Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 24.05.2004 - New York Times

Das New York Times Magazine macht mit einer bilderlosen Seite auf (wie die taz vor einigen Wochen): "The Photographs are us" steht darauf. Im Aufmacher liefert Susan Sontag (mehr) einen Essay zu den Fotos von den Folterungen in Abu Ghraib. Milde ist sie nicht. "Es geht nicht darum, ob eine Mehrheit oder Minderheit der Amerikaner so etwas tut, sondern ob die Art der Politik, die die Regierung verfolgt und die Hierarchien, die sie ausführen, so etwas möglich macht. In diesem Licht gesehen sind wir die Fotografien. Das heißt, sie sind repräsentativ für die fundamentale Korruption jeder ausländischen Besetzung in Verbindung mit der ausgeprägten Politik der Bush-Regierung."

Weitere Artikel: Christopher Caldwell ärgert sich über Michael Maars Enthüllung in der FAZ (mehr hier), dass Nabokovs "Lolita" eine Vorgängerin hatte: "Ob man der Anklage des Plagiats glaubt, hat viel damit zu tun, ob man 'Lolita' für Kunst oder Dreck hält." (Maar, der die Dreifaltigkeit in Nabokov, Mann und Proust sieht, hat eine solche Anklage natürlich niemals erhoben!). Richard Ragan schildert die Stille am ehemaligen Bahnhof des nordkoreanischen Ryongchon, wo vor einem Monat Waggons mit Sprengstoff explodiert sind. Susan Dominus widmet sich einem pikanten Phänomen: "Erstaunlich" viele der Feuerwehrmänner, die an Ground Zero im Einsatz waren, haben ihre Frauen für die Witwen ihrer umgekommenen Kameraden verlassen. Der Schriftsteller und Drehbuchautor Hanif Kureishi erklärt im Interview, wie man einen Film "sexy" macht. Baz Dreisinger annonciert die Rückkehr von "music's misery man" Morrissey. Und Allison Glock porträtiert den Radiomoderator Ryan Seacrest, dem sein Arbeitgeber Fox Television für seine Morgenshow eigens ein 10-Millionen-Dollar-Studio in Los Angeles errichtet hat.

In der New York Times Book Review werden zwei Bücher über Israel vorgestellt: "How Israel Lost" (Auszug) nennt sich Richard Ben Cramers provokative Bilanz, in der er die Fehler Israels gegenüber den Palästinensern aufzählt. "Ignorant und deshalb unerheblich" urteilt Elena Lappin, noch dazu gegen "einen Staat im Krieg". Cramer liefere "eine selbstverliebte Schmährede voller simplifizierender Meinungen, als würde er über einen Teller voller Bagels kiebitzen." (kommt laut Duden aus der Gaunersprache und bedeutet, beim Karten- oder Schachspiel zuschauen). David Horovitz, einst Rabin-Anhänger, beschreibt den alltäglichen Terror, dem er und seine israelischen Mitbürger durch palästinensische Machtpolitiker ausgesetzt sind. "Still Life With Bombers" ist ein "eindringliches" Buch, meint Walter Reich.

Außerdem: "Fesselnd und einnehmend" erzählt Joseph Wilson in "The Politics of Truth" (Leseprobe) über seine Jahre als streitbarer Diplomat der USA, gluckst John W. Dean, besonders beeindruckt hat ihn aber der Teil, als Wilson herausfindet, dass seine Frau eine verdeckte CIA-Agentin ist. Michael Kinsley zollt David Brooks durchaus Respekt für dessen soziologisch angehauchte Charakterstudie der Amerikaner "On Paradise Drive". Weniger lustig findet er die ungenauen Generalisierungen, und spätestens beim kritischen Appell am Ende des Buches erkennt er: "David Brooks ist nicht nur ein Liberaler. Er ist Franzose. J'accuse." Dwight Garner folgt James Kelmans schottischen Antihelden in "You Have to Be Careful in the Land of the Free" recht unwillig durch fast alle Bars Nordamerikas, um schließlich festzustellen: "Dieses Buch braucht mehr Momentum."

