Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 25

Magazinrundschau vom 09.12.2002 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil rechnet Catherine Millet ("Das sexuelle Leben der Catherine M.") mit den "Ökologen des Sex" ab. Keineswegs seien all jene, die sich derzeit über die "exponentielle Entwicklung der Pornografie" aufregten, unbedingt "zurückgebliebene Puristen". Die aktuelle Debatte zeige vielmehr, dass die schärfsten Gegner einer angeblichen "Tötung der Sexualität durch ein Zuviel davon" vielmehr "häufig selbst Libertins" seien - wenn auch "Libertins aus dem 18. Jahrhundert". Sie habe "den Verdacht, dass einige von ihnen durch eine strenge, vielleicht religiöse Erziehung dazu gezwungen waren, ihre sexuelle Erziehung in aller Heimlichkeit zu absolvieren, was - psychoanalytisch gesehen - nun ihre Lust konditioniert". Deshalb sei es "nicht die Erschlaffung der Sexualität, die sie befürchten, sondern ihr freier Ausdruck", und insofern reihten sie sich "nahtlos in die Reihe der alten Puritaner" ein.

Der ehemalige französische Innenminister Jean-Pierre Chevenement fordert, Frankreich solle sich "unverzüglich" von der Idee einer Unterstützung des Kriegs gegen den Irak trennen, weil sie "allen nationalen und europäischen Interessen" widerspreche. Er lobt statt dessen Schröders "deutschen Weg" in der Außenpolitik als "gute Neuigkeit für Frankreich", weil Frankreich "eine selbstsichere deutsche Nation" brauche. Denn Chevenement glaubt: "Ein deutsch-französisches Paar, auf gegenseitigem Vertrauen beider Nationen beruhend, ist die einzige Chance eines europäischen Europas."

Anne Crignonet und Olivier Tosceront berichten über die ansonsten kritikfreudigen französischen "Intellos", die angesichts des neuen französischen Verlagskonzerns "Super-Hachette" derzeit offenbar lieber "klug" schweigen. Durch die Fusion der Verlags- und Vertriebsgruppe Hachette mit seinem Hauptkonkurrenten Vivendi Universal Publishing (Vup) entstanden, werde dieser "Leviathan" künftig "eines von zwei französischen Büchern sowie acht von zehn Taschenbüchern" herausgeben. Angesichts dieser Fakten sei "die Stille" geradezu "betäubend". Man müsse "sehen, wie sich die Herolde der republique des lettres verrenken" und eher an "friedlich weidende Schafe in der besten aller Bücher-Welten" erinnerten. Neben einer detailreichen Analyse der Auswirkungen von Super-Hachette auf den französischen Buchmarkt haben die Autoren auch einige Stellungnahmen eingesammelt, u.a. von Philippe Sollers, Bernard-Henri Levy und Frederic Beigbeder. Der beschied: "Schriftsteller äußern sich in Büchern, nicht in Zeitschriften."

Wir lesen außerdem Rezensionen von zwei Biografien über Jean Cocteau (mehr hier) und seine Beziehungen: zu Raymond Radiguet (Fayard) und zu Jean Marais (Editions du Rocher) sowie einer Gesamtausgabe (Gallimard) der Werke von Francis Ponge.

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil findet sich in dieser Woche ein kleiner Schwerpunkt zum Israel-Palästina-Konflikt. In einem teilweise sehr zugespitzten Text wundert sich die israelische Krimiautorin Batya Gur (mehr hier) über eine "Handvoll Schriftsteller und Lyriker" - darunter Samuel Yizhar, Amos Oz, Avraham B. Yehoshua und Yehuda Amichai -, die derzeit die einzigen seien, die "dem Feind Recht geben und die Bomben verstehen, die Kinder töten". Damit verbinde sich eine entschiedene Absage an den "politischen Zionismus". Links sei allerdings lediglich die "bewusste Position der hebräischen Literatur", behauptet Gur. "Ihr innerer, unbewusster Zustand ist national, ja sogar religiös." Gerade "Großmeistern der literarischen Linken" wie Samuel Yizhar oder Nathan Zach verdanke man die "interessantesten religiösen Erfahrungen der modernen hebräischen Literatur".

