Magazinrundschau - Archiv

Le Monde diplomatique

77 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 8

Magazinrundschau vom 13.11.2007 - Le Monde diplomatique

Andre Schiffrin, Leiter des unabhänigen Non-Profit-Verlags New Press, glaubt nicht, dass der Markt allein die Qualität und Vielfalt von Zeitschriften und Büchern garantieren kann. Er setzt auf Stiftungen als Finanziers: "In Großbritannien gehört die Tageszeitung The Guardian und die dazugehörige Sonntagszeitung The Observer zum Scott Trust, einer nicht profitorientierten Stiftung. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist als Stiftung konstruiert, desgleichen die meisten dänischen Zeitungen. Zeitungs- und Buchverleger, die zu unabhängigen Stiftungen oder Genossenschaften gehören, dürften gute Chancen haben, sich ihre politische und kulturelle Autonomie zu bewahren. Solche Modelle hätten den Verkauf von Traditionsverlagen wie Le Seuil (Paris) und Einaudi (Mailand) an profitorientierte Medienkonzerne womöglich verhindern können. Die Renditeerwartungen in der Verlagsbranche lagen über Jahrhunderte bei 3 bis 4 Prozent; heute fordern die Konzerne mindestens 10, wenn nicht gar 15 Prozent. Das hat natürlich Einfluss auf die Inhalte, die publiziert werden können."

Magazinrundschau vom 18.09.2007 - Le Monde diplomatique

Der Sinologe und Lyriker Wolfgang Kubin berichtet von einer Reise durch die Landstriche der Uiguren und Kirgisen in China. "Wer bei Kirgisen 'von einem Pferd absteigt', hat auch von Kirgisen beköstigt zu werden. Wir wissen, was das bedeutet. Während des Essens werden wir, die wir auf dem Boden hocken, in Zehnergruppen eingeteilt und sollen mit den Herren des Hauses im Wechsel große Schnapsschalen leeren. Jede Schale, gefüllt mit zwei Liang, ist auf einem Tablett in Empfang zu nehmen, ex zu trinken und wieder auf das Tablett zurückzustellen. Ich bin der Einzige, der in kleinen Schlucken trinkt. Bei der zweiten Runde geben die Ersten auf und müssen sich verziehen. Wer jetzt noch keine Probleme hat, wird noch welche bekommen. Doch wir wissen noch nicht, wann dies der Fall sein wird, da wir nie daran gedacht haben, dass, wer von einem Pferd steigt, auch wieder auf ein Pferd aufsteigen muss."

Außerdem resümiert Ana Maria Sanjuan acht Jahre Herrschaft von Chavez in Venezuela, während Pierre Daum französische Marokkaner auf den Jahresurlaub in der Heimat begleitet.

Magazinrundschau vom 14.08.2007 - Le Monde diplomatique

Werden England und Schottland bald getrennte Wege gehen? Neal Ascherson hält das durchaus für möglich. Er verweist auf die Tschechoslowakei, die sich unter Vaclav Klaus in Tschechien und die Slowakei aufspaltete. Was Großbritannien angeht, ist das erste Stadium "schon absolviert, mit dem Versuch von Politikern und Journalisten, eine allgemeine Scotophobie zu entfachen. Der ging zwar schief, stärkte aber bei den Engländern das ethnische Identitätsgefühl und lenkte ihren Blick auf gewisse Konstruktionsfehler der Union. Im zweiten Stadium entstand beiderseits der Grenze eine Unzufriedenheit mit dem Dezentralisierungsabkommen von 1997. Seitdem sieht man in England die Union von 1707 nicht mehr als tragenden Pfeiler der parlamentarischen Demokratie. Jetzt scheint ein drittes Stadium erreicht, in dem sich die Bindungskraft der Begriffe 'Großbritannien' und 'britisch' in dem Maße abschwächt, in dem sich auch in England eine Identitätspolitik entwickelt, die in Schottland und Wales bereits fest verwurzelt ist. Das 'Britische' als gemeinsame Kultur einer gesellschaftlichen und politischen Führungsgruppe ist heute kaum noch greifbar."

Weitere Artikel: Wendy Kristianasen prophezeit bei den Wahlen in Marokko einen Sieg der gemäßigten Islamisten. Guy Scarpetta schreibt über Jean-Luc Godards "Histoire(s) du cinema", die jetzt auf DVD erschienen ist. Dazu gibt es ein Interview des Filmwissenschaftlers Youssef Ishaghpour mit Godard.