Magazinrundschau vom 17.05.2004 - New York Times

Nach dem 11. September (Auszüge hier und hier) hat sich William Langewiesche, Starreporter des Atlantic Monthly, den Ozeanen zugewandt, und dort nur Anarchie, Piraten und Gesetzlosigkeit entdeckt. "Elektrifizierend" findet Nathaniel Philbrick die Reportagensammlung "The Outlaw Sea" (Leseprobe), die sich in einem Stück auch mit dem Untergang der Estonia befasst. "Die Erzählung erlangt eine opernhafte Größe, wenn wir die verzweifelten und herzzerbrechenden Versuche einiger gut gewählter Charaktere mitverfolgen, die versuchen, aus dem sinkenden Schiff zu entkommen. Loyalität und Liebe zählten wenig auf diesem dem Untergang geweihtem Schiff. Diejenigen, die inne hielten, um Geliebten oder Freunden zu helfen, kamen um, und wie Langewiesche notiert, gab es unter den Überlebenden überproportional viele Singles."

Weitere Artikel: "Denkende schwarze Menschen der Vereinigten Staaten müssen aufhören, beim Wort Rassentrennung in Panik zu verfallen. Es wird der rassenbewusste Schwarze sein, der in der Zusammenarbeit mit eigenen Institutionen und Bewegungen die Farbigen emanzipieren wird." W.E.B. Du Bois schrieb das 1934; heute, fünfzig Jahre nach der richterlichen Aufhebung der Rassentrennung an Schulen (mehr) findet die bewusste Segregation vor allem unter Schwarzen offensichtlich immer mehr Zuspruch, bemerkt Samuel G. Freedman nach der Lektüre dreier Bücher schwarzer Universitätsprofessoren zum Thema. Grund ist die nach Meinung vieler gescheiterte Integration. "In mancher Hinsicht ist die schwarze Unterschicht hoffnungsloser denn je in maroden städtischen Schulen konzentriert, abgeschnitten nicht nur von den Weißen, sondern auch von der blühenden schwarzen Mittelschicht." Außerdem lobt Warren Goldstein Neil Lanctots "Negro League Baseball" (erstes Kapitel), die "skrupulös recherchierte" Geschichte der schwarzen Baseball-Liga, die seiner Meinung nach einige verklärende Klischees korrigieren dürfte. Außerdem bringt die New York Times auf ihren Internetseiten ein Video-Feature über das Gespräch zwischen Cornel West und Henry Louis Gates über die Aufhebung der Rassentrennung.

Wer sich über die Fortschritte in der Kreation maschinellen Lebens kundig machen will, dem empfiehlt Dick Teresi Sidney Perkowitz' "umfassende" und doch "kompakte" Bestandsaufnahme "Digital People". Und wer englischsprachige Kinder hat, kann sich in dieser Ausgabe umfassend über zielgruppengerechte Neuerscheinungen informieren.

Das New York Times Magazine hat sich zur Feier des Frühlings ganz der Landschaftsarchitektur verschrieben. Als Paradebeispiel beschreibt Arthur Lubow begeistert den Landschaftspark Duisburg-Nord, wo Peter Latz alte Hochöfen mit frischem Grün kombiniert hat (Bilder). "Die Atmosphäre von Duisburg-Nord bleibt ein wenig düster. Und so sollte es sein. Duisburg-Nord ähnelt dem Renaissance-Garten Bomarzo, wo der Herzog von Orsini im 16. Jahrhundert einen steilen, nicht sehr vielversprechenden Hang in eine Waldlandschaft umgestaltet hatte."

Außerdem schildert Jane Jacobs, wie die Natur die verlassenen Innenstädte Amerikas zurückerobert. Pilar Viladas porträtiert den belgischen Landschaftsarchitekten Jacques Wirtz. Deborah Solomon widmet sich dem Naturkünstler Andy Goldsworthy. Schließlich werden vier Vorschläge präsentiert, wie man Gras und mehr über Ground Zero wachsen lassen könnte.

Magazinrundschau vom 10.05.2004 - New York Times

Es mag das vielleicht tausendste Buch über die Bush-Administration sein, dafür ist Bob Woodwards "Plan of Attack" auch das bisher beste, meint Ted Widmer. "Dieses Mal war der Hype gerechtfertigt." Woodward beschreibe in seinem berühmten "blutleeren" Stil, wie die Invasion im Irak geplant wurde, und komme den Protagonisten so nah wie noch keiner zuvor. Kurios ist, dass beide politische Lager das Buch begrüßen. "Für die Demokraten beweist es, dass das Weiße Haus tief gespalten ist, korrupt und planlos. Für die Republikaner, die es auf Bushs Wahlkampfseite gestellt haben, präsentiert es einen entschlussfreudigen Präsidenten, der ab und zu vielleicht die Details durcheinander bringt, aber zuversichtlich ist, dass Amerikas Schicksal darin besteht, Freiheit und Licht nach Babylon zu bringen." Als Extra ein kleiner, feiner Text von Todd S. Purdum über Woodwards Erfolgsgeheimnis.

