Magazinrundschau - Archiv

Le Monde diplomatique

77 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 8

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - Le Monde diplomatique

Der in Lyon lehrende Soziologe Lahouari Addi blickt mit Bitterkeit auf den Schlussstrich, den die algerische Regierung unter das vergangene Jahrzehnt der Gewalt ziehen will. Per Referendum hat sie eine Amnestierung der Täter und einen finanziellen Ausgleich für Opfer beschließen lassen. "Mit juristischen Mitteln will das Regime auch die vielen Initiativen der Familien der Verschwundenen zum Schweigen bringen: Sie gelten seit dem 28. Februar als aufgelöst. Der einschlägige Paragraf verbietet bei Strafe, 'alle schriftlichen Erklärungen oder anderen Einlassungen, die die Wunden der nationalen Tragödie nutzen oder instrumentalisieren, um den Staat zu schwächen, seine Institutionen anzugreifen und die Ehre seiner Vertreter zu verletzen... oder dem internationalen Ansehen Algeriens zu schaden'... Nur einzelne Kommentatoren unabhängiger Tageszeitungen äußern Zweifel am Kurs der Regierung. In El Watan gab Adlene Mehdi auf dezente Weise zu bedenken, dass Paragraf 46 des Erlasses vom 28. Februar mit Artikel 36 der Verfassung, der die Meinungsfreiheit garantiert, unvereinbar sei."

Außerdem in dem Schwerpunkt zu Algerien: Wendy Kristianasen stellt die "Emanzen von Algier" vor. Jean-Pierre Sereni beklagt die unsagbare Verschwendung der Petrodollar durch die algerische Regierung. In weiteren Artikeln geht es um Frankreichs Vergangenheitspolitik, Japans Geopolitik in Ostasien und Berlusconis Hinterlassenschaft.

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - Le Monde diplomatique

Man muss der islamischen Welt einfach noch etwas Zeit geben, Kirche und Staat zu trennen, meint Tahar Ben Jelloun anlässlich des Karikaturenstreits. "In einem Gespräch mit Studenten der Technischen Universität in Tanger hat mir kürzlich ein junger Mann, der Elektroingenieur werden will, erklärt: 'Für uns ist der Islam keine Religion, er ist unsere Verfassung. Er gibt uns eine Moral, Gesetze, Rechte und eine Kultur!' Ich habe ihm gesagt, dass er Glauben und Wissenschaft verwechselt. Überzeugen konnte ich ihn nicht. Der Karikaturenstreit zeigt, welch tiefer Graben zwischen dem Westen und der islamischen Welt klafft", obwohl letztere mit großer Begeisterung westliche Markenartikel und westliche Technologien kauft. "Aber vielleicht trügt der Schein. Das grundlegende Problem ist ein anderes, es liegt in der Identität eines Volkes, das mit seiner Religion, dem Islam, verschmilzt. Das schafft eine Schizophrenie, ein Zugleich von zwei entgegengesetzten Weltanschauungen in ein und derselben Person."

Le Monde diplomatique hat außerdem eine Reportage des britischen Historikers und Romanciers William Dalrymple über die Koranschulen in Pakistan übernommen. Der äußerst lesenswerte Artikel, der im Dezember in der New York Review of Books erstmals veröffentlicht wurde, erklärt, warum an diesen Schulen - so fundamentalistisch sie zum Teil auch sein mögen - kaum Terroristen herangezogen werden. Die sind eher Absolventen der London School of Economics, wie der Mann, der Daniel Pearl ermordete.