Weiteres zum Thema: Gabriel Baramki, unter anderem Präsident des Palästinenserrates für Gerechtigkeit und Frieden, erinnert daran, dass sich das Leiden und die Angst auf beiden Seiten gleichen. Und der Pariser Soziologe Michel Maffesoli (mehr hier) denkt schließlich allgemein über "den guten Gebrauch des Bösen" nach und stellt fest, dass der lange von unserer jüdisch-christlichen Gesellschaft verdrängte dionysische Exzess sich notwenigerweise irgendwann rächt. Man sollte ihm begegnen und "sich seiner annehmen, sowohl intellektuell als auch praktisch". Schließlich sei das Leben Konflikt.

Im Dossier geht es diesmal um die neue Sinnsuche: "Wie gibt man seinem Leben Sinn? Kann man sich an das Unglück gewöhnen?" Ursula Gauthier umkreist eine ganze Liste mit Büchern zum Thema, Catherine David blättert in einer Philosophiegeschichte des "spirituellen Abenteuers Humanität", außerdem lesen wir ein Interview dem Pariser Philosophen Andre Comte-Sponville über die "Befreiung des Ichs von sich selbst" als Voraussetzung von Weisheit.

Besprochen werden überdies zwei jetzt erschienene Bände mit Vorlesungen, die Roland Barthes (mehr hier) zwischen 1976 und 1978 am College de France gehalten hat: "Comment vivre ensemble" und "le Neutre" (beide Seuil).

Magazinrundschau vom 25.11.2002 - Nouvel Observateur

Viele Rezensionen in dieser Woche. Der Soziologe Edgar Morin bespricht im Debattenteil "La Decouverte du Monde" von Edwy Plenel über die Reisen von Christoph Kolumbus. Der Text war 1992 anlässlich des 500. Jahrestages der Entdeckung Amerikas im Feuilleton von "le Monde" erschienen. Für den nun als Buch vorliegenden Text (Stock) hat der Autor sein hundertseitiges Vorwort nach dem 11. September überarbeitet und Reflexionen über die "neue Ära" danach eingearbeitet. Darin fordert er weniger über "Globalisierung" als über "Verwestlichung" zu sprechen. Deshalb sei die Leitidee des "l'Homme mele" überschriebenen Textes, so Morin, auch die "Vermischung" der Völker und Rassen, deren "Bedeutung in der Menschheitsgeschichte bisher kaum erkannt worden sei"; sie werde nicht nur als "Unterdrückung von Verschiedenheiten und Verwirrung von Unterschieden begriffen", sondern als das "Erzeugen neuer menschlicher Verschiedenheiten und Fülle". Der Austausch innerhalb sich mischender Kulturen erzeugten "eine transkulturelle Kultur". Die Vermischung, so Morin, sei "die Zukunft der Welt, die einen weltumspannenden Humanismus in sich trage", und der "vermischte Mensch (l'homme mele) die Zukunft des Menschen". Plenels Buch sei deshalb ein Beitrag zu diesem "weltumspannenden Humanismus".

Besprochen werden außerdem eine Biografie des berühmten französischen Kunsthändlers Paul Durand-Ruel (Plon), der die Impressionisten entdeckte, und eine Studie zur Theorie archaischer und moderner Mythen von Rene Girard (Grasset). Zu lesen ist des weiteren ein leider etwas unergiebiges Porträt von Günter Grass, dessen Buch "Im Krebsgang" jetzt in Frankreich erscheint (Seuil). Außerdem unterhalten sich die beiden Schauspieler Daniel Auteuil und Bernard Giraudeau über eine gemeinsame "geheime Leidenschaft": das Schreiben. Auteuil veröffentlichte jetzt einen von Sempe illustrierten Band mit Erzählungen (Seuil), Giraudeau seine Märchen für Kinder (Metailie-Seuil).