Ganz begeistert ist Claire Messud von A.S. Byatts (mehr) "Little Black Books of Stories" (Auszug): Die fünf "sorgfältig konstruierten" Erzählungen sind nicht nur Meditationen über die Kunst und ihren Platz in der Welt, sondern auch veritable Gruselgeschichten in der Tradition Edgar Allan Poes. Im Jahre 1912 wurde aus Politik Entertainment, behauptet James Chace in seiner Darstellung des Präsidentenwahlkampfes von Woodrow Wilson (Auszug). Richard Brookhiser lobt in seiner Besprechung vor allem Chacers "knackigen" Stil und die "wohl gewählten" Zitate. Das letzte Wort hat Laura Miller, die eindringlich davor warnt, schlechte Bücher unbedingt zu Ende zu lesen. Am Ende des Lebens wird man es bereuen.

Im New York Times Magazine widmet sich Gary Rivlin in einer Reportage den ungekrönten Königen des Glücksspiels, den Slot Machines. Zu Beginn begleitet er einen Automatendesigner bei seiner täglichen Runde im Atlantis Casino Resort in Reno. "Um acht Uhr an einem warmen Sommerabend beobachtete Baerlocher eine Frau in grünen Polyesterhosen und einer gelb-weiß-gestreiften kurzärmligen Bluse, wie sie an einer von ihm entworfenen Maschine mit dem Namen 'The Price is Right' spielte. Zuerst war die Körpersprache der Frau unverbindlich, sie war dem Spiel nur halb zugewandt, als wäre sie nicht wirklich daran interessiert, was ihr Einsatz bringen würde. Dann gewann sie ein Paar kleine Jackpots und nahm Platz. 'Hab Dich', murmelte Baerlocher leise."

Ira Glass klagt über die Hexenjagd nach Unflätigkeiten, die die Medienaufsichtsbehörde F.C.C. seit einiger Zeit betreibt. James Traub warnt vor Katastrophen, deren Vorzeichen ebenso deutlich sind wie jene des 11. September. Jennifer Senior porträtiert Bill Richardson, fülliger und kneipenfester Gouverneur von New Mexico, außerdem Latino und heiß gehandelter Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten der Demokraten.

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - New York Times

Im heutigen Deutschland, schreibt Gabriel Schoenfeld, begreife man sich zunehmend als Opfer des Nazi-Terrors, und nicht als Tätervolk. Die Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomber am 13. Februar 1945 spiele bei der gewandelten Sicht auf die eigene Vergangenheit eine prominente Rolle, spätestens seit Jörg Friedrichs "Der Brand". Frederick Taylor widerspricht in seiner Studie "Dresden" (erstes Kapitel) nun der These, dass die Bombardierung unnötig und grausam war, weil Dresdens Bevölkerung unschuldig und die Elbmetropole darüber hinaus weder von strategischer noch kriegswirtschaftlicher Bedeutung war. Außerdem habe das Bombardement nur höchstens 40 000 und nicht 100 000 Menschen das Leben gekostet, und auch Leben gerettet. Schoenfeld überzeugt in seiner Besprechung vor allem dieser Aspekt. "Nur Tage vor dem Angriff erhielten die wenigen übriggebliebenen Juden - bisher durch ihre Ehe mit Ariern verschont - den Deportationsbefehl. Am 16. Februar sollten sie nach Auschwitz gebracht werden. Unter den durch die Brandbomben der Alliierten geretteten Juden war auch der Chronist Deutschlands im Krieg, Victor Klemperer, der mit seinem Manuskript überlebte."

Im Aufmacher empfiehlt John Dust den letzten Roman des im Dezember verstorbenen John Gregory Dunne: "Nothing Lost" erzähle von einem schwarzen Drifter, seinen Mördern und einem publicity-hungrigen Supermodel, mit einem Finale, das Dust nicht weniger als "superb" findet.

