Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 12.09.2023 - New Yorker

Ross Douthat, nicht unumstrittener Kolumnist der New York Times, steht zwischen den zunehmend verhärteten Fronten von Konservatismus und Liberalismus, zeigt Isaac Chotiner in seinem Porträt eines Mannes, der sich selbst zwar eigentlich konservativ nennt, aber immer am Austausch mit und dem Verständnis von anderen Meinungen interessiert ist - auch wenn es sich dabei um Verschwörungstheorien handelt. "'Ich glaube, viele Menschen im Umkreis des New Yorkers oder der New York Times haben während der Trump-Zeit beschlossen, dass sie gar nicht wissen wollen, woher all diese Ideen überhaupt kommen. Es hat ihnen gereicht, dass sie schlecht waren. Ich glaube, man sollte sich schon bemühen herauszufinden, woher diese Theorien kommen.' Douthat wurde immer lebhafter; er lächelte breit und wedelte mit der rechten Hand in der Luft, um seine Aussagen zu unterstreichen. 'Was der Liberalismus - der Eliteliberalismus, wie auch immer Sie ihn nennen - nicht hat, ist eine Theorie der Überzeugungskraft.' Er hielt erneut inne. 'Deshalb bin ich vielleicht doch ein Liberaler, weil ich mich für diese Theorien der Überzeugungskraft interessiere.'" Laut Chotiner diskutiert Douthat lieber, warum eine Idee nicht funktionieren kann, als darüber, ob sie fehlgeleitet ist. "Zuvor hat er mir bereits erzählt, dass es 'ironischerweise die Bedeutung des Glaubens schwächen kann, wenn Kirche und Staat zu sehr miteinander verflochten sind, weil Religion von den Menschen so als korrupt oder zu involviert in die schmutzige Tag-für-Tag-Realität der Welt wahrgenommen wird'. Douthat überträgt diesen Pragmatismus manchmal auf seine Kritik an der Linken. 'Ich denke, es ist wichtig, dass die Leser des New Yorker erkennen, dass es sich hier um eine Aussage über Glaubenssysteme im Allgemeinen handelt, die nicht nur auf das katholische Christentum zutrifft', so Douthat, einen früheren Kommentar weiter ausführend. 'Wenn man an die Ansichten denkt, die mit Antirassismus und Wokeness und so weiter verbunden sind, zeigen sich die Grenzen dessen, was eine elitäre Form der Progressivität in der Breite der Bevölkerung erreichen kann, ohne einen Backlash vom Typus Ron DeSantis zu provozieren. Überzeugungskraft und Konsens sind sehr wichtig für Religion, für Politik, für Ideologie.'"

Weitere Artikel: Julian Lucas liest Mohamed Mbougar Sarrs Roman "Die geheimste Erinnerung der Menschen". Jennifer Egan erzählt von Obdachlosigkeit in New York und wie man ihr entkommt. Judith Thurman stellt die Homer-Übersetzerin Emily Wilson vor. Jill Lepore bespricht Walter Isaacsons Musk-Biografie. Carrie Battan hört Europop von Romy.

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - New Yorker

Das ist mal wieder so ein Artikel, aus dem HBO eine fette Serie wie "Succession" machen könnte, à la "Elon Musk auf dem Weg zur Weltherrschaft". Wenn man Ronan Farrows 60.000 Zeichen durch hat, findet man diesen Titel gar nicht mehr so abwegig und um so unheimlicher, als Farrow gegen Ende seines Artikels vor allem auf Elon Musks depressive Tendenzen, seinen angeblichen Drogengebrauch, sein Querdenkertum und seine immer trolligere und verrücktere Rhetorik zu sprechen kommt. Die entscheidenden Passagen finden sich dennoch eher im ersten Drittel des Artikels, denn sie zeigen, dass ganz Amerika im Grunde längst von diesem Mann abhängig ist, und nicht nur Amerika, denn die komplette Kommunikationsstruktur der ukrainischen Kriegsführung hängt an dem Internetzugang, den Elon Musk ihr über seine Internetsatelliten via Starlink gewährt. Das große Geld hat schon häufiger eine Rolle in Kriegen gespielt, so Farrow. Aber "es gibt kaum einen Präzedenzfall dafür, dass ein Zivilist zum Schiedsrichter eines Krieges zwischen Nationen wird, und auch nicht für den Grad der Abhängigkeit, den die USA jetzt von Musk in einer Vielzahl von Bereichen haben, von der Zukunft der Energie und des Transports bis zur Erforschung des Weltraums. SpaceX sind derzeit die einzigen Raketen, mit denen die NASA Besatzungsmitglieder von amerikanischem Boden in den Weltraum transportieren kann - eine Situation, die noch mindestens ein Jahr andauern wird. Der Plan der Regierung, die Autoindustrie auf Elektroautos umzustellen, erfordert einen besseren Zugang zu Ladestationen entlang der amerikanischen Autobahnen. Dies hängt jedoch von den Maßnahmen eines anderen Musk-Unternehmens, Tesla, ab... Seit zwanzig Jahren sucht Musk angesichts bröckelnder Infrastruktur und eines schwindenden Vertrauens in die Institutionen nach Business-Chancen in wichtigen Bereichen, aus denen sich der Staat zurückgezogen hat." Und "seine Macht wächst weiter. Seine Übernahme von Twitter, das er in 'X' umbenannt hat, bietet ihm ein entscheidendes Forum für den politischen Diskurs im Vorfeld der nächsten Präsidentschaftswahlen."