Magazinrundschau vom 18.11.2002 - Nouvel Observateur

Anlässlich des 100. Todestages von Emile Zola hat der Nouvel Obs 20 Schriftstellern aus aller Welt zwei Fragen vorgelegt: ob Literatur heute noch eine soziale Funktion habe und wen oder was sie anklagen würden, wenn sie selbst heute ein "J'accuse" schreiben würden. Das Magazin dokumentiert die Antworten von Nadine Gordimer, Tom Wolfe, Michel Butor, Michel Tournier, Ahmadou Kourouma von der Elfenbeinküste, Yasmina Khadra aus Algerien und anderen. Die Meinungen fallen dabei so unterschiedlich aus wie Herkunft, Stile und Stoffe der Autoren erwarten lassen. So hält etwa der Franzose Eric Benier-Bürckel das Schreiben an sich für einen Akt der Anklage; ein "j'accuse" dagegen lehnt er ab, weil der "Schriftsteller nicht für eine bessere Welt" kämpfe. Der Israeli Etgar Keret dagegen klagt "all jene an, die sich entschieden haben anzuklagen". Etwa die Regierung Sharon, die vom "palästinensischen Volk moralische Reinheit und von sich selbst nichts verlangt". Und der Franzose Francois Nourissier würde den Staat anklagen, weil er sich als "monopolistischer Mörder" am tödlichen Gift Tabak bereichert. Ergänzt wird der kleine Themenschwerpunkt durch eine Liste von Büchern und Ausstellungen zum Anlass.

Außerdem sind Auszüge aus einer neuen Publikation des Kardinals von Paris, Jean-Marie Lustiger (mehr hier) zu lesen. In "La Promesse" (Editions Parole et Silence), einer Art vermittelndem Grundsatztext, verhandelt Lustiger die "Unmöglichkeit der christlichen Ablehnung der Juden im Namen der Treue zu Christus". Im hier abgedruckten Textteil geht es um "christlichen Antisemitismus" und die Entwicklung der These, dass das "Mysterium Israels (le mystere d'Israel) im Zentrum des christlichen Glaubens" stehe. Über Auschwitz als ein "Teil des Leidens Christi" schreibt Lustiger: "Wir müssen daran glauben - falls nicht, erschiene Gott selber in Bezug auf seine Verheißung inkohärent -, dass alles Leid Israels durch die heidnischen Verfolgungen aufgrund seiner göttlichen Auserwähltheit ein Teil der Leidensgeschichte des Messias ist, ebenso wie auch der Kindermord von Bethlehem Teil der Passion Jesu ist. Wenn eine christliche Theologie ihrer Vision der Erlösung nicht zurechnen kann, dass Auschwitz ebenfalls Teil des Leidens Christi ist, ist das vollkommen widersinnig." Denn die "Verfolgung der Auserwählten Gottes" sei kein Verbrechen wie alle anderen, sondern hänge direkt "mit der Auserwähltheit und damit mit der condition juive" zusammen.

Magazinrundschau vom 11.11.2002 - Nouvel Observateur

In dieser Woche braucht man für die Lektüre des Nouvel Obs starke Nerven und etwas Zeit, da jeder angeklickte Text erst einmal sekundenlang von einer schrecklichen Anzeige für Gaz de France verdeckt ist. Das soll das Neueste auf dem Internet-Werbemarkt sein, ist aber einfach schlicht unerträglich! Schreiben Sie doch einen Protestbrief!
Der muss ja keineswegs so teuer sein wie der von Sean Penn. 56. 000 Dollar hat es sich der amerikanische Schauspieler kosten lassen, dem amerikanischen Präsidenten seine Meinung zu sagen. Das war der Preis für eine Seite in der Washington Post, in der Penn am 18. Oktober einen offenen Brief an George W. Bush zu dessen Irak-Politik veröffentlichte. Der Nouvel Obs dokumentiert den Brief, in dem Penn - in ausgesucht höflichem Ton und durchaus Verständnis für Bushs" schwierige Aufgabe" äußernd - auch deutlich wird: "Viele Ihrer derzeitigen Handlungen oder Vorschläge scheinen sämtliche grundlegenden Prinzipien des Landes zu verletzten, dessen Präsident Sie sind: die Intoleranz der Debatte (?), die Förderung der Angst durch eine bodenlos Rhetorik, die Manipulation der Medien (...). All das widerspricht dem Geist jenes Patriotismus, den Sie für sich in Anspruch nehmen."

Mit Briefen geht es auch weiter. Vorgestellt wird die Erstveröffentlichung (bei PUF) von über 1800 Briefen aus der Korrespondenz des Philosophen Henri Bergson (mehr hier). Unter den Briefpartnern befinden sich zahlreiche Kollegen, aber auch Marie Curie oder Marcel Proust. Lesen können wir Auszüge eines Briefes von Bergson an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt, in dem es um die Notwendigkeit einer amerikanisch-europäischen Allianz gegen Hitler geht.

