Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 25

Magazinrundschau vom 17.02.2003 - Nouvel Observateur

In seinem Text, der ausschließlich aus "Und wenn?"-Fragen besteht, macht sich der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes Gedanken über Bushs "Kriegsverrücktheit" und die Möglichkeit eines dritten Weltkriegs. Fuentes beginnt mit der Frage: "Und wenn die Reagan-Regierung Saddam Hussein nicht bewaffnet hätte, um den Irak gegenüber den iranischen Ayatollahs zu stärken, die seinerzeit als die eingeschworenen Feinde der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten galten?" Und er endet mit den Fragen: "Und wenn das erste hegemoniale Reich nach dem Römischen Reich sich weigert, so wie sie sich Rom geweigert hatte, auf die Stimme der Weisheit des anderen Reichs, die noch immer gültigen Griechen zu hören: 'Hybris, maßloser Hochmut und wollüstige Anmaßung verursachen den Untergang von Menschen und Staaten'? Und wenn die gegenwärtige Situation in Wirklichkeit 'auf Griechisch geschrieben' wäre?"

In einem Interview gibt Claude Chabrol Auskunft über seinen neuen Film "La Fleur du mal", der gerade auf der Berlinale lief (Besprechung hier). Zu seinem filmischen Lieblingsobjekt befragt, den folies bourgeoises, bekennt Chabrol, dass er sich mit "der herrschenden und besitzenden Klasse eben am besten auskenne und "Zärtlichkeit" für menschliche Schwächen empfinde. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit dem Sozialen umzugehen: Entweder ist man revolutionär und radikal, oder man schaut sich die Probleme genau an - ohne Anspruch, die Welt zu verändern, sondern einfach zeigend, warum sie sich nicht verändert. Ich wollte nie Skandalfilme machen. Vor dieser Versuchung wurde ich bewahrt, weil ich immer der erste bin, der darüber überrascht ist, was ich erfahre. Ich bin ein echter Optimist." Ergänzend gibt es Hinweise auf Bücher von und über Chabrol, darunter auch eine neue Biografie.

Zu lesen ist außerdem ein Gespräch mit Marc Ferro, Professor an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences sociales, über das von ihm herausgegebene "Schwarzbuch Kolonialismus" (Robert Laffont, mehr hier). Und schließlich wird noch ein Band mit ausgewählten Briefen (Gallimard, mehr hier) des Historikers Alexis de Tocqueville besprochen.

Magazinrundschau vom 10.02.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil warnt Volker Schlöndorff (mehr hier) vor dem Verlust der Vielfalt des Kinos. Das sei unweigerlich die Folge, wenn Filme nur noch als reine Waren behandelt werden. Sein Plädoyer für die Bewertung des Kinos als Kultur, als eine "weltweite kulturelle Ausnahme", hielt er anlässlich der zweiten Rencontres internationales des Organisations professionnelles de la Culture in Paris, wo sich Vertreter aus 35 Ländern trafen. "Mehr denn je entscheidet in Europa das Schicksal eines einzigen erfolgreichen Films über den Anteil am nationalen Filmmarkt. Wenn eine 'Amelie' oder ein 'Asterix' in Frankreich anlaufen, ein 'Pinocchio' in Italien oder ein 'Schuh des Manitu' in Deutschland, scheint alles gut zu laufen. Sobald ein solches Phänomen fehlt, und das geschieht natürlich, reduziert sich der Rest der Filme statistisch gesehen auf Staubkörner. Doch für unsere Kultur und Identität sind es oft gerade diese Staubkörner, die zählen."

Außerdem zu lesen ist ein Interview mit Antoine de Caunes zu seinem neuen Film "Monsieur N." über Napoleon auf St. Helena - die Rezension finden Sie hier - und den Hinweis auf eine Magritte-Ausstellung im Jeu de Paume.

Das Dossier untersucht in dieser Woche den zunehmenden Antisemitismus in Frankreich, dessen Zentrum sich "ziemlich präzise" lokalisieren lasse: in jenem Teil der arabisch-moslemischen Gemeinschaft nämlich, die "zwischen sozialer Frustration und Solidarität mit der Palästinenserfrage schwankend, in der Verabscheuung der Juden ein Ventil für ihre schlechten Lebensbedingungen findet, eine Art Rache an der Geschichte".

