von 1986 konnte uns Diego überzeugen, dass jede Nationalmannschaft mit ihm an der Spitze den Sieg errungen hätte."

Online lesen dürfen Sie u.a. kurze Auszüge aus dem zweiten Teil von Eliot Weinbergers Aufzeichnungen "Was ich hörte vom Irak im Jahr 2005", aus Loretta Napoleonis Porträt des libanesischen Terroristen Al-Sarkawi, aus Peter Greenaways Vision eines Zukunftskinos, Philippe Videliers Essay über Malewitschs "Rote Kavallerie" und die Revolution und aus Amartya Sens brillantem Essay über Multikulturalismus (das Original finden Sie hier).

Nur im Print: William Langewiesches Reportage über Pakistan und die Atombombe. Lawrence Weschler erzählt die Geschichte seines Großvaters, des Komponisten Ernst Toch. Und Julian Barnes schreibt über Braque und Picasso.

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - Lettre International

Eine wunderbare Reportage lang beschreibt Iain Sinclair (mehr) seinen Streifzug durch die Londoner City - vorbei an posthumanen Straßenschluchten, echten Bäumen, Nebelmachern, flitzenden Ameisen und "Kopfrunter"-Arbeitern. "In diesem innerstädtischen Wolkenkuckucksheim kann man eine neue, charakteristische Spezies beobachten. Vor den Eingängen der Büroblocks, kurz neben die Drehtüren gespuckt, auf den Pseudomarmorstufen stehen sie rum: Anzüge ... Frauen in Anzügen ... lichtscheue Typen in Anzügen ... Insider ... Kennkartenträger. Ins wettrige Draußen, in die windigen Häuserschluchten genötigt. Sie wollen, sie müssen: rauchen. Süchtige, soziale Aussätzige. Ob sie von der scharf nach unten gerichteten Videoüberwachung erfasst werden oder nicht, ist ihnen schnuppe. Sie leben, um der Hausordnung zu trotzen."

Außerdem: Peter Nadas hat in Frankreich das Konzentrationslager von Le Vernet, einem kleinen Städtchen in der Region Ariege am Rand der Pyrenäen gesucht. Von dort gingen zwischen Juni 1943 und Juli 1944 sechs Transporte nach Dachau, Mauthausen und Ravensbrück. Bora Cosic beschreibt den ostdeutschen Herbst. Roberto Bolano liefert katholische Erzählungen. Der Philosoph Samir Kassir zeichnet die historische Größe, den Selbstverlust und die kulturelle Wiedergeburt der arabischen Welt. Der Philosoph Alain Badiou schreibt über die jüngere französische Philosophie, Greil Marcus über David Lynch und Wolfgang Storch über Heiner Müllers "Todesanzeige".

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - Lettre International

Der peruanische Journalist Ricardo Uceda hat jahrelang über den brutalen Kampf seines Landes und der Guerilla-Organisation "Leuchtender Pfad" recherchiert. Gefoltert wird dabei auf beiden Seiten. Aber wie wird man ein Folterer? "'In der Zeit damals war ich nicht abgehärtet, ich konnte noch zweifeln und Mitleid mit den Verhörten empfinden', sagte Sosa in einer Erklärung, die er für diese Recherche abgab. 'Aber wenn mehrere Monate vergangen sind, ziehen sich die Mitleidsgefühle in die untersten Schichten deines Bewusstseins zurück und tauchen nur ab und zu in deinen Träumen auf. Dann hast du schon gemerkt, dass bewährte Kämpfer, die mit dem größten Fanatismus, am längsten durchhalten. Für uns wurde die Folter zu einer Arbeitsmethode. Du siehst sie als eine Herausforderung und zugleich als eine unangenehme Arbeit an.'"

Ucedas Reportage "Verhör in den Anden" ist eine von sieben, die es in die Endauswahl für den Lettre Ulysses Award geschafft hat. Der einzige internationale Preis für Reportagen wird am Sonntag zum dritten Mal verliehen. Wir bringen vorab einen langen Auszug.

Weitere Auszüge aus den Reportagen der sieben Finalisten finden sich im neuen Lettre-Heft: "Schiffsverschrotter" - William Langewiesches Reportage über die Schiffsabwracker in Alang/Gujarat, die im August 2000 in Atlantic Monthly veröffentlicht wurde (die ganze Reportage auf Englisch finden Sie hier); "Baghdad Burning" - das Blog einer Anonyma mit dem nom de guerre Riverbend aus dem Irak; "Tage in Mekka" von Abdellah Hammoudi; "In Kolumbien" von Carolin Emcke; "Bombay; Maximum City" von Suketu Mehta; "Söldnerherz. Unterwegs mit einem Killer - Reise in die afrikanische Nacht" von Alexandra Fuller (Peter Longworth, Britisch High Commissionar von Zimbabwe 1998-2001 hat das Buch im Guardian besprochen).