Besprochen werden außerdem die Lebenserinnerungen "C'est en hiver que les jours rallongent" (Seuil) des Auschwitz-Überlebenden Joseph Bialot. Ein "Zeitzeugnis", so urteilt der Rezensent, das "an der Seite von Primo Levi und Jorge Semprun" rangiere.

Magazinrundschau vom 04.11.2002 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs bringt Auszüge aus einem sehr persönlichen Text von Imre Kertesz (mehr hier). Darin beschreibt der diesjährige Literaturnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende seinen inneren Konflikt während eines Jerusalembesuchs im April dieses Jahres und erklärt, warum er sich mit den Israelis nicht solidarisch fühlen kann. Kertesz gesteht, dass er sich "fast geschämt habe" seinen Text auch vorzulesen, "die delikaten Probleme der entwurzelten intellektuellen Juden zu offenbaren, ihre Identitätskrisen, ihr Exil. Ich erkannte plötzlich die unerträgliche Ironie meiner Position: als Überlebender der Shoah führe ich einen Diskurs in Israel, das sich im Krieg befindet, indem ich sozusagen erkläre, warum ich mich nicht solidarisch mit einem Volk fühle, dem ich doch auch angehöre. Meine Solidarität besteht im Wesentliche darin, dass ich es wage, ein Flugzeug nach Tel Aviv zu besteigen. (Der ganze Text kann noch in der Zeit nachgelesen werden, wo er im April 2002 auf Deutsch veröffentlicht wurde.)

Geradezu hymnisch gelobt und mit einem berühmten Vorläufer verglichen wird eine neue, auch zeitgenössische Pariser Stadtgeschichte. "L'invention de Paris", geschrieben von dem ehemaligen Chirurgen Eric Hazan (Seuil), erinnere an Louis Sebastien Mercier (mehr hier) und sein "monumentales und zeitloses" Werk "Tableau de Paris" von 1781-1788 (mehr hier und hier).

Pascal Merigeau berichtet von einem feuchtfröhlichen Abend mit Aki Kaurismäki, dessen neuer Film "Der Mann ohne Vergangenheit", der im Frühjahr in Cannes lief, nun in die Kinos kommt. (deutscher Start: 14. November)

Magazinrundschau vom 28.10.2002 - Nouvel Observateur

Vor allen Dingen schön, "schön an sich und schön gelegen" findet Paul Fournel, Schriftsteller und Kulturattache an der französischen Botschaft in Kairo, die neue Bibliothek von Alexandria, die er für den Nouvel Observateur besucht hat. Auf seinem ausführlichen Rundgang erkennt Fournel deshalb ein Problem der Bibliothek, das ihn an das Pariser Centre Pompidou erinnert: "Sicherlich werden viele sie um ihrer selbst willen besuchen, weniger wegen ihres Inhalts." Doch gerade der hat ihn offensichtlich am meisten beeindruckt, denn: "Alexandria entzieht sich dem kommunalen Gesetz. Die Bibliothek untersteht der direkten Schirmherrschaft von Madame Moubarak und juristisch allein dem Präsidenten der Republik. Das Parlament hat keinerlei Befugnisse über sie. (?) So ist dieser Ort auch relativ geschützt vor Vorwürfen finanzieller Verschwendung - in einem Land, in dem Komfort häufig genug relativ bleibt; und es gestattet ihm grundsätzlich, in seinen Sammlungen der Zensur und den Bannstrahlen der Religion zu entschlüpfen."

"Lange hatte er den Wunsch gehabt, Philosophie zu unterrichten. Bis es ihm eines Tages unmöglich wurde, die Schule zu betreten". So beginnt die Rezension eines Buches von Frederic Schiffter, Philosophieprofessor an einem Gymnasium, dem eben jenes passierte. Eine plötzliche "lähmende Angst" habe es ihm unmöglich gemacht, "weiterhin Schülern, die es gar nicht wollten, eine Materie zu vermitteln, von der er selbst bezweifelte, dass sie nützlich oder notwendig" sei. Schiffter, Autor mehrerer Publikationen ("Lettre sur l?elegance", "Guy Debord, l?atrabilaire", "Sur le blabla et le chichi des philosophes") erzählt in seinen "Pensees d?un philosophe sous Prozac" nicht nur die Krankengeschichte einer Depression, sondern deren Verknüpfung mit einer Disziplin und einer Tätigkeit, die ihm zunehmend sinnlos erscheint. Laut Rezensent habe er sich "der Instition Schule entfremdet, die nicht mehr auf Lebenskunst basiert, sondern auf der einzigen Frage, die der Nachfolger seines Verächters, Luc Ferry, heute stellt: 'Was ist ein erfolgreiches Leben?'". Dieses neue Buch des Philosophen und gegenwärtigen französischen Erziehungsministers, "Qu?est-ce qu?une vie reussie?", wird übrigens ebenfalls besprochen.