Außerdem: Sam Knight versenkt sich für eine Reportage tief in die Welt der Bio-Bienenhalter - und fragt sich angesichts neuerer Forschungsergebnisse, wonach wilde Bienen viel resistenter sind als bisher angenommen, ob Bienenhaltung wirklich in Ordnung ist. Und Filmkritiker Richard Brody stellt beim Sichten einer neuen Amazon-Doku über Wayne Shorter fest: Der kürzlich verstorbene Jazz-Saxofonist war ein Nerd und echter Filmfreak. Der Trailer gestattet einen ersten Einblick:

Magazinrundschau vom 15.08.2023 - New Yorker

Über Ukrainer, die in das Land des Aggressors fliehen (müssen) und die vielfältigen Ursachen dafür schreibt Masha Gessen und porträtiert dabei Schicksale wie das der Krankenschwester Olga, die bei Ausbruch des Krieges mit ihrer Familie in dem Mariupoler Krankenhaus, in dem sie arbeitet, Schutz vor russischen Bomben sucht. Russische Truppen evakuieren sie, sie kommt nach St. Petersburg: "Sie hat keinen Kontakt mehr zu einigen ihrer engsten Freunde, die sich in Westeuropa aufhalten. 'Sie sind völlig vom Krieg eingenommen,' erzählt sie mir, 'das ist alles, worüber sie sprechen.' Olga spricht mit ihren Kindern nicht über den Krieg. Sie hat ihnen erzählt, ein 'böser Mann' habe ihren Vater getötet. Während unseres Gesprächs wiederholt sie ständig, 'Ich habe diesen Krieg erlebt.' Ich beginne zu verstehen: Würde Olga nach Westeuropa oder zurück nach Mariupol gehen, hätte sie ständig das Gefühl, sich immer noch mitten im Krieg zu befinden. Sie will nur damit abschließen. Der einzige Ort auf diesem Planeten, auf dem es keinen russisch-ukrainischen Krieg gibt, ist Russland. Was die russische Regierung als humanitäre Hilfe tarnt, nennen Menschenrechtsaktivisten Kriegsverbrechen. Viele Ukrainer, mit denen ich gesprochen habe, haben Situationen beschrieben, in denen es der einzige Ausweg vor dem sicheren Tod schien, in einen der Busse zu steigen, die, von russischen Behörden gestellt, nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete fuhren. In einem Bericht von September 2022 hat Human Rights Watch solche Fälle als 'illegale Zwangsumsiedlung' bezeichnet. Nach internationalem Recht sind Zwangsumsiedlungen oder Deportationen - ersteres meint die Bewegung von Menschen innerhalb der Staatsgrenzen, letzteres über Grenzen hinweg - Kriegsverbrechen. (Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hat mindestens drei Personen der Zwangsumsiedlung bosnischer Muslime für schuldig befunden.) Der Bericht macht deutlich, dass dieses Kriegsverbrechen auch 'Umsiedlungen in Umständen miteinschließt, in denen eine Person nur zustimmt, weil sie Konsequenzen befürchtet wie Gewalt, Nötigung, Inhaftierung, wenn sie bleibt, und die Besatzungsmacht diese zwanghaften Rahmenbedingungen ausnutzt, um sie umzusiedeln. Zivilisten zu vertreiben oder umzusiedeln, kann nicht mit humanitären Gründen gerechtfertigt werden', fährt der Bericht fort, 'wenn die humanitäre Krise, die diese Bewegungen auslöst, selbst das Ergebnis rechtswidriger Handlungen der Besatzungsmacht ist.'"

