Das Attentat in Idar-Oberstein, bei dem ein Mann in einer Tankstelle einen als Kassierer arbeitenden
Studenten erschoss, weil der auf einer
Maske im Laden bestanden hatte, ist für die meisten Kommentatoren ein
politisch motiviertes Attentat, selbst wenn der Mann Alkokolprobleme hatte (
mehr zum Tathergang hier). "Ein Mann erschießt einen anderen, weil der ihn dazu aufgefordert hatte, sich an die Maskenpflicht zu halten. Zwischen der Tat und der politischen Maßnahme besteht ein Zusammenhang, eindeutig",
kommentiert Christian Vooren auf
Zeit online. "Die wenigen semioffiziellen Vertreterinnen und Vertreter der selbsternannten
Querdenken-Bewegung werden natürlich von sich weisen, dass sie durch ihr Handeln
die Saat gelegt haben für das, was nun passiert ist, und für das, wovor Expertinnen, Politik und Verfassungsschützer seit Monaten warnen. ... Die Gewalttat von Idar-Oberstein ist extrem, doch es gab in der Vergangenheit
Brandanschläge auf Impfzentren, es kam vermehrt zu
Angriffen auf Kontrolleure im öffentlichen Nahverkehr, Journalistinnen wurden gezielt eingeschüchtert. All diese Vorfälle sind die Bindeglieder zwischen den Querdenker-Worten auf den Demos und in den Chatgruppen und der Tat von Idar-Oberstein."
Die
Reichsbürgerideologie dominiert bei den Querdenkern mehr und mehr,
schreibt Stefanie Galla bei den
Ruhrbaronen. "Da sind viele keine harmlosen Spinner mehr. Da sind
radikalisierte Gegner unseres System dabei, die nicht mehr davor zurück schrecken, Worten der Drohung dann auch Taten folgen zu lassen. Das wird nicht der letzte Mord dieser
neu entstanden Terrorgruppierung gewesen sein."
"Es sagt alles", dass die Tat "in Teilen der Szene
gefeiert wird",
entsetzt sich Konrad Litschko in der
taz. "Kein Mitleid.
Selbst schuld, heißt es da. Menschenverachtend und entsetzlich. Es ist leider eine Tat, mit der früher oder später
zu rechnen war. Denn das unheilvolle Brodeln in letzter Zeit wurde von niemandem gestoppt. Dass der
Verfassungsschutz die Szene unter Beobachtung stellte, störte dort offenbar niemanden. Auch im
Wahlkampf wurde der radikalisierte Protest nicht thematisiert - in den Wahlprogrammen allenfalls als Randnotiz. Wie sehr hier etwas wegrutscht, scheint in der Öffentlichkeit kaum anzukommen. Dabei ist es
Teil einer Verrohung, die Politiker:innen im Wahlkampf erleben konnten, als ihnen dort wieder Hass entgegenschlug. Und an der Rechtsextreme mitwirken, die ungehindert auf Plakaten appellieren: 'Hängt die Grünen!' Oder die Leichenattrappen auf Kundgebungen auslegen."
Was macht eigentlich der
Innenminister,
fragt Nils Minkmar in der
SZ. "Das sanftmütige Verständnis" für die Querdenker "dominiert nun schon viel zu lange. Man hat es hier nicht mit '
Sorgen der Menschen zu tun', sondern zum Teil mit organisierter Militanz. Es ist nicht zu akzeptieren, dass Wissenschaftler und Politikerinnen mittlerweile
Polizeischutz gegen diese Szene brauchen. Gegenüber der Entschlossenheit von etlichen 'Querdenkern' herrscht ein gefährlicher
Mix aus Ignoranz und Toleranz, der Wahnvorstellungen in dieser Bewegung nur inspiriert. ... In Fällen von
migrantischer Kriminalität, von islamistischem Terrorismus oder linksextremer Gewalt markiert Innenminister Horst Seehofer gerne den harten Kämpfer, den Abschieber und moralischen Mahner. Doch im Kampf gegen diese rechte, radikale und gewaltbereite Bewegung ist
nichts von ihm zu sehen oder zu hören."
Dass sich die Querdenker immer stärker radikalisiert haben,
bestätigt auch die Sozialpsychologin
Pia Lamberty im Interview mit der
taz. "Das Maskentragen führt im Alltag aber immer wieder zu Auseinandersetzungen, in der Bahn, auf der Straße, im Supermarkt, auch mit körperlichen Übergriffen. ... Die
Radikalisierung ist in der gesamten Bewegung gestiegen. Sie beeinflusst auch die Mitte der Gesellschaft. Die verschiedenen Verschwörungserzählungen werden weitergetragen. Das kennen alle, die sich kritisch zu der Bewegung äußern. Ich erlebe das auch."