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - Le Monde diplomatique

Für eine Reportage über die sozialen Umwälzungen in China reist Martine Bulard in den rostigen Nordosten, in die Provinz Liaoning in der ehemaligen Mandschurei, wo die Umstrukturierung Millionen von Arbeitern aus staatseigenen Industriebetrieben auf die Straße gespült hat. Die Hilfsmaßnahmen erreichen die Falschen. "Öffentliche Gelder fließen in Strömen, doch keine gewählte Institution kontrolliert, wie sie verwendet werden. Shenyang ist eine einzige chaotische Baustelle. Überall schießen neue Gebäude aus dem Boden, mit goldenen Fassaden, Pagodendächern und anderem 'Drachenzeug', wie es ein chinesischer Architekt formuliert hat, der sich nicht nur über den schlechten Geschmack, sondern auch über die Korruption aufregt. Die hat in Shenyang epidemische Ausmaße angenommen. Hier kann man bauen, was und wo man will. Sogar Mao Tse-tung scheint für den langen Marsch in die Kommerzialisierung zu werben. Sein Denkmal auf dem Zhongshan-Platz weist mit ausgestrecktem Arm auf die ringsum aufgepflanzten Reklametafeln ausländischer Produkte."

Weitere Artikel: Peter Lagerquist erzählt die Geschichte des ehemaligen palästinensischen Dorfes Az Zib, in dem nach der Vertreibung der Bewohner der Club Med seine israelische Dependance aufbaute. Sebastien Chauvin und Bruno Cousin berichten über einen Skandal: die steinreiche französische Antilleninsel Saint-Barthelemy muss keine Steuern zahlen. Abgedruckt ist die Dankesrede Ernst Tugendhats zur Verleihung des Meister-Eckhart-Preises.

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - Le Monde diplomatique

Einen interessanten Artikel über eine mögliche neue geopolitsche Allianz publiziert Mischa Gabowitsch: Auch durch die Türkei führen neue und riesige russische Pipelines nach Europa. Gabowitsch erkundet die Geschichte der russisch-türkischen Beziehungen, schreibt über die gegenseitige kulturelle Ignoranz und stellt dennoch fest: "In den letzten 15 Jahren, da Russland und die Türkei keine unmittelbaren Nachbarn mehr sind, haben die wirtschaftlichen und auch die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern ein Höchstmaß an Intensität erreicht. Vor allem dank der Energielieferungen ist Russland heute nach Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner der Türkei. Türkische Bauunternehmen sind in Russland sehr präsent; seit kurzem gibt es in der Moskauer Innenstadt sogar ein schickes Einkaufszentrum in türkischem Besitz. Die Türkei ist das beliebteste Reiseziel für russische Touristen, die heute die größte Besuchergruppe an den Stränden der Süd- und Westküste stellen. Auch auf politischer Ebene gibt es regelmäßige gegenseitige Besuche. Und trotz schwelender Differenzen über Tschetschenien wird viel von einer neuen russisch-türkischen Partnerschaft gesprochen, die in beiden Ländern als Gegengewicht zur EU bedeutsam werden könnte."

Ferner präsentiert Le Monde diplo einen Schwerpunkt zum WTO-Gipfel in Hongkong. Im globalisierungskritischen Magazin französischer Provenienz plädiert Jacques Berthelot in der Frage der Agrarsubventionen allgemein für "Ernährungssouveränität", die es auch Europa gestatten würde, Importbeschränkungen aufrechtzuerhalten, während Tom Amadou Seck in der Frage der amerikanischen Baumwollsubventionen sehr kritische Worte findet. (Weitere Artikel zum Thema hier, hier und hier).

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Le Monde diplomatique

Die Wahl des konservativen Kandiaten Mahmud Ahmadinedschad bei der Präsidentschaftswahl hat gezeigt, dass die iranische Opposition weitaus schwächer ist als angenommen, schreibt Martin Ebbing. "Eine weit größere Bedeutung kommt dagegen den vielen kleinen Initiativen vor allem im Kulturbereich zu, außerdem den täglichen, oberflächlich unpolitischen Widerstandshandlungen. Die Polizei hat längst vor den Satellitenschüsseln kapituliert, die nicht selten auf Häusern zu finden sind, an deren Eingängen schwarze oder grüne Fähnchen darauf hinweisen, dass hier besonders strenggläubige Muslime wohnen. Teheran erlebt derzeit einen Boom von neuen Galerien, in denen vor allem Frauen ihre Kunst ausstellen. Im Kino und in Fernsehserien werden lange tabuisierte Themen wie Scheidung, Mehrehen, Arbeitslosigkeit oder Drogenmissbrauch angesprochen."