Magazinrundschau vom 02.02.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil meldet sich in dieser Woche der englische Musiker Brian Eno (Roxy Music, Homepage) zu Bush, Amerika und der Irakkrise zu Wort. In seinem Text, der erstmals im Time Magazine erschien (hier), erläutert er seine These, wonach sich die USA "in einer Festung der Arroganz und Ignoranz verschanzt" haben, in der "Paranoia und Isolierung zur Lebensform" geworden seien. Die zentrale Frage, die ihn umtreibe, sei: "Wie kann ein Land, das so viel kulturellen und wirtschaftlichen Reichtum hervorgebracht hat, so dumm handeln?"

In einem Gespräch stellen Zbigniew Brzezinski, ehemaliger Berater von US-Präsident Carter, und der ehemalige französische Außenminister Hubert Vedrine fest, dass "weder Saddam Hussein noch George W. Bush die Risiken eines neuen Konflikts bewusst" seien. Einig sind sie sich vor allem in der Einschätzung Brzezinskis, dass "ein von der internationalen Gemeinschaft unterstützter Krieg keinen Zusammenschluss des Ostens" zur Folge haben werde. Die Situation nach einem Krieg werde vielmehr "weniger von einem miltiärischen Sieg als von der 'Persönlichkeit' des politischen Gewinners abhängen".

Interessant zu lesen ist eine Reportage über Produktplacement im Film. Anlass ist der Start des Films "Taxi 3", den Luc Besson produzierte, und dessen "eigentlicher Star" ein weißer Peugeot 406 ist. "Ein Film ist ein Taxi", hat der Autor des Textes herausgefunden, "dessen Passagiere mehr oder weniger heimlich die Marken sind." Kein Wunder, wenn man die Verantwortliche für Produktplacement bei Master Partenariat hört: "Wir lesen das Drehbuch und fragen uns für jede Szene, welches Produkt man hier unterbringen könnte. Bei einer Frühstücksszene wären das etwa eine Marmelade der Firma X oder Cornflakes."

Besprochen werden zwei Bücher, die Porträts prominenter Zeitzeugen, autobiografische Erinnerungen und vermutlich auch ein wenig Klatsch in sich vereinen. So defilieren durch "Les jours s'en vont je demeure" (Gallimard) von Pierre Berge, langjähriger Geschäftspartner und Freund von Yves Saint Laurent, Louise de Vilmorin, Jean Cocteau, Jean Giono und Francois Mitterrand; unter den "beautiful poeple", denen man im Buch des Schriftstellers Marc Lambron begegnet ("Carnet de bal", Grasset), befinden sich Marguerite Duras und Orson Welles, Woody Allen und Robbe-Grillet, Dior und Monica Lewinsky sowie unzählige andere mehr. Vorgestellt wird außerdem die Autobiografie "Oublier le temps" (Seuil) von Theaterregisseur Peter Brook.

Magazinrundschau vom 27.01.2003 - Nouvel Observateur

Mit einem umfangreichen Titeldossier würdigt der Nouvel Obs Francoise Giroud, die in der vergangenen Woche gestorbene grande dame des französischen Journalismus (Kurzbiografie hier). In einer bisher unveröffentlichten Rede, die Giroud 1998 anlässlich der Aufnahme in die Ehrenlegion vor Freunden hielt, entwirft sie ein "klares, treffendes und freimütiges" Selbstporträt, das sie so beginnt: "Ich bin nicht diejenige, für die Sie mich halten. Ich bin ein Gaukler. Als ich ein kleines Mädchen war, verboten die Mütter meiner Klassenkameraden ihnen, zu mir nach Hause zu kommen. Denn ich war die Tochter eines politischen Flüchtlings, also eine Fremde. Ich war arm, und ich war die Beste in meiner Klasse. Die Franzosen mögen keine Fremden, sie mögen keine Armen und sie mögen keine Besten."