Im New York Times Magazine geht der Historiker und Philosoph Michael Ignatieff der Frage nach, ob die USA den Kampf gegen den Terror verlieren können, wie eine solche Niederlage aussehen könnte und wie groß das kleinere Übel sein darf, mit dem man das größere bekämpfen will. Zum Schluss plädiert er: "Wir müssen unseren Glauben an die Freiheit behalten. Wenn Terroristen konstitutionelle Demokratien angreifen, beabsichtigen sie damit, Wähler und Gewählte zu überreden, dass die Stärke dieser Gesellschaften - öffentliche Debatten, gegenseitiges Vertrauen, offene Grenzen und konstitutionelle Begrenzungen exekutiver Macht - Schwächen sind. Wenn Stärken als Schwächen angesehen werden, können sie leicht abgeschafft werden. Wenn das die Logik des Terrors ist, dann müssen die demokratischen Gesellschaften neuen Glauben finden, dass ihre scheinbare Verwundbarkeit eine Form der Stärke ist. Dafür braucht es nichts Neues oder Besonderes. Es bedeutet lediglich, dass diejenigen, die für die demokratischen Institutionen verantwortlich sind, ihre Arbeit machen. Wir wollen CIA-Mitarbeiter, die verstehen, dass die Hunde des Krieges gebraucht werden, aber an die Leine gehören. Wir wollen Richter, die verstehen, dass die nationale Sicherheit keine Carte blanche für die Aufhebung individueller Rechte ist, eine freie Presse, die weiterhin fragt, wo die Gefangenen sind und was mit ihnen gemacht wird."

Unter der Überschrift "The German Question" beschreibt Richard Bernstein die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA seit dem 2. Weltkrieg, schildert die Gründe für die Eiszeit, die der Irakkrieg mit sich brachte, zeichnet für seine amerikanischen Leser ein kurzes, nicht uncharmantes Porträt Joschka Fischers und überlegt schließlich, wie sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern in Zukunft gestalten könnten: "Das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung Deutschlands haben zu Veränderungen geführt. Ein langsamer, aber stetiger Prozess führt zu dem, was die Deutschen ein normales Land nennen, ein Land wie andere, obwohl die Deutschen zu verstehen scheinen, dass die bloße Tatsache, dass sie normal zu sein wünschen, bedeutet, dass sie es zumindest in einigen Dingen nicht sein können." Für Bernstein ist klar, dass in Zukunft die EU für Deutschland eine mindestens so große Rolle spielen wird wie bisher die Vereinigten Staaten. Aber dies, meint er, ist der unvermeidliche Preis, den die USA für einen "der größten Triumphe" der amerikanischen Außenpolitik bezahlen müssen: "die Formung eines friedlichen, demokratischen, vereinigten Deutschlands".

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - New York Times

Der Quäker Josiah Harlan war nicht nur der erste Amerikaner in Afghanistan, er schaffte es sogar, ein Suzerain, ein König der Afghanen zu werden. Rudyard Kipling inspirierte das Leben des Abenteurers zu "The Man Who Would Be King", den gleichen Titel gibt nun Ben Macyntire seiner "packenden, skrupulös recherchierten" Biografie dieses vergessenen amerikanischen Nationalhelden des 19. Jahrhunderts. Alexander Frater hat die Geschichte des schillernden Hasardeurs mit glänzenden Augen gelesen. "In Kabul überlebte Harlan eine Cholera-Epidemie ('viel Alkohol und Drogen', lernte er, war die beste Prophylaxe), studierte Alchemie und malte planlos herum. Als er, gelangweilt wie er war, hörte, dass Ranjit Singh, der Maharadscha von Punjab, europäische Generäle rekrutierte, reitete er nach Lahore, wo er einen verkommenen einäugigen Alkoholiker vorfand, der Partys veranstaltete, bei denen Harlan 'ohne Reue und Scham an Intimitäten teilnahm, die zu beschreiben sich von selbst verbietet'."

Weitere Besprechungen: Im Aufmacher feiert David Brooks Ron Chernows Biografie (erstes Kapitel) über den vernachlässigten Founding Father Alexander Hamilton als neues Standardwerk. Den Erfolg von Lynne Truss' Polemik für die Einhaltung der Grammatikregeln "Eats, Shoots and Leaves" in England kann Edmund Morris schließlich nur schwer nachvollziehen.