Nicht nur der Krieg beschäftigt den New Yorker weiterhin, auch die Probleme, die Konsum im Überfluss mit sich bringen - und die Chancen für Unternehmer, die damit einhergehen. "Dale Rogers, Wirtschaftsprofessor an der Arizona State University, hat zusammen mit seinem Sohn Zachary, der an der Colorado State lehrt, einen Vortrag gehalten, in dem es hieß, dass allein die Retouren der Weihnachtszeit sich in den USA mittlerweile auf einen Wert von 300 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen. Zachary sagt: 'Also sind eineinhalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA - bereits größer als das BIP vieler Länder der Erde - nur Zeug, das Leute zu Weihnachten bekommen und mit 'Hm, gibt's das auch in blau' wieder zurückgegeben haben.' Der jährliche Verkaufswert von retournierten Bestellungen in den USA nähert sich wohl eine Billion Dollar", hat David Owen in seiner Recherche über die Industrie der 'Reverse Logistics', das Geschäft mit Warenrückgaben, herausgefunden. Dahinter stehen ungeheure finanzielle Summen und eine Wegwerfmentalität nicht nur der Verbraucher, sondern auch der Hersteller: "Fast alle modernen Geräte enthalten Elektronik, die nicht nur eine begrenzte Lebensspanne hat, sondern in der Regel auch unmöglich zu reparieren und teuer auszutauschen ist. Unser früherer Handwerker hat meiner Frau und mir erklärt, dass wir immer das 'dämlichste' Gerät kaufen sollten, das wir finden können. Ein guter Rat, der aber mittlerweile fast nutzlos geworden ist, weil sogar Mixer und Kaffeemaschinen Mikrochips enthalten."

Weitere Artikel: Parul Sehgal porträtiert die Autorin Jaqueline Rose. Zech Helfand beschreibt die Faszination von Monster-Truck-Shows. Kathryn Schulz liest Gunnar Brobergs Biografie über Carl Linneus, und Alex Ross hört Monteverdis "Orfeo" open air in Santa Fe.

Magazinrundschau vom 01.08.2023 - New Yorker

The Ones That Shouldn't: The Gift. © Lisa Yuskavage. Courtesy the artist and David Zwirner

So entblößt hat Ariel Levy den männlichen Blick auf weibliche Körper noch nie gesehen, wie auf den Bildern der amerikanischen Malerin Lisa Yuskavage, die er für den New Yorker porträtiert. Sie nimmt beim Malen selbst diesen dezidiert männlichen Blick ein, um dessen objektivierende Sicht zu entlarven. So auch bei einem Gemälde, das von David Lynchs Film "Blue Velvet" inspiriert ist: "'Ich dachte, Warum stelle ich mir nicht einfach vor, dass er es ist, der malt?' Das Resultat ist ein verstörendes Bild mit dem Titel 'The Gifts.' Vor einem algengrünen Hintergrund steht eine nackte weibliche Figur, deren Arme entweder fehlen oder hinter dem Rücken gefesselt sind, sie schwebt über einer Flut wogender Wellen. Es sieht aus, als würde die Frau mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen werden, als Gallionsfigur eines Schiffes zu dienen. 'Dann habe ich ihr diese albernen, billigen Blumen in den Mund gestopft', sagt Yuskavage. 'Und ich konnte nicht mehr aufhören zu lachen.' Die Figur sieht verstört aus, traumatisiert. Sie hat Yuskavage an eine Robbe in einer PETA-Werbung erinnert, die schon weiß, dass sie gleich zu Tode geknüppelt wird. 'Ein Mann würde seiner Figur das niemals in die Augen legen, verraten, dass sie diese Angst hat', sagt sie. 'Aber weil ich eine Frau bin, kann ich das nicht ignorieren.' Diese Arbeit ist anders als die Bilder in ihrer ersten Ausstellung. Die schlammigen Töne wurden ersetzt durch lebhafte, gesättigte Farben; die weibliche Figur ist aggressiv exponiert, anstatt sich zu verstecken. Yuskavage ist begeistert: 'Ich habe mich beim Malen so gut gefühlt - ich dachte mir, das muss richtig sein.' Entweder das, oder sie wäre dabei, den Verstand zu verlieren."

