9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2014 - Internet

Im Interview mit der Financial Times hatte Bundesjustizminister Heiko Maas kürzlich gefordert, dass Google aufgrund des großes Einflusses auf die wirtschaftliche Entwicklung seinen Suchalgorithmus offenlegen müsse. Svenja Bergt zeigt sich in der taz von diesem Vorstoß wenig beeindruckt: "Wenn Maas sich tatsächlich um die Auswirkungen intransparenter Algorithmen sorgt, kann er direkt vor der eigenen Tür anfangen. Ohne sich fragen lassen zu müssen, auf welcher Rechtsgrundlage und mit welchen Mitteln er einen US-Konzern zur Offenlegung seines Allerheiligsten bringen will und wann er anfängt, ein paar Millionen für einen Rechtsstreit zurückzulegen. Zum Beispiel die Schufa. Die nutzt ebenfalls einen intransparenten Algorithmus, der unter anderem die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2014 - Internet

Wir haben längst unsere Aufmerksamkeit, den Überblick über den technologischen Fortschritt und die Diktatur der Digitalisierung verloren, liest Bernd Graff in der SZ in "Present Shock", dem neuen Buch des Medientheoretikers und Technologiekritikers Douglas Rushkoff: "Davon nimmt er nicht einmal die Wahrnehmung seines eigenen Buches aus. "Die meisten potenziellen Leser werden in der Lektüre nicht besonders weit kommen, soviel ist sicher. Sie werden einen Auszug auf boingboing.net lesen, ein Interview auf shareable.net, die Rezension in der Times. Sie werden die Hauptaussage des Textes zur Kenntnis nehmen und weiterziehen. Wieso nur schreibt man eine Oper, wenn die Leute nur Dreieinhalb-Minuten-Songs hören wollen?""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2014 - Internet

Wenn Twitter bald auch mit Algorithmen arbeitet, zerstört es sich selbst, glaubt Kritsanarat Khunkham in der Welt. Schade, denn: "Ich erfahre auf Twitter Dinge über Menschen, nicht über Algorithmen: Eine Geschichte findet ihren Weg in meinen Feed, weil echte Menschen mit Gehirn und Gefühl sie interessant fanden. Auf Facebook bin ich auch verbunden mit echten Gehirnen und Gefühlen, kriege davon aber weniger mit. Der Facebook-Stream wird manipuliert und gefiltert mit der Hoffnung auf Klicks und Interaktion. Während ich auf Twitter politische Kommentare sehe, sehe ich auf Facebook vor allem, wie sich Leute Wasser über den Kopf schütten."

Joe Mullin trifft für Arstechnica Julian Assange, der sich in seinem neuen Buch "When Google Met Wikileaks" fast nur mit Eric Schmdt von Google auseinandersetzt und das im Gespräch so begründet: "Schmidt und sein Network repräsentieren das kommende Zentrum der amerikanischen Macht", sagt er. "Das sind nicht unbedingt böse Leute. Aber sie haben eine aggressive neue Ideologie, die ihnen eine Menge Macht einbringen kann, gerade weil es sich um Individuen handelt, die sich gern in den Mantel des Reformismus hüllen."

In der FAZ zeichnet Lea Beiermann Internetdebatten über die Frage nach, ob man die religiösen Snuff Videos des "Islamischen Staats" zeiugen soll (was vielleicht auch eine Debatte wäre, der sich die alten Miden zu stellen hätten, oder?)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2014 - Internet

Marco Jorio, Chefredakteur des "Historischen Lexikons der Schweiz", erklärt in der NZZ, wie sich Lexika gegen die Wikipedia behaupten können: Indem sie sich spezialisieren. Die FAZ bringt eine Rede der Softwarepionierin Shoshana Zuboff, die erklärt, "warum wir uns gegen den Überwachungskapitalismus von Big Data mit aller Macht wehren müssen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2014 - Internet

Im Interview mit der Welt erklärt die emeritierte Harvard-Professorin Shoshana Zuboff, welchen überwältigenden Nutzen Google, Apple und andere Internetkonzerne uns brachten. Jetzt befänden wir uns allerdings an einer Schwelle, an der sich entscheidet, ob wir den Weg in eine bessere oder nur in eine überwachtere Welt gehen: "Es gibt allein zwei unterschiedliche Formen des Informationskapitalismus, die miteinander im Krieg sind, ohne es zu wissen. Wenn Apple die welthistorische Relevanz seines Modells verstünde, dann würde es mit seiner positiven, "organischen" Kraft den Überwachungskapitalismus wegwischen. Aber nein, stattdessen ist man fixiert auf Dinge: Jungs und ihre Spielzeuge, die ewige Selbsttäuschung bei jeder technischen Innovation. Wir denken immer, es sind die Produkte, die für Innovation und Revolution stehen, aber es sind die Zusammenhänge und Strukturen, die Logik dahinter, die sich ändern."

