Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 25

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Nouvel Observateur

Mit großem Bahnhof wird "Un long dimanche de fiancailles", der neue Film von Jean-Pierre Jeunet ("Delicatessen", "Die wunderbare Welt der Amelie") vorgestellt. Es handelt sich dabei um die Verfilmung eines Romans des französischen (Krimi) Schriftstellers Sebastien Japrisot alias Jean-Baptiste Rossi (erscheint unter dem Titel "Die französische Verlobte" demnächst im Aufbau-Verlag). Die Geschichte erzählt von fünf jungen Soldaten, die sich im Ersten Weltkrieg selbst verstümmeln, um den Deutschen zu entgehen und für tot gehalten werden. Die Verlobte des einen, Mathilde (erneut gespielt von Audrey "Amelie" Toutou), weigert sich allerdings, an den Tod ihres Geliebten zu glauben.

Im Gespräch berichtet Jeunet über seine Motive, diesen Stoff zu verfilmen und bekennt, dass ihn bei Japrisot vor allem "die Fantasie in diesem Horror" fasziniert habe. Über die Umsetzung von Japrisots Bildern in seinem Film erklärt er: "Ich habe mit meinem Team noch einmal die gleichen Recherchen angestellt wie Japrisot, als er das Buch schrieb, und wir sind natürlich auf dieselben Dokumente gestoßen. Zum Beispiel dieses halbverfallene Kruzifix am Anfang des Films, an dem Jesus nur noch durch den Nagel durch eine Hand gehalten wird: das ist ein authentisches Foto."

Weitere Artikel: In einem Interview wettert Sean Penn gegen Bush und den Irak-Krieg, berichtet über seinen neuen Film und beichtet seine Befürchtungen und Hoffnungen. Didier Eribon liefert einen Beitrag zur gegenwärtigen Gedenkwelle an Michel Foucault. Besprochen werden ein Essay von Blandine Kriegel über Foucault und das unvollendete Romanmanuskript "Suite francaise" der Schriftstellerin Irene Nemirovsky, das sechzig Jahre nach ihrer Ermordung in Auschwitz veröffentlicht wird.

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - Nouvel Observateur

Im Titeldossier wird untersucht, was hinter dem Medizinverständnis des Psychiaters David Servan-Schreiber (mehr) steckt und ob etwas daran ist. In seinem jüngsten, in Deutschland bereits sehr erfolgreichen Buch "Die neue Medizin der Emotionen" beschreibt Servan-Schreiber, wie sich etwa Angstzustände, Stresssymptome oder Depressionen auch ohne Medikamente oder Psychoanalyse behandeln ließen. In einem Interview spricht er unter anderem ausführlich über die - wissenschaftlich zunehmend widerlegte - Bedeutung der Psyche für Erkrankungen und Heilungsprozesse und stellt fest: "Eine psychosomatische Krankheit findet nicht 'im Kopf' statt, wie man vielleicht meinen möchte."

Frankreich entdeckt derzeit das Werk des jüdischen polnischen Malers und Schriftstellers Bruno Schulz (hier ein kleiner biografischer Abriss), der 1942 von den Nazis ermordet wurde. Ein Porträt würdigt Schulz' Literatur als mit Kafka vergleichbar; hingewiesen wird auf Bücher von und über Schulz, sowie eine Ausstellung mit seinen Zeichnungen und Radierungen im Pariser Musee d'Art et d?Histoire du Judaisme. Außerdem feiert der Nouvel Obs den Comiczeichner Andre Franquin, dessen "emblematische" Figuren Spirou, Marsupuilami und Gaston nun in einer Ausstellung in der Cite des Sciences et de l'industrie zu sehen sind.

Weiterer Lesestoff zur gefälligen Auswahl: Anlässlich des Literaturnobelpreises für Elfriede Jelinek bringt der Obs noch einmal einen exklusiven Text von ihr, in dem Jelinek vor zehn Jahren mit der Beschreibung eines Tags in ihrem Leben ein "großartiges Selbstporträt" geliefert hatte. Zu lesen sind außerdem erstmals Auszüge aus einem nun postum erscheinenden Buch des abstrakten Expressionisten Mark Rothko ("La realite de l'artiste", Flammarion), in dem er über die Ursprünge der Malerei nachdenkt, und ein kurzes Pro und Contra zu einem Essay der kanadischen Autorin Nancy Houston, die darin der zeitgenössischen Literatur von Becket bis Houellebeq vorwirft "depressiv" zu sein.

