9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2020 - Gesellschaft

Rapunzel ist eine richtig gute Biomarke, aber ihr Chef Joseph Wilhelm ist genauso drauf, wie man es sich von Bio-Adepten von altem "Schrot & Korn" vorstellt: Auf der Website der Firma polemisiert er  gegen eine angebliche Corona-Hysterie, plädiert gegen Abtreibung und dafür, das Virus seine natürliche Arbeit verrichten zu lassen, berichtet Jost Maurin in der taz, und natürlich: "Obwohl es noch keinen Impfstoff gibt, will Wilhelm schon wissen, dass die Immunisierung nicht wirken werde. Die Langzeitfolgen seien nicht geprüft. Impfen? 'In diesem Fall traue ich mich zu sagen: 'Nur über meine Leiche', das bin ich mir wert.'" Wilhelm nimmt inzwischen in seinem Blog Stellung zu den Vorwürfen, er propagiere Verschwörungstheorien (mehr auch im Tagesspiegel).

FAZ-Theaterkritiker und Jungkonservativer vom Dienst Simon Strauss schlägt vor, die Corona-Parenthese (hoffentlich ist es eine) für ein nationales Eingedenken zu nutzen, besonders im kommenden Deutschlandurlaub: "Wäre nicht jetzt, wo wir den Blick gezwungenermaßen vornehmlich aufs Nationale richten, der Augenblick günstig für eine einmalig intensive 'Er-fahrung' Deutschlands? Was wäre das für eine Vorstellung: Im dreißigsten Jahr ihrer Wiedervereinigung reisen die Deutschen noch einmal mit schlagenden Herzen durch ihre Bundesländer..." Neo Rauch sollte illustrieren.

In der Berliner Zeitung kann der Historiker Götz Aly das große neue Schuldenmachen nicht begreifen: "Ist denn niemandem klar, dass die größten deutschen Wirtschaftszusammenbrüche im 20. Jahrhundert (kriegsbedingte) Überschuldungskrisen waren, die jede Investitionstätigkeit lähmten und dann mit vollständiger Geldentwertung zu Lasten aller bereinigt werden mussten?" Irgendwann werden die Schulden abgetragen werden müssen. Aber die Forderung, das sollten gefälligst "Multimillionäre und Milliardäre" tun, wie es die Linke fordert, findet Aly beschämend: "So begünstigt sich eine egoistische, geistig steril gewordene politische Elite selbst - früher nannte man das bourgeoise Klassenpolitik: Das Heer der Datschenbesitzer und Wohnungseigentümer, der Kreuzschifffahrer, Weinkenner, Himalaja-Reisenden und Freunde der edlen Küche soll ungeschoren bleiben. Dabei gebietet der Bürgerstolz, dass existenzielle Krisen unseres Gemeinwesens solidarisch überwunden werden. Eine intakte bürgerliche Gesellschaft macht sich nicht von ein paar Superreichen abhängig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2020 - Gesellschaft

Im Interview mit der FR fordert die Kabarettistin und Schauspielerin Maren Kroymann eine 50/50-Quote für Männer und Frauen in der Film- und Fernsehbranche. In Schweden habe das gut funktioniert: "Ein Vertreter des schwedischen Filminstituts hat mal gesagt, die Sache sei sehr einfach. Sie koste weder mehr Zeit noch Geld, man müsse nur zählen. Wenn ein Mann eine Förderung gekriegt hat, wird so lange gewartet, bis eine förderfähige Frau einen Antrag stellt. Erst danach kommt der nächste Mann zum Zug." Quote und Qualität habe das in Schweden nicht geschadet, so Kroymann: "Festgestellt wurde, dass einige Jahre nach Einführung der 50:50-Regelung auch die künstlerischen Preise zur Hälfte an Frauen gingen. Dort wo das Machen gleich verteilt ist, ist auch die künstlerische Qualität gleich verteilt. Das geht nicht von Null auf jetzt, aber da müssen wir uns hinarbeiten."

