Schwerpunkt: "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" Beraten unter anderem von Aleida Assmann, Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt und und dem
Dlf-Journalisten Stephan Detjen wendet sich eine ganze Menge hochmögender Kulturfunktionäre unter dem Titel
"Plädoyer der 'Initiative GG 5.3 Weltoffenheit'" gegen den BDS-
Beschluss des Bundestags. In dem Text (hier als pdf-
Dokument), der sich beim näheren Lesen etwas schwurbelig anfühlt, stellen sie zwar nicht direkt die Forderung, dass dieser Beschluss zurückgenommen wird, aber sie sehen Artikel 5. Absatz 3 des Grundgesetzes, der die
Kunstfreiheit garantiert, gefährdet. Unter explizitem Bezug auf die Debatte um
Achille Mbembe, der den Ausschluss israelischer Wissenschaftler aus Debatten betrieb, fordern sie, dass
postkoloniale Positionen in den deutschen Gedenkdiskurs aufgenommen werden: "Weltoffenheit, wie wir sie verstehen, setzt eine politische
Ästhetik der Differenz voraus... Dazu gehört es auch, einer Vielstimmigkeit Freiräume zu garantieren, die die
eigene privilegierte Position als implizite Norm kritisch zur Disposition stellt." Mbembe gehört demnach zu den "marginalisierten und ausgeblendeten Stimmen", die in die Debatte aufzunehmen seien. Auch die "
Vielfalt jüdischer Positionen" etwa gegen Israel sei widerzuspiegeln. Man wendet sich zwar gegen Antisemitismus und Israelboykott, aber auch gegen die "Logik des Boykotts, die die
BDS-Resolution des Bundestages ausgelöst hat... Unter Berufung auf diese Resolution werden durch
missbräuchliche Verwendungen des Antisemitismusvorwurfs wichtige Stimmen beiseitegedrängt und kritische Positionen verzerrt dargestellt." Die FunktionärInnen unterzeichnen
für ihre Institutionen. Dazu gehören Institutionen aus dem Umfeld des Auswärtigen Amts - etwa das
Goethe-Institut und das Haus der Kulturen der Welt - , aber auch die Berliner Festspiele, einige Theater, die Kulturstiftung des Bundes und andere Kulturinstitutionen wie das Moses Mendelssohn Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien und das unvermeidliche Zentrum für Antisemitismusforschung.
Wohlwollend
berichtet Jörg Häntzschel in der
SZ über die Initiative. "Ihr wichtigstes Anliegen ist eine Revision des BDS-Beschlusses des Bundestags vom Mai 2019." Die offenbar stets auf
Weisungen von oben wartenden Institution stünden zudem "vor einem
praktischen Problem. Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt-Forums, nennt es nüchtern 'Planungsunsicherheit'. Wer
darf eingeladen werden, wer nicht? Und sollen die Häuser bei jedem recherchieren, was er irgendwann unterschrieben hat?, fragt sich Amelie Deuflhard von Kampnagel. 'Wir sind nicht die Polizei.'" Am Ende zitiert Häntzschel
Susan Neiman vom Einstein-Forum, die behauptet, dass heute nicht mal mehr
Hannah Arendt zu einem Vortrag eingeladen werden dürfte.
Stefan Reinecke
begrüßt das "Plädoyer" in der
taz: "Der amtliche
Bannfluch gegen BDS per Bundestagsbeschluss hat fatale Wirkungen. Es kommt zwar kein BDS-Sympathisant vor Gericht. Aber jede Art von BDS-Befassung in öffentlich geförderten Räumen und Universitäten zu verbieten ist ein massiver
Eingriff in die Meinungsfreiheit. Da aber hat der Staat nur im Notfall etwas zu suchen."
Laut
Jüdischer Allgemeiner leidet auch die
Bundeszentrale für politische Bildung unter dem BDS-Beschluss des Bundestags.
Thomas Krüger, der Chef der Behörde wird
dort so zitiert: "In unserer Institution gibt es eine Reihe von Mitarbeitern, die
Förderanträge zu begutachten haben und die natürlich in der Reaktion auf diesen Beschluss dazu neigen,
vorauseilend Gesinnungsprüfungen stattfinden zu lassen. Das ist kontraproduktiv für politische Bildung, so wie ich Sie Ihnen hier skizziert habe."
