9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2020 - Gesellschaft

Samuel Blumenfeld, Filmkritiker von Le Monde, gibt seiner Empörung über die berühmte Autorin Alice Walker ("Die Farbe Lila") Ausdruck, die auf Facebook den Verschwörungstheoretiker David Icke unterstützt, einen ehemaligen britischen Grünen, der jüngst seinen 800.000 Facebook-Anhängern erklärte, dass das "Coronavirus von der jüdischen Bankendynastie Rothschild" erfunden worden sei: "Alice Walker hat nie ein Geheimnis aus ihrem entschiedenen Antizionismus und ihrer aktiven Unterstützung für die Israelboykottbewegung BDS gemacht, eine Organisation, die zum wirtschaftlichen, universitären und kulturellen Boykott des Staates Israel aufruft. Sie ging so weit zu verlangen, dass 'Die Farbe Lila' auf keinen Fall ins Hebräische übersetzt werden dürfe. Als man sie des Antisemitismus beschuldigte, verteidigte sich Walker in einem 2017 veröffentlichten Post mit einem langen Gedicht unter dem Titel 'It Is Our (Frightful) Duty to Study the Talmud'. Hier werden die Juden für das Elend der Welt verantwortlich gemacht und als Mörder Christi bezeichnet."

Damit die kommende Corona-App funktioniert, braucht es Vertrauen, allein schon weil möglichst die Hälfte der Bevölkerung die App installieren sollte, damit sie funktioniert, schreibt der Medizinethiker Robert Ranisch in der taz. Und es gibt bisher "kaum belastbare Beweise für den Beitrag der digitalen Kontaktverfolgung im Kampf gegen Corona. Die Macher der App in Singapur gestehen dies ein: Wenn überhaupt, könne diese Form der Kontaktüberwachung nur gemeinsam mit anderen Maßnahmen greifen. Selbst in Ländern wie Island, wo mehr als ein Drittel der Bevölkerung freiwillig seine Kontakte und sogar Bewegungsdaten per Smartphone erfasst, wird mittlerweile am Nutzen von Contact-Tracing-Apps gezweifelt."

Weiteres: In der Berliner Zeitung denkt Harry Nutt über Formen der Individualisierung nach - von Reichsbürgern bis zu Veganern - die in eine immer heftigere Ablehnung des Staates umschlägt. Ähnliches beschreibt Iván Jaksic am Beispiel von Chile. Bettina Röhl protestiert in der NZZ gegen Renate Künast, die bedauert habe, dass Antifa- und NGO-Gruppen finanziell so unsicher dastehen: Nach Röhl ist die Antifa wie die RAF, nur "ohne prominente Gesichter".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2020 - Gesellschaft

Trotz Ausgangssperre haben sich die Proteste gegen Polizeigewalt in etlichen Städten den USA noch ausgeweitet. Auch die Entlassung der beteiligten Polizisten und eine Anklage wegen Totschlags beruhigt die Menschen nicht. Donald Trumps aufstachelnder Tweet "When the looting starts, the shooting starts" wurde von Twitter inzwischen als Aufruf zur Gewalt markiert und entfernt, weiß unter anderem der Guardian. CNN berichtet unter anderem, dass in Detroit ein Mann erschossen wurde.

Im New Yorker beobachtet Benjamin Wallace-Wells, dass gerade demokratische Bürgermeister in solchen Momenten besonders machtlos erscheinen: "Der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, sprach es diese Woche aus: 'Warum ist der Mann, der George Floyd tötete, nicht im Gefängnis?' Eine ganze Generation von demokratischen Bürgermeistern erlebte, wie ihre Reputation von der Unfähigkeit geprägt wurde, die Folgen tödlicher Polizeigewalt in den Griff zu bekommen. Rawlings-Blake in Baltimore, Rahm Emanuel in Chicago, Bill de Blasio in New York, Pete Buttigieg in South Bend. (Politische Kommentatoren wundern sich oft, warum die Reihen der demokratischen Präsidentschaftsbewerber so dünn besetzt sind; wenn man sich diese Liste ansieht, scheint mir das nicht mehr so unerklärlich.) Eine Reaktion in den progressivsten Städten war es, reformorientierte Kräfte an die Spitzen zu wählen, vor allem auch Staatsanwälte. Das hat jedoch so viel Widerstand bei den Ermittlungsbehörden geweckt, dass in vielen Fällen Reformen abgeschwächt wurden, nach schweren Schlachten zwischen progressiven Stadtvertretern und hochrangigen Polizeioffizieren, deren Verhalten sie eigentlich verändern wollten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2020 - Gesellschaft