Auf Zeit online fordert Elisabeth Raether ganz generell eine angemessene Bezahlung von Frauen - auch für bislang noch unbezahlte Familienarbeit: "Dass das Kümmern, Sorgen und Hinterherräumen in der Natur der Frauen liege, würde heute niemand mehr so formulieren. Man würde eher von Neigung sprechen. Sie macht es gern und sie kann es ja auch sehr gut. Aber auch Herbert Diess tut seine Arbeit als CEO von VW wahrscheinlich gern, offenbar muss sein Unternehmen trotzdem einige Millionen Euro jedes Jahr aufwenden, damit er seinen Job erledigt und motiviert bleibt. Es braucht schon die Last der Tradition und ein Gestrüpp aus privaten und politischen Erwartungen, um eine simple Wahrheit zu verdecken: Die unbezahlte Arbeit der Frauen ist eine Quersubventionierung der Privatwirtschaft."
Stichwörter: Kroymann, Maren, Frauenquote

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2020 - Gesellschaft

In der vorigen Woche hat die iranische Zentralbank die Währung Rial in Toman umbenannt und vier Nullen gestrichen. Wie Arianne Shahvisi im LRB-Blog erzählt, ist dies eine typische Form der sozialen Distanzierung im Iran: "Soziale Interaktionen im Iran werden von einer Etikette bestimmt, die als Taarof bekannt ist: eine ausgeklügelte, indirekte Art des Sprechens und Verhaltens. Schichten von Symbolismen, Worthüllen und Unehrlichkeiten sollen einen Konflikt besänftigen, Gemeinsamkeiten erleichtern und bestimmte Wahrheiten begraben. Es ist eine Form der sozialen Distanzierung, wenn man so will, des Abstandshalten zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten. Wie die Sozialwissenschaftlerin Kian Tajbakhsh sagte: 'Im Westen sind achtzig Prozent der Sprache denonativ. Im Iran sind achtzig Prozent konnotativ.' Taroof garantiert, dass einem Essen angeboten wird, wenn man jemanden besucht, aber es erfordert auch, dass man ablehnt."

Im Aufmacher des FAZ-Feuilleton treibt Elena Witzeck der Neid um, der ihrer Beobachtung zufolge die Menschen in der Krise erfasst: Warum kann der Nachbar auf einem sonnigen Balkon arbeiten? Warum wird sie kontrolliert, nicht jemand anderes? "Und dann ist da der Neid auf jene, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, denen es gelingt, die Umstände anzunehmen. Die bei allen Entbehrungen gelassen wirken. Diesen vermeintlichen Vorsprung, sagt die Psychoanalytikerin und Mitherausgeberin des Buchs 'Neid', Sylvia Schulze, begehren wir am meisten."
Stichwörter: Begehren

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 - Gesellschaft

Über Verschwörungstheorien wird inzwischen geredet, als seien sie selbst ein Virus. Die Psychologin Cornelia Betsch antwortet im Spiegel-online-Gespräch mit Nina Weber auf die Frage, wie man im Gespräch mit Anhängern solche Theorien argumentieren solle. "Ein wichtiger Punkt: Hört jemand anderes zu, der vielleicht nicht an die Verschwörungstheorie glaubt und den man noch schützen könnte? Für diese Zuhörer kann es wichtig sein, die Techniken aufzudecken, mit denen etwa die Wissenschaft geleugnet wird - also etwa der Bezug auf falsche Experten oder das Ignorieren, dass es einen wissenschaftlichen Konsens gibt. Das ist jedoch in Bezug auf das Coronavirus sehr schwer, denn es gibt wenig gesichertes Wissen und es ändert sich wahnsinnig schnell."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2020 - Gesellschaft

Bei Verschwörungstheorien handelt es sich meist um "Sündenbock-Erzählungen", erklärt Anselm Neft auf Zeit Online. Er möchte lieber von "Verschwörungsglauben" sprechen: "Ohne Verschwörungsglauben wären der Holocaust, die 'Säuberungen' und Judenverfolgungen unter Stalin, der Völkermord an den Armeniern oder die Ermordung von 'Hexen' in der frühen Neuzeit nicht möglich gewesen. Heutzutage instrumentalisieren rechtspopulistische Parteien vor allem den Verschwörungsglauben an eine angebliche 'Umvolkung', die vermeintlich korrupte 'Eliten' organisieren: Die Fremden, die Schutz und Auskommen suchen in einem anderen Land, werden in diesem Szenario zu ferngesteuerten Agenten eines großen Plans, den nur Verschwörungsgläubige durchschauen (und die Planer selbst natürlich)."

