Magazinrundschau - Archiv

Le Monde diplomatique

77 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 8

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - Le Monde diplomatique

Der in Köln lebende Journalist Shi Ming beschreibt, welch hermeneutische Akrobatik Chinas Kulturkader verlangen, um die früheren Antagonisten Bürgertum und revolutionäre Jugend in Literatur und Unterhaltungsindustrie miteinander zu versöhnen. Für die Fernsehserie "Hu Xueyan, Kaufmann mit roter Hutschleife" ging dann sogar selbst eine taiwanesische Romanvorlage von Gao Yang in Ordnung: "Der heldenhafte Kaufmann war kein reicher Erbe, sondern arbeitete sich vom Gehilfen eines Pfandleihers in die Position eines modernen Bankiers empor... Nicht die Gier, sondern die Erkenntnis der sozialen Not motiviert Hu, nach Geld zu jagen. Nicht der Instinkt, mit dem jeder Bankier sein Tagesgeschäft gegen die Konkurrenz betreibt, beseelt ihn, sondern der Wunsch, das himmelschreiende Unrecht mit eigenen Waffen zu schlagen. Bei so viel 'Leistung' sei dem Helden ein wenig Extravaganz erlaubt - Protz, Konkubinen und Vetternwirtschaft. Am Ende scheitert der tragische Held, aber nicht, weil er sich verspekuliert hätte wie Thomas Buddenbrook mit seinem Getreide. Nein, Hu finanziert aus Patriotismus den kaiserlichen Krieg in Xinjiang gegen die rebellischen Uiguren, hinter denen russische Imperialisten stecken; sein Weggefährte, General Zuo, lässt den Kaufmann im Stich und zahlt das für den Sold der Soldaten geliehene Geld nicht zurück."

Außerdem: Im Editorial dieser deutlich dünneren Ausgabe weist Serge Halimi auf die problematische Finanzlage der Diplo hin. Olivier Zajec beschreibt Indiens gewaltiges Aufrüstungsprogramm. Mateo Cueva wirft einen Blick in unsere nanotechnologische Zukunft.

Magazinrundschau vom 14.07.2009 - Le Monde diplomatique

Der Schriftsteller John Berger erzählt, wie er einmal heftig mit den Museumswächtern der National Gallery aneinander geraten ist. Aber zu ihrem Recht kommen auch die wunderbaren Wächter, die die Gemälde wie ihre Westentasche kennen: "Ich lauschte Gesprächen wie diesem: 'Können Sie uns bitte sagen, wo die Bilder von Velazquez hängen?' -'Ja, natürlich. Spanische Schule. In Saal XXXII. Geradeaus, am Ende rechts und dann der zweite Saal links.' - 'Wir suchen nach seinem Porträt eines Bocks." - 'Ein Bock? Meinen Sie einen Hirsch?' - 'Ja, aber nur den Kopf.'- 'Wir besitzen zwei Porträts von Philipp IV. und auf einem ist sein wunderbarer Schnurrbart nach oben gedreht wie bei einem Geweih. Aber kein Gehörnter, tut mir leid.' - 'Wie merkwürdig!' - 'Vielleicht hängt Ihr Bock ja in Madrid. Aber was Sie sich hier auf keinen Fall entgehen lassen sollten, ist Christus in Marthas Haus. Martha bereitet gerade eine Fischsuppe zu und zerstößt Knoblauch in einem Mörser.' - 'Wir waren im Prado, aber da gab es keinen Hirsch. Wie schade!' - 'Und laufen Sie ja nicht an unserer Rokeby-Venus vorbei. Die Innenseite ihres linken Knies hat was!'"

Sharareh Omidvar erklärt die innenpolitische Gemenge- und Konfliktlage im Iran: "Eine der Stärken des iranischen Regimes war seit jeher die Koexistenz verschiedener Strömungen. Keiner Strömung ist es in den letzten dreißig Jahren gelungen, die anderen zu isolieren; vielmehr führte jeder Versuch einer Fraktion, die Macht zu monopolisieren, zu internen, wenn auch bisher verdeckten Konflikten. Auch heute steht hinter dem Konflikt zwischen Ahmadinedschad und seinen Widersachern der Versuch einer Fraktion, rivalisierende Gruppen auszuschalten."
Stichwörter: Berger, John, Prado