In Minneapolis wurde ein schwarzer Mann, George Floyd, bei einer Festnahme von Polizisten regelrecht ermordet. Ein minutenlanges Video zeigt, wie ein Polizist den Festgenommenen arretierte, indem er sich auf dessen Hals kniete und sein Opfer quasi erwürgte. Die Kollegen des Polizisten guckten zu. Auch in Deutschland gibt es Rassismus bei der Polizei, aber Christian Jakob mahnt in der taz, nicht gleichzusetzen: "Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, die historische Genese des gesellschaftlichen Rassismus, die Stellung von AfroamerikanerInnen in den USA und der im Vergleich zu diesen viel heterogeneren nichtweißen Bevölkerung hier. Das festzustellen ist keine Hierarchisierung - böse USA, nicht ganz so böses Deutschland -, sondern Voraussetzung, um gegen rassistische Polizeigewalt in ihrer jeweils konkreten Gestalt vorgehen zu können."

Der Rassismus in den USA ist "allgegenwärtig", institutionalisiert und wird die Präsidentschaftswahl maßgeblich beeinflussen, schreibt Klaus Brinkbäumer auf Zeit Online: "Die konservative Hälfte des Landes, die republikanische, besteht aus jenem weißen Amerika, das schrumpft. Und dieses Schrumpfen führt zu Ängsten, zur Selbstverteidigung, auch zur Rechtfertigung von Dingen, die gestern noch als moralisch verwerflich gegolten hätten." Der Tagesspiegel informiert über die aktuellen Ausschreitungen und Proteste in den USA.

Michael Angele versucht im Freitag, sich einen Reim auf die Verschwörungstheorien um Bill Gates zu machen: "Bill Gates ist ja vor allem eines: unermesslich reich und damit ein Symbol für diese skandalöse Ungleichheit. Die Verschwörungstheorien, die sich um ihn ranken, könnte man einfach als den phantasmagorischen Versuch verstehen, diesen Reichtum in eine sinnstiftende 'Erzählung' zu fassen."

Joachim Müller-Jung greift in der FAZ nochmal den Streit um Christian Drosten auf. Die Bild-Zeitung hatte den Virologen attackiert, weil seine Studie über die Ansteckungsgefahr durch Kinder von Statistikern kritisiert worden war - ein völlig normaler Vorgang in einem wissenschaftlichen Erkenntnisprozss, so Müller-Jung: "Das apodiktische Urteil 'falsche' Corona-Studie ergo falsche Corona-Politik ist auch schon deshalb unsäglich, weil brauchbare Erkenntnisse so gut wie nie das Ergebnis einer einzelnen Arbeit, geschweige denn eines einzelnen Virologen sind. Einen weltbekannten Forscher im Land dennoch zur Zielscheibe zu machen ist darüber hinaus auch menschlich unerträglich." Und dann kommt ein seltsamer Satz: "Den Psychoterror im Netz wünscht man keinem." Hatten wir eben nicht von der Bild-Zeitung geredet?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2020 - Gesellschaft

Im Wirtschaftsteil der Zeit streitet das amerikanische Soziologen-Ehepaar Saskia Sassen und Richard Sennett über die Folgen der Coronakrise. Sennett fürchtet, dass "Hunderttausende kleiner Geschäfte pleite sein (werden), die Einzigen, die diese Zeit überstehen können, sind die großen Konzerne. Und danach, um es etwas zu übertreiben, könnte es keine italienische Trattoria nicht mehr geben, sondern nur noch McDonald's." Sassen sieht's romantischer: "Aber kleine Unternehmen brauchen auch nicht viel, Richard. Wenn einige große Unternehmen und Handelsketten pleitegehen, könnte durchaus eine sehr viel lebendigere Stadtkultur entstehen, mit vielen winzigen Geschäften in den Vierteln. In diesem Sinne würden wir in eine ältere Epoche zurückkehren."