Im New York Times Magazine erinnert sich Dan Barry in einem kurzweiligen Text an seinen ufogläubigen Vater, die nächtelangen Diskussionen, die er in seinem Bett mitverfolgte, und all die Beweise für extraterrestrisches Leben. "Diese Fotografie mit Ektoplasma, das aus dem Mund einer Frau tropfte wie aufgewärmtes Charleston Chew. Diese Geschichte über den Farmer, der vor den Augen seiner Frau verschwand, während sie über ein Feld gingen." Näheres im ersten Kapitel seines Buches "Pull Me Up".

Des weiteren unterhält sich Deborah Solomon mit Jehane Noujaim, die gerade einen Dokumentarfilm über den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera abgedreht hat. "Al Jazeera könnte die einzige Basis des Arabischen Nationalismus sein, die noch übrig ist." David Rieff warnt davor, den angezählten Arafat zu unterschätzen, und Matti Bai fragt sich, ob ein altmodischer Tür-zu-Tür-Wahlkampf Bush noch retten kann.

Magazinrundschau vom 19.04.2004 - New York Times

Das bisher intimste Porträt von Stalin hat der britische Journalist Simon Sebag Montefiore mit "Stalin. The Court of the Red Tsar" (erstes Kapitel) vorgelegt, lobt Richard Pipes. Sebag sehe Stalin als "superintelligenten und begabten Politiker, der seine historische Rolle über alles stellte, ein nervöser Intellektueller, der manisch Geschichte und Literatur las, und ein zappeliger Hypochonder, der an chronischer Tonsillitis, Psoriasis und Rheuma litt. Dieser einsame und unglückliche Mann ruinierte jede Liebe und Freundschaft seines Lebens, indem er sein Glück politischen Zwängen oder seiner kannibalistischen Paranoia opferte. Er glaubte, die Lösung für jedes menschliche Problem sei der Tod." So ganz kann Pipes, selbst Professor der Geschichte, Stalin doch nicht als Intellektuellen akzeptieren, trotzdem kommt an dieser sorgfältig zusammengetragenen und lebhaft präsentierten Biografie in Zukunft keiner mehr vorbei, glaubt er.

Die Politik der USA gegenüber Saudi-Arabien wurde maßgeblich von den finanziellen Beziehungen der Bush-Familie zum saudischen Königshaus geprägt, behauptet Craig Unger in "House of Bush, House of Saud". "Er klebt sogar ein Preisschild auf die saudischen Zuwendungen an die Familie Bush: erschütternde 1.476 Milliarden Dollar, in einem Zeitraum von 30 Jahren, als Geschenke an mit den Bushs verbundene Wohltätigkeitsorganisationen und als Investitionen in die familieneigenen Unternehmen." Jonathan D. Teppermann nimmt das alles recht ruhig zur Kenntnis und gibt durchaus zu, dass hier "schamlos" geschachert wurde. Das verschwörungslastige Buch insgesamt aber scheint ihm beizeiten "an der Grenze zur Selbstparodie".

Weitere Artikel: Restlos begeistert ist Ted Conover von Edward Conlons "ausufernden, gewitzten, meinungsstarken und wunderschön geschriebenen" Memoiren mit dem etwas pathetischen 'Titel "Blue Blood". Conlons Berichte von seiner Arbeit als Polizist in New York formierten sich zu einem "reichhaltigen ethnografischem Dokument". Daniel Soar empfiehlt "The View from Stalin's Head", den Erstling von Aaron Hamburger, ein Band mit zehn "attraktiven" Kurzgeschichten, die meist in Prag spielen und deren Protagonisten "meistens männlich, meistens Mitte Zwanzig, meistens amerikanisch, meistens schwul und meistens jüdisch" sind.

Das New York Times Magazine ist einem Thema gewidmet, das endgültig aus der politischen Agenda in den USA verschwunden zu sein schien: das Gesundheitssystem. Hillary Rodham Clinton schreibt den Aufmacher und beweist zumindest zu Beginn Selbstironie: "Ich weiß, was Sie jetzt denken. Hillary Clinton und Gesundheitsfürsorge? Gab's schon mal. Hat nichts gebracht."