Zu lesen sind außerdem zum Teil sehr persönliche Nachrufe, darunter von ihrem langjährigen Mitarbeiter und Freund Angelo Rinaldi (hier). Alain Riou erinnert an Girouds Drehbucharbeiten für Jean Renoir bis hin zur Nouvelle Vague, und Martine de Rabaudy, die 2001 zusammen mit Giroud das Buch "Profession journaliste" (Hachette Litteratures) schrieb, erzählt den "Lebensweg einer Passionierten". Weitere Nachrufe von Jean Daniel (hier), Edmonde Charles-Roux (hier) und Jacques Juillard (hier). Besprochen wird schließlich noch ihr letzter Roman "Les Taches du leopard" (Fayard), der jetzt posthum erschienen ist.

In der Abteilung Livres wird das 30-jährige Bestehen des wichtigsten Festivals für Comic in Angouleme gefeiert. Auskunft über erste und prägende Erfahrungen mit dem Genre geben unter anderem der Schauspieler Pierre Arditi, der Modeschöpfer Jean-Charles de Castelbajac und der Regisseur Patrice Leconte. Der Fotograf William Klein etwa beantwortet die Frage, warum "Amerikaner ihre Mütter hassen": "Weil sie während deren Militärzeit die Comic-Hefte weggeworfen haben." Hingewiesen wird außerdem auf eine Biografie des genialen Jean-Marc Reiser (Grasset, mehr über und von Reiser hier und hier), von dem während des Festivals auch unveröffentlichte Zeichnungen gezeigt werden.

Magazinrundschau vom 20.01.2003 - Nouvel Observateur

Ein ziemlicher Gemischtwarenladen in dieser Woche. In einem Interview spricht der italienische Schriftsteller Claudio Magris über sein neues Buch "Deplacements" (La Quinzaine/Louis Vuitton), das Reiseberichte und Beobachtungen aus zwanzig Jahren versammelt, darunter Besuche der bayrischen Ludwig-Schlösser oder in Arnold Schönbergs Büro. Magris erzählt darin unter anderem von seiner Visite bei Martin Heideggers Sohn, von der er angenehm überrascht war ("Ich hatte einen sehr banalen Mann erwartet"). Den "Triumph der Massen- über die große europäische Kultur" beschreibt er dagegen so: "In den meisten westlichen Gesellschaften herrscht derzeit ein Übermaß an willkürlicher Dummheit. Es geht dabei nicht darum, dass man im Fernsehen nicht über Kant spricht. Sondern eher darum, dass, wenn man dort eine Mädchen zeigt, das tanzt oder sich auszieht, danach ein Philosoph zwei Minuten über Kant sprechen sollte." Ob das wirklich hilft?

Weiteres: Kurz, aber dafür sehr gut besprochen wird die Autobiografie des Schriftststellers und Mitglieds der Academie Francaise, Jean d'Ormesson (mehr hier, Gallimard). Und in der Sektion Arts et Spectacles geht es vor allem um Musik. So stellt Oliver Toscer das Buch zweier Journalisten vor, die die Societe des Auteurs, Compositeurs et Editeurs de Musique (Sacem) unter die Lupe genommen haben. Die Institution - eine Art Entsprechung der deutschen Gema (hier) und "reich wie Krösus" - steht nach ihren Recherchen im Verdacht, sich "an der Musik zu vergreifen", sprich: in die Tasche insbesondere ihres langjährigen Geschäftsführers gewirtschaftet zu haben. Schließlich feiert der Nouvel Obs noch die Rückkehr des Rock. Autor Jacques Braunstein hat sich in New York, London und Paris umgesehen und festgestellt, dass Techno und PC die Gitarren keineswegs "endgültig zum alten Eisen" befördert hätten. Während in den Clubs noch elektronische Musik laufe, schlösse vielmehr eine "Horde genervter junger Leute ihre Verstärker wieder an".

