Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 25

Magazinrundschau vom 05.05.2003 - Nouvel Observateur

In einem Interview stellt der junge Philosoph Vincent Cespedes seinen Essay über die Liebe vor ("Je t'aime", Flammarion). Dessen Hauptthese: Die Liebe in der westlichen Welt sei heute ein "einziges Fiasko", sie müsse entweder sterben - oder sich erneut revolutionieren. Die landläufige "Schizophrenie", die zwischen "verzauberten" Paarvorstellungen und einem "zerstörerischen sexuellen Überangebot" bestehe, sei "vor allem ein mächtiges Mittel der Entfremdung, um eine Verbindung zur Logik des Kapitalismus herzustellen. Die Verführung zur Paarbildung und die Zerstörung des Paars - seit dreißig Jahren bezieht die Konsumgesellschaft all ihre Energie aus diesen widersprüchlichen Zwängen. Man muss sich doch nur die Werbung ansehen. Auf der einen Seite die absurde 'Rama-Familie' (...), Eltern, strahlende Kinder etc. Auf der anderen Seite die Anreize zum Sexkonsum, eine totale Hingabe an den Supermarkthedonismus."

In einer bissigen Reportage berichtet Bernard Genies über die Versteigerung des Nachlasses von Andre Breton. Zehn Tage lang hatten sich "Museumskonservatoren, Sammler und Fetischisten aller Couleur" um Bilder, Bücher, Manuskripte und Fotografien des Surrealisten gerissen und dafür teilweise irrwitzige Preise gezahlt. Aber auch "Kleinigkeiten" fanden ihre Liebhaber: etwa ein "Körbchen voller Kieselsteine", das für 400 Euro wegging, oder ein "rechteckiges Waffeleisen mit floralen und geometrischen Verzierungen" (350 Euro).

Des weiteren zu lesen: ein Interview mit Julien Clerc, einem der bekanntesten französischen Chansonniers, der eine ungewöhnlich jazzige CD aufgenommen hat. Und ein kurzes, aber heftiges Lob ("Wahnsinn") des neuen Romans "Madame Ba" (Fayard-Stock) von Erik Orsenna, Prix-Goncourt-Preisträger und Mitglied der Academie francaise.

Magazinrundschau vom 28.04.2003 - Nouvel Observateur

Der Philosoph und Schriftsteller Bernard-Henri Levy (mehr hier) hat ein Buch über die Ermordung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl (mehr hier) geschrieben, der im Februar 2002 in Pakistan entführt und getötet wurde (erstes Kapitel). Levy, der die Hintergründe für "Qui a tue Daniel Pearl?" (Grasset) in Pakistan recherchiert hat, erklärt in einem Interview, warum ihn besonders die Person des Mörders, Omar Sheikh, interessierte: ein junger Mann aus einer wohlhabenden anglo-pakistanischen Familie, der in England studiert hatte und zum islamistischen Extremisten wurde. "Omar ist interessant, weil er in hohem Maße die Züge so rätselhafter Persönlichkeiten wie Osama bin Laden oder Mohammed Atta trägt. Warum wenden sich junge Muslime, die in der westlichen Welt aufgewachsen sind, plötzlich dem finstersten Fanatismus zu? (...) Alles an ihm ist europäisch. Er ist ein Engländer, ein Typ Dodi al-Fayed, der Verlobte von Lady Di. Außer, dass er zu einer Art 'Lieblingssohn' von bin Laden wurde und seine Frau unter einer Burka einschließt."

Olivier Toscer informiert über neue Winkelzüge bei der Errichtung des Megabuchkonzerns "Super-Hachette". Danach versuchen derzeit die Hachette-Gruppe und die franzöische Regierung, mit Andeutungen, die Buchpreisbindung sei in Gefahr, Streit unter den Verlegern zu säen.

Besprochen wird der dritte Band einer Ausgabe mit den Romanen von Aragon (Pleiade), außerdem der neue Film von Takeshi Kitano, "Dolls". In einem Interview stellt Pavel Lounguine seinen als Thriller avisierten Film "Un nouveau Russe" vor, durch den sich der Interviewer stellenweise an Leones "Es war einmal in Amerika" erinnert fühlt. Hingewiesen wird schließlich noch auf eine Ausstellung über den Fotografen Henri Cartier-Bresson (mehr hier) in der Pariser Bibliotheque nationale.