Melanie Thernstrom beobachtet eine Ärztin, die einen interessanten "narrativen" Diagnoseansatz verfolgt. Sie lässt ihre Patienten ausführlich von ihren Leiden erzählen und achtet dabei vor allem auf Satzbau, Zeitwechsel, Subplots und Pausen. Lisa Sanders annonciert die Rückkehr des guten alten Hausdoktors, der die Patienten kennt und persönlich vorbeikommt. Zumindest zu denen, die es sich leisten können.

Magazinrundschau vom 13.04.2004 - New York Times

Viel ist schon zu lesen gewesen über "Against All Enemies", Richard Clarkes Attacke gegen die Terrorismusbekämpfung des Weißen Hauses, jetzt hat James Risen sich das Werk (Auszug) vorgenommen und platzt bald vor Lob. "Eine Rarität unter all den Washington-Insider-Memoiren - es liest sich wirklich hervorragend". Das erste Kapitel, in dem der langjährige Sicherheitsberater Clarke die turbulenten Tage nach dem 11. September rekapituliert, sei zugleich das beste, schwärmt Risen. "Ich hoffe, Clark hat die Rechte nach Hollywood verkauft, denn ich würde bezahlen, um diesen Film zu sehen." (Schon passiert, wie die FAZ heute meldete.) "In der Nacht des 12. September wanderte der Präsident alleine durch den Situation Room, als er inne hielt und Clarke und einigen Beratern sagte: 'Gehen Sie noch einmal alles durch, alles. Ich will wissen, ob Saddam das getan hat.' Clarke war 'düpiert, ungläubig'. Er sagte dem Präsidenten: 'Al Qaida hat das getan.' 'Ich weiß, ich weiß, aber ich will wissen, ob Saddam involviert war. Ich will jeden Fetzen sehen.' Nachdem der Präsident gegangen war, sagte einer von Clarkes Mitarbeitern: 'Wolfowitz hat ihn.'" Lob auch für Steve Colls Vorgeschichte des 11. September, die "beste bisher" (erstes Kapitel).

Weitere Artikel: Fareed Zakaria weiß nach Hans Blix' Erinnerungen (erstes Kapitel) über seine Zeit als UN-Waffeninspektor im Irak nun, dass Washington "mit ein wenig Anstrengung" seine Ziele im Irak auch durch internationale Strukturen und Institutionen erreicht hätte. Wer Mary Stuart wirklich kennenlernen möchte, dem empfiehlt Gerard Kilroy John Guys skrupulöse Biografie der tragischen Königin. Erstmals seien die verschiedenen Versionen der Geschichte unter einem Buchdeckel versammelt. Und Richard Eder mag den "halluzinatorischen, widersprüchlichen, erratischen Realismus", mit dem der somalische Autor Nuruddin Farah in seinem Roman "Links" die lange Phase der Gewalt und der Clankriege seines Landes schildert.

In ihrer Kolumne plädiert Margo Jefferson für das schamlose Kopieren von Passagen, die uns etwas sagen. Mit der Zeit entstehe so ein informelles Logbuch der Lektüre und der Befindlichkeiten. Jefferson notierte sich 1971 eine bitterschöne Zeile von W.E.B. Du Bois. "Was wir fürchten ist, dass unsere Unzulänglichkeiten mehr sind als nur allzumenschliche Schwächen."

Im New York Times Magazine plädiert James Traub in einem dieser endlos-kundigen Artikel für das harte Geschäft des Nation Building. Zufrieden mit seiner von kurzfristigen Jahresbudgets bestimmten Regierung ist er nicht. "Die Größe des Ziels zeigt nur die intellektuelle Armut und die ideologische Selbstversenkung der Nachkriegsplanung."

Außerdem porträtiert Herbert Muschamp Miuccia Prada, die als Kunstmäzenin ebenso "bilderstürmerisch" agiert wie als Modeschöpferin. Und Tina Rosenberg wirbt für das in Verruf geratene Pestizid DDT, das in der Dritten Welt noch gute Dienste leisten könnte.