Weiteres: Eric Klinenberg stellt die Sinclair Broadcast Group vor (Website), die mittlerweile 22 Prozent des amerikanischen Fernsehmarktes beherrscht und mit ihren 60 TV-Sendern vor allem die mittelgroßen Städte auf republikanische Linie bringt. Vicken Cheterian untersucht die farbigen Revolutionen in Osteuropa und Zentralasien und kommt zu dem Schluss, dass das politische System dort nicht gestürzt, sondern nur umgewälzt wurde. Außerdem plädiert Hicham Ben Abdallah El Alaoui für eine autochthone Demokratie in der arabischen Welt, Armand Mattelart fürchtet um eine Aufweichung der von der Unesco geplanten "Konvention über kulturelle Vielfalt" und Mike Davis wittert beim Wiederaufbau von New Orleans politische Ranküne.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Le Monde diplomatique

In einem wunderschönen Text reist der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel durch den Archipel Europa, der sich nicht aus Staaten und ihren Hauptstädten zusammensetzt, sondern aus Inseln alltäglicher Erfahrungen. Zu ihnen zählt Schlögel zum Beispiel die Warteschleife über Heathrow, die Tankstellen an der Autobahn, Kanak Sprak, die Schwimmer im Budapester Thermalbad Gellert, das Ikea an der Leningrader Chaussee, die Wanderdünen aus Plastikmüll und den Hafen von Rotterdam: "Alle großen europäischen Verkehrslinien führen nach Rotterdam, von Rotterdam führen die Wege nach ganz Europa, vor allem den Rhein hinauf: Ruhrgebiet, Köln, Frankfurt, Straßburg, Basel, Lyon, Marseille, Barcelona, Mailand. Rotterdam ist der Endpunkt der 'blauen Banane', jener Hochenergie- und Hochleistungszone, die zu einer der Hauptachsen Europas geworden ist ... Käme die Rotterdamer Bewegung zum Stillstand, würde der Mund und die Mündung Europas für einen Augenblick auch nur geschlossen, der ganze Kontinent würde sich in Konvulsionen winden, die Bewegung auf den Autobahnen käme zum Stillstand, die Anzeigentafeln in den Börsensälen würden verrückt spielen. In Rotterdam wird das Tempo Europas gemacht. In Rotterdam beginnt jedes Stückgut seine Reise nach Europa."

Hussam Tamman zeichnet nach, wie die Kräfte der ägyptischen Muslimbrüder schwinden. "Zu den Versammlungen kommen immer weniger Aktivisten, die Rekrutierung neuer Anhänger stagniert, das Durchschnittsalter der Mitglieder steigt, und die Disziplin lässt zu wünschen übrig."

Weiteres: Ein Schwerpunkt ist der UNO gewidmet: Samantha Powers, Direktorin des Carr Centers for Human Rights Policy an der Harvard Universität, nimmt die Organisation zwar gegen ihre Kritiker in Schutz, sieht aber nach dem annus horibilis 2003 erheblichen Reformbedarf und -möglichkeiten; Andreas Zumach erklärt, woran die UNO-Reform scheiterte. Mathias Greffrath hofft, dass die europäische Linke ihre Spaltung überwinden wird und mit neuer Kraft das "WTO-IWF-Washington-Konsens-System gründlich revidieren" wird. Andrea Böhm betrachtet das durch Katrina zerschundene Selbstbild der USA. Weitere Artikel befassen sich mit Chinas neuer diplomatischer Charmeoffensive.