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - Nouvel Observateur

In dieser Woche einmal keine relevanten Debatten, dafür interessante Publikationen. Sehr differenziert besprochen wird der von Jean-Claude Schmitt herausgegebene und mit einem einordnenden Essay versehene Band "La Conversion d?Hermann le juif. Autobiographie, histoire et fiction" (Seuil). Darin wird die teils historisch belegte, teils fiktionale Geschichte von Judas erzählt, dem Sohn eines jüdischen Kölner Priesters, der im zwölften Jahrhundert zum Christentum konvertierte, und die Geschichte dieser Konversion in autobiografischen Skizzen festhielt. "Diese Pseudo-Autobiografie", urteilt der Rezensent, "vermag uns nichts über die persönlichen Erfahrungen eines Juden mit dem Christentum in der betreffenden Zeit zu sagen, dagegen aber viel über die Art und Weise, in der die Kirche das Judentum wahrnahm."

Vorgestellt wird außerdem ein Band mit Gesprächen zwischen dem Mittelalterexperten Jacques Le Goff (mehr hier und hier) und dem Historiker Jean-Maurice de Montremy. In "A la recherche du Moyen Age" (Editions Louis Audibert) erläutert Le Goff einmal mehr seine These, wonach das Mittelalter eben nicht die "finstere, verlorenen Epoche zwischen Antike und Renaissance " gewesen sei, sondern "die Hoffnung". Und wir lesen eine - ziemlich voraussetzungsreiche - Rezension von "Le Neveu de Lacan" (Verdier), einer Art "Abrechnung" des Psychoanalytikers Jacques-Alain Miller, Schwiegersohn von Jacques Lacan und Herausgeber seiner "Seminaires", mit den "neuen Reaktionären" (nouveaux reacs).

In der Abteilung Arts et Spectacles gibt es schließlich noch die Besprechung des Films "Baghdad on/off" des irakischen Exil-Regisseurs Saad Salman. Salmans Film dokumentiert seine Reise von Paris in Richtung seiner alten Heimat im Herbst 2002, um ans Sterbebett seiner Mutter zu gelangen.

Magazinrundschau vom 14.04.2003 - Nouvel Observateur

Amerikanische Theokratie versus islamischer Fundamentalismus: Im Debattenteil diskutieren der "Mediologe" Regis Debray und der Anthropologe Constantin von Barloewen, über die Frage, ob der Krieg zwischen den Religionen bereits begonnen habe. Darin geht es unter anderem um das Verhältnis von Fortschritt und "Entzauberung der Welt". So erklärt Debray, dass Technologie ein Schlüsselwort sei: "Wir haben gedacht, dass die Technik zu einer 'Entzauberung der Welt' führe, dass die Wissenschaft eine Mittel gegen die Religion sei, schließlich ist 'eine Schule, die öffnet, eine Kirche, die schließt'. Aber wir mussten feststellen, dass die weltweite Verbreitung von Werkzeugen eine Tribalisierung der Seelen bewirkte. Wir mussten uns dieser Tatsache nun stellen: der technische Fortschritt und der wissenschaftliche Kreislauf haben ein Identitätsvakuum entstehen lassen, das im Gegenzug nach Luft verlangt."

In einem weiteren Beitrag beschreibt der in Frankreich sehr verehrte amerikanische Schriftsteller und Dichter Jim Harrison ("Das leuchtende Feld", hier ein Interview mit ihm, leider nur auf Englisch) sein Amerika - mit einiger Bitternis. Die USA hätten diesen Krieg mit einer geradezu "satanischen Idiotie" eröffnet, viele Amerikaner glaubten, "außerhalb der Geschichte" zu leben. "Die derzeitige Sprache meiner Regierung hat keinerlei kausale Verbindung mehr zur historischen Realität, wie ich sie sehe. Wir werden erneut Erfahrungen wie in Vietnam machen müssen."

In der Bücherabteilung ist ein Interview mit dem russischen Violinisten Solomon Volkovic zu lesen, dem bereits Dimitri Schostakowitsch seine Erinnerungen diktierte, und der nun "Conversations avec Joseph Brodsky" (Editions du Rocher) vorlegt. Vorgestellt werden außerdem drei neue Publikationen zum und übers Kino, darunter eine Biografie von Louis Malle.