Der Kolumnist Dr. Deutsch
wendet bei den
Salonkolumnisten ein, "dass es im Beschluss des Bundestags eben nicht darum geht, Menschen, die eine völlig verquere Haltung zum Nahostkonflikt vertreten, in Deutschland nicht reden oder publizieren zum lassen. Es geht einzig und allein darum, dass diese Auftritte nicht auch noch
von staatlichen Institutionen finanziell gefördert werden sollen. Der Bundestag hat in seinem Beschluss selbst die engen Grenzen dieser Einschränkung eindeutig gezogen. Sie betreffen '
Organisationen, die sich antisemitisch äußern oder das Existenzrecht Israels in Frage stellen'. Später werden den 'Organisationen' noch 'Projekte' hinzugefügt, an keiner Stelle jedoch 'Personen'. Das ist eine wichtige und sicher bewusste Formulierung.
Umstrittene einzelne Menschen sind dezidiert nicht erwähnt." Knapp
konstatiert Stefan Laurin bei den
Ruhrbaronen: "Sie wollen mit Antisemiten in staatlich finanzierten Räumen diskutieren und dafür mit Steuergeldern bezahlt werden."
Unwirsch kritisiert Andreas Kilb in der
FAZ dies Papier: "Wer öffentlich beklagt, er dürfe zu seinem Festival oder Forum, seiner Tagung oder Inszenierung nicht mehr einladen, wen er wolle, soll
Namen,
Themen und
Zensurverantwortliche nennen, statt
Erklärungen zu unterzeichnen, in denen '
Anderssein' als 'demokratische Qualität' gepriesen und das Publikum salbungsvoll aufgefordert wird, 'die eigene privilegierte Position als implizite Norm kritisch zur Disposition' zu stellen."
Implizit ging es die ganze Zeit um die
Mbembe-
Debatte (Unsere
Resümees), meint Jan Küveler in der
Welt und fragt sich denn auch - mit Blick auf Mbembe -
welche Meinungsvielfalt bedroht sei: "Die Bücher des Kolonialismustheoretikers erscheinen unter anderem bei Suhrkamp. Seine Thesen wurden und werden bei Bedarf weiterhin lang und
breit diskutiert. In der akuten Diskussion über Mbembes vermeintlichen oder tatsächlichen Antisemitismus kamen in den
großen Zeitungen Verteidiger wie Ankläger zu Wort. Allein seine Einladung zur Eröffnung der Ruhrtriennale wurde nach begründeter, das heißt nachvollziehbarer Intervention des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, zurückgenommen. Die Debatte wurde also
keinesfalls unterbunden."
In der
SZ kann auch Ronen Steinke den Klagen, man könne hierzulande
Israel nicht kritisieren, nicht folgen: "Ja: Wer auf größerer Bühne Kritik an Israels Politik übt, der findet sich schnell in einer Diskussion wieder, die leidenschaftlicher geführt wird als viele andere Diskussionen. Das erlebt jeder Journalist, der nur ein Detail im israelisch-palästinensischen Konflikt kommentiert, egal in welche Richtung. Das liegt nicht an Resolutionen des Bundestages.
Es liegt am Thema. Das bedeutet also
kommunikativen Stress. Das ist aber keine Zensur.
Das ist Diskurs. Das sollte Kunst, das sollte auch Wissenschaft aushalten."
=========== In der
NZZ ärgert sich der Orientalist
Michael Kreutz über jene
Islamwissenschaftler, die, sobald es darum geht, den Islam in Beziehung zu Europa zu setzen, den Diskurs auf "
apologetische Weise" verengen, "um den
Islam zum ewigen Opfer europäischer Expansion zu machen und den
Islamismus als zwar verwerfliche, aber doch irgendwie
verständliche Reaktion auf europäisches Gebaren darzustellen." Es reicht ein Blick in den
Iran, schreibt er: Islamwissenschafter und -theologen pilgern "nach Teheran, um Auszeichnungen für ihre Publikationen oder Dialogbemühungen aus den Händen der Machthaber entgegenzunehmen. Sie lassen sich von einem
islamistischen Regime instrumentalisieren, das in der eigenen Bevölkerung verhasst ist. Selbst der von Iran finanzierte Hizbullah wird mit Nachsicht bedacht. Die Kölner Islamwissenschafterin Katajun Amirpur bescheinigt der Terrororganisation in einem Beitrag für das 'Handbuch Islam', 'weitgehend pragmatisch' zu handeln. Bedenkt man die enormen Waffenarsenale, die die Organisation angehäuft und immer wieder
gegen Israel eingesetzt hat, ist das ein bemerkenswertes Urteil."