Magazinrundschau vom 13.01.2003 - Nouvel Observateur

Eine interessante Ausgabe in dieser Woche. Im Debattenteil diskutieren der ehemalige französische Justizminister Robert Badinter und Stephen G. Breyer, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, über Probleme, die sich aus der Jagd auf die Al-Qaida-Terroristen für die westlichen Rechtssysteme ergeben. Die Grundfrage laute: "Wie kann man gegen die Bedrohung und die Verbrechen kämpfen, ohne gegen die fundamentalen Prinzipien der Demokratie zu verstoßen?" Für Badinter ist die "Kriegserklärung von Al Qaida beispiellos", man könne darauf allerdings nicht mit "einer eigenen Kriegserklärung gemäß verfassungsmäßiger Regeln" reagieren. Er sieht vor allem "Probleme mit der Zuständigkeit von Gerichten und den Rechten der Verteidigung oder der Polizei". Breyer verteidigt und erklärt die derzeitige amerikanische Praxis. "Selbst wenn die Regierung sagt - und ich bewerte jetzt nicht die Rechtmäßigkeit dieser Frage -, dass unter bestimmten Umständen bestimmte Entscheidungen Militärgerichten vorbehalten bleiben sollten, so sind es doch die zivilen Gerichte, die bestätigen werden, dass die Regierung recht hat."

In einem weiteren Debattenbeitrag erklärt der amerikanische Schriftsteller und Pulitzerpreisträger William Styron ("Sophies Entscheidung", mehr hier), weshalb er die militärische Übermacht seines Landes zunehmend "beunruhigend" findet. Man müsse "wachsam" sein, weil diese "Überlegenheit nicht ohne Gefahren" sei. Sie riskiere, "eine Form der Unbesonnenheit und der Gewissenlosigkeit zu erzeugen". Was ihn derzeit am meisten störe, sei "die Unfähigkeit der Demokraten, überzeugende Initiative in öffentlichen Angelegenheiten zu ergreifen".

Ansonsten viele Rezensionen, unter anderem eines neuen Romans von Jean Echenoz ("Au piano", Minuit), eines Essays von Pierre Milza über die europäische extreme Rechte ("L'Europe en chemise noir", Fayard) und des zur "dringenden Lektüre" empfohlenen "Klassikers des Antimilitarismus" "Les Saigneurs de la guerre" (Phebus) von Jean Bacon.

Magazinrundschau vom 06.01.2003 - Nouvel Observateur

Das Dossier beschäftigt sich mit der "Herausforderung Islam". Gerade jetzt, wo sich in Frankreich mit dem Conseil francais du Culte musulman erstmals eine "repräsentative Institution" der "moderaten Moslems" bilde (Text hier), gingen "minoritäre islamistische und fundamentalistische Organisationen" wie Salafisten, Habaches oder Freres musulmans in die Offensive" (siehe hierzu auch das Glossar). Im Haupttext gibt Ali Laidi einen Überblick über "gespaltene, intolerante und häufig gewalttätige" Gruppierungen die, "allen ihre angeblich integrative Konzeption des Islam aufzwängen wollen". Porträtiert werden drei Islamisierungsgegner ganz unterschiedlicher Provenienz: Khaled Bentounes (hier), Fouad Imarraine (hier) und Raouf Ben Halima (hier), der die Bewegung bezichtigt, "einer vereinfachenden Vision des Islam" den Vorzug vor dessen genauer Kenntnis zu geben. Und in einem Interview erklärt Kaba Sory, Professor an der Sorbonne, warum es eine Art "moslemischer Fakultät" geben sollte.

Im Debattenteil denkt der aus China stammende Schriftsteller Francois Cheng (u.a. "l?Ecriture poetique chinoise", Seuil), seit Juni 2002 Mitglied der Academie Francaise, über "universelle Werte" nach. Damit wolle er "den Irrtum einiger Zweifler" korrigieren, die "behaupten, die westlichen demokratischen Werte seien auf China nicht übertragbar" Ins Zentrum seiner Überlegungen stellt er "den abgedroschenen Begriff des Dialogs": "Ein verallgemeinerter Dialog, der auf der Überzeugung beruht, dass das durch ihn erschaffene Universum ein einheitliches und organisches Ganzes formt, in dem alles miteinander verbunden ist und in dem das, was zwischen Menschen geschieht ebenso wichtig ist wie die Menschen selbst."