Magazinrundschau vom 07.04.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil geht der Philosoph Paul Virilio (mehr hier) mit George W. Bush ins Gericht, insbesondere mit den religiösen Anteilen seiner Mission. Virilio sieht einen "globalen Staat" entstehen, in dem Bush "weniger gewählter Präsident oder Kriegsherr wäre, sondern Guru. Der entwickeltste Staat der Welt als mächtigste Sekte der Welt." Über den Irak-Krieg schreibt er: "Man hat den strukturierten Krieg a la Clausewitz zugunsten eines zufälligen Krieges hinter sich gelassen, der sich durch nichts erklärt als durch die Fernseh-Religiosität (televangelisme) der Amerikaner. (...) Das ist der delirierende Krieg, die Herrschaft von König Ubush. War die amerikanische Kriegserklärung an eine angebliche 'Achse des Bösen' nicht die Ankündigung einer Art mystischen Jaltas, einer neuen Aufteilung der Welt, in der physische Wirklichkeit keine Rolle mehr spielt und Weltpolitik nicht mehr Sinn hat als die alte Kriegskunst?"

Sehr gelobt wird ein literarischer "Dictionnaire des onomatopees" (PUF), der Einträge von Colette ("Pou-pou-pou, pou, pou-pou, pou-pou") über Rabelais ("Heu! heu! heu! ou Uh! uh! uh!") bis Sartre ("crr") enthält. Vorgestellt werden außerdem eine Biografie über Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (1732-1799, mehr hier), Geschäftsmann, Erfinder, Theaterautor und Spion von Louis XV (Fayard), und "Autoportrait", das erste Buch des Regisseurs, Filmproduzenten und Schauspielers Claude Berri (mehr hier).

Schließlich kann man sich noch erklären lassen, wie heutige Interpreten des traditionellen französischen Chansons dessen klassische Stoffe in ihren Texten fortschreiben. Verhandelt und vorgestellt werden Schlüsselbegriffe wie Nostalgie, Einsamkeit, Tod - und natürlich l'amour.

Magazinrundschau vom 31.03.2003 - Nouvel Observateur

In einem als "giftig" annoncierten Text erklärt der englische Schriftsteller Jonathan Coe (mehr hier), "was die moralische Autorität Tony Blairs wirklich bedroht": Er wolle den moralischen Widerwillen der Engländer gegen den Krieg mit einem Appell an ihre moralische Empfindlichkeit bekämpfen, indem er die Abscheulichkeiten von Saddams Regime schildert. Doch "die Engländer mögen empfindlich sein, aber sie sind nicht vollständig verblödet. Sie kennen die Wirkung von Bomben und das enorme Waffenarsenal der USA...; und sie wagen es zu denken, dass ein Angriff auf das Zentrum von Bagdad ein merkwürdiges Mittel ist, um die Lebensbedingungen irakischer Kinder und anderer unschuldiger Zivilisten zu verbessern."

Marie Chauvin, Berlin-Korrespondentin des Nouvel Obs, hat sich die "unter furchtbaren Zwängen" fertiggestellte französische Botschaft von Christian de Portzamparc (mehr hier) am Pariser Platz angesehen. Deren "formelle Subtilität" sei nicht nach dem "Geschmack aller Berliner". So hätten sich einige erbitterte Kritiker an einen "Bunker" erinnert gefühlt.

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem amerikanischen Krimiautor Ed McBain (mehr hier), Drehbuchautor von Hitchcocks "Die Vögel" und Erfinder der Serie rund um das 87. Polizeirevier der fiktiven Stadt Isola. Pascal Bruckner stellt schließlich das Buch "De Paris a la lune" (Nil; mehr zur amerikanische Originalausgabe hier) von Adam Gopnik (mehr hier) vor. Gopnik, seit 1986 Journalist des New Yorker und zwischen 1995 und 2000 Pariskorrespondent der Zeitschrift, stelle sich auf jeder Seite seines Stadtporträts die Frage: "Wie kann man Pariser sein und eine derartige Mischung aus Arroganz, Konservativismus und Lebenskunst miteinander vereinen?"

Magazinrundschau vom 17.03.2003 - Nouvel Observateur

Um die europäisch-amerikanischen Spannungen - beziehungsweise die europäische Sicht auf die USA als "irregeleitetem Koloss" - geht es in einem Gespräch zwischen dem amerikanischen Politikberater, Kolumnisten und Buchautor Robert A. Kagan (mehr hier, "Macht und Ohnmacht") und dem aus Tunesien stammenden internationalen Anwalt Laurent Cohen-Tanugi. Avisiert ist es als "Antworten des Vordenkers der Neokonservativen auf die beunruhigten Fragen eines urteilsfähigen Europäers". Kagan stellt darin fest: "Im Irak-Konflikt kristallisieren sich unsere Divergenzen heraus. Seien wir ehrlich: Das wirkliche Problem ist doch nicht, den UNO-Inspektoren mehr Zeit zu geben. Die wahre Frage ist: Krieg oder Nicht-Krieg." Cohen-Tanugi konstatiert seinerseits eine "schleichende Auflösung der soft power der USA - ihrer Kultur und Werte - aufgrund eines weltumspannenden Neo-Antiamerikanismus, der etwas mit der Supermachtsstellung der USA zu tun hat."