Die aktuellen "Hygiene-Demos" sind zunehmend antisemitisch, warnt Felix Klein im SZ-Gespräch mit Jan Bielicki. Einige Demonstranten trugen sogar Kopien von Judensternen mit der Aufschrift "Ungeimpft": "Ich halte diese Art von Protesten für hochgefährlich, weil sie das Vertrauen in unseren demokratischen Staat untergraben und ein Sammelbecken bilden, in dem sich neben teils sehr obskuren anderen Geisteshaltungen verschwörungswütige Antisemiten und Holocaust-Leugner finden. Es ist absolut nicht hinnehmbar, dass auf solchen Demos die Schoah relativiert wird, indem etwa die Maskenpflicht mit dem Tragen des Judensterns im Nationalsozialismus verglichen wird."

In den höchsten deutschen Ämtern klafft nach wie vor eine "Repräsentationslücke" Ostdeutscher, schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in der Berliner Zeitung und erklärt: "Meist wird eingewendet, aus dem Osten hätten eben so Wenige die Voraussetzungen, um Präsident einer Hochschule, General in der Bundeswehr, Präsident einer Bundesinstitution, Mitglied eines Dax-Vorstands oder Chefredakteur einer großen überregionalen Tageszeitung zu werden. Hinter dieser Argumentation verbirgt sich ein Muster, dass 1990 institutionalisiert worden ist: Die beruflichen Ausbildungswege Westdeutscher wurden zur Norm erhoben. ... Hinzu kam, dass Eliten sich immer und überall aus sich selbst heraus rekrutieren. Aufsteiger gibt es in Deutschland schon seit Jahren nur sehr wenige, also Menschen, die aus Milieus kommen, die nicht bereits zu Eliten dazu gehören."

Guillaume Paoli, damals an den Protesten beteiligt, antwortet auf Freitag-Redakteur Timo Feldhaus, den die Aluihüte vor der Berliner Volksbühne an jene Wutbürger erinnerten, die auf keinen Fall Chris Dercon in dem Theater haben wollten (unser Resümee): "Die Erzählung, die uns Feldhaus jetzt serviert, ist bloß eine weitere Auflage der Hufeisentheorie: Links gleich rechts, und wer sich gegen den Gang der Dinge auflehnt, kann nur ein Feind der freiheitlichen Ordnung sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2020 - Gesellschaft

Dass ausgerechnet Bill Gates im Zentrum vieler Verschwörungstheorien zur Coronakrise steht, hat unter anderem einen ganz einfachen praktischen Grund, schreibt Elke Wittich in einem interessanten Hintergrund bei golem.de: Es stehen bereits einige ältere Videos von Gates im Netz, die man so praktisch manipulativ umschneiden und frisieren kann, was die "selbsternannten Verschwörungsaufdecker" sehr gerne tun: "Sie benutzen aus dem Zusammenhang gerissene Sätze, absichtlich leicht falsch zitiert, angereichert mit Zitaten aus ähnlich wie sie denkenden Quellen. A zitiert B, der C zitiert, wobei C den vorherigen Artikel von A als Quelle angibt. Man nennt dies 'Zirkelreferenzen', weil sich dadurch immer neue Kreise bilden. Eine neue Verschwörungstheorie wird dazu gern mit thematisch ähnlichen, schon bestehenden und über viele Fans verfügende Theorien verbunden." Bei politico.eu geben Mark Scott and Steven Overly einen Überblick über dies- und jenseits des Atlantik grassierende Verschwörungstheorien.

