Magazinrundschau

Helden der Globalgeschichte

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.08.2020. Überreiche Ausbeute diese Woche: Die NYRB lernt, dass man im 18. Jahrhundert als Schwarzer gegen Rassendiskriminierung kämpfen und trotzdem Sklaven besitzen konnte. La vie des idees lernt, dass Aufklärung ein Ursprung des Rassismus ist und trotzdem die Abolition beförderte. Der Guardian lernt in Melbourne, dass es jetzt eine globale schwarze Identität gibt. Africa is a Country blickt auf die neuen Privatstädte in Afrika. Auch in Weißrussland hätte es nach der Wende eine Stasi-Aufarbeitung geben müssen, erklärt Swetlana Alexijewitsch in Eurozine. Die NYT staunt über die irakische Kleptokratie, die fröhlich das Land plündert.

New York Review of Books (USA), 20.08.2020

Nirgends wurden versklavte Afrikaner grausamer und tödlicher ausgebeutet als auf den englischen Zuckerplantagen der Karibik. Fara Dabhoiwala zeigt, wie die englische oder schottische Aufklärung mit der Rechtfertigung der Sklaverei vor sich selbst einknickte: "Wichtiger noch als die Frage der Sprachmacht war im 18. Jahrhundert die Definition des Menschseins. Die Abolitionisten erklärten, dass die Eloquenz von Sklaven und Afrikanern ihren gleichen Rang als Menschen bewiesen, doch die meisten Europäer hielten es für selbstverständlich, dass schwarzes Sprechen von Natur aus minderwertig sei, wenn nicht tierisch. Als 1753 der Philosoph David Hume beweisen wollte, dass 'Weiße' allen anderen menschlichen 'Arten' überlegen seien, griff er beherzt zu einem westindischen Beispiel, das eigentlich das Gegenteil bewies: 'In Jamaika sprechen sie von einem Neger, als hätte er Stimme und Verstand; aber er wird wohl für eine recht dürftige Fähigkeit bewundert, wie ein Papagei, der ein paar Wörter hintereinander sagen kann.' Eine schwarze Stimme konnte nicht mehr sein als rohes Geschrei. Auf derartiges Denken stützte sich die Akzeptanz des Sklavenhandels. Auch wenn Hume es nicht einmal für nötig hielt, den Namen des Mannes zu nennen, den er so verächtlich machte, handelte es sich bei ihm nicht um einen Sklaven, sondern einen ungewöhnlich privilegierten freien schwarzen Jamaikaner, Francis Williams, einen Mann von Besitz, der in London als Anwalt ausgebildet worden war, ein des Lateinischen mächtiger Poet und Mathematiker, der seinerseits Sklaven besaß. Da die Weißen auf den westindischen Inseln so erpicht darauf waren, die Unterscheidung zwischen Sklaverei und Freiheit synonym zu machen zu der zwischen Schwarz und Weiß, war es für sie äußert ärgerlich, wie einer führender Sklavenbesitzer beklagte, dass Williams nicht den Anstand besaß zu schweigen, sondern öffentlich darauf pochte, dass Hautfarbe nichts mit Intelligenz zu tun habe: 'Tugend und Verstand haben keine Farbe, auch nicht Kunst oder ein aufrichtiger Geist', schrieb er. Weiße Jamaikaner versuchten wiederholt, seine Stimme zum Schweigen zu bringen, doch niemals ganz erfolgreich. Als das Parlament der Insel ein Gesetz verabschiedete, dass seine Rechte stutzen solle, reichte Williams erfolgreich bei den englischen Behörden Beschwerde ein - als gebildeter, wohlhabender freigeborener Sklavenbesitzer."

Weiteres: Jonathan Freedland liest Neuerscheinungen zur politischen Desinformation, mit der vor allem Wladimir Putins Klickfabriken etliche Demokratien destabilisierte, darunter Thomas Rids "Active Measures" und Philip N. Howards "Lie Machines". In keinem Land zirkuliert so viel Desinformation wie in den Vereinigten Staaten, erschrickt Freedland: "Die USA wiesen den höchsten Stand an Informationsmüll auf, während der Präsidentschaftswahl 2016 lag das Verhältnis von seriösen Nachrichten und Infomüll, die bei Twitter geteilt wurden, bei eins zu eins."

