In der
FAZ antwortet Korrespondent Jochen Buchsteiner auf
Navid Kermani: Nein, eine
Demokratisierung Afghanistans konnte nicht gelingen, anders als Kermani behauptet hat (
unser Resümee), sind westliche Werte dort
nicht erwünscht, glaubt er. "Die Taliban, die offen für das Zurückdrehen der Uhren kämpften, konnten der militärischen und finanziellen Übermacht des Westens nur deshalb trotzen, weil ihr Ziel von einer
stillen Mehrheit im Land geteilt wurde. Am Anfang einer ehrlichen Betrachtung der 'westlichen Selbstverstümmelung' in Afghanistan sollte daher die Einsicht stehen, dass
andere Kulturen andere Kulturen sind." Und auch, dass es so viele Afghanen in den Westen zieht, ist für Buchsteiner kein Beleg dafür, dass sie unsere Demokratie schätzen: Sie kämen "
nicht wegen,
sondern trotz" unserer Freiheiten. Sie kommen, weil sie der Westen (anders als etwa China) kommen lässt und weil sie dort mehr finanzielle Unterstützung erwartet als irgendwo anders." Das erklärt aber noch nicht, warum sie Afghanistan überhaupt verlassen wollen, wenn sie doch die
Werte der Taliban teilen.
Viele
afghanische Frauen dürften das im übrigen anders sehen: Davon berichtet auch Düzen Tekkal, Mitgründerin von
"Defend Afghan Women's Rights", die in der
FAZ zitiert wird: "Tekkal berichtet von
Lehrerinnen, die - wenn sie überhaupt noch unterrichten dürfen - in der Schule permanent
von Taliban beobachtet werden. Ein kritisches Wort habe Konsequenzen, im schlimmsten Fall den Tod. Die Initiative warnt auch vor dem schwindenden Zeitfenster, in dem Afghanistan im Fokus der Weltöffentlichkeit verbleibt. 'Es fühlt sich so an, als würde Afghanistan
von der Landkarte gestrichen werden', sagt Marjan Haidar vom 'Global Movement for Peace in Afghanistan'."
Der Westen und sein Völkerrecht haben versagt, in Afghanistan und oft genug auch anderswo,
meint der
Politikwissenschaftler H.
A.
Hellyer in
politico. Aber bevor man darüber in Jubel ausbricht, sollte man überlegen, was folgen könnte:
chinesischer oder russischer Imperialismus anyone? "Wenn Russlands Rolle in Syrien oder Pekings Politik in Bezug auf die Uiguren ein Hinweis darauf sind, dass sich der Westen immer mehr isoliert, könnte eine neue 'Weltordnung', die auf der Grundlage eines gemeinsamen chinesisch-russischen Imperativs gebildet wird, wahrscheinlich noch viel schlimmer aussehen als die fehlerhafte und heuchlerische Ordnung von heute. ... Wir sollten nicht naiv sein, was die letzten 20 Jahre gebracht haben. Sie waren voller Mängel, Fehler und Heuchelei. Aber wir sollten auch nicht so naiv sein und glauben, dass eine
auf Regeln basierende internationale Ordnung von China oder Russland kommen wird. Der Rückzug der Amerikaner aus Afghanistan hat kein massives Erdbeben in einer Art mythischer, perfekter internationaler Ordnung ausgelöst, das ist wahr. Aber er sollte denjenigen, die wirklich an eine auf Regeln basierende Ordnung glauben, eine Mahnung sein, dass sie ziemlich schnell herausfinden müssen, wie sie eine neue chinesisch-russische Ordnung vermeiden können. Und das ist definitiv etwas, worüber man sich Sorgen machen sollte."
Auch der britisch-iranische Journalist
Mohammad Ali Shabani fragt sich im
Guardian, wer
in das Vakuum stoßen wird, das die USA in Afghanistan hinterlassen haben. Der Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Saudi Arabien? "Die regionale Politik wird unweigerlich viel unübersichtlicher werden", meint er. "So könnte der
Iran erneut versuchen, Druck auf die Taliban auszuüben, indem er
ihre Gegner in Afghanistan unterstützt, diesmal möglicherweise mit Hilfe von Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem Staat, der zuvor die Legitimität der Taliban-Herrschaft anerkannt hat. Andererseits könnte der anhaltende
kalte Krieg zwischen Katar und den VAE trotz ihrer formellen Versöhnung auch auf afghanischen Boden übergreifen, wie es bereits in anderen Ländern wie Libyen geschehen ist. Wenn das Schlimmste dieser und anderer Konkurrenzen nicht durch ein rasches und umfassendes Engagement aller regionalen Akteure eingedämmt und geregelt wird, werden die Folgen
nicht auf Afghanistan beschränkt bleiben."
Ganz zu schweigen vom
ISKP (Islamischer Staat der Khorasan Provinz), der sich
Rivalitäten innerhalb der Taliban zunutze macht,
erklärt Antonio Giustozzi, Forscher zu Afghanistan und dem Islamischen Staat, ebenfalls im
Guardian. "Der ISKP ist sich des Ausmaßes der derzeitigen Spannungen zwischen der Taliban-Führung im Süden und den Taliban-Netzwerken im Norden und Osten durchaus bewusst. Er hofft,
einen Keil vor allem zwischen die südlichen und die östlichen Taliban zu treiben, unterhält aber auch Beziehungen zu den nordöstlichen Taliban. ... Das Kalkül der ISKP besteht also darin, die Widersprüche zwischen den südlichen und östlichen Taliban zur Explosion zu bringen. Die Spannungen waren bereits groß, da die vorgeschlagene Kabinettsliste, die vollständig von Süd-Taliban dominiert wurde, die Ost- und die Nord-Taliban verärgert hat. Der Angriff auf den Flughafen verschärfte den Streit noch, da die Ost-Taliban als erste in die Hauptstadt eindrangen, was zu Unmut bei der südlichen Führung führte, die sich als Herrin der Lage darstellen wollte. ... Die Taliban werden in der Tat
einiges staatsmännisches Geschick brauchen, um zu verhindern, dass die ganze Show unrühmlich schnell in die Hose geht.
Es gibt übrigens auch
in Russland eine Menge Afghanen, die jetzt nicht mehr wissen, wo sie hin sollen,
erzählt Inna Hartwich in der
taz. Die russischen "Behörden sind ebenfalls ratlos, was sie mit den etwa
500 afghanischen Studierenden im Land tun sollen. ... Russische Menschenrechtler*innen sprechen von mehreren Hunderttausenden Geflüchteten in ihrem Land. Offiziell haben lediglich 455 Menschen diesen Status. Der Kreml hat die Taliban - nach russischem Gesetz als Terrororganisation eingestuft und daher eigentlich verboten - als '
neue Realität' in Afghanistan jedoch längst akzeptiert. Moskau hatte bereits in den vergangenen Jahren keine Scheu, die bärtigen Mullahs zu empfangen, und sagt auch in diesen Tagen, die
Taliban hätten sich geändert und gewährleisteten die Sicherheit. Afghan*innen, die
auch die russische Staatsbürgerschaft besitzen, müssen in den meisten Fällen derzeit selbst schauen, wie sie aus Kabul herauskommen."