Magazinrundschau vom 14.10.2002 - Nouvel Observateur

Es ist bekannt, dass Saddam Hussein mehrere Doppelgänger hat, die ihn auf öffentlichen Anlässen vertreten. Was liegt also näher, als nach dem "wahren Saddam" zu fragen und ihm ein Dossier zu widmen? "Alles über den Mann, den zu töten Amerika sich geschworen hat", verspricht der Untertitel (die Boulevard-Presse lässt grüßen).

Im Aufmacher zeichnet der Journalist und Nahost-Experte Said Abukish ein Porträt des irakischen Dikators, als schüchternen, aber höchst brutalen, hygienefanatischen Paranoiker, der Stalin zu seinem Idol gemacht habe. Abukish erklärt, wie Saddam sein Land regiert und warum nicht nur die arabische, sondern auch die westliche Welt von ihm beeindruckt ist. Seine Popularität außerhalb des Iraks übersteige bei weitem die im eigenen Land, wo nur etwa ein Fünftel der Bevölkerung, nämlich die Bürokraten und ihre Angehörigen, mehr oder weniger von ihm abhängen, aber, wie Abukish behauptet, "nicht ihr Leben für ihn geben würden". Gerade deshalb müsse Saddam von innen, nicht von außen, gestürzt werden: "Man muss das Volk auffordern, sich selbst von seinem Tyrannen zu befreien. Die internationale Gemeinschaft muss sich an die Iraker wenden und ihnen sagen, dass sie mehr Nahrungsmittel und Medikamente haben werden, wenn Saddam gestürzt ist; denen, die von Saddams System profitieren, zu verstehen geben, dass sie nicht unter einem neuen Regime zu leiden hätten. Wenn das Volk sicher ist, dass die Dinge ohne Hussein besser laufen, dass das Land weder geteilt noch besetzt wird, dass es keine Verhaftungen geben wird, dann ist der Weg bereitet zu Saddams Sturz."

In diese Kerbe schlägt auch Jean Daniel in seiner "Chronik eines angekündigten... und hinausgezögerten Krieges". Es gelte den Irak zu entwaffnen, doch die höchste Priorität habe der Kampf gegen den internationalen Terrorismus, der nur mit der Unterstützung der muslimischen Völker zu gewinnen sei. Des weiteren weigert sich "L. J.", in den vermehrten Übergriffen auf französische Politiker - zuletzt das lebensgefährliche Attentat auf den Pariser Bürgermeister Betrand Delanoe - das Werk kranker Individuen zu sehen, sondern vermutet darin eher die "Kristallisierung" einer öffentlichen Feindseligkeit gegenüber den Volksvertetern. Doch woher kommt diese Feindseligkeit ? "Der Hass auf die Politik, in einem demokratischen System, ist Selbsthass."

Magazinrundschau vom 30.09.2002 - Nouvel Observateur

In dieser Woche lohnt eigentlich nur die Lektüre eines einzigen, dafür geradezu hymnischen Textes: "Wer wird, nachdem er diese Bilder gesehen und diese Texte gelesen hat, noch leugnen wollen, dass das Mittelalter außerordentlich kreativ, strahlend und farbenprächtig war?" Mit diesem Satz endet das Loblied des französischen Historikers und Mittelalterexperten Jacques Le Goff (mehr hier) auf "Le Moyen Age en lumiere", ein neues Standardwerk zum Thema. Das Werk, er- und bearbeitet von zehn namhaften französischen Historikern unter der Leitung des Duby-Schülers und Manuskriptexperten Jacques Dalarun, zeigt und kommentiert auf 400 Buchseiten und einer CD-ROM 500 bisher unveröffentlichte Miniaturen und Bilder.