La vie des idees (Frankreich), 31.07.2020

Der Député Jean-Baptiste Belley, porträtiert von Anne-Louis Girodet im Jahr 1797
Die Aufklärung ist ein Zeitalter der Stereotypisierung und Klassifizierung und damit auch ein Ursprung des Rassismus, lernt Guillaume Mazeau aus Anne Lafonts Band über "L'art et la race - L'Africain (tout) contre l'œil des Lumières". Immerhin, gesteht sie ein, "fördert die Aufklärung zugleich die Entstehung des transatlantischen Sklavenhandels und den Aufstieg antikolonialer Kritik, die Verschärfung der Segregation nach Rassen und den Abolitionismus". Auch war das 18. Jahrhunder ein großes Zeitalter des Porträts, und bei Malern wie Maurice Quentin La Tour waren schwarze Personen keineswegs verdinglicht oder erniedrigt, so Mazeau. "Aber die Lücke ist schmal: Nur einige Gesichter zeichnen sich durch den Nebel der Millionen Gesichtslosen ab, wie zum Beispiel der stolze Abgeordnete Jean-Baptiste Belley, den der Maler Girodet im Salon von 1797 ausstellt oder Yarrow Mamout, gemalt von Charles Willson Peale (1819). Denn Revolutionen sind auch eine Zeit der Unsichtbarmachung von Minderheiten, denen der Bürgerstatus verwehrt wird: Anne Lafont zeigt, wie der afro-indianische Aufständige Crispus Attucks, eines der ersten Opfer des Massakers von Boston von 1770, von Gravuren gelöscht wird. Abgesehen von wenigen Ausnahmen ist der revolutionäre Heroismus der atalantischen Revolution weiß und männlich, wie es auch das Schickal Toussaint-Louvertures bezeugt, dieses 'Helden ohne Bildnis'."

New Yorker (USA), 22.07.2020

Isaac Chotiner unterhält sich mit dem Philosophen Thomas Chatterton Williams, Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, über Hautfarbe und Identität. Anders als etwa Ta-Nehisi Coates verweigert sich Williams der Vorstellung, sein Schwarzsein müsse Dreh- und Angelpunkt seiner Identität sein. Er hat außerdem wesentlich zu dem Offenen Brief beigetragen, der vor der grassierenden Cancel Culture warnt, die die Meinungsfreiheit bedrohe: "Viele Leute behaupten, dass es so etwas wie Cancel Culture gar nicht gibt, und dann nennt man ein Beispiel und sie sagen: 'Aber diese Person hat es verdient.' Es müssen ja auch gar nicht viele sein, die davon betroffen sind, ein paar hochkarätige Fälle als warnende Beispiele genügen. Der Rest von uns sieht das und ändert sein Verhalten entsprechend. Wir ändern aber nicht nur ein Verhalten, über das man diskutieren kann, ob es falsch sei. Wir halten uns schon weit von dieser Grenze fern, und das hat eine verengende und ich glaube, wirklich erdrückende Wirkung nicht nur auf die Rede, sondern auch auf das Denken ... Es gab einen Gegenbrief, der meint, Schwarze seien schon immer gecancelt und ausgeschlossen worden. Ich bin der Sohn eines Schwarzen, der im segregierten Süden geboren wurde. Ich bin sehr vertraut mit der Art der Cancel-Culture, die mein Vater ertragen musste. Was mich aber stört und beunruhigt, ist, dass die Welt, die wir schaffen, eine Welt ist, in der wir nicht wirklich versuchen, alle so sicher zu machen wie der heterosexuelle Weiße es einmal war. Wir versuchen tatsächlich, jeden so unsicher zu machen, wie es mein Vater früher war."
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Archiv: New Yorker

New Republic (USA), 29.07.2020

Williams (siehe oben der New Yorker) glaubt fest daran, dass die Vorstellung von "Rassen" eines Tages überwunden werden kann. Ryu Spaeth, der viele Gemeinsamkeiten mit Williams sieht (auch er das Kind gemischter Eltern, aufgewachsen in einem Haushalt voller Bücher), stellt bei der Lektüre von Williams Büchern fest, dass er diese Überwindung für sich selbst gar nicht will. Sein Konzept wäre ein anderes: "Wie Williams möchte ich, wie alle Menschen guten Glaubens, einen Ort erreichen, an dem unsere Politik universell ist und auf das Wohl aller hinarbeitet. Die Frage ist, wie man dorthin gelangt. Durch die Vermittlung von Ideen, die auf einem Stück Papier geschrieben stehen, an unsere Kinder? Oder durch Einfühlungsvermögen für andere Menschen, auch für solche, die uns vielleicht fremd erscheinen? Letzteres macht den wesentlichen Reiz der Identitätspolitik aus, die nicht engstirnig oder spaltend ist, sondern das Gegenteil: ein Vehikel für Solidarität, Gemeinschaft und echte Inklusivität. Der Weg zur Lösung des Rassenproblems in diesem Land besteht nicht darin, Rasse zu transzendieren, sondern sie zu umarmen, sie als eine Einladung an alle zu nutzen, die grenzenlose Vielfalt der Menschheit zu verstehen. Welcher Politik ich auch immer folge, sie beruht auf dieser Wahrheit, die allen bekannt ist, die sich immer noch People of Color nennen: dass der andere, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, ich bin."

Weitere Artikel: Ben Schwartz liest Charlie Kaufmans Roman "Antkind", der "auf die schlimmste Art von Kritiker zielt". Und Rumaan Alam bespricht die Coronavirus-Essays von Zadie Smith.
Archiv: New Republic