Magazinrundschau vom 18.07.2023 - New Yorker

Der Begriff 'failed state' muss in Jon Lee Andersons Artikel zur desolaten Lage Haitis gar nicht fallen, die Schilderungen von organisierter Gewalt, Regierungsversagen und internationalem Desinteresse machen auch so klar, dass sich das Land in einer fundamentalen und schon lange andauernden Krise befindet. Besserung ist nicht in Sicht. Besonders die Gangs sind ein Problem: "Haitianer, die nach Hilfe von offizieller Seite suchen, werden wieder und wieder enttäuscht. Das Land hat nur rund 9000 Polizisten, wobei angenommen wird, dass viele von ihnen selbst bei den Gangs involviert sind. 'Im Verhältnis zur Größe des Staates sind das nur etwa fünf Prozent der benötigten Polizeikräfte', lässt ein in der Region ansässiger Diplomat verlauten. Die Armee ist im Grunde genommen nicht existent, es gibt nur etwa 2000 aktive Soldaten. Das, was die Regierung an Ausgaben aufbringen kann, fließt oft in Patronage. Trotz einer brachliegenden Wirtschaft, fügt der Diplomat hinzu, 'hat sich die Zahl der Angestellten im Staatsdienst in den letzten fünf Jahren um dreißig Prozent gesteigert, weil die Regierung die Posten mit Parteifunktionären besetzt.' Die Trump-Regierung hatte wenig Interesse an Haiti. Während eines Meetings im Oval Office 2018 fragte Trump, wieso die USA Immigranten aus Haiti und anderen 'Dreckslöchern' aufnehmen solle. Joe Biden hat in seiner langen Karriere nur wenig mehr Bedenken gezeigt. Als Präsident Clinton 1994 über eine Intervention nachdachte, wandte sich Biden dagegen: 'Wenn Haiti - was für eine schreckliche Aussage - wenn Haiti einfach still und heimlich in der Karibik versinken oder hundert Meter in die Höhe schießen würde, wäre das für unsere Belange mehr oder weniger irrelevant.'" Doch auch im Land sind die Umgangsformen bisweilen äußerst rau, wie die Perspektive der Beamtin Manigat zeigt, die gegen Bandenkriminalität vorgehen will: "Sie macht sich keine Sorgen wegen der Gefahr, Menschenrechte zu verletzten. 'Wenn man mit Banditen zu tun hat, greifen die Menschenrechte nicht', sagt sie. 'Was sollen wir machen, sie um Gnade anflehen? Nein, wir sollten ihnen keinerlei Mitleid zeigen, ganz so, wie sie es auch mit uns machen.' Manigat spricht über Che Guevara, der in Bolivien in einem Kamp mit von den USA unterstützten Streitkräften getötet wurde. 'Sein Leichnam wurde ausgestellt, jeder konnte sehen, dass er tot war', schildert sie. 'Hier haben die Verbrecher Namen - wir wissen alle, wer sie sind - und auch ihre Körper müssen öffentlich gezeigt werden, um die Bevölkerung zu schocken. Der Körper stirbt vom Kopf her.'"

Außerdem: Rivka Galchen schreibt über die Fortschritte im Kampf gegen Multiple Sklerose, und was diese für andere Krankheiten bedeuten. Jil Lepore fragt sich, ob Bären und Menschen nebeneinander existieren können. Emily Nussbaum berichtet über Kulturkriege in der Country Musik. Louis Menand denkt über den Aufstieg und Fall des Neoliberalismus nach. Anthony Lane sah "Mission Impossible", Teil 7.1 im Kino.

Magazinrundschau vom 25.07.2023 - New Yorker

Presse unerwünscht: Paige Williams schreibt darüber, wie eine kleine, familiengeführte Lokalzeitung in den USA in Zeiten des großen Blättersterbens und zunehmender Repressalien zu bestehen versucht. Das Budget ist knapp, die Leserschaft schwindet und manchmal machen es auch die Staatsorgane nicht unbedingt leicht, Journalismus zu betreiben. Der Journalist Chris Willingham recherchiert für die McCurtain Gazette, die Zeitung seines Vaters Bruce, Vorfälle rund um die Polizei des Ortes, die in Vetternwirtschaft verstrickt zu sein scheint und einen mangelnden Willen zur Aufklärung von Verbrechen an den Tag legt. Das führt sofort zu Spannungen: "In einer Kleinstadt ist man als hartnäckiger Reporter zwangsläufig unbeliebt. Es ist nicht so leicht, über die Drogen-Anklage eines alten Freundes zu schreiben, wohl wissend, dass man ihm in der Kirche wieder begegnen wird. In seiner Teenie-Zeit war Chris selbst zwei Mal Thema in der Zeitung, weil er mit seinen Kumpels Bier in einem Lebensmittelgeschäft gestohlen hatte, in dem einer von ihnen arbeitete, und weil er illegal - wahrscheinlich mit denselben Kumpels, auf jeden Fall biertrunken - auf einer Brücke direkt über einer guten Angelstelle geparkt hatte." Als er dem Sheriff und dessen Angestellten mit seinen Recherchen gefährlich nah kommt, gerät Willingham selbst ins Kreuzfeuer, wie der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs zwischen ihnen zeigt: "Alicia Manning bringt das Gespräch kontinuierlich auf die Gazette. Jennings schlägt vor, einen 'altersschwachen Panzer' zu organisieren, damit in das Redaktionsbüro zu fahren und das Ganze als Unfall zu bezeichnen. Der Sheriff scherzt: 'Dann musst du aber meinem Sohn zuvorkommen.' Sein Sohn ist sein Stellvertreter. Sie lachen. Manning spricht über die Möglichkeit, Chris Willingham in der Stadt zu begegnen: 'Ich mache mir keine Sorgen darüber, was er mit mir machen könnte, ich mache mir Sorgen darüber, was ich ihm antun könnte.' Ein paar Minuten später meint Jennings: 'Ich kenne hier zwei ziemlich tiefe Löcher, falls du die Info mal brauchst.' 'Ich hätte einen Bagger,' erwidert der Sheriff. 'Naja, diese Löcher sind ja schon ausgegraben,' entgegnet ihm Jennings. Er fährt fort, 'Ich kenne zwei, drei Auftragsmörder. Ganz ruhige Jungs. Die würden keine verdammte Gnade walten lassen.' Bruce war zuvor schon einmal bedroht worden, aber das hier fühlte sich anders an. Dem U.S. Press Freedom Tracker zufolge wurden im letzten Jahr 41 Journalisten körperlich angegriffen. Seit 2001 sind mindestens 13 getötet worden."