Stefan Römermann erklärt im Deutschlandfunk, warum der Messenger Telegram, der auf auf den ersten Blick so funktioniert wie Whatsapp zum Lieblingstool der Rechtsextremen geworden ist und zitiert dabei den Experten Martin Fehrensen vom Social Media Watchblog: "Bei Whatsapp hat man eine Obergrenze von 256 Menschen, die man in einer Gruppe erreichen kann. Bei Telegram hingegen kann eine Gruppe bis zu 200.000 Mitglieder haben." Bei Telegram, so Römermann weiter, gibt es außerdem "die Möglichkeit, öffentliche Kanäle anzulegen, die Freunde und Fans abonnieren können. Besonders viel Zulauf hat die ehemalige 'Tagesschau'-Sprecherin Eva Herman. Ihr Kanal hat inzwischen über 100.000 Abonnenten - und es werden gerade in diesen Tagen täglich mehr."

Auf Zeit online überlegt Lenz Jacobsen, was man den Verschwörungstheoretikern und der von ihnen ausgehenden "Polarisierungswelle" entgegenhalten kann: "Die öffentliche Aufgabe ist jetzt, die Proteste ernst zu nehmen, ohne sie zu groß zu machen. Einige Zehntausend Menschen an einem sonnigen Samstagnachmittag haben keinen Anspruch auf Diskurshoheit. Sie können die Polarisierung, von der sie profitieren, nicht selbst herstellen, dafür brauchen sie die Hilfe aller, die Aufmerksamkeit zu verteilen haben: Medien, Leser, Retweeter, Facebook-Liker, WhatsApper. Die aber können auch anders. Sie könnten beispielsweise all jenen mehr Raum einräumen, die zur Corona-Politik nicht laut 'Nein' sagen sondern leise 'Ja, aber'. Die bei den Umfragen angeben, die Regierungspolitik mitzutragen, aber im Detail doch anderer Meinung sind."

Dennis Pohl unterhält sich für spex.de mit Ariane Schröder, die sich kulturwissenschaftlich mit dem Phänomen der Epidemien befasst hat und unter anderem ein historisches Gefahrenmoment besonders unterstreicht: "Dass epidemische Ereignisse zeigen, dass wir bestimmte andere Leute als Gefahr begreifen und das Ich immer als gesunden, guten Richtwert. Dass eine Gesellschaft die Menschen, die sie als Minderheiten begreift, für ihre Erkrankung zur Verantwortung zieht, wirft ein Brennglas auf die allgemeine Verfassung dieser Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2020 - Gesellschaft

In Finnland hat das Sozialversicherungsinstitut Kela zwei Jahre lang mit 2000 Langzeitarbeitslosen ein Grundeinkommen getestet. Im Interview mit Zeit online erklärt Projektleiterin Marjukka Turunen, was das gebracht hat. Mehr bezahlte Arbeit leider nicht: "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiteten im Durchschnitt nur sechs Tage mehr im Jahr ... Aber allein mit Geld holt man die Leute nicht in die Arbeitswelt zurück. Und auch wenn die Effekte auf dem Arbeitsmarkt nicht signifikant waren: Lohnarbeit ist nicht der einzige Maßstab für Erfolg. Laut unserer Umfragen wurde doppelt so viel Freiwilligenarbeit geleistet und andere unbezahlte Arbeit wie die Betreuung von Angehörigen stieg um ein gutes Drittel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2020 - Gesellschaft

Willi Winkler mischt sich für eine schöne Reportage auf der Seite 3 der SZ unter die Weltverschwörer auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin: "Zur Freude vor allem der filmenden Begleitung trat vor dem Parlament Attila Hildmann auf, der zu einer Art Heiligem Krieg aufrief: 'Ihr werdet zum Großteil sterben", verkündete der mit seiner ausschließlich veganen Küche reich gewordene Koch, "wenn sich nicht 83 Millionen Menschen gegen dieses Unrecht', er zeigte auf den Sitz des Bundestags, 'erheben.' Reichsbürger waren da, weitere seltsame Gestalten, doch der Aufrührer Hildmann wurde sanft vom Platz geführt, er hatte es am vorgeschriebenen Abstand fehlen lassen. Der Volkszorn war damit nicht beruhigt, der von Hildmann schon gar nicht."

