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Heute in den Feuilletons

Hektische Mediensphäre

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.09.2012. In der FR rät Götz Aly zur Wiederherstellung des Landfriedens. Ein Adorno-Preis für Judith Butler? Theoretisch liegen die beiden ja gar nicht so weit auseinander, meint Richard Herzinger in seinem Blog. Eine Gruppe prominenter Akademiker verteidigt Butler in einer Petition. In der FAZ behandelt Ex-Bankier Otmar Issing Jürgen Habermas und Martin Walser als Euroblütenträumer. Und ein Baby, das aufwacht, durchleidet hundert Emotionen pro Minute.

Welt, 04.09.2012

Die Musikerin Amanda Palmer hat über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter innerhalb von vier Wochen 1,2 Millionen Dollar von Fans eingesammelt und so ihr neues Album "Theatre is evil" finanziert. Ihr gefällt die Unabhängigkeit von einem Plattenlabel. Aber das ist nicht für jeden etwas, meint sie im Interview: "Seiten wie Kickstarter schaffen völlig neuartige Möglichkeiten. Für einen bestimmten Typ Künstler funktionieren solche Modelle gut, eben für Musiker, die gerne in Verbindung stehen zu ihren Fans. Oder man braucht ein richtig gutes Team, das so eine Nähe, nun ja, simulieren kann. Und man muss natürlich gewillt sein, Entscheidungen, die sonst in die Kompetenzen eines Plattenlabels fiel, selbst zu treffen."

Weitere Artikel: In der Glosse begutachtet Hans-Joachim Müller Männer in Shorts. Thomas Schmid erklärt, warum das KZ Buchenwald nicht auf die Liste des Weltkulturerbes gehört, wie das Land Thüringen beantragt hat. Peter Zander berichtet vom Filmfest Venedig. Portugal will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk privatisieren, um einen Teil seiner Schulden zu bezahlen, melden Hernan D. Caro und Ekkehard Kern.

Besprochen werden Gianluigi Nuzzis Buch "Seine Heiligkeit" mit Geheimdokumenten aus dem "Intrigantenstadl" Vatikan und Stephan Kimmigs Inszenierung von "Oedipus Stadt" mit einer herausragenden Susanne Wolff in Berlin.

Aus den Blogs, 04.09.2012

(Via Buzzfeed) Aufwachen!


Stichwörter: Buzzfeed

Weitere Medien, 04.09.2012

Eine Gruppe linker Akademiker hat eine Solidaritätserklärung für Judith Butler ins Netz gestellt: "Dass ihr einige diese Anerkennung nun absprechen wollen, ist nicht hinnehmbar. So verständlich ein generelles Misstrauen gegen Kritik an der Politik Israels vor dem Hintergrund des Umstands sein mag, dass solche Kritik nur zu oft als Deckmantel für antisemitische Positionen dient, so unangemessen ist dieser Verdacht jedoch im Fall von Judith Butler." Zu den prominenten Unterzeichnern gehören die documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev, Seyla Benhabib, Diedrich Diederichsen und Gertrud Koch.

Nach ausländerfeindlichen und antisemitischen Taten in Rostock, Zwickau und Berlin in den letzten Tagen meint Götz Aly in seiner FR/Berliner Zeitungskolumne, dass ein sozialarbeiterischer Ansatz - mehr Unterweisung in der Geschichte des Holocaust - der Lage nicht gerecht wird: Vielmehr "geht es darum, Grenzen zu ziehen und die Verletzung des Landfriedens aus politischen und weltanschaulichen Motiven - insbesondere das Schlagen, Treten und Morden von Menschen, weil sie nicht der eigenen, sondern einer anderen Gruppe zugerechnet werden - unnachsichtig zu verfolgen und hart zu bestrafen."

Im Interview mit Michael Huber für den Wiener Kurier antwortet Nicholas Lemann von der Journalismus-Schule an der New Yorker Columbia University, warum die Kategorisierung der Ausbildung in Print, Fernsehen, Radio und Online an der Schule aufgegeben wurde: "Egal, in welchem Medienbetrieb unsere Absolventen beschäftigt sind, ihr erster Job ist meistens bei der Website. So beschäftigt etwa ABC News Leute, die Texte für die Website schreiben; Zeitungen beschäftigen Leute, die Videos für die Website filmen, und auch innerhalb jedes Feldes verändert sich alles stark. Wir fühlen uns nicht wohl damit, den Studierenden zu sagen: Wenn du im Fernsehen oder Radio arbeiten willst, müssen wir dir nicht beibringen, wie man eine Story schreibt."
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TAZ, 04.09.2012

Micha Brumlik macht sich in seiner Kolumne Gedanken über den vielzitierten "jüdischen Antisemitismus", angesichts der Satmarer Chassidim, die zum Al-Quds-Tag an der Spitze von Hamas- und Chomeini-Anhängern in Berlin marschierten. Cristina Nord hat in Venedig zwei argentinische Filme über den Wald gesehen.

Besprochen werden eine Werkschau des französischen Regisseurs Jean Rollin im Filmmuseum München, Jan Bosses "Platonow"-Inszenierung im Thalia Theater Hamburg, das Album "… ya know?" mit bisher unveröffentlichten Songs des 2001 gestorbenen Joey Ramone.

Und Tom.

