
Das Potenzial der Städte erkundet die neue Ausgabe der
Lettre. Der
Anthropologe Filip de Boeck hat
Kinshasa besucht, die "wahnsinnige" Mega-Stadt, die zugleich "Aufbau und Zerstörung, Erektion und Impotenz, Überfluss und Armut,
Orgie und Tod" sei: "In Kinshasa zählt vor allem der Körper. Wo Steine fehlen oder Beton einstürzt, ist ein anderes Material gefragt, nämlich der
menschliche Körper. Allein die Tatsache, dass so viele Körper sich gemeinsam bewegen, arbeiten, essen, trinken, sich vereinen, beten, tanzen, fasten und leiden, verleiht Kinshasa sein eigenes Temperament, seinen typischen, oft fieberhaften Rhythmus. Der Körper, diese '
Wunschmaschine', wie ihn David Harvey nennt, gibt dem Chaos der Stadt eine gewisse Ordnung. Oder vielmehr sind es diese Körper, die der Stadt ihre eigene zwischenmenschliche Logik aufzwingen. Der Körper ist einer der wenigen Orte, wo die Bewohner Kinshasas ihren brutalen, als bloßes Überleben wahrgenommenen Alltag hinter sich lassen können. Sehr häufig wird dieser Körper auf die Ebene
des Bauches oder des Phallus allein reduziert."
Der
Historiker Karl Schlögel erinnert an das Moskau des Jahres 1937, das
Moskau des großen Terrors: "Was gehört alles zu diesem Bild?
Die Angst. Die Allgegenwart der Geheimpolizei. Die Rede von der Verschwörung. Die Allgegenwart des Misstrauens. Die Unberechenbarkeit. Die schockierende Erfahrung, dass alles möglich ist, dass es keinen Schutz und keine Verteidigungsmöglichkeit gibt. Die Erfahrung des vollständigen Ausgeliefertseins. Die Absurdität der Vorwürfe. Die Selbstbeschuldigung der Angeklagten, die Selbstverleugnung und Selbstanklage. Vollständige Willkür, dass es jeden treffen kann."
Weiteres: Carlos Castresana verteidigt das
absolute Folterverbot, dessen Aufweichung eine Beleidigung der Menschenwürde darstellte. Nadine Gordimer denkt darüber nach, welches Zeugnis Literatur abgeben kann und muss. Der schwedische
Autor Sven Lindqvist diskutiert die
alliierten Bombenangriffe auf Nazi-Deutschland und kommt zu dem Schluss, dass sie weniger kriegstaktisch begründet waren als vielmehr aus der
Konkurrenz britischer Waffengattungen. Sein Fazit: "Heutige Bombenangriffe werden heutige Gesetze nicht respektieren, solange die Verbrechen von gestern entschuldigt oder geradezu verherrlicht werden."