
Über
Ukrainer, die in das
Land des Aggressors fliehen (müssen) und die vielfältigen Ursachen dafür
schreibt Masha Gessen und porträtiert dabei Schicksale wie das der Krankenschwester Olga, die bei Ausbruch des Krieges mit ihrer Familie in dem Mariupoler Krankenhaus, in dem sie arbeitet, Schutz vor russischen Bomben sucht. Russische Truppen evakuieren sie, sie kommt nach St. Petersburg: "Sie hat
keinen Kontakt mehr zu einigen ihrer engsten Freunde, die sich in Westeuropa aufhalten. 'Sie sind völlig vom Krieg eingenommen,' erzählt sie mir, 'das ist alles, worüber sie sprechen.' Olga spricht mit ihren Kindern nicht über den Krieg. Sie hat ihnen erzählt, ein 'böser Mann' habe ihren Vater getötet. Während unseres Gesprächs wiederholt sie ständig, 'Ich habe diesen Krieg erlebt.' Ich beginne zu verstehen: Würde Olga nach Westeuropa oder zurück nach Mariupol gehen, hätte sie ständig das Gefühl, sich immer noch mitten im Krieg zu befinden. Sie will nur damit abschließen. Der
einzige Ort auf diesem Planeten, auf dem es
keinen russisch-ukrainischen Krieg gibt, ist Russland. Was die russische Regierung als humanitäre Hilfe tarnt, nennen Menschenrechtsaktivisten
Kriegsverbrechen. Viele Ukrainer, mit denen ich gesprochen habe, haben Situationen beschrieben, in denen es der einzige Ausweg vor dem sicheren Tod schien, in einen der Busse zu steigen, die, von russischen Behörden gestellt, nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete fuhren. In einem Bericht von September 2022 hat Human Rights Watch solche Fälle als
'illegale Zwangsumsiedlung' bezeichnet. Nach internationalem Recht sind Zwangsumsiedlungen oder Deportationen - ersteres meint die Bewegung von Menschen innerhalb der Staatsgrenzen, letzteres über Grenzen hinweg - Kriegsverbrechen. (Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hat mindestens drei Personen der Zwangsumsiedlung bosnischer Muslime für schuldig befunden.) Der Bericht macht deutlich, dass dieses Kriegsverbrechen auch 'Umsiedlungen in Umständen miteinschließt, in denen eine Person nur zustimmt, weil sie Konsequenzen befürchtet wie Gewalt, Nötigung, Inhaftierung, wenn sie bleibt, und die Besatzungsmacht diese zwanghaften Rahmenbedingungen ausnutzt, um sie umzusiedeln. Zivilisten zu vertreiben oder umzusiedeln, kann nicht mit humanitären Gründen gerechtfertigt werden', fährt der Bericht fort, 'wenn die humanitäre Krise, die diese Bewegungen auslöst, selbst das
Ergebnis rechtswidriger Handlungen der Besatzungsmacht ist.'"
Nicht nur der Krieg beschäftigt den
New Yorker weiterhin, auch die Probleme, die
Konsum im Überfluss mit sich bringen - und die Chancen für Unternehmer, die damit einhergehen. "Dale Rogers, Wirtschaftsprofessor an der Arizona State University, hat zusammen mit seinem Sohn Zachary, der an der Colorado State lehrt, einen Vortrag gehalten, in dem es hieß, dass allein die
Retouren der Weihnachtszeit sich in den USA mittlerweile auf einen Wert von
300 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen. Zachary sagt: 'Also sind eineinhalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA - bereits größer als das BIP vieler Länder der Erde - nur Zeug, das Leute zu Weihnachten bekommen und mit 'Hm,
gibt's das auch in blau' wieder zurückgegeben haben.' Der jährliche Verkaufswert von retournierten Bestellungen in den USA nähert sich wohl eine Billion Dollar", hat David Owen in seiner Recherche über die
Industrie der 'Reverse Logistics', das Geschäft mit Warenrückgaben,
herausgefunden. Dahinter stehen ungeheure finanzielle Summen und eine Wegwerfmentalität nicht nur der Verbraucher, sondern auch der Hersteller: "Fast alle modernen Geräte enthalten Elektronik, die nicht nur eine begrenzte Lebensspanne hat, sondern in der Regel auch unmöglich zu reparieren und teuer auszutauschen ist. Unser früherer Handwerker hat meiner Frau und mir erklärt, dass wir immer
das 'dämlichste' Gerät kaufen sollten, das wir finden können. Ein guter Rat, der aber mittlerweile fast nutzlos geworden ist, weil sogar Mixer und Kaffeemaschinen Mikrochips enthalten."
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