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Heute in den Feuilletons

Wäre ich ein schlanker Mann

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.04.2010. Für die NZZ liest Richard Wagner Securitate-Akten über Cioran. Die FR fürchtet um die Stadt Hamburg, der durch die Elbphilharmonie das Schicksal Griechenlands zu drohen scheint. In der taz will Michail Chodorkowski seine Hoffnungen in Putin und Medwedjew nicht ganz aufgeben. Die SZ porträtiert den haitianischen Filmemacher  Arnold Antonin, der die Erdbebenkatastrophe in seinem Land dokumentiert hat.

Welt, 28.04.2010

Auf der Meinungsseite erinnert Mariam Lau die Kritiker von Aygün Özkan an das "Kruzifix-Urteil" von 1995, das Kruzifixe in staatlichen Pflichtschulen verbietet: "Frau Özkan befindet sich also in schönster Eintracht mit dem Bundesverfassungsgericht - und erfüllt die Forderung, die ein Kernthema der Islam-Konferenz war: Stellt das Grundgesetz über die Gebote eurer Religion."

Im Feuilleton schreibt Thomas Lindemann über den Streit um den Deutschen Computerspielpreis in der Kategorie "Bestes internationales Spiel". Der große Hemmschuh bei der Auswahl: In den nominierten Filmen darf nicht geschossen werden, nie. "Dafür steht vor allem Wolf-Dieter Ring, der Vorsitzende der Jury. Er ist gleichzeitig Präsident der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien und Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz - also jemand, der Medien eher überwacht als fördert. Ring bringt zu den Jury-Sitzungen manchmal eine Assistentin mit, die geringschätzig den Kopf schüttelt, wenn einer der Jüngeren für ein Spiel spricht, in dem auch geschossen wird. Das Schießen ist aber aus dem Videospiel so wenig wegzudenken wie aus dem Fußball."

Ex-Pixie Black Francis spricht im Interview über seine Therapeutin, seine neue CD und seine Figurprobleme: "Ich habe mal Anzüge getragen, da sah ich schicker aus. Aber dann zog es mich wieder hin zu den bequemen Hemden und Hosen. Ich bin ein dicker Mann. Wäre ich ein schlanker Mann, würde ich mich vermutlich viel modischer kleiden, allein schon, weil die Anzeigen von all den italienischen Designern immer so geil aussehen. In mir steckt irgendwo ein schlanker Mann, ein Bryan Ferry, aber er findet keinen Weg aus diesem dicken Körper."

Weitere Artikel: Michael Stürmer sehnt sich zurück nach der Deutschen Mark. Hannes Stein nimmt sich die Forbes-Liste der fünfzehn reichsten fiktiven Persönlichkeiten vor. Stefan Keim war beim Theaterfestival "Voices of Change" in Bielefeld. Jochen Hallof, Dozent für Ägyptologie und Meroitistik an der Universität Würzburg, hat eine Scherbe entdeckt, mit der er das Zahlensystem der Meroiten entschlüsseln konnte, erzählt Berthold Seewald. Andreas Wrede war bei der Gedächtnisfeier für Christos Frau Jeanne-Claude in New York. Der Werber Marc Schwieger warnt seine Kollegen davor, die sozialen Netzwerke im Internet mit Werbung vollzumüllen. Besprochen wird Hunter S. Thompsons Roman "Rum Diary".

NZZ, 28.04.2010

Der Autor Richard Wagner wertet den bisher nur auf Rumänisch erschienenen Band "Cioran und die Securitate" aus, der die Akten dokumentiert, die der Geheimdienst von Emile Cioran im Pariser Exil anfertigte: "Der Philosoph, heißt es in ihren Analysen, habe sich von seiner faschistischen Vergangenheit gelöst, er pflege keinerlei Beziehungen zu den Exilgruppen der 'Eisernen Garde'. Skeptisch sei er auch bezüglich des Restes der Exilgemeinschaft und besonders ihres politisierten Teils. So unterhalte er nur minimale Kontakte zum Kern der intellektuellen Gegnerschaft des Bukarester Regimes um den Sender Radio Free Europe und dessen beide führenden Kulturredaktoren Monica Lovinescu und Virgil Ierunca. Gleichzeitig schätzte er die Politik Ceausescus äußerst kritisch ein, erstaunlicherweise wegen dessen verwegener Unabhängigkeitspolitik Moskau gegenüber."