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - Le Monde diplomatique

Jan Philipp Reemtsma skizziert in einer gekürzt abgedruckten Rede das weltweit sensible Verhältnis von Religion und säkularer Gesellschaft. "Für einen religiösen Menschen ist eine säkulare Gesellschaft eine Gesellschaft des Irrtums. Diese Ansicht teilt die Geistlichkeit Teherans mit der (orthodoxen) Geistlichkeit Jerusalems und der Geistlichkeit Roms. Diese säkulare Gesellschaft zu bekämpfen ist ein klares Ziel islamistischer Gruppen überall in der Welt, sie in Israel zu bekämpfen ist Ziel eines Teils des dortigen politischen Spektrums, und sie weltweit zu bekämpfen war das erklärte Ziel des vor kurzem verstorbenen Papstes Johannes Paul II." Säkulares Denken wiederum sollte sich im liberalen Gegenzug nicht um religiöse Symbole wie Kopftücher scheren.

Weitere Artikel: "Sieben Kanonenschüsse verkündeten die Ankunft der Besucher." Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun erzählt, wie Don Quijote nach Tanger kommt. Der Soziologe Denis Duclos registriert, dass die Überwachung der Bürger zum nahezu allgemein akzeptierten Mantra der Regierungen wird. Der französische Politikwissenschaftler Philip S. Golub macht die "nackte imperialistische Machtpolitik" der USA für das weltweite Wiedererstarken des Nationalismus verantwortlich. Und Meron Rapoport spekuliert, wie zivil der Abzug der israelischen Siedler aus dem Gaza-Streifen verlaufen wird.

Magazinrundschau vom 12.07.2005 - Le Monde diplomatique

Sehnsucht nach Alexandria hat den israelischen Autor Amos Elon gepackt, als er Michael Haags "Alexandria - City of Memory" gelesen hat. Oder vielmehr die Sehnsucht nach ihrer schillernden Vergangenheit, wie sie schon E.M. Forster, Konstantinos Kavafis und Lawrence Durell besungen haben. "Alexandria war das New York der antiken Welt. Laut dem griechischen Geografen Strabo war es die erste Weltstadt: ungeheuer reich, das 'größte Warenhaus' der besiedelten Erde. Die Stadt war (wie Manhattan) von Wasser umgeben, und ihre Straßen waren durchweg als gerade Linien angelegt, rechtwinklig durchkreuzt von prächtigen Alleen. Wie in New York trafen hier die verschiedenen Völker, Sprachen, Kulturen und Religionen aufeinander. Und wie New York war auch Alexandria die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde der Welt. Hier gab es eine jüdische Diaspora schon lange vor der Zerstörung von Jerusalem im Jahre 70 A. D. Mehr als drei Jahrhunderte lang war Alexandria der gelehrteste Ort auf Erden. Hier fand die Welt des alten Ägypten eine neue Gestalt im rationalen Geiste von Hellas. Jerusalem verschmolz mit Athen." Zweifel kamen Elon übrigens an der Schönheit Kleopatras, deren alexandrinische Porträtbüste eine doch recht vorspringende Stirn enthüllt.

In zwei Schwerpunkten geht es außerdem die Politik der "konstruktiven Instabilität", die die USA im Nahen und Mittleren Osten betreiben sowie um die globalen Strategien, aus Sozialhilfeempfängern wieder Lohnempfänger zu machen.

Magazinrundschau vom 14.06.2005 - Le Monde diplomatique

Die sogenannte "Zedernrevolution" im Libanon war nie von einem gemeinsamen Demokratiegedanken beseelt, stellt Alain Gresh in einem ausführlichen Lagebericht fest. Den diversen Demonstrantengruppen ging es immer um höchst partikuläre Interessen. Nun wird Saad Hariri, der Sohn des ermordeten Exministerpräsidenten Rafik Hariri, seinen Vater beerben. Und die traditionellen Seilschaften wenden die üblichen Verdrängungsmethoden an. "Sie setzen einfach auf die Losung 'Syrien ist an allem schuld'. Alle Mittel sind ihnen recht, selbst das absurde Gerücht, dass 80.000 syrische Haushalte kostenlos Strom aus dem libanesischen Elektrizitätsnetz beziehen. Und die Korruption? 'Dafür machen wir einfach die Syrer verantwortlich', erklärt ein Wirtschaftswissenschaftler."