Wir erleben derzeit ein "großes soziologisches Experiment" sagt der Sozialphilosoph Oskar Negt im FR-Gespräch mit Daniel Behrendt mit Blick auf das "Stillhalten" in der Gesellschaft: "Aus dieser Perspektive scheinen mir 'Hygiene-Demos' und der Unmut einer Minderheit weit weniger interessant als der leise, vielleicht auch fragile Bewusstseinswandel, der sich gerade in der breiten Gesellschaft vollzieht. Die Menschen entdecken, wie sehr Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt von ihrem eigenen Handeln abhängen, wie viel in ihrer eigenen Verantwortung, aber auch ihrer eigenen Handlungsmacht liegt. In diesem allmählich aufkeimenden Bewusstsein liegt die große Chance, 'demokratische Antikörper' gegen antidemokratische Tendenzen und Denkweisen zu entwickeln, wie der Frankfurter Politikwissenschaftler Reiner Forst kürzlich zutreffend feststellte."

Selbst in gutwilligen Auseinandersetzungen mit dem Thema Vergewaltigung - so etwa in einem Video das die Autorin Gilda Sahebi in einer Show der Entertainer Joko und Klaas gesehen hat - werden vergewaltigte Frauen als Opfer dargestellt, die auch nach der Attacke starr vor Angst sind. Sahebi, die selbst vergewaltigt wurde, erklärt in der taz, warum sie sich diesem Bild vom Opfer nicht mehr fügen will: "Für mich aber war das Gefühl, Opfer zu sein, ein Gefängnis, in das ich mich selbst geschlossen hatte. Niemand hatte mich dazu gezwungen. Was mir passiert ist, habe ich mir nicht ausgesucht. Aber ich hatte geglaubt, der Weg nach dem Missbrauch sei vorgezeichnet. Schließlich war es das, was ich überall sah, zu sehen bekam: Frauen, die sexuellen Missbrauch, Übergriff, Hass erleben, sind gezeichnet. Dieser eine Moment, diese furchtbare Zeit in ihrem Leben, diese traumatisierenden Erfahrungen, prägen den Rest ihres Lebens, binden sie an den Täter, an die Männer. Das ist nicht wahr. Ich hörte auf, der Erzählung zu glauben."

Politisch motivierte Straftaten haben 2019 deutlich zugenommen, meldet Andrea Nüsse im Tagesspiegel: "Rechtsextrem motivierte Taten dominieren, aber linksextrem motivierte Straftaten haben besonders stark zugenommen, gestiegen sind insbesondere antisemitische Straftaten und in geringerem Maße anti-muslimische."

Weiteres: Die Coronakrise lässt die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern wie "unter einem Brennglas" hervortreten, schreiben die Soziologen Jutta Allmendinger und Jan Wenzel in der NZZ. Ebenfalls in der NZZ sinniert Thomas Ribi über Mitgefühl in Zeiten von Corona.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Gesellschaft

Außer dass sie seltener an Covid-19 sterben sind Frauen in der Coronakrise wesentlich schlechter gestellt, sagt Caroline Criado-Perez, Autorin des Buchs "Unsichtbare Frauen" in der taz: "Viele Pflegerinnen haben mir erzählt, dass ihnen die Schutzausrüstung im Krankenhaus nicht passt, denn auch diese wurde nach der männlichen Norm designt. Persönliche Masken gab es nicht, und die standardisierte passte vielen nicht, und das, obwohl ein Großteil der Pflegerinnen weiblich ist. Es sind also Frauen, die sich um uns kümmern sollen, aber wir kümmern uns gar nicht um ihre Sicherheit." Criado-Perez konstatiert einen "Gender Data Gap", aber auch so etwas wie einen "Race Data Gap", und fordert die Erhebung "intersektionalen Daten".