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - Nouvel Observateur

In dieser Woche eine Ausgabe voller Gespräche. Im Debattenteil gleich zwei: Jonathan Franzen (mehr) gibt Auskunft über seine Heimat, den mittleren Westen, den amerikanischen Traum und sich selbst. Auf die Frage, warum er nicht wie Don DeLillo, Salman Rushdie oder Russell Banks eine Petition gegen Bush unterschrieben habe, antwortet er: "Ich finde auch, dass Bush nichts taugt. Aber es scheint mir ein bisschen illusorisch, dass sich in Amerika irgendwer für die politischen Ansichten eines Schriftstellers interessieren könnte. Wir sind hier nicht in Frankreich. Wenn ich schätzen sollte, wie viele Amerikaner meiner Unterschrift wegen wohl ihre Wahlabsichten geändert hätten, würde ich umstandslos sagen: Null."

Anlässlich der Veröffentlichung eines Bands mit Gesprächen ("Culture et resistance", Fayard), die der amerikanische Intellektuelle David Barsamian mit dem im vergangenen Jahr gestorbenen palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said geführt hat, bringt der Obs Auszüge aus einer Unterhaltung über den 11. September und die gefährliche Verkettung von Terror und Krieg.

Weiteres: Im Bücherteil ist ein Interview mit Sempe zu lesen. Dieser hatte ab Anfang der fünfziger Jahre mit Rene Goscinny zusammengearbeitet, als beide noch unbekannt waren. Gemeinsam erfanden sie die außerordentlich erfolgreichen, in 30 Sprachen übersetzten Abenteuer des Petit Nicolas. Anlässlich der Publikation von achtzig bisher unveröffentlichten Geschichten (Imav Editions) erinnert sich Sempe an den Beginn der Zusammenarbeit und erzählt, wie die Figur Petit Nicolas entstand. Und in der Abteilung Arts et Spectacles erklärt der Regisseur Claude Lelouch seine ungewöhnliche Maßnahme, das Kinopublikum mit freiem Eintritt in seinen jüngsten, leider ziemlich erfolglosen Film "Le Genre humain. Les Parisiens" zu locken.

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - Nouvel Observateur

Abgesehen vom Titeldossier, in dem die mögliche Wiederwahl von Bush als glatte "Katastrophe" beschworen wird, eine sehr literarische Ausgabe in dieser Woche. So bespricht der Schriftsteller Philippe Sollers (mehr) eine Gesamtausgabe der Werke von Antonin Artaud (Gallimard) und schreibt: "Sartre hatte Recht. Genet war ein Heiliger, Komödiant und Märtyrer, der, wie Gide, bis zum Schluss ein Prediger der reformierten fortschrittlichen Religion blieb. Doch Antonin Artaud (über den Sartre nie ein Wort verlor) ist ein Schauspieler im Theater der Grausamkeit, ein anders gearteter Märtyrer, ein Heiliger, den man keiner Kirche zuweisen kann, weil er sich Gott selbst und alle bekennenden oder okkulten Religionen vorknöpft, in der Absicht, sie in die Luft fliegen zu lassen." Neben der Rezension wird auf die Septemberausgabe des Magazine litteraire hingewiesen, das Artaud gewidmet ist.

Im Debattenteil spricht der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi (mehr) aus Anlass des Erscheinens seines neuen Romans "Tristano meurt" (Gallimard) über Berlusconi, sein Land und seine Lieblingsstädte. Auch der in Frankreich sehr verehrte amerikanische Drehbuchautor, Literaturkritiker und Journalist Jim Harrison ("Dalva", "Das leuchtende Feld", hier ein Interview mit ihm, leider nur auf Englisch) legt einen als "superb" gelobten neuen Roman über Michigan vor, wo er lebt: "De Marquette a Veracruz" (Christian Bourgeois) und erhält Gelegenheit, seine Gedanken über Bush, Moore, Selbstmord und Bären zu äußern. Gelobt wird schließlich noch eine Biografie von Alain Absire über Jean Seberg (Fayard).

Magazinrundschau vom 06.09.2004 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil wird eine Studie des Islamwissenschaftlers Gilles Kepel vorgestellt, die sich mit der "Fitna", dem "Krieg im Herzen des Islam" beschäftigt (Gallimard). Djihad und Fitna, erfahren wir, bilden ein Paar. Während der Djihad eine "positive Bewegung" mit dem Zweck der Verbreitung des Islam sei, stelle die Fitna "das Chaos im Kern der gläubigen Gemeinde" dar, das die "Gewalt ins Innere der islamischen Welt" projiziere und zu ihrem "Ende" zu führen drohe. Für Kepel begannen seine Auseinandersetzungen mit diesem Thema vor zwanzig Jahren nach einem Gespräch mit einem weiblichen Mitglied der Gruppe Freres musulmans in Ägypten. "Sie erklärte, dass die Rückeroberung von Andalusien ein vorrangiges Ziel der Muslime sei. Dieser Anspruch erschien mir vollkommen grotesk. Später, während des Kriegs in Afghanistan, erklärte dann ein Vertreter des Dschihad, dass nun die Stunde gekommen sei, die derzeit von Gottlosen besetzten islamischen Länder zurückzuerobern: das von den Russen besetzte Afghanistan, das von den Juden besetzte Palästina und, unter anderem, das von den Christen besetzte Andalusien."