Es wird nicht ganz klar, vor wem die Politologin Regula Stämpfli sich mehr fürchtet: den Chinesen oder der eigenen Regierung. Letztere ist ihr jedenfalls mit den Coronamaßnahmen viel zu weit gegangen, schreibt sie in der NZZ: "Die Corona-Ausnahmeregime haben mithilfe wissenschaftlich bewiesener Tatsachen, sekundiert von einer Heerschar dienender Intellektuellen- und Medienliteraten alle Kritiker der getroffenen Maßnahmen als Menschenfeinde dargestellt und tun es noch. Dies mit dem Effekt, dass wir uns meinungsmäßig widerstandslos, quasi über Nacht, von allen Werten verabschiedet haben, die uns bis vor kurzem noch unantastbar erschienen." Was die Alternative zu den Maßnahmen gewesen wäre, sagt sie allerdings nicht.

Der Schutz des Lebens kann nur im einzelnen konkreten Fall über allem stehen, meint im Interview mit der FR der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel mit Blick auf die Coronamaßnahmen. Für die Gesellschaft insgesamt müsse die Politik aber eine Risikoabwägung treffen: "Kurz: wir werden mit kommenden Viruspandemien und vielleicht hohen Zahlen ihrer Opfer leben müssen, ohne sie mit Lockdowns blockieren zu können. Sie werden zu unserem Leben gehören wie die Grippeepidemien seit eh und je. Auf dieser kollektiven Ebene muss sich das Wechselspiel von erlaubten und unerlaubten Risiken zwischen Pandemie und Ökonomie einpendeln. Es geht bei den ökonomischen Kollateralschäden ja nicht um Profitinteressen von Geschäftemachern, sondern um den Lebensnerv dieser Gesellschaft."

Dass selbst Bischöfe an Verschwörungstheorien glauben - soll einen das wundern? In einem Schreiben mit dem Titel "Ein Aufruf für die Kirche und für die Welt - an Katholiken und alle Menschen guten Willens" haben mehrere Bischöfe die Corona-Maßnahmen scharf kritisiert, berichtet die Welt. Besonders die Einschränkungen der Gottesdienste stieß ihnen auf. "Weiterhin wird gewarnt, der Kampf gegen Covid-19 dürfe nicht 'als Vorwand zur Unterstützung unklarer Absichten supranationaler Einheiten dienen, die sehr starke politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen'." Die Bischofskonferenz und der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer sind "'fassungslos, was da im Namen von Kirche und Christentum verbreitet wird: Krude Verschwörungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampf-Rhetorik, die beängstigend klingt.' Jeder, der den Aufruf unterzeichnet habe, habe sich 'entblößt'."

Weiteres: In der NZZ denkt der Theologe Wolfgang Huber über den Zusammenhang zwischen der Würde des Menschen und dem Schutz seines Lebens nach. In der SZ

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2020 - Gesellschaft

Die NZZ beschäftigt heute die Eingriffe in die Grundrechte in Folge der Coronakrise. "Bedenklich" findet es Christina Neuhaus, "wie lange wir uns weigerten, nur schon laut über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen nachzudenken", zumal sie das gesellschaftliche Klima vergiftet hätten: "Die Frage, was eine Gesellschaft eigentlich zusammenhält, können weder Virologen noch Staatsrechtler beantworten. Wenn Polizisten Kinderspielplätze kontrollieren, junge Väter Großväter anpflaumen, weil sie sich aus dem Haus wagten, und Balkon-Sheriffs jedes Mal die Nummer 117 wählen, wenn die Nachbarn gegenüber Besuch bekommen: Bringt das nicht etwas ins Kippen, was vielleicht nie mehr geradegerückt werden kann?"