Patrick Radden Keefe erzählt, wie der Galerist Larry Gagosian den modernen Kunsthandel formte. Jennifer Wilson liest Dostojewskis "Brüder Karamsow". Anthony Lane sah im Kino "Oppenheimer" und "Barbie".

Magazinrundschau vom 04.07.2023 - New Yorker

Kaum ist die britische Schriftstellerin Zadie Smith aus den USA nach London zurückgekehrt, gerät sie in den Bann des Viktorianischen: Charles Dickens spukt in ihrem Kopf wie ein ungebetener Geschichtengeist und natürlich beginnt sie, einen historischen Roman zu schreiben, wie sie frohgemut erzählt. Aber wie macht man sich frei von Charles Dickens? "Ich habe zu Mr. Dickens gesagt: So. Sie können eine Statistenrolle einnehmen, aber ich werde Sie im nächsten Kapitel töten, sofort. Sie werden hier nicht abhängen und Sie werden keine geistreichen Reden schwingen oder irgendwelche Weisheiten zum Besten geben. Ich habe mein Wort gehalten und ihn im nächsten Abschnitt getötet, in einem sehr kurzen, sehr dickens-unähnlichen Kapitel mit dem Titel 'Dickens ist tot!' Ich hatte sofort ein Gefühl der Katharsis, von dem die Leute denken, dass es sich beim Schreiben ständig einstellt, das ich aber nur selten zu spüren bekommen habe. Schau mich an! (Habe ich zu mir selbst gesagt.) Ich habe gerade Dickens umgebracht! (Indem ich seinen plötzlichen Tod und die anschließende Beerdigung in der Westminster Abbey beschrieben habe.) Aber, nicht lange nachdem ich diese triumphale Szene geschrieben hatte, ist Charles Dickens (aus praktischen Gründen in Form eines Flashbacks) wieder aufgetaucht, als eine jüngere und noch stärkere und unbändigere Kraft als vierzig Seiten zuvor. An dem Punkt habe ich aufgegeben. Ich habe ihn in meinen Seiten herumspazieren lassen, so, wie er auch im London des 19. Jahrhunderts herumspaziert. Er ist da, dort in der Luft, in den Komödien und Tragödien, in der Politik und der Literatur. Er ist da, dort, wo er nichts zu suchen hat (zum Beispiel in den Diskussionen um die Zukunft Jamaikas). Er ist da, mal als unterdrückender, mal als unwiderstehlicher, als reizvoller, als übermächtiger Einfluss, ganz, wie er es auch im Leben war. Ganz, wie er es in meinem Leben war. Aber so sind sie, die Einflüsse aus der Kindheit. Sie treiben dich in den Wahnsinn, gerade weil du weitaus tiefer in ihrer Schuld stehst als du weißt oder zugeben möchtest. Siehe auch: Eltern."