Aus den Blogs, 04.09.2012

So daneben liegt ein Adorno-Preis für Judith Butler gar nicht, meint ein sarkastisch gestimmter Richard Herzinger in seinem Blog. Erstens erkennt er in der "notorischen Methode, die Aufklärung mittels des Popanzes der 'Dialektik' zu erledigen" eine Verwandtschaft in beider Denken, und zweitens lägen die Kritiker der Preisverleihung an Judith Butler ganz und gar schief mit ihrem Versuch, "Adorno zum kämpferischen Verteidiger Israels zu stilisieren. Adorno sei zwar nicht wie Butler ein Antizionist gewesen, aber "der eher ängstliche Frankfurter Chefdialektiker hat sich, wie sein Kompagnon Horkheimer, wohlweislich niemals öffentlich explizit auf die Seite Israels gestellt. Bei den einschlägigen Zitaten, die jetzt von den Butler-Kritikern verbreitet werden, und in denen Adorno vor dem Sechstagekrieg 1967 seine Angst vor der Zerstörung des jüdischen Staats durch die Araber ausdrückte, handelt es sich um Briefstellen. Nicht einmal 1967 jedoch konnten sich Adorno und Horkheimer dazu durchringen, sich öffentlich für Israel zu erklären - im Gegensatz etwa zu Ernst Bloch und Günter Grass (!!!)."

NZZ, 04.09.2012

Daniela Tan berichtet von zunehmenden Diskussionen im shintoistisch-buddhistischen Japan über den Wert des einzelnen Lebens. In der Reihe zur Stabilität der Demokratie befasst sich der Politikwissenschaftler Georg Kohler auch mit der "Verdummung und Paralysierung der Öffentlichkeit durch eine hektische Mediensphäre". Barbara Villiger Heilig stellt die Theaterfrau Iris Laufenbger vor, die vom Berliner Theatertreffen nach Bern zum Stadttheater wechselt.

Auf der Medienseite widersprechen die beiden Kulturwissenschaftler Andreas Pfister und Philippe Weber dem Bild von heutigen Jugendlichen als Digital Natives, die sich so intuitiv wie naiv durch das Netz bewegen.

Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung über das Jahr 1917 im Centre Pompidou Metz (die Marc Zitzmann "grandios" findet), Richard Fords Roman "Kanada" und Chandrahas Choudhurys Debütroman "Der kleine König von Bombay" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 04.09.2012

Der Bankier Otmar Issing, ehemals Europäische Zentralbank, wendet sich gegen die Idee, ausgerechnet die Eurokrise als ein Moment zu stärkerer europäischer Integration zu nutzen, wie es Jürgen Habermas forderte, und er wendet sich auch gegen Martin Walsers mit viel Hölderlin und Griechtentum geschmückten Aufruf, die Schulden auf ganz Europa zu verteilen: "Die Relativierung des Wirtschaftlichen sollte man nicht zu weit treiben. Gewiss, mehr als sechs Jahrzehnte des Friedens in Europa - von einigen schrecklichen Ereignissen abgesehen - sind die größte Errungenschaft, die es zu bewahren gilt. Aber ohne den wirtschaftlichen Erfolg wäre die europäische Integration schon in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ins Stocken geraten. Die EU verdankt ihre Attraktivität vor allem - wenn nicht allein - diesem Erfolg."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru schildert das immer entspanntere Verhältnis der Israelis zu Hunden - inklusive der Gründung eines Dog TVs (mehr hier). Richard Gutjahr berichtet, dass sich heute auch in Israel eine Piratenpartei gründet.

Besprochen werden Schönbergs "Moses und Aron" zur Eröffnung des Berliner Musikfests, die Ausstellung über die Olympischen Spiele der Antike im Berliner Gropiusbau, Samuel Barbers Oper "Vanessa" zur Spielzeiteröffnung in Frankfurt, Wajdi Mouawads Stück "Verbrennungen" im Deutschen Theater Berlin und Bücher, darunter Julia Schochs Roman "Selbstporträt mit Bonaparte" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 04.09.2012

Kia Vahland beleuchtet die Hintergründe der in einem erst kürzlich geknacktenTresor der Nationalsozialisten in München entdeckten, lange Zeit verschollen geglaubten Habilitationsschrift von Erwin Panofsky: "Dass es ausgerechnet ein Münchner NS-Tresor war, der den Text verschluckt hat, ist von historischer Bitterkeit. Am kunsthistorischen Institut der hiesigen Universität regierte der Nationalist Wilhelm Pinder, bevor er eine NS-Karriere in Berlin machte. Über die Vertreibung Panofskys frohlockte er offen." Dass die Habilitation in diesem Haus erhalten bleiben konnte, dürfte an der dortigen Beschäftigung eines Panofsky-Schülers während des "Dritten Reiches" liegen, mutmaßt Vahland zudem.

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh sieht beim Filmfest in Venedig neue Filme von Olivier Assayas und Susanne Bier und mutmaßt, ob Gott wohl aus Groll über den tiefreligiösen Wettbewerb (ein "Gemischtwarenladen für diverse Glaubensrichtungen") schlechtes Wetter über der Stadt verhängt hat. Harald Eggebrecht malt sich beim Blick in den Schwabinger Bombenkrater ganze Filmszenarien aus. Wolfgang Schreiber berichtet vom Musikfest Berlin (Website). Catrin Lorch spricht mit der Fotografin Hilla Becher über den Hochofen IV in Duisburg-Bruckhausen, der kurz vor der Demontage steht. Willi Winkler schreibt den Nachruf auf den Sektengründer Sun Myung Moon.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten des Bildhauers Robert Jacobsen im Museum Würth, das neue Album von Chilly Gonzales (das bei Axel Rühle nur Achselzucken hervorruft) und Bücher, darunter Viola di Grados "bemerkenswerter" Debütroman "Siebzig Acryl, dreißig Wolle" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).