Im Wirtschaftsteil der
Zeit streitet das amerikanische Soziologen-Ehepaar
Saskia Sassen und
Richard Sennett über die Folgen der Coronakrise. Sennett fürchtet, dass "Hunderttausende
kleiner Geschäfte pleite sein (werden), die Einzigen, die diese Zeit überstehen können, sind die
großen Konzerne. Und danach, um es etwas zu übertreiben, könnte es keine italienische Trattoria nicht mehr geben, sondern nur noch McDonald's." Sassen sieht's romantischer: "Aber kleine Unternehmen
brauchen auch nicht viel, Richard. Wenn einige große Unternehmen und Handelsketten pleitegehen, könnte durchaus eine sehr
viel lebendigere Stadtkultur entstehen, mit vielen winzigen Geschäften in den Vierteln. In diesem Sinne würden wir in eine ältere Epoche zurückkehren."
Wir erleben derzeit ein "großes
soziologisches Experiment"
sagt der Sozialphilosoph
Oskar Negt im
FR-Gespräch mit Daniel Behrendt mit Blick auf das "Stillhalten" in der Gesellschaft: "Aus dieser Perspektive scheinen mir 'Hygiene-Demos' und der
Unmut einer Minderheit weit weniger interessant als der leise, vielleicht auch
fragile Bewusstseinswandel, der sich gerade in der breiten Gesellschaft vollzieht. Die Menschen entdecken, wie sehr
Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt von ihrem eigenen Handeln abhängen, wie viel in ihrer eigenen Verantwortung, aber auch ihrer eigenen Handlungsmacht liegt. In diesem allmählich aufkeimenden Bewusstsein liegt die große Chance, '
demokratische Antikörper' gegen antidemokratische Tendenzen und Denkweisen zu entwickeln, wie der Frankfurter Politikwissenschaftler Reiner Forst kürzlich zutreffend feststellte."
Selbst in gutwilligen Auseinandersetzungen mit dem
Thema Vergewaltigung - so etwa in einem
Video das die Autorin Gilda Sahebi in einer Show der Entertainer Joko und Klaas gesehen hat - werden vergewaltigte Frauen als Opfer dargestellt, die auch
nach der Attacke starr vor Angst sind. Sahebi, die selbst vergewaltigt wurde,
erklärt in der
taz, warum sie sich diesem Bild vom Opfer nicht mehr fügen will: "Für mich aber war das Gefühl, Opfer zu sein,
ein Gefängnis, in das ich mich selbst geschlossen hatte. Niemand hatte mich dazu gezwungen. Was mir passiert ist, habe ich mir nicht ausgesucht. Aber ich hatte geglaubt, der Weg nach dem Missbrauch sei vorgezeichnet. Schließlich war es das, was ich überall sah, zu sehen bekam: Frauen, die sexuellen Missbrauch, Übergriff, Hass erleben,
sind gezeichnet. Dieser eine Moment, diese furchtbare Zeit in ihrem Leben, diese traumatisierenden Erfahrungen, prägen den Rest ihres Lebens, binden sie an den Täter, an die Männer. Das ist nicht wahr. Ich hörte auf, der Erzählung zu glauben."
Politisch motivierte Straftaten haben 2019 deutlich
zugenommen,
meldet Andrea Nüsse im
Tagesspiegel: "Rechtsextrem motivierte Taten dominieren, aber linksextrem motivierte Straftaten haben besonders stark zugenommen, gestiegen sind insbesondere antisemitische Straftaten und in geringerem Maße anti-muslimische."
Weiteres: Die Coronakrise lässt die
Ungleichheit zwischen Frauen und Männern wie "unter einem Brennglas" hervortreten,
schreiben die Soziologen
Jutta Allmendinger und
Jan Wenzel in der
NZZ. Ebenfalls in der
NZZ sinniert Thomas Ribi über Mitgefühl in Zeiten von Corona.