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - New York Times

Kein Mitleid für Charles Baudelaire, er war nicht tragisch, sondern einfach drogenabhängig, behauptet Frank Hilton in seiner Biografie "Baudelaire in Chains". Alle seine Probleme lassen sich daraus erklären: "die Unfähigkeit, seine finanziellen Probleme zu lösen, seine unbefriedigenden Beziehungen, seine schlechte Gesundheit, sein guignon - das dämonische Pech, dem er ausgeliefert zu sein glaubte - und, am wichtigsten, seine chronischen Schwierigkeiten, einmal beständig kreativ zu arbeiten." In ihrer Besprechung vergleicht Laura Miller Baudelaire mit dem Kollegen Samuel Taylor Coleridge (zu empfehlen ist die ressourcenreiche Seite der University of Virginia), ein Bruder im Geiste, der einfach Glück hatte, dass er Brite war. "Französische Romantiker tendierten zum Theatralischen und Grandiosen, während die Briten sich durch Offenheit auszeichneten, gepaart mit ironischer Selbstverunglimpfung." (Und wer hat die besseren Gedichte geschrieben, hm?)

Etwas zurückhaltender als Outlook India (nachzulesen in der Magazinrundschau vom 1. März) bespricht Philip Bobbitt Ian Burumas and Avishai Margalits Untersuchung über die Wurzeln und Auswirkungen unseres verzerrten Orientbilds: Interessanterweise vergleicht Bobbitt "Occidentalism" (erstes Kapitel) mit Lee Harris' "Civilization and its Enemies" (erstes Kapitel). Harris, konservativer Essayist, tritt für einen Konfrontationskurs gegenüber dem militanten Islam ein und erinnert daran, dass der Aufschwung des Westens auch in seiner Skrupellosigkeit begründet lag. "Harris sieht in Bin Laden eine Spiegelung der Missstände in der westlichen Welt; Buruma und Margalit sehen im Okzidentalismus die Reaktion von Elementen innerhalb unserer eigenen Kultur auf den universellen Anspruch des Westens."

Weitere Artikel: Durch die unmäßige Erweiterung des Copyrights bedrohen Unternehmen die öffentliche Sphäre, schreibt Lawrence Lessig in "Free Culture" (erstes Kapitel). "Wuchtig argumentiert", notiert der beeindruckte Rezensent Adam Cohen. Grimmig, aber gelungen, findet Christopher Dickey Rich Atkinsons Buch über seine Erfahrungen als eingebetteter Reporter in der 101st Airborne Division, deren Soldaten sich im Irak von der Politik missbraucht fühlten. Als mehr oder weniger gerade heraus lobt Molly Haskell schließlich "Peninsula of Lies" (erstes Kapitel), Edward Balls literarische Untersuchung einer transsexuellen Beziehung im provinziellen Charleston des Jahres 1969.

Zu empfehlen ist wieder einmal das New York Times Magazine. Niall Ferguson wirft einen lesenswerten Blick auf Europa, das gerade als Eurabia neu erfunden wird - von den muslimischen Einwanderern. "Hinter den Nachrichten vom Terrorismus findet ein historischer Wandel statt: Muslimische Immigranten füllen Europas demografische Leere und gestalten dessen Zukunft."

Außerdem beschreibt Bruce Barcott, wie die Bush-Administration heimlich, still und leise die Klimapolitik der USA radikal verändert hat. Und David Brooks verteidigt die oft geschmähten Vorstädte. Denn hier und nicht in den Metropolen sei der amerikanische Traum auch heute noch zu Hause.

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - New York Times

Die USA sind groß geworden, weil auch zwielichtige Menschen ihren zwielichtigen Geschäften nachgehen durften. So könnte man Walter A. McDougalls These zusammenfassen, die er in "Freedom Just Around The Corner" präsentiert, dem ersten Band einer dreiteiligen Geschichte seines Landes. Gordon Wood bespricht das Buch interessiert und glaubt, dass McDougalls Auffassung von der "kreativen Korruption" einen entscheidenden Beitrag zu Amerikas Selbstverständnis leisten wird. "Weil unsere hohen und noblen Ideale von Freiheit und individuellen Rechten so krass mit der oft grotesken Realiät des amerikanischen Lebens kontrastieren, ist jede Phase unserer Geschichte von Disharmonie geprägt, schreibt McDougall. Zur Unterstützung zieht er Samuel P. Huntington heran: 'Amerika ist keine Lüge, es ist eine Enttäuschung. Aber es kann nur eine Enttäuschung sein, weil es auch eine Hoffnung beinhaltet', eine Hoffnung, die Bob Dylan 'die Freiheit hinter der nächsten Ecke' nennt." Hier Robert Kaplans langes Porträt von Samuel Huntington im Atlantic Monthly, aus dem das schöne Zitat stammt.