Eurozine (Österreich), 30.07.2020

Auch in Weißrussland hätte es nach der Wende eine Stasi-Aufarbeitung geben müssen, sagt Swetlana Alexijewitsch in einem sehr langen Gespräch mit Siarhej Sapran (das ursprünglich in der weißrussischen Zeitschrift Dziejaslou erschien). So sei der Kommunismus zwar nicht wiedergekommen, aber die Gesellschaften haben sich nicht demokratisiert. Andererseits bemerkt sie, dass dann auch ihr Vater in den Sog der Aufarbeitung gekommen wäre, denn er war in der Partei: "Und auch seine Freunde. Sie waren intelligente und anständige Leute, die ehrlich an den Kommunismus glaubten. Mein Vater fand die Idee dahinter hervorragend, aber er sagte, dass Stalin sie kaputt gemacht hatte. Ich erinnere mich, wie ich mich nach meinem Afghanistan-Aufenthalt mit ihm gestritten habe. 'Glaub' denen nicht alles, was sie erzählen, Vater. Wir bringen da Leute um.' Zum ersten Mal hat mein Vater nicht geantwortet. Er weinte. Das war ein riesiger Schock. Aber er behielt seinen Parteiausweis bis zu dem Tag, an dem er starb. Als ich ihn da weinen sah, hörte ich auf zu streiten. Er tat mir leid. Ich verstand, dass das wichtigste für mich die liebevolle Beziehung zu meinem Vater war."
Archiv: Eurozine

LA Review of Books (USA), 20.07.2020

Jesse McCarthy versucht uns anlässlich eines gleichnamigen Buchs von Frank Wilderson zu erklären, was "Afropessimismus" ist. Es bleibt eher vage: Schwarzsein als sozialer Tod, als auf ewig ans Sklavensein gebunden, ohne Rettung, weil die Gewalt gegen Schwarze Grundvoraussetzung heutiger Zivilgesellschaften sei (mehr in der Wikipedia). In einem sehr ausführlichen Text setzt sich McCarthy mit dieser Theorie, die keine sein will, auseinander. Aber mit Wildersons Buch wird er nicht warm. Die Einebnung jeder historischen Realität geht ihm spürbar auf die Nerven: "Die Plantage ist überall und immer. Sie ist ontologisch, was bedeutet, dass sie transhistorisch allen Schwarzen, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, zugeordnet ist. Wie weit geht das? In seiner akademischen Monografie über Filmwissenschaften, 'Red, White & Black' (2010), behauptet Wilderson unverblümt, dass schwarze Akademiker keine Subalternen im akademischen Betrieb sind, sondern 'Sklaven ihrer Kollegen'. Ist Herablassung im Vorlesungssaal wirklich dasselbe, wie ausgepeitscht, an der Straßenecke mit Steinen beworfen oder als Jugendlicher auf Rikers Island in Isolierhaft gesteckt zu werden?" Da hält McCarthy es lieber mit anderen schwarzen TheoretikerInnen: "Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, dass Fred Hampton, bevor er ermordet wurde, die armen Weißen ermutigte, ihre Position mit der der armen Schwarzen zu vergleichen. Zum Zeitpunkt seiner Ermordung befürwortete Malcolm X rassenübergreifende Koalitionen und bemühte sich aktiv darum, sie in seine neue Organisation zu integrieren. Ella Baker förderte aktiv die Vertiefung der organisatorischen und aktivistischen Verbindungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften, indem sie den gemeinsamen Kampf und die gemeinsame Unterdrückung betonte. Welche Beweise haben wir andererseits dafür, dass die Macht hinter dem Status quo bei dem Gedanken erbebt, Schwarze könnten sich in Isolation versammeln, um das Ende der Welt zu betrauern?"

Guardian (UK), 11.07.2020

Im vierten Teil einer sechsteiligen Serie über Sozialwohnsiedlungen in Melbourne erzählen James Button und Julie Szego von der Kluft zwischen afrikanischen Einwanderern der älteren Generation und den Jüngeren, die oft in Australien geboren wurden. Nor Shanino und sein Freund Ahmed Dini versuchen, zwischen den Generationen zu vermitteln. Während die Älteren sich erinnern, was für grauenvolle Zustände teilweise in ihren Heimatländern herrschten, sind die Jüngeren oft überzeugt, Australien sei die Hölle, aus der sie nie in den Himmel der Weißen aufsteigen können. Mit der Realität hat das weniger zu tun als mit amerikanischen Vorbildern, stellen Shanino und Dini fest: "'Anstelle von lokalen Identitäten nehmen junge Menschen oft eine globale schwarze Identität an', sagt Nor. Der Aufstieg von Black Lives Matter in Australien ist ein markantes Beispiel. 'Viele junge Leute in der Sozialwohnsiedlung kleiden sich, reden, gehen genau wie Afroamerikaner. In jüngster Zeit ist es der britische Rap. Sie mischen amerikanischen und britischen Slang. Als wir aufwuchsen, benutzten wir australische Terminologie, australischen Slang'. Die Online-Welt treibt diese Veränderungen voran. ... ... 'Für sie ist von klein auf alles global. Dies geschah in Amerika. Dies geschah in Finnland. Sie sind in einer globalen eritreischen Jugenddiskussionsgruppe online - mit Jugendlichen in ihrem Alter und mit ihrem eigenen Hintergrund, die aber keine Ahnung haben, was sozialer Wohnungsbau ist. Oder sie lesen von einer Schießerei in Amerika oder von etwas, das in Südafrika passiert ist, und sie sagen: Seht ihr, das passiert überall, so ist die Welt. Und ich sage: Moment mal, man kann nicht etwas aus einem völlig anderen Ökosystem nehmen und es über Melbourne stülpen, ist das euer Ernst? Man erschafft neue Dinge, die nicht wirklich existieren.'"