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - Le Monde diplomatique

Adriana Rossi beschreibt, wie der Drogenhandel Staat und Gesellschaft in den lateinamerikanischen Staaten aushöhlt und wie sich seine Organisation verändert hat, seit die großen Kartelle zerschlagen wurden. Er hat sich sozusagen demokratisiert: "Die Bosse von heute sind nicht mehr die absolutistischen und charismatischen Herrscher von einst, niemand schreibt ihnen mehr besondere Eigenschaften wie großartige Männlichkeit und außergewöhnlichen Mut zu. Die verschiedenen Gruppen mit ihren kleinen Bossen arrangieren sich untereinander, und jede hat einen gewissen Spielraum. Wer sich nicht an die Abmachungen hält, zahlt mit dem Leben und entfesselt einen Bandenkrieg. Diese Tendenz scheint zur Regel geworden zu sein. Alle Organisationen haben sich in Netzwerke aus klandestinen Zellen verwandelt, die leicht ersetzt werden können, wenn sie auffliegen. Der Ausfall einer Zelle beschädigt das große Ganze nicht. So kommt man ohne vertikal durchorganisierte Pyramiden aus und erleichtert die territoriale Ausbreitung. Die Drogennetzwerke sind wie eine ungeheure Nebelbank."

Najam Sethi verzeichnet mit einer gewissen Erleichterung, wie nach Pakistans Militäroperation im Swat-Tal der Rückhalt der Taliban in der Bevölkerung zu schwinden scheint, auch wenn zwei Millionen Menschen aus dem Kriegsgebiet fliehen mussten - "das ist die größte Vertreibung von Zivilisten seit dem Zweiten Weltkrieg".
Stichwörter: Drogenhandel, Männlichkeit

Magazinrundschau vom 07.04.2009 - Le Monde diplomatique

Le Monde diplomatique hat dankenswerter Weise Roger Darntons Essay über Urheberrechte und das Google-Books-Projekt aus der New York Review of Books übersetzt. Darnton schlägt einen großen Bogen von der Gelehrtenrepublik des 18. Jahrhunderts bis heute. Damals, erinnert er, war das Copyright in Großbritannien und den USA auf 14 Jahre beschränkt (konnte allerdings einmal verlängert werden). "Laut Sonny Bono Copyright Extension Act von 1998 (auch bekannt als 'Mickey Mouse Protection Act') gilt das Urheberrecht heute siebzig Jahre über den Tod des Autors hinaus. Die meisten Bücher, die im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden, sind daher heute noch nicht gemeinfrei. Was die Digitalisierung anbelangt, endet unser Zugriff auf das kulturelle Erbe im Prinzip am 1. Januar 1923, die meisten der danach erschienenen Bücher unterliegen dem Copyrightschutz. Und das wird auch so bleiben - es sei denn, Privatinteressen übernehmen die Digitalisierung, bündeln die Werke für die Konsumenten, verschnüren diese Pakete durch rechtsverbindliche Verträge und verkaufen sie im Interesse ihrer Aktionäre weiter." Aber ist das wirklich ein Fortschritt? "Wenn eine Firma wie Google ihr Augenmerk auf die Bibliotheken richtet, dann sieht sie nicht nur die Tempel der Bildung, sondern vor allem die als 'content' bezeichneten Vermögenswerte - lauter Goldminen, die angebaggert werden können." Und was heute umsonst ist, könnte morgen mehr Geld als je zuvor kosten, fürchtet Darnton. (Hier auch der Link zum Original. Und hier ein Gegenartikel von Paul Courant, Bibliothekar der University of Michigan.)

Magazinrundschau vom 18.11.2008 - Le Monde diplomatique

"Acht Jahre nach dem demokratischen Machtwechsel ist Mexiko ein Land von Blut und Blei", zieht der Schriftsteller Juan Villoro bittere Bilanz: "Der unverhohlene Hang zur Instant-Befriedigung hat sich in Mexiko mit der Straflosigkeit verbündet. Die Welt der Drogen und die Überbewertung der Gegenwart finden im Dreiklang aus schnellem Geld, hoch gerüstetem Verbrechen und der Dominanz des Geheimen zu ihrer Bestimmung. Vergangenheit und Zukunft, traditionelle Werte und hoffnungsvolle Pläne verlieren in diesem Umfeld jeden Sinn. Es gibt nur das Hier und Jetzt: die günstige Gelegenheit, der Handelsplatz der Laune, wo du fünf Ehefrauen haben, einen Killer für 1.000 und einen Richter für 2.000 Dollar kaufen kannst; wo du am Rande des guten Geschmacks und der Norm leben kannst, zwischen grässlich bunten Versace-Hemden, Giraffen aus massivem Gold, Schmuckstücken, die wie Insekten des Regenwalds aussehen, einer Uhr für 300.000 Dollar und türkisfarbenen Stiefeln aus Straußenleder. Die Belohnung für die Maßlosigkeit findet im Narrativ des Verbrechens statt und im Schutz der Dunkelheit: 15 Minuten Straflosigkeit für alle."