Magazinrundschau vom 13.03.2007 - Le Monde diplomatique

Gerard Prunier erklärt, warum das Morden in Darfur so schnell nicht aufhören wird. "Das Projekt, einen ethnischen Schutzwall in der Region zu schaffen, hat hohe Priorität. Und zu diesem soll neben den Nuba-Bergen in Kordofan eben auch Darfur gehören. Die Stämme der Nuba wurden von 1992 bis 2002 in zahlreichen Militäroperationen niedergemacht. Darfur erweist sich jetzt jedoch als großes Problem: Khartum fürchtet nichts mehr als eine Allianz der Schwarzafrikaner im Westen mit einem unabhängigen schwarzafrikanischen Süden - der auch noch über Öleinkünfte verfügt. Also muss die Rebellion in Darfur mit allen Mitteln unterdrückt werden."

Weitere Artikel: Jean-Pierre Sereni erläutert die neuen Regeln auf dem Ölmarkt, wo die großen multinationalen Konzerne gegenüber den staatlichen Betrieben an Boden verlieren. Gary L. Francione stellt das Great Ape Project vor, dessen Vertreter Menschenaffen schützen wollen, weil sie so menschlich sind. Und Colin Murphy schreibt eine Reportage aus Mosambik, wo alle, die zwei Mahlzeiten am Tag haben, als Weiße eingestuft werden.
Stichwörter: Mosambik, Darfur

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Le Monde diplomatique

Trägt das Internet wirklich zur Meinungsvielfalt bei? Der New Yorker Soziologe Eric Klinenberg bezweifelt das. "Zum Beispiel ist die digitale Spaltung der Gesellschaft viel weiter fortgeschritten, als man denkt. Umfragen des Center for the Digital Future an der University of Southern California haben ergeben, dass 21 Prozent der Amerikaner das Internet im Jahr 2005 überhaupt nicht genutzt haben. Ein Drittel aller amerikanischen Haushalte hat keinen Internetzugang, und von den übrigen zwei Dritteln verfügen weniger als 50 Prozent über einen Breitbandanschluss, der das Abrufen von Video- und Audiostreams erleichtert. Belegt ist, dass wohlhabende und gebildete Bürger viel häufiger als ärmere - und weiße oder asiatische Amerikaner eher als Afroamerikaner und Latinos - zu Hause über einen Anschluss verfügen und daher viel geübter sind im Auffinden neuer Nachrichtenquellen, Informationen, Unterhaltungsangebote und Dienstleistungen." Klinenbergs Fazit: Das Internet baut die Ungleichheitung unter den Bevölkerungsgruppen nicht ab, sondern verstärkt sie.

In einem Brief aus Ljubljana erklärt Boris Cizej, warum Slowenien journalistisch so uninteressant ist: Dem Land geht es einfach gut, fast herrsche ein "lethargischer Hedonismus": "Wir Slowenen haben mit unserem Selbstbild spezifische Schwierigkeiten - wir mussten keine sowjetischen Erniedrigungen hinter dem Eisernen Vorhang erdulden. Wir haben in einem tragikomischen, aber relativ freien Experimentierstaat gelebt und in diesem alles andere als eine Nebenrolle gespielt. Wir waren der entwickelte Norden, das Musterländle. Wir haben es genossen, zu den Champions zu gehören. Wir haben die 'sozialistische Selbstverwaltung' erfunden. Wir haben auch als erste vernehmbar unser Streben nach Demokratie, unseren Drang nach Europa verlauten lassen. Im jugoslawischen Spiegel waren wir es gewohnt, unser Bild als das schönste zu sehen."

Weiteres: Wendy Kristianasen berichtet von den jüngsten Verwerfungen im multikulturellen Großbritannien. Nina Baschkatow fordert eine gemeinsame europäische Energiepolitik gegenüber Russland. Und Bernard Rougier untersucht das ambivalente Verhältnis zwischen der sunnitischen Hamas und der schiitischen Hisbollah.