Weiteres: Sieglinde Geisel beschwert sich über laute Kopfhörermusik in der S-Bahn und wünscht sich den akustische Raum als Gemeingut. Besprochen werden die neue Ausstellung "Die Essenz der Dinge" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die Schau zur "Arbeitsgruppe 4" im Architekturzentrum Wien, eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt über die jüdisch-russische Einwanderung, Stig Dagermans Roman "Schwedische Hochzeitsnacht" von 1949 und Louise Carpenters Geschichte "Ida & Louise" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 28.04.2010

Bernhard Honnigfort berichtet vom Stand des Hamburger Elbphilharmoniebaus, dessen Kosten für die Stadt der Konzern Hochtief von 70 auf mittlerweile 323 Millionen Euro hat anwachsen lassen. Was den ausführenden Architekten Herzog und de Meuron wiederum herzlich egal ist: "Es war, als hätte man zwei Hunde eine Metzgerei bewachen lassen."

Besprochen werden die große Werkschau Olafur Eliassons im Berliner Martin-Gropius-Bau, Benedikt von Peters "Fidelio"-Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin, New Yorker Krisenkomödien beim Theaterfestival "Voices of Change" in Bielefeld und eine Aufführung von Andre Gretrys "Andromaque" bei den Schwetzinger Festspielen.
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TAZ, 28.04.2010

Klaus-Helge Donath hat sich per E-Mail mit Wladimir Putins Staatsfeind Nummer 1, Michail Chodorkowski unterhalten, der seine Hoffnungen nicht aufgeben will: "Medwedjew versucht, das System zu reformieren. Auch Putin scheint Reformbedarf erkannt zu haben. Vor jeder Reform steht aber eine der schwierigsten Aufgaben: Persönliche Interessen müssen zum Schweigen gebracht werden."

Im Kulturteil unterhält sich Ingo Arzt mit dem Futuristen Max Celko (homepage) über Augmented Reality, also den Übergriff des Netzes auf die reale Welt (man richtet das Handy auf eine Person, und es sagt, wer sie ist): "Für Handys gibt es bereits Anwendungen wie den Browser Layar: Sie filmen die Umgebung, und auf dem Bildschirm blendet das Programm Informationen darüber ein. Die Zukunft gehört aber Brillen mit eingebauten Bildschirmen. Als Zukunftsvision sind auch Augmented-Reality-Kontaktlinsen denkbar."

Weitere Artikel: Kübra Yücel ist in ihrer Eigenschaft als Muslimin zwar sauer über den in der zensierten South Park-Episode im Bärenkostüm auftretenden Mohammed, der eigentlich der Weihnachtsmann ist, aber noch saurer über den Mordaufruf der Gruppe "Revolution Muslim", der nun wieder bewirke, dass sie mit allen Muslimen in einen Topf gesteckt werde. Ralph Bollmann holt anlässlich der niedersächsischen Kruzifix-Debatte die in der taz an sich eingemotteten Werte der Aufklärung aus der Schublade.

Besprochen wird Gianluigi Nuzzis Buch über die "Vatikan AG" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

FAZ, 28.04.2010

Niklas Maak ist sich nicht sicher, ob der isländische Großkünstler Olafur Eliasson inzwischen nicht ein bisschen zu sehr zum Übergroßkünstler geworden ist. Was den Reiz von dessen - nun erstmals in der Wahlheimat Berlin in einer Großausstellung zu bewundernden - Kunst ausmacht, versteht er aber sehr gut: "Sie setzt auf Verblüffung, Überwältigung und auf ein Erstaunen, das den normalen Gang der Dinge im öffentlichen Raum aushebelt, um zu sehen, was dann in ihm passiert. Sie schafft eine künstliche Natur, die - wie ein Kippbild - in einem Moment eine perfekte Illusion erzeugt und im anderen (anders als die Raumillusionen von James Turrell) ihre Konstruktion offenbart. Sie hat einen Hang zum Monumentalformat. Und sie ist für jedermann zugänglich; an Eliassons Arbeiten und Effekten haben auch Kinder ihre Freude."