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - New Yorker

Wie unterschiedlich Kinder in den USA und in China lernen, erlebten die Zwillingstöchter von Schriftsteller Peter Hessler am eigenen Leib, als sie für zwei Jahre an einer chinesischen Reformschule unterrichtet wurden. Das System an der Chengdu Experimental Primary School ist, obwohl es sich ursprünglich mal an John Deweys Prinzip des Learning by Doing orientiert hatte, streng konkurrenz- und leistungsbezogen - und von der Ideologie durchzogen, die Peking vorgibt. "Während das amerikanische Schulsystem Wert legt auf kleine Klassen, tendiert das chinesische System eher dazu, den Fokus auf Effizienz und Spezialisierung zu legen. Eine typische Grundschullehrerin in den USA unterrichtet alle Fächer, wohingegen Lehrerin Zhang nur Chinesisch unterricht. Sie wird dabei von einer Referendarin unterstützt, die ebenfalls nur dieses Fach unterrichtet, ein anderer Lehrer unterrichtet Mathematik, wieder ein anderer Englisch und so weiter. Den ganzen Tag über bewegen sich die Kinder kaum von ihren Plätzen. Das Mittagessen wird auf einem Metallwagen ins Klassenzimmer gebracht und die Kinder essen an ihren jeweiligen Tischen, wie kleine Workaholics. Während des Unterrichts sitzen sie mit beiden Füßen fest auf den Boden gestellt und den Armen akkurat über dem Tisch gefaltet. Wenn ein Lehrer ein Kind aufruft, steht es auf, bevor es spricht. Wenn eine Schülerin im Matheunterricht einen Strich in einem Gleich- oder Divisionszeichen oder ein Minus aufzeichnet, muss sie dafür ein Lineal benutzen. Eine Weile lang war es für die Mathelehrerin okay, dass die Zwillinge Cai Cai und Rou Rou die mathematischen Symbole freihändig geschrieben haben, aber dann hat sie begonnen, Punkte dafür abzuziehen und sie haben sich schnell daran gewöhnt, Lineale zu benutzen. Diese Disziplin ist Teil der allgemeinen Bedeutung, die der Effizienz zugeschrieben wird: Wenn Kinder ordentlich sind, verschwenden sie weniger Zeit. Das System verlässt sich auch auf die vollumfängliche Unterstützung der Eltern, ohne ihnen die Gelegenheit zu geben, in der Sache mitzureden. Ihnen wird, mit seltenen Ausnahmen wie Foto-Gelegenheiten, davon abgeraten, das Schulgelände zu betreten. In der App WeChat sind die Eltern sehr engagiert dabei, sich darum zu kümmern, dass etwa Gebühren bezahlt werden und administrativen Aufgaben nachgegangen wird, zudem schreiben sie über alle möglichen anderen Themen von Hausaufgaben bis Schuluniformen. Ich habe aber niemals gesehen, dass irgendjemand versucht hätte, die Lehrerin zu belehren. Es gibt keine Vorschläge, keine Beschwerden, keine Kritik. Die Botschaft, die die Schule vermittelt, ist klar: Wir haben hier die Kontrolle."

Deutlich launiger, wenn auch nicht ohne Ernst, lesen sich da die Ausführungen der populären Altphilologin Mary Beard zu den römischen Kaisern und ihrem Ab- und Weiterleben. Einige schillernde Charaktere haben sich da im Imperium angesammelt, erzählt sie fröhlich, nicht alle haben ein friedliches Ende gefunden: "Elagabalus war ein Teenager aus Syrien, der 218 n.Chr. Kaiser wurde, ein von Mutter und Großmutter orchestrierter Griff nach der Macht, wie man sich erzählt hat. Er ist schnell als extravaganter (und gelegentlich sadistischer) Gastgeber bekannt geworden. Auf seinen Dinnerparties wurden oft Delikatessen serviert, die sogar nach römischen Standards als exotisch zu betrachten sind, so wie Kamelfüße und Flamingohirne. Es hat zu seinem Arsenal an Partyspäßen gehört, Furzkissen (übrigens die ersten in der europäischen Überlieferung) auf Sofas zu verteilen, Fake-Essen aus Wachs oder Glas an weniger wichtige Gäste zu servieren, die dann den Abend damit verbracht haben, erhabeneren Gästen beim Genuss der Mahlzeiten zuzusehen, und zahme Löwen, Bären und Leoparden zwischen Besuchern freizulassen, die dabei waren, ihren Rausch auszuschlafen. Für manche war der Schock, sich beim Erwachen zwischen den Tieren wiederzufinden, so groß, dass sie wortwörtlich zu Tode erschrocken sind. Angeblich hat er seine Gäste auch einmal unter einem so grandiosen Blütenregen begraben, dass sie daran erstickt sind. Ist es da noch überraschend, dass Elagabalus von verärgerten Leibwachen gemeuchelt und sein Körper äußerst unfeierlich im Tiber versenkt wurde?"