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - Lettre International

In dieser vor lesenswerten Artikeln überbordenden Ausgabe geht es unter anderem um globale Geschäfte. Isabel Hilton begibt sich zur verlängerten Werkbank der Welt, in die Fabriken in Chinas Hinterland. Und berichtet von Arbeitern, die in der globalen Produktionsschlacht verheizt werden und nun todkrank um Entschädigungen kämpfen. Vor dreißig Jahren war Hilton das erste Mal in einer chinesischen Fabrik, als die Studenten, auch ausländische, in die Betriebe verschickt wurden. Das "vermittelte mir einen bleibenden Eindruck vom theatralen Gehalt der chinesischen Revolution. An unserem letzten Morgen sollten wir die Werkshalle aufräumen, da sich ausländische Besucher angemeldet hätten. am Nachmittag wurden wir - um niemand anderen handelte es sich bei den Besuchern - feierlich in eben dieser Halle herumgeführt." Hier ein kleiner Auszug.

Linda Polman beschreibt den Verdrängungskampf internationaler Hilfsorganisationen, wie sie ihn 1994 im Flüchtlingslager von Goma erlebt hat (Auszug). Dort buhlten 250 NGOs, die längst wie kommerzielle Unternehmen agieren, mit acht verschiedenen UN-Abteilungen, etwa zwanzig staatlichen Geberorganisationen, unzähligen örtlichen Hilfsorganisationen und neun internationalen Militärkontingenten um die Hilfsbedürftigen. "Als ich nach Goma kam, ein Jahr nach dem Einmarsch der Hutu, flatterte über den Hunderttausenden von blau-weißen UNHCR-Planen, die die Flüchtlinge zum Bau von Hütten bekommen hatten, noch ein Meer von Fähnchen mit Firmenlogos. Hatten solche Banner einst die Funktion, den Konfliktparteien zu signalisieren, dass hier humanitäre und keine militärische Organisationen am Werke waren, so sind sie jetzt Grenzmarkierungen im Kampf um Aufmerksamkeit. Es war, als stünden Wahlen bevor."

Außerdem erklärt William Langewiesche nicht nur, wie man als Journalist im Irak überlebt, sondern beobachtet auch den Verteidiger Saddam Husseins, wie er sich auf den Prozess seines Lebens vorbereitet. Mark Danner enthüllt die vorsätzliche Täuschung der UN vor dem Irakkrieg (Auszug) und Michel Braudeau schreibt über die Entwicklung Amazoniens, die nicht in Gang kommen will (Auszug).

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Lettre International

In der neuen Lettre erzählt der Historiker Philippe Videlier die Geschichte des Völkermords an den Armeniern. Sie beginnt mit dem Sultan Abd-ül Hamid, "dessen Gesicht niemand anblicken durfte. 'Er hat kein schönes Äußeres, in moralischer Hinsicht ist er noch hässlicher', versicherte einer der Männer des Tages, ein kultivierter Revolutionär, den seine Freunde 'den Philosophen' nannten, weil er Platon, die Kabbala und selbst die Leitgedanken des Sozialismus kannte." Und geht weiter mit den "Jungtürken", die nach dem Sturz des grausamen Sultans die Macht übernahmen. "Die Jungtürken hatten den Namen 'Komitee für Einheit und Fortschritt' angenommen, der zu positiven Erwartungen berechtigte. Die Bewegung hatte zivile Führer und ruhmreiche militärische Vertreter. Aus Paris kamen Ahmed Riza, der Direktor des Meschweret, der in der rue Monge im Quartier Latin gewohnt hatte, und Doktor Nazim, ein Absolvent der Medizinischen Fakultät, den man gern als den 'Missionar der liberalen Ideen in Kleinasien' vorstellte." Es waren dann aber diese Herren, die den Völkermord an den Armeniern befahlen. Videlier vergisst in seiner Geschichte auch nicht, die Reaktionen der ausländischen Presse und Diplomaten zu notieren.

Außerdem in diesem mal wieder überreichen Heft: Der Ethnologe Abdellah Hammoudi beschreibt seine Erlebnisse auf der Pilgerreise nach Mekka. Eliot Weinberger hat Zitate aus Zeitungen und Fernsehen zu einer eindrucksvollen Geschichte des Irakkriegs zusammengestellt: "Was ich hörte vom Irak". Dokumentiert ist ein langes Gespräch, das Norman Manea mit Saul Bellow führte. Und Oliver Sacks berichtet über neurologische Anomalien, Bewegung, Denken und Zeit.