Matthew Taylor erzählt in einem nicht gerade von allzu kritischem Geist angekränkelten Riesenartikel die Geschichte der Protestbewegung Extinction Rebellion, um die es nur scheinbar ein wenig still geworden ist. Für September hat die Bewegung Protestaktionen vor dem Westminster Palace angekündigt, wo das Parlament gezwungen werden soll, über die apokalyptische Agenda der Gruppe zu beraten. Taylor behauptet, dass sich die Gruppe von der Coronakrise, die die Klimafrage verdrängt hat, dennoch bestärkt fühlt, weil sie zeige, dass es möglich ist, die Wirtschaft stillzulegen: "Im Lauf des Sommers wuchs dieses Gefühl politischen Potenzials als die Black Lives Matter-Proteste weltweit explodierten und Millionen von Menschen auf die Straße gingen, um grundlegende Änderungen der Polizeiarbeit und ein Ende des strukturellen Rassismus zu fordern. Laut der Aktivistin Zoë Blackler haben die Krisen des Jahres 2020 'unterstrichen, dass Klimawandel, strukturelle Ungleichheit und Rassismus alle die gleiche Wurzel haben, und das ist unser globales Finanzsystem'." Man hat allerdings auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Klimabewegung vorwiegend weiß ist und auch dazu die entsprechende Prosa entwickelt: "Am 1. Juli gab XR eine Erklärung ab, in der man sich für frühere Fehler entschuldigt: 'Wir erkennen, dass unsere Taktik, Festnahmen zu provozieren, die Beteiligung privilegierter Menschen erleichterte und dass unsere Verhaltensweisen das System der white supremacy bestärkten. Dafür entschuldigen wir uns.'"

Der Gründer und Charismatiker der Bewegung Roger Hallam hat sich übrigens aus dem direkten Stab zurückgezogen und eine Partei namens "Beyond Politics" gegründet, mit der er die "genozidale Regierung" zu Fall bringen und das "schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit" bekämpfen will.
Archiv: Guardian

Damage (USA), 17.07.2020

Was bringt Schweden oder Neuseeländer dazu, Black-Lives-Matter-Demonstrationen abzuhalten, fragt sich erstaunt der in Brasilien lebende Journalist Alex Hochuli. "Was könnte 'white privilege" in Finnland, in Polen oder auf dem Balkan (wo es ebenfalls Solidaritätsproteste gab) bedeuten? Dieses Privileg hat den Bewohnern dieser Länder im 20. Jahrhundert wenig genützt. Das heißt nicht, dass es dort keine Rassenvorurteile gibt, aber die Wurzeln sind ganz andere." Selbst in Brasilien findet er diese Anverwandlung seltsam. "Einer der populärsten Rapper Brasiliens, Emicida, argumentierte vernünftigerweise, dass er nicht demonstrieren würde, weil 'wir strategisch und nicht emotional sein müssen..., wir sind im Moment nicht organisiert genug'. Größere staatliche Repression als Reaktion darauf würde die Schwarzen und Armen am härtesten treffen. Als ein linker Influencer (herablassend) erwiderte, dass Emicida offensichtlich nicht Rosa Luxemburg über den Massenstreik  gelesen habe, führte dies zu einem 'Rosa Luxemburgo'-Trend im Land. Statt einer dringend notwendigen strategischen Debatte darüber, wie man gegen Bolsonaro, Rassismus und Polizeibrutalität mobilisieren könnte, wurde die Diskussion von Bestrebungen dominiert, den Influencer wegen Rassismus zu canceln und die (jüdische) Luxemburg als 'weiße Autorin' abzutun - allesamt erbittert durchdrungen vom Schema der Rasse und der Privilegien, wer ein Recht zu sprechen oder eine Pflicht zum Zuhören hat. ... Wir werden gerade Zeugen eines globalen Triumphs des amerikanischen Idealismus, ausgerechnet in dem Moment, in dem die amerikanische Soft Power auf ihrem Tiefpunkt angelangt ist. Für die jungen Demonstranten in den Ländern der reichen Welt sind die Sünden ihrer eigenen Länder in Wirklichkeit amerikanische Sünden. Wie ein Freund aus den Niederlanden, Anton Jäger, mir gegenüber bemerkte, 'ist die Art und Weise, wie Niederländer kein niederländisches Problem mehr erklären können, ohne sich auf amerikanische Kategorien zu berufen, wirklich schockierend'."
Archiv: Damage
Stichwörter: Rassismus, Balkan, Privilegien

New Politics (USA), 11.06.2020

Auch in Indien ist man ganz für Black Lives Matter - das erspart einem das Reden über Kasten, notiert Aarushi Punia. Unmöglich, sich vorzustellen, der Tod eines Dalit könnte in Indien so viel Aufsehen erregen wie der Tod George Floyds. "Der Grund dafür ist, dass das Leben der Dalit in der Vorstellung der oberen Kaste als überflüssig und wertlos gilt. Die Kastendiskriminierung ist immer noch nicht als ein international auftretendes Phänomen anerkannt. ... Achille Mbembe behauptet, dass 'Rasse nicht als physische, anthropologische oder genetische Tatsache existiert'. Es ist von entscheidender Bedeutung zu verstehen, dass die Kastenzugehörigkeit ebenso ein soziales Konstrukt ist wie die Rasse. Die Tatsache, dass durchschnittliche Inder der oberen Kasten über Rassismus sprechen, aber nicht über Kastenzugehörigkeit, zeigt ihre Doppelzüngigkeit und Heuchelei."
Archiv: New Politics
Stichwörter: Mbembe, Achille, Rassismus