In einem weiteren Debattenbeitrag erläutert der in Kenia geborene Mitgründer der israelischen Organisation Gush Shalom (Friedensblock), Oren Medicks, seine Forderung, wonach die "Diaspora den Kampf gegen den Antisemitismus nicht mit der blinden Verteidigungshaltung des israelischen Staates Israel verwechseln" dürften. Die Juden in der Diaspora sollten sich vielmehr "ohne Scheu und Komplexe, ohne in die Falle des Gedankens zu geraten, ihre Solidarität mit Israel stünde auf dem Spiel" für Friedensverhandlungen einsetzen. Das wäre "ein Beweis wahrer und vernünftiger Solidarität" - im Gegensatz zu dem "Glauben, Konzessionen gegenüber der israelischen Politik stellten die einzig wirksame Strategie gegen den Antisemitismus dar".

In der Abteilung Livres geht es in dieser Woche sehr privat und (auto)biografisch zu. Mit einem Porträt und Interview wird der katalalanische Schriftsteller Enrique Vila-Matas vorgestellt, der jetzt seine Erinnerungen an zwei Jahre in Paris vorlegt, in denen er in Marguerite Duras? Dienstmädchenkammer wohnte ("Paris ne finit jamais", Christian Bourgois). Besprochen werden ein Band über die "Indiskretion der Brüder Goncourt" von Roger Kempf (Grasset), eine Biografie der Ehefrau von de Sade ("Renee-Pelagie, Marquise de Sade" von Gerard Badou, Payot) und eine Biografie der Mutter von Marcel Proust ("Madame Proust" von Evelyne Bloch-Dano, Grasset), ein Pro und Contra verhandelt den Roman "La Rebelle" von Benoit Duteurtre (Gallimard).

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil macht sich der Philosoph und Sinologe Francois Jullien (mehr) von Athen bis Peking auf die "Suche nach dem Bösen" und seinen gegenwärtigen Abwandlungen. Er schreibt: "In der westlichen Philosophie hat die Frage nach dem Bösen und Negativen einen zentralen Stellenwert. Deshalb erscheint mir an der derzeitigen Ideologie des Alles-ist-positiv, an der Erwartung der universellen Versöhnung, etwas einigermaßen unerträglich zu sein. Als ob in einem erweiterten, friedlichen Europa die Eliminierung des Negativen endlich vor der Tür stünde. [?] Heutzutage kommt eine Art Verinnerlichung des Negativen zum Vorschein, die beispielsweise den Terrorismus oder die Gewalt produziert. Das Negative ist im Entschwinden begriffen. Im Gegensatz zu dieser albernen Vorstellung bin ich der Meinung, dass es keineswegs verschwindet; doch wenn es außen keinen Ort findet, an dem es sich manifestieren kann, zieht es sich nach innen zurück und nimmt neue zerstörerische Formen an."

Im Kulturteil schwelgt der Nouvel Obs im bevorstehenden Bücherherbst und stellt zahlreiche Neuerscheinungen vor. Ausführlich etwa zwei neue Bücher von Philip Roth (ein Roman und ein Band mit Gesprächen), der als "weltweit Nummer 1" gefeiert wird; zu lesen ist außerdem ein Interview mit Ross Miller, der mit der Arbeit an Roths Biografie begonnen hat, die 2013 zu dessen 80. Geburtstag erscheinen soll. Erklärte "Lieblingsbücher" des Obs sind "Le Premier Amour" von Santiago H. Amigorena (POL), "Sarinagara" von Philippe Forest und "La Reine du silence" von Marie Nimier (beide Gallimard), als "gewagteste" Neuerscheinung wird der Debütroman "Octave avait 20 ans" (Grasset) des 22-jährigen Gaspard Koenig gefeiert, der forsche Anleihen bei Proust nimmt. Weitere Orientierung durchs französische Büchermeer liefern die Tipps der Buchhändler und eine Übersicht über Erstlingswerke, die in dieser Saison offenbar alle einen deutlichen Ich-Bezug aufweisen.

