Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.09.2006. Die Auseinandersetzung um die Regensburger Papstrede treibt die Feuilletons noch einmal um. Anders als Johannes Paul II. sucht Benedikt XVI. das Streitgespräch, meint die SZ. Die FR verteidigt die unveräußerlichen Freiheitsrechte des Papstes. Die FAZ verurteilt den "erpresserischen Diskurs, bei dem über jedem falschen Wort eine Bombe hängt". Außerdem: In der taz findet Daniel Cohn-Bendit, dass die Pariser Zeitung Liberation ihren Charme längst verloren hat, und Vikram Chandra spricht über seinen Roman "Sacred Games". Und die Welt kann beim besten Willen nicht sagen, warum in Frankfurt und Berlin Schillers "Jungfrau von Orleans" aufgeführt wird.

TAZ, 18.09.2006

In der tazzwei findet Daniel Cohn-Bendit den Niedergang der Liberation verdient. "Der traditionelle Charme war schon länger weg, aber er war ja auch nicht mehr charmant, sondern verbohrt. Man erwartet von einer Zeitung, dass sie dir zeigt, wie man weiterkommt. Der antikapitalistische Charme war rückwärtsgewandt. Lafontaine ist auch nicht charmanter geworden, seit er bei der PDS ist. Wenn ich mir's recht überlegen, war er nie charmant."

Im Kulturteil spricht der indische Schriftsteller Vikram Chandra, der nach sieben Jahren seinen Roman "Sacred Games" vollendet hat, im Interview über über die einflussreichste Literatursprache in Indien (Englisch), die Mafia und Korruption. "Korruption gibt es überall auf der Welt. Aber in Indien und vergleichbaren Ländern dringt sie möglicherweise stärker in das Alltagsleben der Menschen ein als anderswo. Paradoxerweise ist das auch ein Erbe der idealistischen Vision, im unabhängigen Indien ein zentralisiertes, sozialistisches Wirtschaftsgefüge zu etablieren. Das Resultat war diese gigantische Bürokratie und ein Vorschriftendschungel, in dem man, um die einfachsten Dinge getan zu bekommen, Unterschriften von dreißig Leuten braucht. Was dreißig Leuten die Möglichkeit eröffnet, etwas dazuzuverdienen."

Besprochen werden die Ausstellung des britischen Bildhauers Tony Cragg in der Berliner Akademie der Künste und der neue Erzählband von Botho Strauß, "Mikado" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

SZ, 18.09.2006

Alexander Kissler untersucht, wie Papst Benedikt XVI. im Unterschied zu Johannes Paul II. den interreligiösen Dialog begreift: "Nicht die Akklamation, nicht die Rede von der Gemeinsamkeit der abrahamitischen Religionen ist ihm der bevorzugte Modus des Religionsgesprächs. Der Gelehrte auf dem Papstthron fordert den Mut zum Streitgespräch. Einen solchen im Dissens argumentierenden Dialog hatten Kaiser Manuel II. und ein namenloser Perser geführt, die Benedikt in Regensburg so prominent zitierte. Legendär geworden sind die Stunden von Assisi. Johannes Paul II. hatte 1986 rund 200 Religionsführer eingeladen. Schamanen, Buddhisten, Hindus, Moslems, Juden, Christen beteten zu ihrem jeweiligen Gott, afrikanische Animisten etwa zum 'Krachenden Donner'. Gemeinsam flehte man um Frieden. Doch Ratzinger erklärte später, Assisi sei kein Zukunftsmodell. So leicht könne man die Wahrheitsfrage nicht übergehen und mit einer Allverbrüderung übertünchen."

Sonja Zekri trifft den Moskauer Galeristen Marat Gelman, der zugleich die kritischsten Maler vertritt und für den Kreml schwarze Propaganda betreibt: "Er erzählt eine aufschlussreiche Anekdote: Unter den Klägern gegen (die Ausstellung) 'Russland 2' sei auch Dmitrij Rogosin gewesen, Chef der nationalistischen Partei 'Heimat', die Gelman sich ausgedacht hat, um den Kommunisten das Wasser abzugraben. 'Ich habe ihm gesagt: Mischst du dich in die Kunst ein, mische ich mich in die Politik ein. Sieben Monate später ist er zurückgetreten', sagt Gelman triumphierend. Da fügen sich die disparaten Operationsfelder plötzlich zu einer geistigen Landschaft, in der Ästhetik und Politik einander durchdringen und das Überleben hier wie dort eine Frage der geschicktesten Manipulation ist. Und keiner manipuliert so leger wie Gelman."