Standpoint (UK), 10.07.2020

Der Kampf für Minderheitenrechte ist richtig und wichtig, erklärt Remi Adekoya, aber warum tut man im Westen so, als hätten wir als einzige dieses Problem? Stellt man sich damit nicht schon wieder auf ein Podest? "Wir sollten uns immer der besonderen Aspekte der britischen Mehrheit-Minderheit-Beziehungen bewusst sein, wie zum Beispiel des historischen Kontextes von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus, aber wir können nicht vernünftig einschätzen, wie gut die britische Gesellschaft dasteht, wenn wir so tun, als sei sie ein abstraktes Gebilde, das vom Rest der menschlichen Erfahrung losgelöst ist. So wie wir zu Recht vergleichen, wie fair verschiedene rassische Gruppen in Großbritannien behandelt werden, sollten wir auch vergleichen, wie Großbritannien im Verhältnis zu anderen menschlichen Gesellschaften aus Fleisch und Blut in diesem Bereich abschneidet. Es darf sicher annehmen, dass der Konsens unter schwarzen und braunen Intellektuellen heute darin besteht, dass die westlichen Gesellschaften mit weißer Mehrheit anderen Gesellschaften moralisch nicht überlegen sind. Aber wenn sie moralisch nicht überlegen sind, aus welchen Gründen stellen wir dann höhere Anforderungen an sie als an andere, wenn es um die Behandlung von Minderheiten geht? Auf welcher moralischen Grundlage stellen wir an Britannien höhere Anforderungen als an China, Indien oder Nigeria? Ich sage nicht, dass es darauf keine gute Antwort gibt, ich sage nur, dass es sich lohnt, über die logische Konsequenz einer solchen Antwort nachzudenken."
Archiv: Standpoint
Stichwörter: Rassismus, Kolonialismus

Times Literary Supplement (UK), 17.07.2020

Wie bilden wir uns eine Meinung? Wie benutzen wir Fakten? Der Linguistikprofessor N.J. Enfield hat dazu einige sehr instruktive Bücher gelesen, zum Beispiel "Not Born Yesterday" des Kognitionswissenschaftlers Hugo Mercier, der glaubt, dass wir nicht halb so beeinflussbar sind, wie immer getan wird: "Voltaire sagte: 'Wer andere dazu bringen kann, an Absurditäten zu glauben, wird sie auch dazu bringen, Gräueltaten zu begehen.' Aber nein, meint Mercier, es ist genau anders herum: 'Es ist der Wunsch, Gräueltaten zu begehen, der einen dazu bringt, Absurditäten zu glauben.' Diese Umkehrung mag beunruhigend sein, aber sie hat den Vorzug, dass sie die Menschen für ihre Entscheidungen verantwortlich macht. Merciers Argument gegen die Leichtgläubigkeit gründet sich auf eine evolutionäre Entwicklung der menschlichen Kognition und Kommunikation, in der der Verstand nicht verwanzt, sondern gut abgestimmt und für soziale Interaktion angepasst ist. Wenn Empfänger von Nachrichten geneigt wären, alles zu glauben, was sie hören, so sagt er, hätte sich die menschliche Kommunikation, wie wir sie kennen, nicht entwickeln können. Diejenigen, die so verdrahtet sind, dass sie unbestätigte und unwahrscheinliche Behauptungen akzeptieren, wären zu leicht von anderen ausgenutzt worden, die zufällig anders verdrahtet waren. Leichtgläubige Menschen wären entweder klüger geworden, oder sie wären schnell aus dem Genpool ausgeschieden." Der Soziologe Linsey McGoey korrigiert wiederum in "The Unknowers" den amerikanischen Gründungsvater James Madison, "der einst sagte, 'Wissen wird immer die Ignoranz regieren'. Das ist die Logik hinter der Herrschaft der Philosophen, Platons Ideal einer Regierung. Wenn wir herausfinden können, wer am meisten weiß, können wir ihm allein die Entscheidungsbefugnis übertragen. Das klingt in der Theorie gut, aber McGoey weist auf eine weitere Umkehrung hin: In der Praxis wird denen, die es wissen, nicht die Entscheidungsgewalt übertragen. Stattdessen werden diejenigen, die die Entscheidungsgewalt haben, zu denen, die 'wissen'."

Außerdem: Lesley Downer liest höchst angeregt Amy Stanleys Geschichte einer Japanerin aus dem 19. Jahrhundert, "Stranger in the Shogun's City".

