9punkt - Die Debattenrundschau

Wem wie viel Respekt gebührte

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.05.2022. In der Zeit versucht der Helmut-Schmidt-Biograf Thomas Karlauf eine Ehrenrettung des ehemaligen Kanzlers und Zeit-Herausgebers, der für die Ukraine wenig übrig hatte. Was tun, "wenn Putin öffentlich die 'endgültige Lösung' der ukrainischen Frage in den Raum stellt", fragen Übersetzerinnen in der FAZ, die das komplexe Verhältnis der ostslawischen Sprachen durchleuchten. In Amerika richten Gunmen täglich Massaker an, und die Amerikaner kaufen  immer noch mehr Waffen, konstatiert verzweifelt David Frum im Atlantic nach den neuesten Morden in Texas. Und der Welt graut vor einem  Berlin-Bullerbü voller Begegnungszonen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.05.2022 finden Sie hier

Europa

Vor einigen Wochen erinnerte der Tagesspiegel an die Äußerungen des Zeit-Herausgebers Helmut Schmidt zur Annexion der Krim (unser Resümee): Putins Vorgehen nannte Schmidt in seinem üblichen kalten Schnodderton "verständlich". Die Ukraine sei "kein Nationalstaat", zwischen Historikern sei umstritten, "ob es überhaupt eine ukrainische Nation gibt". Die Zeit hatte die pro-russische Haltung einiger ihrer obersten Hierarchen in den letzten Wochen teilweise kritisch beleuchtet (unser Resümee). Heute versucht der George- und Schmidt-Biograf Thomas Karlauf eine Ehrenrettung: Schmidt habe die Pershings durchgesetzt, und die noch russophllere Rest-SPD habe ihm darum die Gefolgschaft verweigert. Nach dem Mauerfall habe Schmidt insistiert, dass Russland eine Weltmacht bleibe, "wirtschaftlich autark, politisch einflussreich, militärisch unbesiegbar. Die amerikanische politische Klasse denkt in dieser Frage mehrheitlich anders. Russland sei doch nur eine Tankstelle, die vorgebe, ein Land zu sein, witzelte der republikanische Senator John McCain. Ihren Weltmachtstatus in Zweifel zu ziehen trifft die Russen an ihrem empfindlichsten Nerv, zumal da ihr Anspruch, Weltmacht zu sein, immer auch eine Kompensation für ihren Inferioritätskomplex war. So jedenfalls sah es Helmut Schmidt, der ein untrügliches Gespür für Befindlichkeiten hatte und wusste, wem wie viel Respekt gebührte." Von Schmidt könne man lernen, dass man im Gespräch bleiben müsse. "Er würde ein Paket verlangen, das Putin eine schnelle Beendigung seines Krieges so lukrativ erscheinen lässt, dass er auf Verhandlungen eingeht."

Auch für Kirill, Patriarch von Moskau, dem der Papst so zugeneigt ist, existieren die Ukrainer als Volk nicht, erzählt Inna Hartwich in der NZZ. "Seit Jahren predigt der 75-Jährige Hass auf den Westen und verlangt von den Gläubigen Loyalität gegenüber dem russischen Staat. Den Angriff Russlands auf die Ukraine sieht der Kirchenmann als einen metaphysischen Kampf des Guten gegen das Böse, wobei Russland nach seinem Verständnis gut ist und der Westen böse. Am Frieden sei in der Ukraine niemand interessiert, sagt er in seinen Predigten immer wieder. Seine Aussagen begründen muss er, der sich von einem 'christlichen Gewissen' geleitet sieht, vor der Ikonostase, der Trennwand zum Altarraum, nicht. ... In der größten Kirche des Landes, der Erlöserkathedrale in Moskau, die Stalin einst hatte sprengen lassen und die unter Putin ihren Wiederaufbau feierte, sprach er - ähnlich wie der politische Führer des Landes - der Ukraine ihr Existenzrecht ab."