Weitere Artikel: Im Debattenteil kommt in dieser Woche der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer (mehr hier) zu Wort. Der Nouvel Obs druckt Auszüge eines Vortrags, den Mailer im Commonwealth Club in San Francisco hielt. Darin bezeichnet er Bush als "amerikanischen Albtraum" und erklärt, warum der Krieg gegen den Irak "der erste Schritt Amerikas zur Beherrschung der Welt sei". Ansonsten gibt es Besprechungen, darunter einer Biografie des Kritikers, Essayisten und ehemaligen Leiters der Nouvelle Revue Francaise, Jean Paulhan ("La NRF de Paulhan", Gallimard, mehr zu Paulhan hier).

Magazinrundschau vom 10.03.2003 - Nouvel Observateur

In einem kleinen Schwerpunkt wird in dieser Woche wieder einmal über die Verfassung der französischen Intellektuellen nachgedacht. 22 Jahr nach Erscheinen ihres skandalträchtigen Buchs "Les Intellocrates" erklären die Autoren Herve Hamon und Patrick Rotman in einem Interview, dass sich vor allem an den inzestuösen Funktionsweisen des Literaturbetriebs bis heute eigentlich nicht viel geändert habe - es sei eher schlimmer geworden. Das Geld habe eben gewonnen, "wie überall": "Macht verführt, und absolute Macht verführt absolut. Das ist ein Gesetz." erklärt etwa Hamon. "Deshalb stehen wir derzeit in Frankreich kurz davor, bald eine der mächtigsten monopolistischen Verlags- und Pressegruppen aller entwickelten Länder zu haben. (?) Trotzdem ist es erschreckend, dass sich kein Mensch dafür interessiert, vor allem unter den Linken."

Der Journalist Emmanuel Lemieux hat sich noch einmal auf Spurensuche nach den neuen Netzwerken der "Intellokraten" begeben. In seinem Buch "Pouvoir intellectuel: les nouveaux reseaux" (Denoel), einer Untersuchung der aktuellen intellektuellen Landschaft, habe er versucht etwas "zu zeigen, das ich 'chemische Leuchtspuren' nenne, das heißt die diversen Strategien des Einzelnen, in die einflussreichen Bereiche zu gelangen. Wenn selbst die berühmte Ecole des Hautes Etudes en Sciences sociales noch immer künstlich den Mythos des Intellektuellen aus dem 19. Jahrhundert nährt, begünstigt man damit eher die Bildung von Stämmen (tribus) als von Netzwerken." Die Rezension des Buchs gibt sich allerdings kritisch: die erste Hälfte der Studie sei "ein konfuses Zappen zwischen Porträts, enttäuschenden Kommentaren und verschlüsselten Analysen". Mit einem Wortspiel - "l'intello est un toutologe" - versucht schließlich noch Jacques Juillard in einem Kommentar eine Annäherung an das Phänomen und stellt unter anderem fest: "Ein Intellektueller ist, wen die Medien als solchen bezeichnen."

Der Debattenteil druckt einen Auszug aus dem Buch von Henry Kissinger "La Nouvelle Puissance Americaine" (Fayard), in dem er sich mit der amerikanischen Außenpolitik beschäftigt: "Hegemonie oder Führerschaft?"

Ansonsten feiert das Magazin mit dieser Nummer seine 2000. Ausgabe und resümiert noch einmal 21 Titel und Themen aus seiner Geschichte.