Africa is a Country (USA), 31.07.2020

In Afrika entstehen seit einiger Zeit nagelneu Privatstädte: Eko Atlantic in Lagos, Tatu City in Nairobi, Hope City in Accra oder Cité le Fleuve in Kinshasa, erzählt Katie Jane Fernelius in einer Reportage. Schicke Glasbauten, die alle Probleme der alten übervölkerten Großstädte lösen sollen: die ökonomischen wie klimatischen und Wohnungsprobleme. Selbst arme Bewohner, die in diese gated communities niemals hineingelassen würden, sehen sie oft als Fortschritt. "In einem Aufsatz über urbane Phantasien analysiert Vanessa Watson, Professorin für Stadtplanung, einige dieser neuen Stadtprojekte. Was sie gemeinsam haben, ist ihre schiere Größe. Im Einklang damit neigen diese Städte dazu, einen nicht näher spezifizierten Plan für die Verwaltung zu teilen, wobei sie demokratische Prozesse in ihrer Entwicklung vernachlässigen und ihre Schöpfer stattdessen Listen von Unternehmen des privaten Sektors, die für ihre Gründung verantwortlich sind, herunterrasseln. ... Aber Eko Atlantic ist mehr als nur ein auffälliges Projekt für die Reichen, Eko Atlantic ist eine konkrete Offshore-Bilanz. Die Idee, Lagos zum Dubai Afrikas zu machen, erhält neue Bedeutung im Lichte des Dubai-Berichts von Matthew Page, der auf Daten über den Kauf von Luxusimmobilien in den Vereinigten Arabischen Emiraten basiert, in denen über 800 Immobilien gefunden wurden, die 'politisch exponierten Personen' Nigerias (d.h. Politikern) gehören. Wie Page schreibt, 'könnte ein unbekannter, vielleicht beträchtlicher Teil der über 400 Millionen Dollar, die sie zum Kauf von Immobilien in Dubai verwendet haben, Teil eines Flusses illegaler Finanzströme aus Nigeria sein, die der Think Tank Global Financial Integrity konservativ auf insgesamt 178 Milliarden Dollar von 2004 bis 2013 geschätzt hat'. Eko Atlantic positioniert sich möglicherweise nicht nur in ästhetischer Hinsicht als das Dubai Afrikas, sondern auch dadurch, dass es nachahmt, wie Dubai mit riesigen Geldtransfers umgeht: mit wenig Beaufsichtigung und Straffreiheit. Wenn man das Beste annimmt, ist Eko Atlantic ein großartiger Ort, um Steuern oder Finanzvorschriften zu umgehen; im schlimmsten Fall ist die Privatstadt ein perfekter Ort, um unrechtmäßig erworbenes Geld zu parken. Privatstädte wie Eko Atlantic befreien sich von einem konkreten politischen Kontext, indem sie weniger einem Nationalstaat angehören als vielmehr zu einem Stadtstaat für sich selbst werden."

Außerdem: "Men Lebsa Neber" ist Amharisch und heißt: was sie trug. Es ist auch der Titel einer Ausstellung in Äthiopien, die die Kleider von Vergewaltigungsopfern zeigt, erzählt Seble Samuel. Zahra Moloo bespricht Janet McIntoshs Buch "Unsettled: Denial and Belonging Among White Kenyans".

Merkur (Deutschland), 01.08.2020

Seit den neunziger Jahren ist die Globalgeschichte das angesagte Paradigma der Geisteswissenschaften, doch nach dem Brexit und Donald Trump dürfte nun auch die Corona-Pandemie der Vorstellung zunehmender Weltintegration einen Strich durch die Rechnung machen, schreiben die Historiker Stefanie Gänger und Jürgen Osterhammel: "Die Wirklichkeit lehrt uns derzeit nicht nur, dass Integration und Beschleunigung reversibel sind und globale Prozesse regressiv verlaufen können. Zu Verschiebungen dürfte es auch an anderer Stelle kommen. Wenn das 'Globale' zunehmend mit Pandemie und Katastrophe assoziiert wird, was bedeutet das für die bislang herrschende 'Euphorie für Bewegung, Mobilität und Zirkulation', die Sebastian Conrad bereits vor einigen Jahren in der weltweiten globalhistorischen Community festgestellt hat? Und was folgt daraus für den Umgang mit vordergründig technischen Fachbegriffen wie 'Konnektivität' oder 'Zirkulation', die Globalhistorikerinnen und -historikern allzu leicht über die Lippen kommen und von ihnen fast ausschließlich mit positiver Konnotation verwendet werden? Die Helden der Globalgeschichte sind die Reisenden, die Kosmopoliten und cultural brokers. Die gegenwärtige Krise aber hat die Wahrnehmungen und Wertungen innerhalb weniger Tage und Wochen (normalerweise verläuft Einstellungs- und Wertewandel eher träge) radikal umgepolt: Die bedrohliche, toxische, gar todbringende Seite von 'Konnektivität' und weltweiten Verbindungen, die zuvor allenfalls im Widerstand gegen eine ökonomische Globalisierung aufschien, tritt nun für alle sichtbar hervor. Der Reisende wird zum Unheilbringer, der cultural broker zum grenzüberschreitenden Verbreiter von Verschwörungsfantasien."

