Der Philosoph
Omri Boehm veröffentlicht in der
Zeit ein fulminantes Plädoyer
für Immanuel Kant: "Kant bestand darauf, dass
Menschheit nur ein moralischer Begriff sein kann, und behandelte ihn als eine Idee, die nur auf einer Eigenschaft beruht: der
Freiheit." Die Lust, das Denkmal Kants zu stürzen - unter Rückgriff auf einige tatsächlich geäußerte rassistische Sätze - ist für Boehm ein Beweis, dass die vielfach bestrittene "
Cancel Culture" tatsächlich existiert: "In unserer gegenwärtigen Diskursatmosphäre besteht der Zweck solcher entlarvenden Zitate freilich nicht mehr in dem Vorwurf, Kant sei seinen eigenen Idealen nicht gerecht geworden. Es geht vielmehr darum, seine Defizite zu nutzen, um
die Ideale selbst zu delegitimieren. Der Vorwurf lautet also nicht, dass der Mensch Kant ein Rassist war, sondern dass
sein Universalismus in Wirklichkeit eine rassistische Ideologie für privilegierte weiße Männer ist." Als tonangebenden Autor in dieser antikantianischen Strömung nennt Boehm übrigens den in Deutschland noch nicht wahrgenommenen, in New York
lehrenden karibischen Philosophen
Charles Mills (mehr
hier).
Welt-Autor Thomas Schmid hatte neulich in einem
Blogbeitrag, angeregt von einer Äußerung
Peter Sloterdijks, ein Gedankenexeriment vorgeschlagen. Wie wäre es, islamistische Terrorattentate "zu
beschweigen", den Tätern nicht den Gefallen einer reflexhaften und sensationslüsternen Reaktion zu tun: "
Vierzig Tage Schweigen dagegen vielleicht helfen, die Dinge zu sortieren. Es wäre dann klar, dass der Terrorismus mit islamistischer Begründung vorerst bleiben wird. Es würde ebenso klar, dass noch die monströseste Tat die liberalen Demokratien nicht aus dem Tritt bringen und die Bürgerinnen und Bürger daran hindern kann, genau so weiterzuleben, wie das bisher taten." Über diesen Vorschlag ist auf
Facebook viel diskutiert worden.
Perlentaucher Thierry Chervel wandte ein: "Über die Taten zu schweigen, hieße auch,
über die Opfer zu schweigen. Das wäre ein doppeltes Attentat, man überließe sie einfach dem Vergessen."
Auf diesen und andere Einwände
antwortet Schmid in einem neuen Blogbeitrag: "Mich jedenfalls stoßen die
medialen Terrorfestspiele ab, die verlässlich nach jedem Anschlag einsetzen und die Gesellschaft in einen seltsamen, keineswegs nachhaltigen Erregungszustand versetzen. Ich habe den Eindruck, wir spielen da das Spiel der Terroristen mit. Nicht zuletzt machen wir sie zu Größen, zu Stars."
Richard Herzinger
erklärt in seinem Blog, was er als "
Mabuse-Prinzip" heutiger Autokratien begreift. Wie in Fritz Langs "Dr. Mabuse" handelt es sich um ein
System des Verbrechens, das über ihre Urheber hinausreicht und sogar auf jene übergreift, die eigentlich da wären, es zu bekämpfen, also die staatlichen Institutionen wie in der Symbiose von
Mafia und Staat unter Putin. Von Ideologie sind diese Autokraten weitgehend frei: "Bei der Herausbildung kleptokratischer Autokratien spielt es längst kaum mehr eine Rolle, ob sie sich dabei ein 'linkes', 'rechtes' oder anders gefärbtes ideologisches Mäntelchen umhängen. Ob in Maduros Venezuela, in Ortegas Nicaragua, in Lukaschenkos Belarus, in Dutertes Philippinen oder in Kim Jong-uns Nordkorea - der Zweck der Bemächtigung staatlicher Gewalt durch autokratische Anführer ist die Ausplünderung der Ressourcen ihrer Länder zu ihrer
persönlichen Bereicherung, an der sie die ihnen ergebenen Günstlinge im Staats-, Justiz-, und Repressionsapparat teilhaben lassen."
Außerdem: In der
FAZ schreibt der Althistoriker
Stefan Rebenich über den "
inversen Rassismus", der sich in den USA in der Society for Classical Studies (SCS) ausgebreitet habe, wo der Altphilologe
Dan-el Padilla Peralta den Ausschluss weißer Autoren aus wissenschaftlichen Zeitschriften fordere.