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Le Monde diplomatique

Die Verachtung der französischen Banlieue und ihrer Vitalität ist auch von Neid geprägt, meint Denis Duclos: "Im Grunde regen sich bestimmte Intellektuelle freilich nur darüber auf, dass aus dieser unbändigen und manchmal tödlichen Vitalität eine starke Kultur hervorgegangen ist, die offenbar ansteckender wirkt als ihre eigene, vermeintliche Hochkultur. Sie bedauern weniger die mangelnde Integration oder die Orientierungslosigkeit als vielmehr die Tatsache, dass begeisterte Jugendliche und irgendwelche Medienleute dem in den Banlieues entstandenen Hiphop zu einem dauerhaften Phänomen und zu einem integrierenden Element gemacht haben."

Weiteres: Jeremy Brecher und Brendan Smith berichten über Widerstand gegen den Irakkrieg aus den Reihen der amerikanischen Konservativen, der in jüngster Zeit auch von hochrangigen Militärs getragen wird. Und Mathias Greffrath hat den Papst bei einem Teegespräch belauscht.

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - Le Monde diplomatique

Vicken Cheterian trauert um die Ukraine, deren orange Revolution von Wiktor Juschtschenko und Julia Timoschenko verspielt wurde: "Bereits die Zeit der Präsidentschaft Juschtschenkos war von Unentschlossenheit, Passivität und inneren Grabenkämpfen gekennzeichnet, was die ganze Dynamik der Revolution verpuffen ließ. Wer gehofft hatte, Juschtschenko würde endlich rechtsstaatliche Verhältnisse herbeiführen, wurde enttäuscht. Weder stellte man die Politiker der Ostukraine vor Gericht, die Ende 2004 separatistische Pläne verkündet hatten, noch gab es eine Untersuchung der illegalen Privatisierung von Staatsbesitz in der Ära Kutschma. Auch wurde kein einziger Vertreter des alten Regimes für den Wahlbetrug von 2004 oder den Giftanschlag auf Juschtschenko verantwortlich gemacht. Die Mörder des Journalisten Grigori Gongadse, der immer wieder Fälle von Korruption aufgedeckt hatte, wurden zwar festgenommen, aber ihre mutmaßlichen Hintermänner im Staatsapparat blieben unbehelligt."

Peter Harling und Hamid Yasin untersuchen, wie die amerikanische Besatzung zur innerirakischen Zersplitterung beigetragen hat: "Im Rahmen der Politik der US-Zivilverwaltung wurden die Posten nach Religionszugehörigkeit neu verteilt. Das führte zu einer 'Konkurrenz der Opfer', wobei der Anspruch auf Teilhabe an der Macht mit dem Ausmaß früheren Leids begründet werden konnte... Diese Uminterpretation der Geschichte im Sinne eines ständigen Antagonismus Sunniten - Schiiten versetzt dem 'irakischen Nationalismus' den Todesstoß. Iraker unterschiedlicher Herkunft haben keinen gemeinsamen Bezugspunkt mehr: Die bitteren Auseinandersetzungen um die Hauptetappen ihrer gemeinsamen Geschichte (Ende der Monarchie 1958, Machtübernahme der Baath-Partei 1968, Golfkrieg 1991 und die angloamerikanische Intervention 2003) werden im Hinblick auf die religiöse Kluft wahrgenommen; nationale Ressourcen werden nicht umverteilt, sondern aufgekauft und schamlos privatisiert; die Institutionen werden zerlegt und zwischen den Gruppen aufgeteilt."

Magazinrundschau vom 15.08.2006 - Le Monde diplomatique

Neal Ascherson stellt David Blackbourns "The Conquest of Nature: Water, Landscape and the Making of Modern Germany" vor, ein Buch über "das 250 Jahre währende Bemühen der Deutschen, sich ihre Landschaft zu unterwerfen": "An der Art von Historiografie, wie sie Blackbourn vorführt, sind zwei Aspekte entscheidend: Erstens wird der Begriff 'Kulturlandschaft' eingeführt, in dem die strikte Trennung zwischen 'Mensch' und 'Natur' aufgehoben ist... Die zweite originelle Fragestellung besteht darin, dass es nicht nur darum geht, herauszufinden, was die Menschen und die Regierungen ihren Flüssen, Wäldern und Mooren angetan haben, sondern auch darum, zu erforschen, was sie jeweils zu tun glaubten und wie ihr Handeln mit den vorherrschenden Ideologien zusammenhing. Während des größten Teils der von Blackbourn untersuchten Periode (von 1750 bis heute) war die Idee im Schwange, dass man der Natur Fesseln anlegen müsse. Und wichtiger noch: 'In Deutschland stand die 'Eroberung der Natur' in engstem Zusammenhang mit der Eroberung anderer Länder.'"
Stichwörter: Ascherson, Neal