Weitere Artikel: Christian Geyer findet Aygül Özkans Kruzifix-Satz zwar auch "nicht toll"; schärfer aber kritisiert er die Kirche, weil sie seit Jahr und Tag nichts dagegen sagt, dass das Kreuz, um hängen bleiben zu dürfen, zum bloßen "Kultursymbol" herabgewürdigt wird. In der Glosse berichtet Dirk Schümer, wie Thomas Bernhards Roman "Alte Meister" in Wien am mehr oder minder richtigen Ort im Kunsthistorischen Museum zur einmaligen Aufführung gebracht wurde. Paul Ingendaay verbindet einen Bericht von der argentinischen Buchmesse in Buenos Aires mit Informationen über argentino-spanische und argentino-deutsche Buch- und Übersetzungsverhältnisse. Auf der DVD-Seite porträtiert Bert Rebhandl den als Filmemacher vergessenen und in einer Suhrkamp-DVD-Edition wiederzuentdeckenden Schriftsteller Thomas Brasch. Rüdiger Suchsland stellt den russischen Filmemacher Alexej Balabanov vor. Außerdem werden der Sandalenfilm-Klassiker "Die Fahrten des Odysseus" und der Raoul-Walsh-Western "Silver River" zur Ansicht empfohlen.

Besprochen werden ein Dee-Dee-Bridgewater-Konzert in Frankfurt, ein Kabarettabend von Frank-Markus Barwasser in München, William Forsythes 1984 entstandene Anti-Ballett-Choreografie "Artifact" ("ideologisch vom ersten bis zum letzten Schritt" schimpft die ideologisch anders gewickelte Wiebke Hüster) und Bücher, darunter Josep Maria de Sagarras Barcelona-Roman "Privatsachen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 28.04.2010

Peter Burghardt besucht den Filmemacher Arnold Antonin in Haiti, der die Erdbebenkatastrophe als einer der ersten dokumentierte und seinen Film jetzt vorstellt - und der die Katastrophe hatte kommen sehen: "Antonin hatte mit seiner Sozialvereinigung Mouvman Moun Pou Ayiti Bel, Bewegung für ein schönes Haiti, erst ein Jahr zuvor für Prävention demonstriert. Einmal marschierte der Cineast mit Begleitern durch Port-au-Prince, 'gegen kollektiven Selbstmord', hatten sie auf Transparente geschrieben. Nichts geschah, obwohl Experten immer wieder vor den Konsequenzen des urbanistischen Chaos gewarnt hatten."

Weitere Artikel: Im Aufmacher berichtet Willi Winkler über einen Dokumentenfund des amerikanischen Historikers Jeffrey Herf, der einen Einblick in die Nazipropaganda gegenüber den Arabern gibt. Ulrich Raulff vom Marbacher Literaturinstitut fürchtet um die berühmte Bibliothek des Kunsthistorikers Aby Warburg, die bisher in einem Institut der Londoner Universität aufbewahrt wurde und nun in die Zentralbibliothek eingegliedert werden soll. Diese Eingliederung, so Raulff, würde "den Zusammenhang der einzigartigen Büchersammlung zerstören und sie ihres Sinns berauben".

Auf der Medienseite erzählt Johannes Boie, wie der Konzern Apple die Polizei beim Gizmodo-Blogger Jason Chen einbrechen ließ, dem ein Iphone der nächsten Generation zugespielt worden war. Apple will den Namen des Informanten - Chen beruft sich natürlich auf Informantenschutz. Es muss nun also geklärt werden"ob Blogger denselben Schutz wie klassische Journalisten genießen".

Besprochen werden Cary Fukunagas Film "Sin Nombre" über das Bandenwesen in Lateinamerika, Martin Heckmanns Stück "Hier kommen wir nicht lebendig raus" in Düsseldorf, Ereignisse des Theater-Festivals "Voices of Change" in Bielefeld, eine Ausstellung der Sammlung von Nicole und Herman Daled in München, Beethovens "Fidelio" an der Komischen Oper Berlin und Bücher, darunter Marina Lewyckas neuer Roman "Das Leben kleben" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).