Chris Decker erkundet das zerklüftete Terrain, auf dem sich "diverse Kilmatologenkulturen" angesiedelt haben, um Daten und Materialien zur Erforschung ihres Gegenstands zu bergen und zu bewahren: "Eisbohrkerne, Baumringe, Algen, Korallen, Seesedimente, Stalagmiten und eben Archivmaterial bilden die Grundlage für Erkenntnisse zum wilden Schwanken des Klimas über Zeiträume, die von Jahrzehnten zu Jahrhunderttausenden reichen. Weit hinter den Beginn der Industrialisierung, bei der die aus der Zeitung bekannten Kurven von CO2 und Temperatur ansetzen."
Archiv: Merkur

Open Democracy (UK), 03.08.2020

In Russland überraschen neue Formen des Protests vor allem in Provinzstädten wie jüngst in Chabarowsk, im fernen Osten des Landes (mehr hier). Für eine Gruppe von drei Forscherinnen, die vor allem Proteste in Jekaterinburg im letzten Jahr untersuchten, frappieren diese Proteste vor allem deshalb, weil sie die staatlichen Instanzen nicht als eine feindliche Übermacht angehen. Bei den Protesten ging es um eine Grünfläche in der Stadt, die mit einer neuen Kirche überbaut werden sollte. Die Bürger waren überhaupt nicht einverstanden - aber sie suchten das Gespräch: "Diese Bewegung hin zum Staat und nicht weg vom Staat ist es, was die Proteste … von früheren Mobilisierungen in Russland unterscheidet. Die Protestierenden kritisierten den Staat nicht als etwas, das der Zivilgesellschaft inhärent entgegengesetzt ist, vielmehr bedauerten sie, dass sich die russische politische Elite 'vom Volk abgeschnitten hat'. Infolgedessen setzten diese Proteste das Problem der politischen Repräsentation auf die Tagesordnung - und das macht sie zu etwas Besonderem oder Innovativem."

Außerdem identifiziert Melanie Newton einen weiteren Kandidaten für zahlreiche Denkmalstürze in England, Schottland und darüber hinaus: Henry Dundas, der als Kolonialminister William Pitts' de Jüngeren sehr lange Zeit für und nur recht kurz gegen die Sklaverei kämpfte. Und Michael Edwards nimmt sich vor, selbst angesichts grassierenden Populismus immer mit politisch fairen Mitteln zu kämpfen.

The Atlantic (USA), 30.09.2020

Sehr viel retweetet wird Ed Yongs großer Artikel über das Versagen Amerikas in der Coronakrise - der sich allerdings über weite Strecken erwartbar liest (ja,Trump ist ein Lügner und er hat falsch agiert). Ein Aspekt ist aber interessant - die amerikanischen Gefängnisse als Brutstätten des Virus: "Die inhaftierte Bevölkerung Amerikas ist seit den 1970er Jahren um das Siebenfache auf etwa 2,3 Millionen Personen angestiegen. Die USA halten fünf bis 18 Mal mehr Menschen pro Kopf in Gefängnissen fest als andere westliche Demokratien. Viele amerikanische Gefängnisse sind überfüllt und machen Abstandhalten unmöglich. Seife ist oft Mangelware. Das Coronavirus lief Amok. Im Juni gab es in zwei amerikanischen Gefängnissen jeweils mehr Fälle als in ganz Neuseeland. Das eine, die Justizvollzugsanstalt Marion in Ohio, hatte mehr als 2.000 Fälle unter den Insassen, obwohl es nur eine Kapazität von 1.500 hat."

Timothy McLaughlin berichtet von der Pressefront in HongKong. Schon vor dem neuen nationalen Sicherheitsgesetz hatte es die Presse in Hong Kong schwer: entweder wurden Zeitungen einfach von staatskonformen Unternehmen aufgekauft und so die Vielfalt beschnitten oder Peking hat Journalisten gezielt verfolgt. "Das neue Gesetz hat die Lage noch verschlimmert. Reporter, Herausgeber und Redakteure fragen sich, welche journalistische Aktivität als nächstes kriminalisiert wird. Von offizieller Seite bekommen sie wenig Unterstützung. Einige Zeitungskolumnisten haben aus Angst im voraus ihren Job geschmissen. Die New York Times will einen Teil ihrer Redaktion nach Südkorea umziehen, eine Entscheidung, die Nachahmer finden dürfte. Times und The Wall Street Journal warten auf die Verlängerung von Visas für ihre Mitarbeiter. Die South China Morning Post (größte englischsprachige Zeitung Hong Kongs, d. Red.) befindet sich im Zentrum der Spannungen."