Zu lesen ist schließlich ein Interview mit Francois Ozon ("Acht Frauen") über seinen jüngsten Film "5 x 2", in dem er in fünf Momenten die letztlich "tiefe Einsamkeit eines Paares" analysiert.

Magazinrundschau vom 23.08.2004 - Nouvel Observateur

In der Reihe über das geistige Erbe Europas aus der Antike (hier), des Mittelalters (hier), des alten Roms (hier), Ägyptens (hier) und des Judentums (hier) untersucht im letzten Beitrag in dieser Woche der Historiker Henry Laurens, inwiefern die arabische Welt seit Jahrhunderten mit der westlichen Welt verwoben ist. Laurens schreibt: "Seit 200 Jahren ist der Nahe Osten Schauplatz einer unaufhörliche Einmischung und Bevormundung von außen. Deshalb konnten sich die muslimischen Gesellschaften des alten Typs nur unter politischem Druck von außen transformieren. Seit dem 19. Jahrhundert haben sie gelernt, mit den fremden Mächten zu spielen" und "die Spannungen zwischen ihnen zu nutzen und gegeneinander auszuspielen". Dies sei der "Fluch" im Mittleren Osten: "zu nah an Gott - man befindet sich auf biblischem Terrain - und zu nah am Westen zugleich ".

Ein Artikel beschreibt die "erdbebenartigen Erschütterungen" im französischen Verlagswesen durch Fusionen, Verkäufe und Zustände wie im Fußball. So sei kürzlich Michel Houellebecq wieder von Flammarion zu Fayard, der zur mächtigen Hachette-Gruppe gehört, zurückgewechselt. "Die Kosten des Transfers: 1 Million Euro für das Erscheinen eines Romans ("Une ile") und das Abdrehen eines Films ("Une ile"!), wie es sich für einen Ableger der Hachette-Gruppe gehört." Der unabhängige Verleger Leo Scheer dazu: "Derartige Marketingstrategien können sich nur die Großkonzerne leisten".

Zu lesen sind außerdem der letzte Brief von Emile Zola an seine Geliebte Jeanne Rozerot. Zum Abschluss der Reihe über Exzentriker wird der französische Komiker Francis Blanche porträtiert, ein "Witze-Wahnsinniger", der auch über 600 Chansons geschrieben hat. Erzählt wird schließlich die Geschichte der Restaurierung der legendären Zitadelle des berühmten französischen Festungsbauers Marschall Vauban auf der bretonischen Insel Belle-Ile-en-Mer durch ein Pariser Ehepaar.

Magazinrundschau vom 16.08.2004 - Nouvel Observateur

In der Reihe über das geistige Erbe Europas wird nach der Bedeutung der Antike (hier), des Mittelalters (hier), des alten Roms (hier) und Ägyptens (hier) in dieser Woche die Rolle des Judentums für unsere heutige Gesellschaft untersucht. Über das Verhältnis von Politik und Religion schreibt der Philosoph Armand Abecassis: "Die Geschichte der Monarchie war in Israel immer eine katastrophale. Selbst David hat es nicht verdient, den Tempel zu errichten, sein Sohn Salomon hinterließ das Land in einem beklagenswerten und geteilten Zustand. Die jüdische Tradition hat immer behauptet, dass die Politik von der Religion getrennt werden müsse. Sowohl unter dem Gesichtspunkt der Vernunft als auch der Tradition ist es deshalb absurd zu sehen, dass es in Israel heutzutage religiöse politische Parteien gibt. Man sollte sie auflösen."

Fast schon begeistert besprochen wird Pierre Bouretz' philosophische Studie "Temoins du futur. Philosophie et messianisme". In dem 1250 Seiten starken Werk wird erstmals das Denken der Philosophen, Historiker und " Zeugen des Totalitarismus des 20. Jahhrunderts" Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Walter Benjamin, Gershom Scholem, Martin Buber, Ernst Bloch, Leo Strauss, Hans Jonas und Emmanuel Levinas in einem Spannungsbogen zusammengebracht. Sie alle haben "im jüdischen Denken einen außergewöhnlichen intellektuellen 'Werkzeugkasten' gefunden, der jedem von ihnen erlaubte, mit unvergleichlicher Tiefe die Frage nach der Artikulation des Universellen und des Besonderen (in diesem Fall des Judentums) zu ergründen und dem 'Prinzip Hoffnung' treu zu bleiben", schreibt Bernard Loupias.

Zu lesen ist außerdem ein weiterer Brief von Emile Zola an seine Geliebte Jeanne Rozerot, den er aus seinem englischen Exil während der Dreyfus-Affäre geschrieben hatte. Und in der Serie über Exzentriker wird in dieser Woche der amerikanische Zirkusgigant Phineas Taylor Barnum porträtiert.