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - New Yorker

Patriarchale Strukturen, Misogynie und Sexismus prägen die Gesellschaft Indiens und doch reicht keiner dieser Begriffe aus, die Bedingungen zu fassen, unter denen die Frauen leben müssen, von denen Manvir Singh berichtet. Die mutmaßliche Ermordung ihrer Cousine Neeti durch deren Schwiegerfamilie - ihnen reichen die immer noch andauernden Aussteuer-Zahlungen des Brautvaters nicht aus - nimmt sie zum Anlass, sich das Mitgift-System in Indien anzuschauen. Trotz eines vor sechzig Jahren erlassenen Verbots floriert es noch immer - zum Nachteil der Frauen, für deren Verheiratung in vielen Fällen eine absurd hohe Mitgift gezahlt werden muss. Sie "befeuern zwei Arten von Gewalt. 'Wenn zu viele Mädchen geboren werden, kommt es zum weiblichen Infantizid', hat eine junge Frau aus dem ländlichen Tamil Nadu 2005 einer Forschergruppe erzählt. 'Wenn es zu viele Mädchen gibt, gibt es auch zu viele Hochzeiten und zu viele Probleme mit der Mitgift.' Darüber hinaus haben Erwartungen an die Beigaben Ehemänner und deren Familien ermuntert, Frauen zu misshandeln, um Zahlungen zu erzwingen. Einer UN-Studie zufolge sind vierzig bis fünfzig Prozent der Morde an Frauen in Indien die Folge aus Streits um die Mitgift. Auch Neetis Tod könnte dazuzählen." Obwohl geschätzt ein Viertel bis die Hälfte der indischen Frauen von ihren Ehemännern misshandelt werden, liegt die Scheidungsrate bei nur etwa einem Prozent, erzählt Singh. "Diese Normen sind tief verwurzelt. Sowohl global gesehen als auch auf dem indischen Subkontinent scheint es so, dass Frauen überall dort schlechter behandelt werden, wo ihre Arbeit nur eine niedrige Wertschätzung erfährt. Eine Region, die von Pfluglandwirtschaft geprägt ist - diese Arbeit profitiert von männlich codierten Zügen wie Griff- und Oberkörperkraft und genereller Körperstärke - tendiert zu einem schiefen, männlich dominierten Geschlechterverhältnis und niedriger Beteiligung von Frauen an der Gesamtarbeitskraft. Im Nordwesten Indiens, der Heimat meiner Familie, wo der Pflug die Felder dominiert, fasst ein Sprichwort dies so zusammen: 'Wer kann zufrieden sein ohne Regen und Sohn? Für die Kultivierung braucht es beides.' Ein anderes ist noch direkter: 'Wessen Sohn stirbt, der ist glücklos. Wessen Tochter stirbt, der kann sich glücklich schätzen.'"

In einer sehr lesenswerten Reportage beschreibt Dexter Filkins das Chaos an der amerikanischen Grenze im Süden der USA. Der gewaltige Zustrom illegaler Immigranten überfordert inzwischen viele Gemeinden und Städte, obwohl die USA gleichzeitig Arbeitskräfte brauchen. Aber das Einwanderungssystem ist inzwischen vollkommen dysfunktional. Das zu ändern, daran haben vor allem Republikaner kein Interesse, weil sie damit Wahlkampf machen können. Aber es gibt auch Ausnahmen, wie der texanische Kongressabgeordneten Tony Gonzales, ein Republikaner, und sein politischer Gegner, der Demokrat Henry Cuellar beweisen: "Gonzales' Verbündeter Cuellar, ein texanischer Landsmann, sagte mir, dass die örtlichen Wähler einen Kongressabgeordneten mit einem praktischen Ansatz für die Arbeit wollten. 'Als ich Tony kennenlernte, ging er durch das Plenum, kam auf mich zu und sagte: Lassen Sie uns zusammenarbeiten, erinnerte sich Cuellar. 'So sollte es sein.' Im Prinzip ist ein legislativer Kompromiss zur Einwanderung nicht schwer vorstellbar: strengere Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze, eine republikanische Priorität, im Austausch für eine erweiterte legale Einwanderung, eine demokratische Priorität. Doch die Aussicht auf eine Einigung hat sich in der gegenseitigen Feindseligkeit aufgelöst, die für die Politik im Kongress typisch ist."

Weitere Artikel: Lauren Collins porträtiert die finnische Performance-Künstlerin Pilvi Takala. Amanda Petrusich kommt ziemlich beeindruckt aus einem Taylor-Swift-Konzert. Alex Ross stellt die Komponisten Salvatore Sciarrino und Kaija Saariaho vor. Parul Sehgal liest Lorrie Moores Roman "I Am Homeless if This Is Not My Home". Und Keith Gessen liest einige Bücher über Russland und den Westen nach dem Ende des Kalten Krieges.