Außerdem erklärt der Historiker Eric Hobsbawm, wie sich die USA ein Beispiel am britischen Empire nehmen können: "Die Briten besetzten und beherrschten einen größeren Teil der Welt und ihrer Bewohner als jeder andere Staat davor und danach, aber sie wussten, dass sie die Weltherrschaft weder ausübten noch ausüben konnten. Deshalb versuchten sie es erst gar nicht. Sie versuchten vielmehr, für so viel Stabilität in der Welt zu sorgen, wie es für ihre eigenen Geschäfte günstig war. Aber sie versuchten nicht, dem Rest der Welt Vorschriften zu machen."

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Le Monde diplomatique

Bei der Frage, ob die Türkei in die EU aufgenommen werden soll, sollte man unbedingt die Wirkung der türkischen Soap "Noor" in der arabischen Welt beachten. Es geht um ein verheiratetes Paar, das allerlei gefährliche Situationen bestehen muss, erfahren wir vom französischen Kulturattache im Jemen, Julien Clec'h. Nicht nur der schöne Hauptdarsteller Kivanc Tatlitug entzückt die Zuschauer, es ist "vor allem die Beziehung zu seiner Frau, die das Publikum betört. Denn das Fundament der Ehe von Nur und Mohannad ist Liebe, Sensibilität und Gleichberechtigung. Die entzückende Nur, gespielt von Songül Öden, ist eine moderne Frau: selbstbewusst, unabhängig und mutig. Die beiden sind ein vorbildliches Paar, das durch Gesprächsbereitschaft, Respekt und die Fähigkeit, einander Zugeständnisse zu machen, verbunden ist. Arabische Frauen, die für Zeitungen zu 'Nur' befragt wurden, äußerten sich einhellig begeistert über die dargestellte Traumbeziehung, die von ihrer eigenen Realität Lichtjahre entfernt ist."

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - Le Monde diplomatique

In einem aus einer postumen Essaysammlung vorabgedruckten Text denkt Jacques Derrida mit Hilfe von Niccolo Machiavelli über Schurkenstaaten nach - und findet in Machiavellis Beschreibungen des Tiers im Menschen die Empfehlung des Stratcom (US Strategic Command) der USA zum Umgang mit diesen wieder: "Man dürfe sich nicht als zu 'rational' zeigen, heißt es in dieser Richtlinie, wenn es um die Bestimmung dessen geht, was dem Feind am kostbarsten - und folglich zu bedrohen ist. Mit anderen Worten, man soll sich seiner Sinne nicht mächtig zeigen, zu verstehen geben, dass man seiner Sinne nicht mächtig sein und in der Bestimmung seiner Ziele wie ein Tier agieren kann, nur um Angst zu erzeugen und glauben zu machen, dass man zu allem bereit ist, dass man wahnsinnig wird, wenn vitale Interessen berührt sind. Man muss vortäuschen, dass man wahnsinnig, verrückt, irrational, also zum Tier werden kann. Es sei 'schädlich' ('it hurts'), lautet eine der Stratcom-Empfehlungen, uns selbst als zu rational und beherrscht darzustellen. 'Dagegen ist es für unsere Strategie 'nützlich' (beneficial), gewisse Elemente als 'außer Kontrolle' (out of control) erscheinen zu lassen."

Magazinrundschau vom 15.07.2008 - Le Monde diplomatique

Colette Braeckman schickt eine Reportage aus Kongos Provinz Katanga, in der sich Investoren aus aller Welt auf die Vorkommen an Kupfer und Kobalt stürzen: "Jeden Monat machen in Lubumbashi neue Verkaufsbuden auf, Fastfood-Imbisse und Läden mit chinesischem Plunder, die auch gepanschten Fusel im Angebot haben, der billiger ist als Bier. Doch im Armenviertel Kenia sterben die Menschen immer noch an Cholera. Die Luft ist dreckig. Alle leiden unter einem ständigen Hustenreiz. Seit die Regierung den Rohstoffexport in die Raffinerien von Sambia verboten hat, schießen die Kleinstbetriebe wie Pilze aus dem Boden. Die Besitzer kommen aus China, Indien oder den Golfstaaten. Oft haben sie die zuständigen Beamten bestochen, um die langwierigen Genehmigungsverfahren zu umgehen."

Raf Custers berichtet, dass sich einige Länder Afrikas darauf geeinigt haben, die Förderung von Rohstoffen neu zu regeln: "Es geht um viel: 57 Prozent des im Tagebau geförderten Kobalts, 46 Prozent der Diamanten, 39 Prozent des Mangans, 31 Prozent der Phosphate, 21 Prozent des Goldes und 9 Prozent des Bauxits kommen aus Afrika. Seit 2002 steigen die Kurse unaufhörlich. Der Geldsegen kommt jedoch kaum bei den Staaten an, und erst recht nicht bei der Bevölkerung. Schlimmer noch: Trotz ihrer Bodenschätze rangieren diese Länder im Human-Development-Index des UN-Entwicklungsprogramms UNDP meist weit hinten."