Angesichts von 70 Prozent Inflation in der Türkei gehören Tayyip Erdogans Spiele mit der Nato nur zu den Schachzügen, mit denen er sein politisches Überleben sichern will, schreibt Bülent Mümay in der FAZ. Das Elend wird immer drängender: "Laut Eurostat-Zahlen liegt der durchschnittliche Stundenlohn in der EU bei 28,60 Euro. Davon verdienen wir gerade mal ein Achtel. Ein Stundenlohn reicht bei uns nicht einmal für ein Kilo Tomaten. Dies sind die Sorgen von Arbeitnehmern. Wie steht es um die Arbeitslosen? (...) Offiziellen Angaben zufolge stellten in den ersten drei Monaten des Jahres mehr als 440.000 Menschen einen Antrag auf Arbeitslosenunterstützung. Bei Google erhöhte sich die Suche nach einem 'Gebet, um Arbeit zu finden' innerhalb eines Monats um 1850 Prozent."
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Gesellschaft

In Berlin träumen sie nicht mehr vom wilden freien Großstadtleben, sondern zusammen mit einer schwäbischen Grünen von Bullerbü, mit Tempo 30, "Begegnungszonen" auf gesperrten Straßen und Rabatten rings um die Straßenbäume. Was hat die Stadt bloß so ruiniert, fragt ratlos Frank Jöricke in der Welt. "Im gesellschaftlichen Großlabor des Lockdowns durchlief das Stadtleben eine Metamorphose. Was Urbanität ausgemacht hatte, verkümmerte und verwelkte, alldieweil die Hyggewelt prächtig wucherte. Der Löwenzahn brach den Asphalt auf. Der erzwungene Rückzug ins Private beschleunigte den Vormarsch eines neuen Biedermeiers - my Home-Office is my Castle. Carl Spitzweg könnte dieser Tage viele kleinbürgerliche Idyllen malen. Doch wo heimelige Biokultur wichtiger ist als öffentliche Kultur, stirbt die Stadt als Erlebnisraum und Experimentierstätte für neue Formen des Zusammenlebens. Sie wird zu jener Vor- und Kleinstadthölle, die damals, in den Achtzigern und Neunzigern, so viele hinter sich lassen wollten."
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Ideen

Charlotte Wiedemann, taz-Kolumnistin und Autorin des Buchs "Den Schmerz der Anderen begreifen - Holocaust und Weltgedächtnis", wendet sich gegen einen antitotalitären Blick auf den Krieg in der Ukraine: "Wer eben noch mit dogmatischer Strenge auf der Singularität der Shoah bestand, nennt Putin nun den neuen Hitler. Wer gestern einer postkolonialen Linken vorwarf, sie relativiere den Judenmord, versenkt die Spezifik der NS-Verbrechen heute in einem wiederentdeckten Antitotalitarismus. Als wolle die öffentliche Debatte gar hinter den Historikerstreit von 1986 zurückfallen. Ich halte die neue Trivialisierung von NS-Verbrechen und die alte Ausgrenzung kolonialer Opfer für zwei Gesichter desselben Phänomens: eines seelenlosen und im Kern desinteressierten Gedenkens. Die Alternative dazu ist, Erinnerungskultur und Antifaschismus aus einem Geist der Empathie und Solidarität neu zu begründen."

Die Übersetzerinnen Claudia Dathe, Olga Radetzkaja und Thomas Weiler denken in einem FAZ-Essay darüber nach, wie der Krieg die ostslawischen Sprachen beeinflusst und deren Verhältnis zueinander neu sortiert. Insbesondere die russische Propaganda, die Begriffe wie "Faschismus" und "Nazis" bedeutungslos zu machen droht, entkerne die Sprache. Wie damit umgehen? "Wenn Putin öffentlich die 'endgültige Lösung' der ukrainischen Frage in den Raum stellt, machen wir die im Russischen darin hörbare 'Endlösung' im Deutschen explizit - im Bewusstsein, dass solche Zweideutigkeiten in der politischen Rhetorik gezielt eingesetzt werden? Parallelen zwischen der Sprache des zunehmend totalitären russländischen Regimes und der Sprache des Dritten Reichs sind nur eines der Probleme."
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Politik

Erstmals lässt China eine UN-Menschenrechtsbeauftragte, Michelle Bachelet, nach Xinjiang reisen. Doch sie wird nur eine Farce zu sehen bekommen, schreibt Fabian Kretschmer. Das Repressionsregime in dem Landesteil sei subiler geworden - die Lager sind nicht mehr so sichtbar, aber es bestehe fort, wie unter anderem die "Xinjiang Police Files" (unser Resümee) zeigen: "Die meisten westlichen Diplomaten vor Ort haben dieses abgekartete Verfahren durchschaut. Tatsächlich versucht die chinesische Regierung bereits seit Längerem, europäische Botschafter für eine Reise nach Xinjiang einzuladen. Doch diese lehnten stets ab, da grundsätzliche Bedingungen nicht erfüllt werden konnten - allen voran unbeobachtete Gespräche mit betroffenen Lagerinsassen. Stattdessen zielen solche Touren auf eine Propaganda ab, die so plump ist wie die in Nordkorea: Den Diplomaten werden lachende und tanzende Uiguren in volkstümlicher Tracht vorgezeigt."