Ansonsten gibt es Besprechungen, darunter einer Gesamtausgabe des dramatischen Werks von Jean Genet (la Pleiade) und eines Essays zur Modernität von Montaigne (Plon). Außerdem lesen wir Auszüge aus einer Biografie des Regisseurs Maurice Pialat (Grasset, Filmografie hier). Und anlässlich des 200. Geburtstags von Hector Berlioz, der in diesem Jahr gefeiert wird (Veranstaltungskalender hier), sind zwei Biografien über den Komponisten erschienen: Pierre-Jean Remy schrieb "Le roman du romantisme" (Albin Michel), und im Interview gibt der englische Journalist und Orchesterchef David Cairns Auskunft über die von ihm verfasste Biografie (Fayard).

Magazinrundschau vom 30.12.2002 - Nouvel Observateur

Anlässlich seines neuen Buchs "Asile d'azur" (Zoe) stellt der Nouvel Obs in einem Interview den Schweizer Schriftsteller Jean-Marc Lovay vor. Der aus dem Wallis gebürtige Autor (Jahrgang 1948), Träger des Preises der Stadt Genf 2003 (mehr hier), ist zumindest in Frankreich kein Unbekannter und hat dort bereits mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem 1976 sein erfolgreiches Debüt "Les regions cerealieres" (Gallimard). Lovays Bücher folgten "der anarchischen Ordnung von Visionen, die zugleich Robert Walser und Buster Keaton entlehnt sind", seine Sprache sei "von halluzinatorischer Kraft". Der Schulabbrecher und Vielgereiste - Lovay durchquerte in den sechziger Jahren auf einem Maulesel die Wüste zwischen Iran und Afghanistan und bestieg den Ararat - hatte neben dem Schreiben viele weitere Berufe, unter anderem verkaufte er Zwiebeln und machte Käse. Er erinnert sich, wie er zu Gallimard kam: "Nach meiner Rückkehr aus Asien (...) habe ich mir bei Bern eine Ziegenherde gekauft und mich im Wallis zum Schreiben zurückgezogen. Dann habe ich den Text an Gallimard geschickt (...) Irgendwann ist der Lektor gekommen, um mich auf dem Markt, auf dem ich arbeitete, zu besuchen, denn damals verkaufte ich selbstgefertigte Holzknöpfe".

In den Buchbesprechungen geht es in dieser Woche historisch zu: Rezensiert werden ein kritischer "Dictionnaire der la Republique" (Flammarion), zwei Essaybände über die religiösen Ursprünge der französischen Revolution und über die "antiklerikale Republik" vom 19. bis zum 21. Jahrhundert (beide Seuil), außerdem eine neue Biografie über die Jugend von Louis XIV (Plon).

In der Abteilung Arts et Spectacles ist schließlich noch ein Interview mit dem belgischen Schauspieler und Filmemacher Lucas Belvaux zu lesen, in dem er sein jüngstes Projekt beschreibt, das jetzt in die französischen Kinos kommt: gleich drei Filme, die er parallel geschrieben und produziert hat. ("Un couple epatant", "Apres la vie", "Cavale")

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - Nouvel Observateur

Hauptsächlich Rezensionen und Besprechungen in dieser Woche, dafür aber interessante. Als "längst überfällig" feiert der Nouvel Observateur die neue Pleiade-Ausgabe der Romane, Erzählungen und Novellen von Theophile Gautier (mehr hier), dem "heitersten und frechsten Schriftsteller seiner Epoche", so Dominique Fernandez. Der "am meisten verkannte der großen französischen Autoren" habe "als Romantiker stets im Schatten Hugos, als Abenteuerschrifsteller im Schatten Dumas' und als Lyriker im Schatten Baudelaires" gestanden, der ihm seine berühmten "Fleurs du mal" gewidmet hatte. Einer der Gründe dafür, vermutet der Rezensent, "könnte die Beweglichkeit seines Geistes gewesen sein, der gegen jede Form der Rekrutierung durch welche Doktrin auch immer rebellierte."