Weiteres: Serge Quadruppani schätzt das Potenzial des italienischen Krimis ab, das Medium der italienischen Vergangenheitsbewältigung zu werden. Und Bruno Preisendörfer konstatiert zur politischen Lage des Landes wohl eher enttäuscht: "Viel linkes Gefühl überall, kein linker Gedanke nirgends."

Magazinrundschau vom 15.04.2008 - Le Monde diplomatique

Die geliebte amerikanische Populärkultur ist unter George W. Bush auf Zähneklappern, Amerikabeschimpfung und Jammern verfallen. Kein schöner, ja, ein oft genug sterbenslangweiliger Anblick, findet der Schriftsteller Dietmar Dath. Die ganze Nation, und mit ihr eben auch die Kultur, schmort im eigenen Saft: "Was dabei herauskommt, kann man mit vollem Recht 'flächendeckende Reprovinzialisierung' nennen (bei gleichzeitiger Ausdehnung der politischen und militärischen Weltrüpelei der USA). Die Kulturindustrie erzählt unter derlei Vorzeichen eine Weile nur noch Geschichten vom Hausgemachten, Partikularen: Amerikas große Romane der letzten Zeit handeln von Familienschicksalen, seine Fernsehserien, auch die besten, spielen in überschaubaren, isolierten räumlichen und zeitlichen Gehegen, alles passiert im Weißen Haus, alles passiert innerhalb von vierundzwanzig Stunden, alles passiert auf einer verwunschenen Insel ohne Kontakt zur Außenwelt. Das Universelle, Totale, Bedeutsame gerät aus dem Blick."

In einem weiteren Artikel sieht Hicham Ben Abdallah El Alaoui reichlich wenig Fortschritte bei den Demokratisierungsbemühungen in den arabischen Ländern. Dies die drei Herrschaftsformen, die sich herausgebildet haben: "Völlig 'geschlossene' Regime (wie Libyen, Syrien und einige andere), die nicht einmal den Anschein von Pluralismus erwecken wollen; 'hybride' Regime (wie Algerien, Ägypten, Jordanien, Marokko, Sudan, Jemen), wo die autoritäre Herrschaft mit gewissen Formen von demokratischer Beteiligung koexistiert; und 'offene' Regime, wofür es aktuell nur ein einziges Beispiel gibt: Mauretanien, wo mit den Wahlen im März 2007 ein wirklicher Machtwechsel stattgefunden hat."

Magazinrundschau vom 12.02.2008 - Le Monde diplomatique

Abgedruckt ist ein Kapitel aus Olivier Roys neuem Buch "Der falsche Krieg". Der Westen müsse endlich die Komplexität der islamischen Welt begreifen, fordert Roy darin. "Das Bild, dem zufolge sich die muslimische Welt im Krieg mit dem Abendland befindet, ist eine Ausgeburt der Fantasie. Eine solche 'muslimische Welt' existiert nicht. Der Großteil der Konflikte im Mittleren Osten wird zwischen Muslimen ausgetragen. Die bestehenden Regime verstehen sich mehrheitlich als Verbündete des Westens. Das erklärt im Übrigen auch, warum der Iran unter Präsident Ahmadinedschad nach Verbündeten unter den lateinamerikanischen Populisten sucht und nicht bei seinen Nachbarn."

"Hier an Bord ist der Irakkrieg 'ein toller Erfolg'. Die globale Erwärmung findet nicht statt. Europa wird ein neues Kalifat", berichtet Johann Hari von einer Kreuzfahrt für für rund 500 Leser der National Review, dem Zentralorgan amerikanischen Konservatismus: "'Sie sind also Europäer', meint eine der Park-Avenue-Damen und bietet sofort ein paar geistreiche Kommentare zu den Städten, die sie besucht hat. Ihrer Begleiterin fällt auch etwas dazu ein: 'Ich war mal in Paris, und es war einfach wundervoll.' Dann verdüstert sich ihr Gesicht: 'Aber dann machst du dir klar: Es ist von Moslems umzingelt.' Die erste Dame nickt: 'Sie lauern da draußen, und sie werden kommen.' "

Weiteres: Die Schriftstellerin Assia Djebar blickt auf Algerien literarische Ahnen, Vincent Munie erklärt die instabile Lage in der Zentralafrikanischen Republik und Christoph Servant betont, dass nicht die Ethnien Kenia spalten, sondern die Eliten.