Anders als die Tibeter haben die Uiguren in Deutschland nie jemanden interessiert, erklärt bitter der seit 1994 im Exil lebende Uigurenpräsident Dolkun Isa im Interview mit Spon: "Solange Deutschland nicht klar Position bezieht, hilft das dem chinesischen Regime." Aber auch viele muslimische Länder schweigen, so Isa. "Sie sind abhängig von der chinesischen Wirtschaft und wagen deshalb keine Kritik. Sie bekommen auch Militärhilfe aus China. Außerdem nehmen diese Staaten es mit den Menschenrechten selbst nicht so genau. Wenn sie China etwas vorhalten, riskieren sie, schon bald selbst im Zentrum internationaler Kritik zu stehen. Dafür wird in Europa die Kritik lauter. Vergangenes Jahr haben Tausende Menschen vor der chinesischen Botschaft in London demonstriert. Wir wissen aber um die Grenzen unseres Einflusses."

In einer Grundschule im texanischen Uvalde hat der 18-Jährige Salvador R. mindestens 19 Kinder und eine Lehrerin erschossen. Zuvor hatte er sich an seinem Geburtstag ganz legal zwei halbautomatische Gewehre gekauft. Die Polizei hat ihn schließlich erschossen. "Die meisten von uns sind entsetzt", schreibt ein geschockter David Frum in Atlantic. "Aber nicht genug von uns sind so entsetzt, dass sie ihre Stimme abgeben, um dies zu verhindern. Und diejenigen, denen die Amerikaner ihre politische Macht anvertrauen, auf Staats- und Bundesebene, scheinen entschlossen zu sein, alles noch schlimmer und blutiger zu machen. In den nächsten Wochen wird der Oberste Gerichtshof der USA sein Urteil im Fall New York State Rifle & Pistol Association Inc. gegen Bruen verkünden, eine Entscheidung, die das Verbot des verdeckten Tragens von Waffen selbst in den wenigen Staaten, in denen es noch gilt, aufheben könnte. Mehr Waffen, mehr Orte, weniger Kontrollen, weniger Schutz: Seit Sandy Hook ist dieses Land rückwärts und abwärts in die Barbarei gerutscht."

"Es seien die bisher tödlichsten mass shootings in diesem Jahr gewesen, ist nun zu lesen", schreibt Johanna Roth auf Zeit online. "Dass das überhaupt eine etablierte Vergleichsgröße ist, zeigt, welch perverse Dimension die Waffengewalt in den USA angenommen hat. Laut den Statistiken der gemeinnützigen Rechercheplattform Gun Violence Archive, die diese Vorfälle dokumentiert, hat das Jahr 2022 bereits jetzt mehr Gewalt durch Schusswaffen gezählt als Tage."

Die palästinensische Journalistin Shireen Abu Akleh wurde vor einigen Tagen in der West Bank durch einen Schuss getötet, und das obwohl sie klar als Journalistin gekennzeichnet war. Eine aufwändige Recherche bei CNN sieht es als wahrscheinlich an, dass sie von israelischen Soldaten gezielt erschossen wurde. Letzte Gewissheit gibt es aber nicht: "Um die Kugel, die Abu Akleh tötete, dem Lauf einer bestimmten Waffe zuzuordnen, wäre eine gemeinsame israelisch-palästinensische Ermittlung erforderlich, da die Palästinenser die Kugel haben, die Abu Akleh tötete, während die CNN-Recherche nahelegt, dass die Israelis die Waffe haben. Eine solche Ermittlung ist noch nicht in Sicht. Während Israel prüft, ob eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet werden soll, hat die Palästinensische Autonomiebehörde eine Zusammenarbeit mit den Israelis bei einer Ermittlung ausgeschlossen."
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