Ja, Grundrechte wurden eingeschränkt, schreibt die ehemalige Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff in der FAZ: "Das alles spielte und spielt sich aber, jedenfalls dem Anspruch nach, in dem ganz normalen Rahmen ab, den die Verfassung für verordnungsrechtliche Regelungen und für Grundrechtseinschränkungen auf gesetzlicher Grundlage vorsieht. Kein einziges Grundrecht ist außer Kraft gesetzt in dem Sinne, dass man sich nicht mehr wirksam darauf berufen könnte." Lübbe-Wolff verweist auf die gerade erschienene Habilitationsschrift Anna-Bettina Kaisers zum Thema "Ausnahmeverfassungsrecht".

Georg Diez zieht in seiner taz-Kolumne radikale Konsequenzen aus der Coronakrise. Die Einleltung zu seinem Artikel macht es schon klar: "Dass es nach Corona nicht weitergehen kann wie bisher, liegt auf der Hand. Es ist nur noch nicht klar, was danach kommt. Die Antwort muss komplex sein." In anderen Worten: Wir wissen nicht, wie's weitergeht, wir haben wirklich keine Ahnung. Und wir wissen nicht, was wir machen sollen. Im Text wird's etwas konkreter: "Es wäre die Chance, ausgehend von Corona grundsätzliche Gegebenheiten unseres Lebens, unseres Wirtschaftens, unserer Politik neu zu bedenken: weniger Egoismus, mehr für andere da sein, weniger kaufen, mehr teilen, weniger Gewinn, mehr Sinn, weniger Regieren als Reagieren und mehr Ambition und Aktion im Gestalten der Zukunft, eine andere Funktion des Staats."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2020 - Gesellschaft

Isolde Charim möchte in ihrer taz-Kolumne die Zwiespältigkeit der Person Bill Gates jenseits aller Verschwörungstheorien in Augenschein nehmen. Was er betreibe, sei "Philanthrokapitalismus", Wohltätigkeit nach kapitalistischen Prinzipien: "Diese Wohltätigkeit ist eine Steuerflucht eigener Art: Wer spendet, zahlt weniger Steuern - und entzieht so dem Staat Geld für dessen Aufgaben. Damit geht aber die Entscheidungsgewalt über vom Repräsentanten der Öffentlichkeit hin zum privaten Spender. Dieser bestimmt dann über gesellschaftliche Prioritäten. Eine Entscheidung ohne Debatte und ohne Rechenschaftspflicht. Das wird gerade in der gegenwärtigen Suche nach dem neuen Gral einer Corona-Impfung schlagend. Mit unfassbaren Geldmengen soll da die Überlegenheit der Privatwirtschaft über öffentliche Institutionen untermauert werden."

Kirchen und Religionsgemeinschaften hatten sich besonders laut gegen Corona-Beschränkungen gewehrt, die Politik gab nach - mit dem Erfolg, dass sich jetzt bei einem Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt hundert Menschen ansteckten. Daniela Wakonigg kommentiert bei hpd.de: "Stattgefunden hatte der fragliche Gottesdienst bereits am 10. Mai. Vollkommen legal, da zu diesem Zeitpunkt in Hessen Gottesdienste wieder erlaubt waren. Lediglich Abstandsgebot und Hygieneregeln sind einzuhalten. Auch die Registrierung der Besucher eines Gottesdienstes mit Name und Adresse ist - anders als in der Gastronomie - in Hessen keine Pflicht. Ein Umstand, der den Gesundheitsbehörden das Verfolgen der Infektionskette und das Ermitteln von Kontaktpersonen nun erschwert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2020 - Gesellschaft

In Amerika sind innerhalb von drei Monaten annähernd 100.000 Menschen am Coronavirus gestorben. Am Samstag brachte die die New York Times eine Titelseite, in der die Geschichten von tausend der Verstorbenen herausgegriffen wurden (mehr hier). Auch online hat die Zeitung eine bildliche Darstellung gefunden, um die Toten zu individualisieren. In einer unendlich lang herunterzuscrollenden Seite werden einzelne Biografien herausgegriffen:

