
Der Blick auf die deutsche Geschichte war immer schon von internationalen Paradigmen bestimmt,
schreibt der Historiker
Sebastian Conrad: Das historische Narrativ der Nachkriegszeit, das im Holocaust die zentrale Erfahrung des 20. Jahrhunderts sah, werde nun abgelöst durch ein globaleres Narrativ. Konstruktion stecke in beiden: "Angesichts der
Ungeheuerlichkeit der Shoah verblasste die kurze Zeit der
deutschen Kolonialherrschaft zu einer Fußnote. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass Kolonialismus zunächst nur über den erinnerungspolitischen Umweg als Thema salonfähig werden konnte. Der Holocaust fungierte dabei als 'Türsteher': Um Einlass in den Kreis der legitimen Fragestellungen zu erhalten, mussten koloniale Fragestellungen ihre Relevanz gewissermaßen durch den Bezug auf die Gewaltverbrechen des Nationalsozialismus unter Beweis stellen. Das konnte
zu Verrenkungen führen. Ein Produkt dieser Konstellation war beispielsweise die
Kontinuitätsthese: der Herero-Genozid als Vorläufer des Holocaust, ja sogar in direkter kausaler Ursachenkette. Von dieser These ist in der Forschung nicht viel übriggeblieben. Aber sie zeigt, wie schwer es koloniale Themen hatten, gegen die Dominanz der Erinnerung I anzukommen und überhaupt Gehör zu finden. Seit der Jahrtausendwende, verstärkt noch nach dem 11. September 2001, treten die beiden Erinnerungen I und II immer mehr nebeneinander, beeinflussen sich gegenseitig. Während sich vorher koloniale Themen
über den Holocaust definieren mussten, wird heute der Nationalsozialismus bisweilen geradezu als eine Ausprägung des Imperialismus interpretiert. Das ist bislang eine wissenschaftliche Debatte, die in der breiteren Öffentlichkeit noch wenig Resonanz hat. Aber daran sieht man: So wie sich nach 1945 der internationale Rahmen gewandelt hat, innerhalb dessen die deutsche Vergangenheitspolitik zu verorten war, bringen auch heute tiefgreifende gesellschaftliche und geopolitische Verschiebungen das Bedürfnis nach einer erinnerungspolitischen Neuausrichtung mit sich. Die
europäische Integration brachte die Erinnerung I mit sich; die
Globalisierung, um es verkürzt zu sagen, die Erinnerung II."
Ekkehard Knörer
blickt auf das Theater im Lockdown mit all seinen digitalen Manövern zurück und kann eigentlich nur
Sebastian Hartmann attestieren, im Digitalen "das Theater als Theater überschritten" zu haben: "Das Hartmann-Theater war für diese Fragestellung und Reflexion schon vor der Pandemie hervorragend präpariert. "Seit seinen Anfängen im unmittelbaren Castorf-Umfeld in den späten neunziger Jahren haben sich Sebastian Hartmanns Inszenierungen vor allem in der neueren Zeit in Richtung einer ganz eigenen Form von
Multimedialität entwickelt. In den besten seiner Arbeiten aus den letzten Jahren wird nicht einfach der von Darstellerinnen und Darstellern gesprochene Text aus dem Zentrum gerückt, das wäre ja noch die vertrauteste postdramatische Übung, sondern es wird radikal
das Zentrum als solches entfernt. Stattdessen geht es um die Organisation im Grunde gleichberechtigter Elemente, die als Module offen ineinandergefügt sind: Raum und Musik; Kostüm und Text;
Intensität und Leerlauf; Festlegung und Improvisation; entstehende Kunst und vergehende, dabei be- und entschleunigte Zeit; aufgezeichnetes projiziertes und in realer Präsenz produziertes Bild; Bewegung und Stillstand von Körpern und Dingen."