Denis Duclos und Valerie Jacq machen im Kino der Gegenwart einen Drang zur Wirklichkeit aus. Der Zuschauer ist für das Inszenierte einfach zu medienbewusst geworden, in allen Genres. "Im Kult der Wahrheit können das Spiel mit der Virtualität und das Bemühen um Realismus zum gleichen Ergebnis führen: Im Dokumentarfilm wie im Spielfilm fehlen der Autor, der eine eigene Fantasiewelt erschafft, der Schauspieler, der diese Vorstellung verkörpern will, und der Zuschauer, der sich in dieser Vorstellung wiedererkennen kann. In Zukunft beherrscht das Reale die siebente Kunst, deren Protagonisten sich auf ein- und derselben Stufe wiederfinden."

Außerdem spießt Mathieu Rigouste die vorurteilsbeladene Berichterstattung über erfolgreiche Immigranten in den französischen Medien auf, und Jean-Marie Chauvier erinnert an den Beginn der Perestroika vor zwanzig Jahren.

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - Le Monde diplomatique

In einem sehr interessanten Beitrag beschreibt Fariba Adelkhah, wie Liebe und Sex im Iran immer offener diskutiert werden. "Zur Religiosität gehört durchaus auch der Lebensgenuss, den das stereotype Bild der schwarz verschleierten Republik gern verbirgt, über den in den theologischen Schulen aber offen debattiert wird. Und in der Tat verhindert das allgemeine Tabu, mit dem die Wünsche der Frau in der Öffentlichkeit belegt werden, nicht, dass dieses Thema allgegenwärtig ist. Wie wäre es sonst zu erklären, dass in aller Offenheit darüber diskutiert wird, wie Impotenz oder vorzeitige Ejakulation das harmonische Eheleben gefährden? Und die Frau selbst verfügt durchaus über Worte oder vielmehr Zeichen, um ihre diesbezüglichen Wünsche zum Ausdruck zu bringen. So signalisiert zum Beispiel ein auf links getragener Tschador, dass die Frau bereit ist, eine Ehe auf Zeit einzugehen. Und wenn Frauen versuchen, mit verschlüsselten Worten einen Geistlichen um einen intimen Rat zu bitten, dann spielen sie mit Formulierungen wie 'ein umgedrehter Schuh' oder 'der auf dem Kopf stehende Besen' auf die Zulässigkeit von Analverkehr an."

Erstaunlich findet Philipp Ther, wie wenig sich die Deutschen der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte mit Polen bewusst sind. "Und das, obwohl von 1772 bis 1918 Polen und Deutsche in einem Staat lebten, weil sich Preußen im Zuge der drei Teilungen Polens einen erheblichen Anteil des Nachbarstaates einverleibt hatte. Nur dadurch war Preußen zur europäischen Großmacht aufgestiegen. Und auch die Gründung des Deutschen Reiches von 1871 beruhte auf dem Fortbestand der Teilung Polens. Insofern kann man nur eingeschränkt von einem Nationalstaat sprechen... Die deutsche Geschichte bekommt jedoch eine andere Färbung, wenn man Preußen, das wilhelminische Deutschland und noch die Weimarer Republik aus einer polnischen oder einer zentraleuropäischen Perspektive betrachtet. Das Deutsche Reich erscheint dann - seinem Namen entsprechend - viel stärker als ein multinationales Imperium. Deutsch war dieses Reich in seinen östlichen Gebieten wie der Lausitz, Schlesien, Pommern, Westpreußen und Ostpreußen nur bedingt oder auf sehr spezifische Weise. Polnische Einflüsse und Einwanderer prägten aber nicht nur die östlichen Gebiete des Reiches, sondern auch das Ruhrgebiet."

Außerdem zu lesen ist Amartya Sens Plädoyer für eine Wiederbelebung der indisch-chinesischen Beziehungen nach altem Muster: China bereichert Indiens materielle Sphäre, Indien sorgt für geistige Erneuerung in China. Richard Hatcher beschreibt, wie zunehmend private Firmen das Management britischer Schulen übernehmen. Und für Liebhaber durchdringt Slavoj Zizek die "ultimative postmoderne Ironie" der sechsten "Star Wars"-Episode.