Die FAZ hat, wie viele andere Zeitungen, das EuGH-Urteil zum "Recht auf Vergessen" ausgiebig als Niederlage Googles gefeiert. Dass die Ausübung dieses Recht oft einer Zensur gleich kommt, wurde gern übersehen. Tobias Kreutzer berichtet jetzt auf faz.net über einen solchen Fall - ein Künstler hat offenbar von Google das "vergessen" eines Artikels erzwungen, weil er nicht an sein Frühwerk erinnert werden wollte, mehr dazu im Guardian - und wieder ist Google schuld: "Auf höherer Ebene stellt sich allerdings die Frage, ob das Gerichtsurteil mit Maßnahmen wie diesen nicht überstrapaziert wird, und was sich Google bei der Bewertung der Anträge überhaupt denkt. Unreflektierte Zensur wie im Fall "Roach" führt die ursprüngliche Absicht des Gesetzes ad absurdum." Da hätten wir von der FAZ doch gern gewusst, wie reflektierte Zensur geht.

Auf ihren Wirtschaftsseiten stellt die FAZ heute Googles Chefjuristen Arnd Haller vor, der über Googles Umgang mit Löschanfragen befindet und den Kritikern, die jetzt finden, Google lösche zu schnell, entgegnet: ""Das Urteil ist sehr schwammig", sagt Haller. "Wir wollen und können die Kriterien für den Umgang mit Löschanträgen nicht allein entwickeln, sondern dazu eine gesellschaftliche Diskussion anregen.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2014 - Internet

"Das Internet, die technische Leitutopie unserer Zeit, ist von der Hoffnung zum Problem geworden", verkündet der Schriftsteller Günter Hack in einem kämpferischen Essay auf Zeit Online. Indem die mächtigen Netzkonzerne die Produktionsmittel des neuen Arbeitsmarkts in den Händen halten, versetzen sie ihre Nutzer in den Rang eines "Datenproletariats": "Das Bürgertum zeichnete sich schon zu Marx und Engels" Zeiten zunächst dadurch aus, dass es die Produktionsmittel besaß. Die Kontrolle über diese entgleitet den Resten des Bürgertums nun, sie konzentriert sich in den Händen einiger weniger Konzerne und ihrer Satellitenorganisationen. Alle Debatten über Datenschutz und Überwachung, Patentwahn und Urheberrecht sind Randerscheinungen dieses Verlusts der Kontrolle der Produktionsmittel, der in einen asynchronen Proletarisierungsprozess mündet."

Mit der weitgehenden Aufhebung der Beschränkungen für Gratisnutzer ruiniert der Streaming-Dienst Spotify den Wert von Musik endgültig, befürchtet Tobias Kreutzer in der FAZ: "Man ist auf dem besten Weg, den Fehler zu begehen, den vor beinahe zwanzig Jahren die ersten Online-Journalisten machten. Bis heute ist der Online-Journalismus ein Zuschussgeschäft. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, kaum jemand bezahlt mehr für Inhalte." (Hm, so langsam scheint die Netzkritik in der FAZ auf das Ante-Schirrmacher-Niveau zurückzukehren!)

Kein Internet ist allerdings auch keine Lösung, meint Inna Hartwich und erzählt in der FR, wie willkürliche Netzzensur in China das Leben erschwert: "Die "Great Firewall" ist darauf spezialisiert, Internetseiten regelrecht zu fressen. Solche wie die der New York Times, zu frech waren die Journalisten, als sie über das Vermögen der KP-Spitze schrieben, also weg damit! Solche wie Facebook, Twitter, Youtube. Wo käme man denn hin, wenn dieses westliche Zeug die Hirne von Chinesen verunreinigte, wenn sie sich austauschten, ja gar an Informationen gelangen könnten, die die KP so gar nicht für sie vorsieht? Weg!"