In seiner ausführlichen und sehr differenzierten Besprechung geht Le Goff auch auf die Entstehungsgeschichte des Werkes ein, die nebenbei fast ein ganzes Jahrhundert französischer Mediävistik spiegelt. Denn viele Dokumente waren während der Revolution aus Kirchen- und Klosterbibliotheken konfisziert worden und seither auf Gemeinde- und Stadtbibliotheken im ganzen Land verstreut. Auf insgesamt 300.000 Bilder, von denen bisher immerhin 80.000 systematisch erfasst seien, belaufe sich "dieser Schatz". Laut Dalarun wolle das Buch "die historische Macht der Schönheit" zeigen. Und auch Le Goff geht es bei den Bildern vor allem darum, "ihre Schönheit" zu sehen. Dass sie "fast alle eine religiöse Bedeutung oder Form" kann dabei nicht sonderlich verwundern; schließlich gab es laut Le Goff im Mittelalter, "das Wort religiös gar nicht, weil nichts existierte, das nicht religiös gewesen wäre. Dennoch zeigt das Bild hier etwas, das der Text nicht sagen kann. Die profanen Bilder entwischen dem religiösen Rahmen, um zu zeigen, dass sich die Menschen des Mittelalters mehr und mehr für das irdische Leben, seine Vergnügungen und seine Früchte interessierten. Und eben diese zunehmende irdische Verführung lässt sich in den Bildern beobachten."

Magazinrundschau vom 23.09.2002 - Nouvel Observateur

Toni Negri, Galionsfigur der italienischen Linken, gibt in einem Interview Auskunft über seinen Weg von den Roten Brigaden zu den Globalisierungsgegnern. Negri, der nach seiner Verurteilung in Italien 14 Jahre im französischen Exil lebte und danach im italienischen Gefängnis zusammen mit dem Amerikaner Michael Hardt die vielgelobte Gesellschaftsanalyse "Empire" verfasste, lebt heute in Rom unter Hausarrest und hat jetzt mit "Du retour" eine Art politiktheoretische Autobiografie geschrieben. Befragt, wie diese wohl im heutigen Berlusconi-Italien aufgenommen werde, antwortet er, das Problem in Italien sei nicht die Rechte. "Das wahre italienische Drama, und ganz Europas, ist die Linke. Konfus, etatistisch, im Wesen bürokratisch, versteht sie überhaupt nichts von der Globalisierung (...) Der alte industrielle Kapitalismus ist tot. Die Arbeiterklasse ist tot. (...) Die neuen Ausgeschlossenen, die Mehrheit der Unsicheren, alle jene, die sich gegen die fortgesetzte Korruption der 'Gemeinschaft' verbünden wollen: das sollte die Linke dringend in ihr Wirtschaftsprogramm aufnehmen."

Im vergangenen Jahr gewann Roman Polanski mit seinem Überlebensdrama aus dem Warschauer Ghetto, "Der Pianist", die Goldene Palme in Cannes. Jetzt wurde der Film erstmals in seinem Heimatland Polen gezeigt - und Polanski wurde gefeiert: von 2000 Zuschauern, darunter alle, die im polnischen Kulturleben Rang und Namen haben. Der Warschau-Korrespondent des Nouvel Obs berichtet von der Veranstaltung, die Polanski sichtlich rührte: "Cannes war schon heftig, aber das hier übertrifft alles."

Weitere Artikel: Mit einer eigenen Beilage begleitet das Magazin die Ausstellung "Matisse-Picasso", die ab 22. September im Grand Palais gezeigt wird. Das Großereignis versammelt über 150 Arbeiten aus allen Museen der Welt. Unter anderem zu lesen: die Geschichte ihrer "turbulenten Freundschaft" und Auskünfte darüber von Picassos einstiger Lebensgefährtin Francoise Gilot. Für einschlägig Interessierte lohnt vielleicht auch ein Blick ins Dossier: Hier geht es in dieser Woche um die Bedrohung der französischen Weinwirtschaft und was diese dagegen zu tun gedenkt. Lesenswert: ein Interview über die "Rettung der französischen Ausnahme" und die "Fallen des Elitismus" mit Jacques Berthomeau, seines Zeichens "controleur general des Offices au ministere de l'Agriculture et animateur du groupe de reflexion Vin & Cie".