Magazinrundschau vom 06.06.2023 - New Yorker

Die Filmindustrie Hollywoods könnte vom Marvel-Universum einfach verschluckt werden, befürchtet Michael Schulman: Die Superheldenfilme, die alle im selben Universum spielen und stetig aufeinander verweisen, erscheinen in so rascher Folge, dass Besetzungen und Kamera- und Technikteams quasi im Dauereinsatz sind und kaum für andere Projekte zur Verfügung stehen. Der Druck, immer neuen Content zu produzieren, macht vielleicht auch Probleme der Industrie insgesamt offenbar und "trägt zu der Wahrnehmung bei, dass Marvel mehr Filme ausspuckt, als dem Unternehmen gut tut. Ein einzelner Film kann bis zu dreitausend Aufnahmen viseueller Effekte enthalten, und Marvels Strategie, Regisseure von Sitcoms oder Independent-Produktionen abzuwerben, sorgt dafür, dass die Verantwortlichen wenig Erfahrung mit Action-Szenen haben. In den vergangenen Jahren hat es Berichte um Burnout und Unzufriedenheit aus der Visual Effect-Industrie gegeben. Marvel als größter Kunde ist als knauserig verschrien, sodass sich die verschiedenen Firmen unterbieten, um Aufträge zu bekommen. Das führt zu unterbesetzten und unterfinanzierten Projekten. Effektkünstler wurden während ihrer Achtzig-Stunden-Wochen weinend an ihren Schreibtischen gesichtet, von Marvels unverrückbaren Deadlines gemartert, Last-Minute-Änderungen und Entscheidungen, die von zu vielen darin herumrührenden Köchen verdorben werden, zum Beispiel über die exakte Lila-Schattierung, die den Antihelden Thanos auszeichnen soll."

Um Geld geht's auch in diesem Artikel aus dem letzten Heft: Es gab mal eine Zeit, da galt es als Ausverkauf, wenn ein erfolgreicher Popmusiker sich für Firmenevents verkaufte. Lange her das. Heute soll Jennifer Lopez zehn Millionen Dollar einsacken, wenn sie ein Geburtstagsständchen für den turkmenischen Diktator Gurbanguly Berdimuhamedow bringt, Nicki Minaj singt für zwei Millionen für einen Konzern, der Angolas Diktator nahesteht, Beyonce kassierte angeblich satte 24 Millionen für ein Konzert in Dubai, aber auch alte Hasen wie Rod Stewart, Paul McCartney und Elton John geben Konzerte für zahlungskräftige Privatkunden, berichtet Evan Osnos. Er hat dafür Verständnis: Man wird ja nicht Musiker, um vor einem winzigen Publikum zu spielen und seine Miete nicht zahlen zu können, denkt er sich. Und: "Man muss kein Musiker sein, um sich zu fragen, ob Musiker in einer Zeit, in der Maler ihre Werke ungeniert an Barone des Insiderhandels verkaufen, in der ehemalige Präsidenten (und Beinahe-Präsidenten) Hunderttausende von Dollar für Reden an der Wall Street erhalten und in der College-Sportler ihr Konterfei an den Höchstbietenden lizenzieren, nicht einem unfairen Standard unterliegen. Nennen Sie es eine 'Evolution in der Kultur', sagte mir ein bekannter Musikproduzent. Er entschuldigte sich im Voraus dafür, Donald Trump zitiert zu haben, und sagte dann: 'Schauen Sie sich an, wen fast die Hälfte des Landes 2016 gewählt hat: einen Mann, der sie als Verlierer abstempeln würde, wenn Sie weniger verlangen, als Sie können, weil Sie Skrupel haben, etwa ausschließlich für die Elite zu spielen. Und erstaunlich viele Leute würden ihm zustimmen." Aber auch die Musikhörer haben sich verändert, lernt der Reporter vom Musikmanager Viecelli, der ihm erklärt: "'Ein Jugendlicher kann einen Song vorwärts und rückwärts kennen, ihn den ganzen Sommer lang rauf und runter hören, ohne überhaupt den Namen des Künstlers zu kennen. Sie surfen einfach auf der Welle dessen, was gerade angesagt ist', sagte er mir. 'Die Wahrheit ist, dass junge Künstler, selbst, wenn sie erfolgreich sind, zwei bis vier Jahre Erfolg haben. Vielleicht. Und das heißt, dass sie alles monetarisieren wollen und müssen, so schnell und krass es geht.'"