Weiteres: Anlässlich der absehbaren Abschaffung des Bargelds durch Apple Pay fragt Andreas Rosenfelder in der Welt: "Was heißt es, wenn der Bezahlvorgang kein besonderes Objekt mehr hat, in dem er sich verkörpert? Wenn er stattdessen als Zusatzfunktion in einem Kommunikationsgerät verschwindet." Dirk von Gehlen stellt in der SZ das Bezahlsystem LaterPay vor, das Medien ohne Paywall Geld bringen könnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2014 - Internet

Ebook-Verleger Friedel Muders kauft für seinen Verlag Fuego systematisch Rechte an Backlist-Titeln auf und erklärt im Gespräch mit Henry Steinhau in irights.info, warum das manchmal ganz schön schwer ist: "Beispielsweise liegen die Rechte von verstorbenen Autoren bei den Nachlassverwaltern, die man erst finden muss. Einige ältere Autoren sind extrem langsam und vorsichtig bei den Verträgen. Bei ausländischen Autoren, zu denen wir Kontakt suchen, müssen wir auch die deutschen Übersetzer in die Rechteklärung einbinden."
Stichwörter: Ebooks, Urheberrecht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2014 - Internet

Mal wieder ein Artikel über die Start-Up-Szene in Berlin. Diesmal schreibt ihn Samantha Murphy Kelly für Mashable - und sie benennt neben den vielen Vorteilen auch den Nachteil von Berlin: "Einige Startups hatten in Berlin zwar Erfolg, aber sehr viele müssen kämpfen, um ihr Unternehmen auf die nächste Stufe zu bringen" - wegen ängstlicher Investoren.

Weiteres: In der FAZ fordert der Datenanalytiker Markus Morgenroth eine Ethik für Informatiker im Hinblick auf Big Data, Überwachung und Datenschutz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2014 - Internet

Bei Slate glaubt Will Oremus nicht, dass Twitter von seinem System her so manipulativ wie Facebook werden kann, versteht aber den Horror der Nutzer vor Twitters Plänen, die Timeline künftig automatisch aufzupeppen: "Sie fürchten, dass Twitter Facebook ähnlicher wird, das von geheimen lernenden Algorithmen entscheiden lässt, welche Posts die Nutzer zu sehen bekommen und welche nicht. Diese Algorithmen sind einerseits das meistgehasste Merkmal von Facebook - und der Grund, warum alle Newsfeeds mit Memen und Babyfotos vollgestopft werden -, andererseits der Schlüssel zu seiner schlagenden Popularität."

Weitere Artikel: Netzpolitik bringt einen Beitrag der beiden Wissenschaftler Ben Wagner und Claudio Guarnieri, die Exporten der deutschen Überwachungstechnologie nachgegangen sind. Allerdings: "Der Staatstrojaner "made in Germany" Gamma FinFisher wurde ohne Lizenz aus Deutschland exportiert." Auf Rue89 erzählen Gurvan Kristanadjaja und Philippe Vion-Dury, wie sie im Darknet auf ein Dokument mit 20 Millionen französichen E-Mail-Adressen stießen.

In der SZ hält Alexandra Borchardt die neue Sharing-Ökonomie tendenziell nicht nur für undemokratisch, sondern auch für sozial ausgesprochen ungerecht: "Schließlich kann nur teilen, wer etwas hat. Die Armen sind hingegen auf Jobs angewiesen, die von der Teil- und Tauschwirtschaft akut bedroht sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2014 - Internet

Die jüngst zirkulierenden Nacktfotos von Stars sind nicht das Werk eines einzelnen Hackers, sondern nur die Spitze des Eisbergs, schreibt Ben Popper in The Verge, der sich auf einen Blogbeitrag von Dan Kaminsky bezieht. Demnach gibt es regelrechte Tauschbörsen im "Darknet", "wo Nutzer Nacktbilder von Celebrities sammeln und über Jahre massive Sammlungen aufbauen. Da kommt man nicht rein, indem man für Bilder bezahlt, sagt Kaminsky, der mit Mitgliedern solcher Grupppen gesprochen hat. Um hineinzukommen, must du dein eigenes gestohlenes Material mitbringen, etwas Neues und Wertvolles, das die Gruppe noch nicht kannte."

Und was soll man dagegen tun? Sein Iphone wegwerfen? Keine Bilder mehr damit aufnehmen? "Realistisch ist das für die meisten Menschen nicht", meint Constanze Kurz in der FAZ. "Sich aber mit den Risiken zu beschäftigen und zum Beispiel das bequeme iCloud-Back-up abzuschalten oder sich zumindest lange, komplexe Passwörter zu überlegen ist dringlich angeraten. Und es gilt, die Hersteller an die Kandare zu nehmen und endlich Funktionen wie automatische Telefonbuch-Uploads und ungefragtes Cloud-Speichern zu untersagen. Hierzu ist politischer und rechtlicher Druck nötig, der vielbeschworene Markt regelt dies ja offensichtlich nicht."