Ausriss aus nytimes.com


Im Interview mit Zeit online kritisiert der Sozialpsychologe Harald Welzer die starke Fokussierung der Medien auf die Handvoll Demonstranten, die gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße ging. Der eigentliche Trend war doch ein ganz anderer, so Welzer: "Gesellschaft und Regierung sind seit Anfang März partnerschaftlich vorgegangen, ein Vorgang wechselseitigen Lernens, den man sich nur in aufgeklärten Gesellschaften vorstellen kann: Fantastisch! Diese einsichtsfähige und verzichtsbereite Haltung der weit überwiegenden Mehrheitsbevölkerung ist viel zu wenig gewürdigt worden. Darin sehe ich einen unguten Paternalismus. Dabei hätte die proaktive Haltung der Bürgerinnen und Bürger wirklich alle Aufmerksamkeit verdient, als eine beachtliche Ressource der Demokratie."

Dass so viele Menschen an Verschwörungstheorien glauben, hat auch damit zu tun, dass sie nicht verstehen, wie Wissenschaft funktioniert, meint der Autor und Internetaktivist Cory Doctorow im Interview mit Zeit online: "Ich finde, wer an Verschwörungen glaubt, ist nicht per se verloren. Viele sind bloß im letzten Moment der Wahrheitssuche falsch abgebogen. Und leider können sie sich heutzutage nicht immer auf die Institutionen verlassen, die ihnen dabei helfen sollen, zwischen guter und schlechter Recherche zu unterscheiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2020 - Gesellschaft

Im Kampf gegen "Fake News" versuchen manche inzwischen "Falschinformationen" zu verbieten. Bettina Gaus warnt in der taz: Meinungsfreiheit ist kein Wahrheitsschutz. "Wenn jemand erklärt, es gebe das Coronavirus nicht, dann halte ich das für eine eindeutige Falschinformation. Aber es ist nicht verboten, derlei zu sagen. Es ist nicht verboten, Quatsch zu verbreiten. Man darf behaupten, der Mond sei aus Käse. Ich finde es deprimierend, dass daran inzwischen erinnert werden muss."

Der Philosoph Julia Nida-Rümelin plädiert im Gespräch mit Johan Schloemann im SZ-Feuilleton für ein Ende aller Beschränkungen in der Coronakrise: "Wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaft, letztlich ist es eine Entscheidung jeder einzelnen Person, wie viel Risiko sie für sich übernehmen will. Wenn Neunzigjährige ihre Enkel sehen wollen in den letzten Lebensmonaten oder -jahren, dann dürfen wir ihnen das nicht verbieten. Zwangsmaßnahmen mögen temporär notwendig sein, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten - aber danach muss man so schnell wie möglich wieder auf Freiwilligkeit umstellen." Ansteckungsgefahr will er durch den Schutz besonders verletzlicher Gruppen erreichen, also "zum Beispiel verhindern, dass die Menschen, die in Pflegeheimen leben, sich durchs Personal infizieren. Oder verhindern, dass eine Infektionswelle eine Krebsstation erfasst."

Mit Verspätung weisen wir auf Ronya Othmanns und Cemile Sahins taz-Kolumne hin, eine kleine Satire über die AntirassistInnen Annika und Daniel: "Annika und Daniel haben viele PoC Friends und finden deren Storys aus der Heimat megaspannend. Es geht sogar so weit, dass Annika auch mal einen syrischen Freund hatte, und den fand Annika megaschön und megaheißblütig. Aber vor ihren PoC Friends würde sie das niemals sagen, denn das wäre ja wieder rassistisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2020 - Gesellschaft

Kristen Ghodsee, Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania, schreibt in der taz über die Geschlechterungerechtigkeit in der Coronakrise. Außer dass Männer knapp doppelt so oft am Virus sterben (was sie aber nicht erwähnt), sind Frauen von der Krise stärker betroffen, weil sie es oft sind, die kostenlose Pflege- und Versorgungsarbeiten übernehmen müssen. Hinzukommt das nicht existierende amerikanische Gesundheitssystem: "Corona-Tests sind kostenlos, die Behandlung hingegen ist es nicht. Erste Schätzungen beziffern die Kosten für die Behandlung einer an Covid-19 erkrankten Person ohne Versicherungsschutz bei einem sechstätigen Krankenhausaufenthalt mit bis zu 73.000 US-Dollar. Aus Angst vor einer derart horrenden Rechnung werden viele zu Hause bleiben, wo sie für ihre Pflege einmal mehr auf den weiteren Familienkreis, und das heißt meistens: die Frauen in der Familie, angewiesen sind."