Die Idee hinter Lauren Slaters Wissenschaftsbuch "Opening Skinner's Box" ist "simpel, aber genial", muss Peter Singer zugeben. "Man nehme zehn wegweisende psychologische Experimente des vergangenen Jahrhunderts von den Seiten einschlägiger Journale, entstaube den schrecklich akademischen Stil, in dem sie beschrieben wurden, füge ein paar persönliche Details über die Forscher hinzu und erzähle sie als intellektuelle Abenteuer neu." Herausgekommen sei, trotz ein paar kleineren Ungenauigkeiten, "ein sehr lesbarer, wenn auch sehr persönlicher Report über das, was wir über die menschliche Natur wissen und was wir nicht wissen."

Aus den weiteren Besprechungen: Tony Hendra freut sich über eine neue Stimme in Sachen Wein. "Schlau, großzügig, aufmerksam, lustig und vor allem frei von jedweder Arroganz begebe sich "The Accidential Connoisseur" Lawrence Osborne, ein Engländer (!), auf die Spur des guten Geschmacks (hier ein Interview zum Anhören). Zakes Mdas Roman "The Madonna of Excelsior" erzählt "klug und intelligent" von den letzten 30 Jahren in Südafrika, und hat Neil Gordon bewegt zurückgelassen. Gabriel Schoenfeld klagt bitterlich über David Edmonds' und John Eidinows Nacherzählung des berühmten Schachduells zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky. "Bobby Fischer goes to War", biete zwar lohnende Einblicke in die hochinteressante Beziehung von Kommunismus und Schach, sei aber manchmal auch "lahm wie eine Schnecke" (hier ein Auszug aus dem Buch, hier mehr über das Duell, und hier ein langer Artikel aus Atlantic Monthly über Bobby Fischer).

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - New York Times

"Der amerikanische Strafvollzugsapparat spuckt jedes Jahr 600.000 wütende, ungelernte Menschen aus", schreibt Brent Staples. Für immer mehr Amerikaner gehört das Gefängnis zum Alltag. Jennifer Gonnermann porträtiert in "Life on the Outside" eine Mutter von vier Kindern, die für ihre erste Straftat, den Verkauf von Kokain, für 16 Jahre ins Gefängnis musste. Staples ist erschüttert, wie normal ein Gefängnisaufenthalt mittlerweile geworden ist, nicht nur für Erwachsene aus armen Gesellschaftsschichten, sondern auch für die Kinder, die ihre Eltern im Gefängnis besuchen. "Mit jeder Generation gewöhnen sich die Familien ein Stückchen mehr daran, ihr Leben in Gefangenschaft zu verbringen."

Weitere Besprechungen: "Stechenden Witz" bescheinigt Richard Eder Edwidge Danticats "The Dew Breaker" (erstes Kapitel), eine Sammlung von Geschichten über das Leiden der Haitianer - im Exil oder in der Heimat. Großes Lob von Anthony Walton erntet George Pelecanos für sein neues Werk "Hard Revolution" (erstes Kapitel). Der Krimiautor habe mittlerweile eine Reife erreicht, die es ihm erlaube, die Grenzen seines angestammten Genres zu sprengen. Joseph Nocera staunt, wie fest die Verantwortlichen bei Coca Cola davon überzeugt sind, mit ihrem Produkt die ganze Welt erlösen zu können: Constance L. Hays bringe in ihrem Firmenporträt "The Real Thing" genug Beweise, um diese These eindrücklich zu untermauern.

Im New York Times Magazine finden wir eine Reportage von Joshua Kurlantzick, der die Cambodian Freedom Figthers (mehr) besucht hat. Sie wollen Tausende von Rebellen ausrüsten, um Premier Hun Sen - ein ehemaliger Roter Khmer - zu stürzen. 2000 waren die CFF verantwortlich für "eins der schlimmsten Blutbäder in der jüngsten Geschichte der kambodschanischen Hauptstadt". Sie treffen sich wöchentlich in einem kalifornischen Einkaufszentrum, die amerikanische Regierung scheint nichts dagegen zu haben.

Außerdem porträtiert Russell Shorto den politischen Kabarettisten Al Franken - eine Art Rush Limbaugh der Demokraten mit politischen Ambitionen. James Gleick beschreibt den zunehmenden Kampf um Namensrechte im globalisierten Weltmarkt. Und Clive Thompson untersucht, ob im Internet weniger gelogen wird.