Sehr gelobt wird auch eine Biografie über den französischen Germanisten Jacques Decour, der 1942 in Paris von den Nazis erschossen wurde ("Jacques Decour, l?oublie des lettres françaises", von Pierre Favre, Editions Leo Scheer). Verhaftet wurde er während der Vorbereitung für die erste Nummer der Zeitschrift "Lettres francaises", die er gemeinsam mit Paulhan gegründet hatte. Decour - auch Übersetzer von unter anderen Storm, Heine, Kleist und Goethe - hatte während der Okkupation "die 'Front national des Ecrivains'" organisiert und einen offenen Brief "an die Herren Bonnard, Fernandez, Chardonne, Brasillach, ehemalige französische Schriftsteller" geschrieben, der mit den Worten endet: "Die Literatur wird weiterleben. Ohne Sie. Gegen Sie."

Hingewiesen sei auch auf ein Porträt des "großen Vergessenen des italienischen neorealistischen Kinos", Luciano Emmer. Der inzwischen 85-Jährige hatte 1952 in Venedig den "Goldenen Löwen" gewonnen und legt nun seinen neuen Film "Une longue, longue, longue nuit d?amour" vor, den er als "den ersten eines neuen Zyklus" verstanden wissen will. Etwas abseitig, aber sehr vielversprechend liest sich schließlich die Kritik des Films "Les Larmes du Tigre noir" von Wisit Sasanatieng. Bei dem Debüt handle es sich um einen "köstlichen thailändischen Western" ("alles ist Kitsch, theatralisch, bombastisch"), den man sich laut Nouvel Observateur so vorzustellen hat: "Sergio Leone revu par Pierre et Gilles".

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - Nouvel Observateur

In seiner Ausgabe vom 14. November hatte der NouvelObs Auszüge aus dem neuen Buch des Pariser Kardinals Jean-Marie Lustiger, "La Promesse", abgedruckt (siehe hier). Darin verhandelt Lustiger die "Unmöglichkeit der christlichen Ablehnung der Juden im Namen der Treue zu Christus". In der aktuellen Ausgabe widerspricht nun der Rabbiner, Schriftsteller und Fernsehmacher Josy Eisenberg (veröffentlichte unter anderem. "Histoire moderne du peuple juif", Stock, 1997) Lustigers Ausführungen in drei Punkten. Am ausführlichsten und am kritischsten setzt er sich dabei mit dessen Aufforderung auseinander, Auschwitz als einen "Teil des Leidens Christi" zu verstehen. Lustiger schrieb wörtlich: "Wenn eine christliche Theologie ihrer Vision der Erlösung nicht zurechnen kann, dass Auschwitz ebenfalls Teil des Leidens Christi ist, ist das vollkommen widersinnig." Eisenberg findet diese Auffassung "in jeder Hinsicht schockierend" und bemerkt dazu: "Die Shoah ist ein absoluter Skandal. Der Versuch, sie der Leidensgeschichte Christi einzuschreiben, ein weiterer. Vergleichen heißt nicht Recht haben." Er fragt sich, ob man demnach die "Nazis letztlich als Ausführende der geheimnisvollen Pläne göttlicher Vorsehung" zu verstehen habe, und schließt: "Opfern Sie die Märtyrer von Auschwitz nicht auf dem Altar der christlichen Wissenschaft (christologie), indem Sie Zeugen Christi aus ihnen machen."

Ziemlich begeistert besprochen wird ein "Dictionnaire de la langue du theatre" (Le Robert, Reihe "les usuels"). Das Werk mit dem Untertitel "Worte und Gebräuche im Theater" durchstreift bei der Erklärung von Herkunft und Bedeutung von Ausdrücken wie "faire branler la frise", "sauter la gueuse", "dormir sur la lisse" die Theater- und Literaturgeschichte. Und wer immer schon wissen wollte, warum "das Wort "corde" (Strick) und die Farbe Grün auf der Bühne verboten" sind (ist sie das?): hier erfährt er es.

Im Übrigen widmet sich das Magazin in dieser Woche der vorweihnachtlichen Buchempfehlung in Kurzfassung - immerhin thematisch geordnet, und Liebhaber von Pferden (hier), Modefotografie (hier) oder Frankreich (hier) finden vielleicht den einen oder anderen Hinweis.