Weitere Artikel: Im siebten Teil seines indischen Tagebuchs besucht Martin Mosebach den nagelneuen Akshardan-Tempel ("Horror vacui in Riesenformat"). Käthe Trettin berichtet vom Berliner Kongress der analytischen Philosophen. Helmut Schödel erzählt, wie Herbert Föttinger das Wiener Theater in der Josefstadt mit der Turrini-Uraufführung "Mein Nestroy" aufwecken will. Thomas Thieringer gratuliert der Opera Australia in Sydney zum Fünfzigsten.

Für die Literaturseite besucht Alex Rühle den Schriftsteller Kiran Nagarkar, Autor des Romans "Gottes kleine Krieger". Hans-Peter Kunisch resümiert das Berliner Literaturfestival.

Besprochen werden die Ausstellung "Francis Bacon - Die Gewalt des Faktischen" im Düsseldorfer K20, Matthias Hartmanns schnickschnackfreier "Amphitryon" am Schauspielhaus Zürich und Stefan Heuckes Oper "Das Frauenorchester von Auschwitz", die es laut Michael Struck-Schloen schafft, "eine der schlimmsten Quälanstalten, die von Menschen erdacht wurden, zur Betroffenheits-Soap zu banalisieren".

FR, 18.09.2006

Christian Schlüter kommentiert die Reaktionen auf die Regensburger Vorlesung des Papstes: "Beunruhigend bleibt allerdings die leichtfertige Weise, in der zunehmend auch hier unter Berufung auf verletzte 'religiöse Gefühle' unveräußerliche Freiheitsrechte beschnitten werden sollen." In Times Mager sucht Harry Nutt die vielgepriesene Dienstleistungsgesellschaft - "Es wird geliefert werden zwischen Neun und 18 Uhr, und das auch nur bis zur Bordsteinkante."

Besprochen werden Simone Blattners Inszenierung von Schillers "Jungfrau von Orleans" am Schauspiel Frankfurt und die Uraufführung von Thomas Jonigks Stück "Hörst du mein heimliches Rufen" ebenfalls am Schauspiel Frankfurt.
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Stichwörter: Schauspiel Frankfurt

Welt, 18.09.2006

Schillers "Jungfrau von Orleans" ist anspruchsvoll. Zu anspruchsvoll für Claus Peymann und Simone Blattner und deren Ensembles, die das Stück in Wien respektive Frankfurt vergeigt haben, wie Uwe Wittstock befindet. "Zu fragen bleibt, wie, warum und mit welchem Ziel sich Regisseure heute im deutschen Stadttheaterbetrieb für ihre Projekte entscheiden. Man kann, wie Alfred Polgar, der Meinung sein, Schillers 'Jungfrau' rühre 'an keine Frage, die unsere Zeit sonderlich beschäftigt' und das Stück beiseite lassen. Man kann, wenn man es dennoch aufführt, zu zeigen versuchen, wie Johannas göttliche Vision an der kruden Realität oder an der Liebe scheitert. Oder man kann eine exorbitant talentierte Schauspielerin in der Titelrolle vorführen wollen. Doch davon, dass Peymann oder Simone Blattner irgendeinen Grund haben, der ihnen dieses Stück zu diesem Zeitpunkt aufdrängt, ist nichts zu spüren."

Weiteres: Anlässlich einer Ausstellung im Filmmuseum Frankfurt lässt Frank Arnold die 25 Jahre zurückliegende Entstehungsgeschichte von Wolfgang Petersens "Das Boot" Revue passieren. Im Interview mit Berthold Seewald beschwert sich der Vorsitzender des deutschen Historikerverbandes Peter Funke über die Vernachlässigung seines Fachs an Schulen und Universitäten.