Magazinrundschau vom 03.03.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil erklärt der Politikwissenschaftler Denis Lacorne, was es mit den jüngsten amerikanischen Ausbrüchen von Frankophobie auf sich hat. Nach einem historischen Exkurs - "Die Frankophobie ist die älteste Sache der Welt" - erklärt er die Funktion des wechselseitigen Austauschs von Stereotypen, die "die nationalen Leidenschaften stärken" sollen. Die zentralen rhetorischen Mittel dieser "bevorzugten nationalistischen Propaganda" seien Polemik, Wirksamkeit (d.h. "leicht zu merken"), Dichotomisierung (die/wir) und ihr performativer Charakter. Lacorne räumt aber ein, dass "auch Frankreich ganz gerne Klischees produziert. Wir mögen keine allzu vielschichtigen amerikanischen Präsidenten wie Jimmy Carter. Dagegen schätzen wir Reagan und bis vor kurzer Zeit George W. Bush: die Realisten, die Harten, die unsere Vorurteile gegenüber dem Antiintellektualismus der amerikanischen Politik bestärken" Denn das sei die französische Vorstellung von "Uncle Sam: brutal, manipulativ und immer im Dienst des amerikanischen Kapitalismus."

Kurz, aber dafür sehr gut wird der neue Roman von Jacques Tournier "A l'interieur du chien" (Grasset) besprochen: "Das Buch ist wie eine Mozartsonate, gespielt von Clara Haskil: Es vertreibt die Finsternis". Mit einigen Auszügen wird der Briefwechsel von Camille Claudel (mehr hier) vorgestellt. 1886 hatte sie beispielsweise Auguste Rodin geschrieben: "Ich kann nicht kommen, wohin Sie mich bestellt haben, weil ich weder einen Hut noch Schuhe habe, und meine Stiefel sind alle abgetragen. Camille". Philippe Sollers rezensiert schließlich einen Essay über die Philosophie der altchinesischen Malerei - "La grande image n'a pas de forme. Ou du non-objet par la peinture" (Seuil).

Darüber hinaus wird in dieser Ausgabe viel geredet: In Interviews geben der amerikanische Jazz-Saxofonist Wayne Shorter, der schon mit John Coltrane und Miles Davis gespielt hat, Auskunft über seine neue CD "Alegria" (mehr hier), Chinas berühmtester Rockstar, Cui Jian, erklärt die anhaltenden Probleme mit den Behörden bei der Organisation eines Konzerts, und Anne de Stael gibt eine kleine Einführung in die große Ausstellung mit Arbeiten ihres Vaters, des Malers Nicolas de Stael (mehr hier) im Centre Pompidou.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil findet ein Streitgespräch (zweiteilig, hier und hier) zwischen den Autorinnen Catherine Millet (mehr hier) und Marie Desplechin (mehr hier) über Sex, Prostitution und "Porno-Chic" statt. Hintergrund ist ein neues französisches Gesetz, das auch passives Kundenwerben unter Strafe stellt und Prostituierte belohnt, wenn sie ihre Zuhälter anzeigen. Millet hatte dazu am 9. Januar in Le Monde ein Manifest veröffentlicht ("Weder Täter, noch Opfer: die Freiheit, sich zu prostituieren"), das Desplechin ebenfalls in Le Monde mit einem Manifest konterte ("Prostitution: über den echten feministischen Chic"). Beide Veröffentlichungen waren von zum Teil prominenten Unterstützerinnen mitunterzeichnet worden. Die Standpunkte der beiden fallen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aus. So ist Desplechin "empört" über Millets "Verwechslung", auch Prostituierte seien "Bürgerinnen" und hätten demnach ebenso viel Würde wie jede andere "soziale Schicht", schließlich befindet sich, so Desplechin, die Mehrzahl der Prostituierten "in einer irregulären und sehr unsicheren Situation". Vollkommen unverständlich findet sie auch Millets Überzeugung, Sexualität sei "zumindest in einem symbolischen Sinne ein Grundbedürfnis wie Essen und Schlafen, nur komplexer".

In einer Reportage beklagt Autorin Anne Crignon die teilweise bedrohlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter denen Literaten und sonstige Geistesarbeiter inzwischen auch in Frankreich zu leiden haben. Es habe sich bereits eine Art "intellektuelles Sub-Proletariat" gebildet. "Unter den Bedürftigsten", weiß sie, "verteilt die Societe des Gens de Lettres jedes Jahr 76.000 Euro als Einzelfallhilfe. Also keine Vermögen oder gar Renten, sondern 700 Euro für eine Heizungsreparatur hier oder 600 Euro zum Begleichen der Mietrechung dort."

Darüber hinaus gibt es Buchbesprechungen, darunter die Rezension einer Studie der Anthropologin Florence Heymann (mehr hier), "Le Crepuscule des lieux" (Stock), über eine der einstmals bedeutendsten jüdischen Gemeinde Europas in der rumänischen Stadt Czernowitz.