Ein anderer Artikel von Ross Andersen befasst sich mit Chinas totalitärem Kontrollsystem, das auf KI baut und von Xi Jinping als Exportschlager verkauft wird: "Xi möchte die analytischen Potenziale der KI nutzen, um China bei der Überwachung an die Spitze zu bringen. Er will ein allwissendes digitales System der sozialen Kontrolle, angeführt von Algorithmen, die potenzielle Abweichler in Echtzeit identifizieren können … Diese digitale Infrastruktur könnte die Machtbalance zwischen Individuum und Staat weltweit verändern … China entwickelt bereits die neue Überwachungstechnik und exportiert sie in Autokratien, bereits existente und künftige. In den kommenden Jahren wird diese Technik verfeinert und in allumfassende Überwachungssysteme eingepasst werden, die Diktatoren nach dem Plug-and-Play-Prinzip verwenden können."
Archiv: The Atlantic

Magyar Narancs (Ungarn), 02.07.2020

Im Interview mit Dorka Czenkli spricht die bekannte Schauspielerin Dóra Szinetár über die Spaltung des kulturellen Lebens in Ungarn. "Ehrlich gesagt weiß ich nicht, welche Seite mich mehr anwidert. Der alternative, fachlich geschätzte, innerstädtische Theatermacher, der ungepflegt in Unterhose und in einem unakzeptablen Stil die andere, ihm unsympathische Seite zum Teufel wünscht, oder der vom Land kommende kleinste Sohn des armen Mannes, der, obwohl zum einflussreichsten, alles entscheidenden Machtfaktor geworden, sich dennoch nicht von seinen Schmerzen aus früheren Zeiten befreien kann. Es steht in einer durch Fettleibigkeit zu klein gewordenen Volkstracht vor einem Regenbogen-Feszty-Panorama und hofft, dass wir in Zeit und Raum irgendwohin zurückreisen, wo wir nie waren, oder wenn doch, dann würde es alle am liebsten vergessen. Die Wahl ist unser, das sind die Möglichkeiten."

New York Times (USA), 02.08.2020

Für das Magazin der New York Times untersucht Robert F. Worth die irakische Kleptokratie, die durch Corona und den fallenden Ölpreis zu einer Frage von Leben und Tod für das irakische Volk geworden ist: "Es ist nicht leicht zu beziffern, was dem Irak abhanden gekommen ist. Geschäfte werden in bar gemacht, Dokumente sind rar, und die staatlichen Statistiken unverlässlich. Die vorhandenen Informationen legen jedoch nahe, dass der Irak mehr seines nationalen Vermögens ins Ausland verloren hat als jedes andere Land. Ein langjähriger irakischer Politiker und Finanzexperte schätzte aufgrund von Gesprächen mit Bankern und Experten sowie seiner Kontakte ins Ausland die Summe auf 125 bis 150 Milliarden Dollar, der Großteil davon 'unrechtmäßig erworben'. Andere Schätzungen gehen an 300 Milliarden. Rund 10 Milliarden an gestohlenem Geld steckt allein in Immobilien in London. Eine genaue Schadensermessung müsste weit über das Finanzielle hinausgehen und den Schaden an der irakischen Kultur und der Gesellschaft beziffern. Etwas, das mir vor allem ältere Iraker immer wieder mit großem Bedauern  berichteten. Das politische Leben im Irak mag von außen wie ein Bandenkrieg wirken, aber unter der Oberfläche ist es eher eine ruhig ablaufende, fröhliche Plünderung. In den Ministerien wird der größte Teil der Beute durch mündliche Vereinbarungen an die eine oder die andere Fraktion verteilt: Die Sadristen halten das Gesundheitsministerium, die Badr-Brigaden das Innenministerium und das Ölministerium gehört Al-Hikmah. Für Außenstehende ist das nicht leicht zu verstehen."

Nach dem Corona-Lockdown in Indien mussten Zehntausende von Wanderarbeitern zurück in ihre armen Dörfer. Auf einem Bild war ein kniender junger Mann am Straßenrand zu sehen, der seinen sterbenden Freund festhält. Basharat Peer ist der Geschichte dahinter nachgegangen, die so alltäglich wie tragisch ist. Und an Grausamkeit kaum zu überbieten: Die beiden waren in einem vollgepackten LKW unterwegs nach Hause, als Amrit anfing zu zittern und immer heißer wurde. "Eingezwängt mit etwa fünfzig anderen Arbeitern begann Amrit zu husten und zu schwitzen. Seine Mitreisenden waren alarmiert und Protestschreie stiegen auf: 'Er hustet. Er hat Fieber. Er hat Corona.' Die Stimmen wurden wütender: 'Wir fliehen nach Hause, um uns vor Corona zu retten.' 'Er wird uns alle anstecken.' 'Wir wollen nicht seinetwegen sterben.' Der Fahrer hielt den Lastwagen an. Er und die Passagiere bestanden darauf, dass Amrit aussteigt. Saiyub bat den Fahrer, an einem Krankenhaus anzuhalten. Der Fahrer und die Arbeiter waren unsicher über die Sperrzeiten und nicht bereit, Zeit für Amrit zu verlieren. Sie weigerten sich und bestanden darauf, dass Amrit hier aussteigen sollte. 'Lass ihn hier. Du solltest mit uns nach Hause kommen', sagte der Fahrer zu Saiyub. 'Ich kann Amrit nicht allein lassen', sagte er. Saiyub holte ihre Taschen und half Amrit vom Lastwagen." Kurz danach starb er - nicht an Corona, wie sich später herausstellte.

Außerdem: Helen McDonald beobachtet die Vögel, die niemals landen: Schwalben. Und Jeff Medrick stellt zwei Bücher vor, die sich mit der Frage befassen, warum weiße Arbeiter in Amerika seit den 80er Jahren gegen ihre eigenen Interessen republikanisch wählen.
Stichwörter: Irak, Indien, Corona