Jede politische Bewegung in Deutschland braucht einen Juden, der Sätze sagen kann, die mit "Gerade wir als Juden..." beginnen, konstatiert Michael Wuliger in seiner Kolumne für die Jüdische Allgemeine. Bei den Corona-Aluhüten fehlt so einer noch. Juden, die sich hier gern profilieren wollen, rät Wuliger: "Beim Deutschlandfunk und bei der Süddeutschen Zeitung sollten Sie noch einen 'israelkritischen' Schlenker einbauen: 'Ausgangssperren und Freiheitsbeschränkungen - die Israelis erleben unter Netanjahu jetzt, was die Palästinenser schon seit Jahrzehnten erdulden müssen.' Man wird Sie lieben!"

Wir müssen aufhören, Fleisch zu essen, schreibt Jonathan Safran Foer in einem sehr viel retweeteten New-York-Times-Artikel: "Wir können uns nicht vor Pandemien schützen, wenn wir weiterhin regelmäßig Fleisch essen. Den 'Wet Marktes' wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt, aber Tierfarmen, insbesondere Geflügelfarmen, sind ein wichtigerer Nährboden für Pandemien. Darüber hinaus berichtet das (amerikanische Gesundheitsamt) C.D.C., dass drei von vier neuen oder neu auftretenden Infektionskrankheiten zoonotisch sind - das Ergebnis unserer zerbrochenen Beziehung zu Tieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2020 - Gesellschaft

Die taz macht eine zwölfseitige "Entschwörungs-taz", womit sie laut Editorial auch auf Kritik von Lesern reagiert, die die Berichterstattung der taz allzu regierungsfromm finden. Die Auslandskorrespondenten berichten über die Verschwörungstheorien der Autokraten. Zum Beispiel Russland: "Angesichts der hohen Infiziertenzahlen halten sich russische Politiker mit Virus-Äußerungen derzeit eher zurück. Für Unruhe sorgte kürzlich jedoch die Sendung 'besogon TV' (Dämonenvertreibung), die Filmregisseur Nikita Michalkow für Russlands wichtigsten Nachrichtensender Rossija24 dreht. Er zählt zu den Getreuen des Kremlchefs Wladimir Putin. Der Regisseur berichtete über den US-Milliardär Bill Gates, der beabsichtige, alle Erdenbewohner impfen zu lassen. Nur aus diesem Grund sei das Virus auch erfunden worden..."

Jan Philipp Reemtsma macht im Gespräch mit Katharina Schipkowski eine verbreitete narzisstische Störung für die Popularität der Verschwörungstheorien verantwortlich: "Die allgemeine Unsicherheit trifft auf einen Typ von Menschen, die sowieso leicht aus dem Tritt geraten. Konstitutionell Labile kompensieren, indem sie narzisstisch übersteuern, sie regredieren. Was bei Vierjährigen ganz bezaubernd ist, nämlich sich die Welt mit Unsicherheit und Narzissmus zu erschließen, ist bei Erwachsenen grässlich und gefährlich. Trump funktioniert so." Und die Demokratieforscherin Hedwig Richter spricht im Interview mit Jan Feddersen über Verschwörungstheorien und Biopolitik.

In einem Brief aus Indien für die SZ ist V. Ramaswamy ziemlich am Ende nach all den schlechten Nachrichten, aber vor allem angesichts der krassen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die die Coronakrise in Indien offengelegt hat: "Alles ist zum Vorschein gekommen: Indiens Apartheid auf der Grundlage von Kaste und Klasse; die unmenschlichen Lebensbedingungen der informellen Arbeiter in den Städten; die erschütternde wirtschaftliche Ungleichheit ... Kann Indien nach dem Ende der Pandemie so weitermachen wie bisher? Was wird aus all diesem Gift werden?"