Tagesspiegel, 18.09.2006

Auch wenn Gabriel Ranges Mockumentary über die Ermordung von George Bush die größten Massen anzog, steigt die deutsche Beteiligung am Filmfestival von Toronto von Jahr zu Jahr, berichtet Martin Schwickert. "Während die US-Verleiher Toronto traditionell als Startrampe für die Oscar-Saison nutzen, hat auch die deutsche Filmindustrie die Bedeutung des Festivals als Tor zum amerikanischen Markt erkannt. Vor zwei Jahren begann hier 'Der Untergang' seinen Siegeszug durch die amerikanischen Kinos, diesmal wurde 'Das Leben der Anderen' hoch gehandelt. Daneben trat die alte Garde des einst 'Neuen Deutschen Films' zur Weltpremiere an, Margarete von Trotta mit der Adaption des Märthesheimer-Romanes 'Ich bin die Andere' und Volker Schlöndorff mit 'Strajk'. In altväterlicher Manier erinnert er darin an die Gründungsgeschichte der polnischen Solidarnosc. Und Werner Herzog zeichnet in 'Rescue Dawn' die Geschichte des US-Piloten Dieter Dengler (Christian Bale) nach, der zu Beginn des Vietnamkriegs in Gefangenschaft gerät und sich mit naiver Kaltschnäuzigkeit den Weg durch den Dschungel in die Freiheit bahnt."

NZZ, 18.09.2006

Als weitere Fortsetzung seiner Pariser "serie miraculeuse" feiert Marc Zitzmann die Wiedereröffnung des seit zehn Jahren geschlossenen Musee des Arts decoratifs: "Sogar das Gemaule der hiesigen Snobs, in Berlin, London und New York sei 'mehr los', ist verstummt. Vielleicht wird man vom Beginn des 21. Jahrhunderts einmal als einer goldenen Zeit schwärmen."

Weiteres: Sieglinde Geisel resümiert das Berliner Literaturfestival, das sie mit einem reduzierten Programm erstmals "übersichtlich" fand. Thomas Burkhalter schickt noch einmal Höreindrücke von der zeitgenössischen Musik im kriegsgeschüttelten Libanon. Besprochen werden der Saisonstart des Basler Schauspiels mit einer Textcollage nach Jürg Laederach und Sergej Prokofjews Oper "L'amour des trois oranges" im Theater Basel.

FAZ, 18.09.2006

Christian Geyer kommentiert nochmals die Auseinandersetzungen um die Regensburger Papstrede: "Für ein falsches Wort hat es gestern ein Pardon gegeben. Kein Pardon gibt es für jenen erpresserischen Diskurs, bei dem über jedem falschen Wort eine Bombe hängt." Für den Aufmacher besuchte Dirk Schümer die großen Mantegna-Ausstellungen zum 500. Todestag des Malers in Padua, Verona und Mantua (mehr hier). Balkan-Korrespondent Michael Martens schreibt über die exorbitante Geburtenrate im Kosovo. Oliver Jungen gratuliert dem Verhaltensforscher August Nitschke zum Achtzigsten. Dieter Bartetzko gratuliert dem Architekten Hans Kollhoff zum Sechzigsten. Andreas Kilb zieht eine angeregte Bilanz des Berliner Literaturfestivals.

Auf der Medienseite schreibt Paul Ingendaay über einen erbitterten Zeitungsstreit zwischen El Mundo und El Pais über die Frage, ob die ETA nicht irgendwie doch in die Bombenattentate vom 11. März 2004 verwickelt war. Und Peter Lückemeier besucht die Redaktion der Frankfurter Rundschau, die vom neuen Chefredakteur Uwe Vorkötter in die "Offensive Nullacht" geführt wird.

Auf der letzten Seite prangert der spanische Diplomat und Autor Jose Maria Ridao Geschichtsfälschungen über das muslimische Spanien des Mittelalters durch Islamisten und Ideologen der Reconquista an. Andreas Rossmann besucht das auch mit Bürgerspenden neu gestaltete Stadttheater Bielefelds. Und Andreas Platthaus porträtiert den französischen Comicautor Jean-Pierre Gibrat.

Besprochen werden Schillers "Jungfrau von Orleans" in Simone Blattners Inszenierung in Frankfurt, Stefan Heuckes Oper "Frauenorchester von Auschwitz" in Mönchengladbach, ein Auftritt des Soulmusikers Jamie Lidell in Berlin sowie Sachbücher, darunter Thomas L. Friedmans Bestseller über die Globalisierung "Die Welt ist flach" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).