Magazinrundschau vom 09.08.2004 - Nouvel Observateur

Nachdem die Bedeutung der Antike (hier), des Mittelalters (hier) und des alten Roms (hier) für die Jetztzeit analysiert wurden, untersucht in dieser Woche die Ägyptologin Christiane Desroches Noblecourt die Rolle des alten Ägyptens für unsere Gesellschaft. So schreibt sie unter anderem: "Es ist vielleicht ein untergeordneter Aspekt der Zivilisation, doch die Mode haben wir von den alten Ägyptern. (...) In den großen Epochen trugen sie einfache Kleidung aus weißem Leinen, dazu nur einen farbigen Gürtel. Diese Schlichtheit war eines der Kennzeichen eines elaborierten Geschmacks, und ihre Lebensweise war ebenfalls nüchtern, frei von allen Oberflächlichkeiten."

Anlässlich des Erscheinens des zweiten Bands von Paul Claudels "Le Poete et la Bible. 1945-1955" (Gallimard) stellt der Nouvel Obs das fast 4.000 Seiten umfassende Projekt des Dichters vor. Dieser hatte nach 1935 "über nichts anderes mehr als die Bibel geschrieben. Auf seine Art, die eines Wüterichs. Der große katholische Gorilla, wie man ihn in Italien nannte, stürzte sich auf die Schrift Gottes wie auf eine Beute." Und aus Anlass der zweihundertjährigen Unabhängigkeit Haitis empfiehlt der aus Haiti stammende Schriftsteller und Neurologe Jean Metellus die Studie "Haiti, images d?une colonisation 1492-1804" von Elie Lescot Jr. (Orphie Editions).

Weiteres: Ein Artikel erzählt die Geschichte der Shaw Brothers, die das größte Filmstudio von Hongkong gründeten (mehr), und dem Kung-Fu-Film zu Kultstatus verhalfen. In der Sommerserie über Exzentriker wird in dieser Woche der Schriftsteller und Marineoffizier Pierre Loti (eigentlich Julien Viaud, mehr) porträtiert. Und wir lesen einen weiteren Brief von Emile Zola an seine Geliebte Jeanne Rozerot.

Magazinrundschau vom 02.08.2004 - Nouvel Observateur

Nachdem die Bedeutung der Antike (hier) und des Mittelalters (hier) für die Jetztzeit analysiert wurden, untersucht in dieser Woche der Historiker Paul Veyne, welche Rolle das alte Rom für die heutige Gesellschaft spielen kann. Obwohl sein Herz "eher für Griechenland als für Rom" schlage, hätten ihm die Römer "gefallen, weil sie nicht xenophob waren. Von Anfang an haben sie es sich - mit einer in der Geschichte seltenen Überzeugung - zum Grundsatz gemacht, dass sie zum Herrschen bestimmt seien. Instinktiv hüteten sie sich jedoch davor, den Völkern, die sie kontrollierten, jemals Dinge aufzuerlegen, zu denen diese keine Lust hatten. Im Gegensatz zu einem zentralistischen Staat ist ein Imperialstaat in der Lage, die Leute zu dem anzuhalten, was sie sich wünschen: Was zählt ist allein, dass die Anweisung von ihm kommt."

Im Titeldossier geht es um Untreue. Der Schriftsteller und Philosoph Pascal Bruckner (mehr) interpretiert sie in einem kurzen Essay als "Schlacht der Egos", die den "Ehebruch a la Feydeau" ersetzt habe. In dieser Schlacht "triumphiert die Gemeinheit über die Authentizität. [...] Dem Krieg des Individuums gegen die soziale Ordnung ist der Krieg aller gegen alle im Namen von Aussetzern des Herzens gefolgt."

Weitere Artikel: Erstmals berichtet Roland Bechmann, ein Augenzeuge der Erschießung des Schriftstellers Jean Prevost durch deutsche Soldaten vor 60 Jahren, über die Ereignisse im Vercors. Der Architekt und Geograf, der in der Resistance unter Prevost agiert hatte, erinnert sich: "Alles an ihm drückte eine methodisch gerichtete Stärke aus, und die Entspanntheit, mit der er arbeitete - ausgestreckt im Gras oder auf der Terrasse liegend - war erstaunlich."

Ansonsten gehen die Sommerserien in die dritte Runde. Wir lesen einen weiteren Brief von Emile Zola an seine Geliebte Jeanne Rozerot, und in der Reihe über Exzentriker wird der "Esoteriker" Erik Satie porträtiert.