Die Ökonomin Margit Osterloh diagnostiziert gar die Ausbreitung eines "Autoritätsvirus". Der Grund: "Wir lassen uns von der Zahl der Corona-Toten schockieren, ohne uns zu informieren, wie diese in Relation zu anderen Todesursachen - etwa dem Rauchen - stehen. Verstärkt wird diese Reaktion durch die Zuarbeit mancher Medien. Zu Recht wurde kritisiert, dass das öffentlich finanzierte Fernsehen und Radio nur sehr zögerlich kritische Stellungnahmen zulässt und ein 'staatstragendes Sendungsbewusstsein' (René Zeyer in der NZZ) demonstriert."

Bei der Frage, ob wir durch die Corona-Maßnahmen auf eine Diktatur zuschlittern, wie ausgerechnet an den linken und rechten Rändern gern geunkt wird, empiehlt Doris Akrap in der taz einfach mal, den gesunden Menschenverstand (GMV) einzuschalten: "Fragen Sie Ihren GMV mal, was denn die Alternative gewesen wäre. Sicher, die überstürzt aufgestellten Ausnahmeregelungen waren so grobschlächtig, dass die Polizei erst mal mit Interpretationsarbeiten beschäftigt war, was den Eindruck verstärkte, hier wisse die eine Hand nicht, wem sie die andere waschen soll. Wäre aber etwas gewonnen gewesen, wenn die Regierung gesagt hätte: 'Wir wissen es im Moment leider auch nicht so ganz genau und brauchen noch 'ne Weile, sorry! Wir melden uns, sobald wir mehr sagen können. Bitte haben Sie Geduld und Verständnis dafür, dass in der Zwischenzeit erst mal ein paar Leute über den Jordan gehen werden, bevor wir rausgefunden haben, was zu tun ist.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2020 - Gesellschaft

Wer geht zu den "Hygienedemos"? In der taz nimmt Erik Peter die links- und rechtsextreme Szene aufs Korn, die mit der Einigkeit eines Hufeisens vor der Berliner Volksbühne gegen Maskenpflicht und Lockdown demonstriert: "Hinter den vermeintlichen Bürgerrechtsprotesten kommen seltsame Überzeugungen zum Vorschein: Dabei sind die Leugnung der Gefährlichkeit von Covid-19 und die Ablehnung der Maskenpflicht verbindende Elemente. Beliebt ist es inzwischen auch, Bill Gates für das Virus verantwortlich zu machen und Furcht vor Zwangsimpfungen zu schüren. Von den Berichten über die Hygienedemos auf Youtube-Kanälen ist es nur ein Klick bis zur nächsten großen Verschwörung."

Freitag-Autor Timo Feldhaus arbeitete in der Volksbühne, als Chris Dercon versuchte, einen Neuanfang für das Haus zu definieren. Und die wilden Proteste damals erinnern ihn doch sehr an die Aluhüte vor dem Theater heute: "Sie agierten im Modus einer Kulturschutztruppe, die am Tage wetterte und nachts Fäkalien an unsere Bürotüren schmierte. In den Zeitungen konnten man lesen, dass es in Deutschland nicht möglich wäre, dass alte Linke und neue Rechte gemeinsam auf die Straße gingen und was kaputtschlugen, wie in Frankreich. Aber auf den Schnellstraßen von Facebook und Twitter trafen sie sich nun genau an dem dunklen Waldstück, wo man scharf rechts zur Volksbühne abbog. Sie waren das Volk. Und das würde man ja wohl noch sagen dürfen."

Die Länder haben ihre ganz eigenen Vorstellungen über eine Zusammenarbeit mit der Ditib: Rheinland-Pfalz hat eine "Zielvereinbarung" zur Zusammenarbeit abgeschlossen, Hessen genau diese wieder beendet. Die Türken sprechen von den "naiven Deutschen", schreibt Necla Kelek in der NZZ und fordert die deutsche Politik auf, sich der "interventionistischen Islampolitik" der Türkei zur Wehr zu setzen.