Magazinrundschau vom 11.07.2006 - Le Monde diplomatique

Die Sinologin Isabelle Attane widmet sich den Abgründen eines Skandals, den man gar nicht oft genug anprangern kann: das millionenfache Frauendefizit in den asiatischen Ländern aufgrund der systematischen Abtreibung weiblicher Föten und der Misshandlung von Mädchen. In China liege der Jungenüberschuss bei Neugeborenen heute um 12 Prozent über der Norm, in Indien um 6 Prozent, hält Attane fest: "Bis zum vollendeten 5. Lebensjahr ist die Sterblichkeit der Jungen normalerweise höher als die der Mädchen. In Indien dagegen liegt sie bei den Mädchen um 7 Prozent höher als bei den Jungen, in Pakistan um 5 Prozent und in Bangladesch um 3 Prozent... In China, Taiwan und Südkorea ist das Fehlen eines männlichen Erben gleichbedeutend mit dem Ende des Familienstammbaums und der Verehrung der Vorfahren. Im Hinduismus sehen sich die Eltern zu ewiger Irrfahrt verdammt, da das Bestattungsritual beim Tod der Eltern traditionell Aufgabe des Sohnes ist."

Zu lesen ist auch Amos Elons Artikel aus der New York Review of Books, in dem er die israelische Plänen für einen Rückzug aus dem Westjordanland etwas genauer betrachtet (hier das Original).

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - Le Monde diplomatique

Das Zentralorgan der Altermondialisten (Inhalt) bringt ein kleines Dossier über die traurige Lage der Intellektuellen in Frankreich. Jacques Bouveresse begnügt sich im Hauptartikel allerdings mit dem Erwartbaren: Er kritisiert den Medien-Intellektuellen Bernard-Henri Levy und allgemein die Machenschaften der Medien und bedauert das Ableben Bourdieus und Derridas. Immerhin sagt er auch einige Sätze zum Fehlen einer ernstzunehmenden Literaturkritik in Frankreich: "Man muss sich in der Tat fragen, ob der eigentliche Schwindel, der gewissermaßen am Ursprung alles anderen Schwindels steht, nicht einfach der Kritikerschwindel ist. Mit anderen Worten, das Verhalten einer Kritik, die oft jede Distanz, jeden Sinn für und vor allem jeden Willen zur Kritik vermissen lässt; und die es für gleichermaßen normal und natürlich hält, meist nahezu das Gegenteil dessen zu tun, was man von ihr erwartet." Bouveresses Artikel beruht mehr oder weniger auf einem viel fundierteren Artikel Perry Andersons (hier und hier) aus der LRB, auf den wir seinerzeit hinwiesen.

Bouveresse geht auch auf Jacques Rancieres Buch "La haine de la democratie" ein, dem Sonja Ascal eine Kritik widmet. Und Mona Cholet erklärt, was es mit dem Begriff der "intellektuellen Unterschicht" auf sich hat. Die "intellectuels precaires", so wird erklärt, "stammen aus privilegierten Verhältnissen oder haben sich das 'symbolische Kapital' der 'höheren' Klassen angeeignet, gehören dabei aber, was ihre Lebensbedingungen und ihr Einkommen anbelangt, den unteren sozialen Schichten an".

Anne Nivat hat die Reise nach Grosny gewagt und berichtet über ein künstlich befriedetes Tschetschenien: "Die Geräuschkulisse des Krieges, die von 2000 bis 2004 ständig präsent war, ist inzwischen fast verschwunden. Die oft kilometerlangen Kolonnen gepanzerter Militärfahrzeuge sind seltener geworden. Auch von den Satschistki, den willkürlichen und extrem brutalen Säuberungsaktionen der russischen Armee, wird nicht mehr so viel gesprochen. Aber diese Entwicklung hat ihre Kehrseite: Die Zeit der Abrechnungen ist angebrochen, nur dass sich diesmal die Tschetschenen untereinander bekämpfen, wobei Moskau virtuos die Strippen zieht."