
Viel zu lesen in dieser Woche. In einem Debattenbeitrag
verteidigt der iranische Philosoph
Dariush Shayegan die Existenz universeller Werte. Im Extremfall, so Shayegan, tendiere der
Multikulturalismus dazu, sich zu einer Art
"Identitätspolitik" zu entwickeln, in der sich "der Begriff der Kultur unfehlbar
mit einer stark reduzierten ethnischen Identität vermischt." Gegen den Multikulturalismus, der dem Westen
"Ethnozentrismus" vorwirft, sagt Shayegan: "Im Grunde sind alle Zivilisationen ethnozentrisch, auch der Islam, trotz seiner Toleranzlehren. Erst
sehr spät entstand im Westen dank der beginnenden Moderne ein
neuer Blick auf die Welt. Man begann am exklusiven Gleichheitszeichen zu zweifeln, das die
Tugend in eins setzte mit den Qualitäten der
eigenen Ethnie oder Religion. Und man interessierte sich dafür, was jenseits von Besonderheiten und traditionellen Atavismen,
allen Menschen gemein ist. Und dies dank einer Eigenschaft, die von allen Menschen gleich welcher Rasse, Sprache oder ethnischen Eigenschaften geteilt wird: der
Vernunft." Das letzte Buch des Autors heißt "La lumiere vient de l'occident" (Das Licht kommt aus dem Westen, Editions de l'Aube) und hat laut
NouvelObs im Iran für große Aufmerksamkeit gesorgt.
Ebenfalls im Debattenteil
diskutieren der Philosoph
Michel Onfray (mehr
hier) und der Essayist und Journalist
Jean-Claude Guillebaud (mehr
hier)die Frage, ob man als
Linker Nietzscheaner sein könne.
In einem teilweise ziemlich kontroversen Gespräch
erörtern die Schriftsteller
Frederic Beigbeder und
Luc Lang (mehr
hier und
hier) ihre unterschiedlichen Ansätze, mit denen sie den
11. September in neuen Büchern verarbeitet haben. Es geht vor allem um die Statthaftigkeit der
Fiktionalisierung des Ereignisses, aber auch um divergierende Meinungen zu Amerika und zur amerikanischen Politik. ("Windows on the World? von Frederic Beigbeder, Grasset; "11 Septembre mon amour? von Luc Lang, Stock)
Des weiteren
beschäftigt sich das Magazin aus Anlass des bevorstehenden
Bücherherbsts mit der Frage nach Sinn, Zweck und Ursachen der gigantischen Überproduktion in der Buchbranche. "
691 Romane in einem Monat: Heute wird zweimal so viel veröffentlicht wie vor zehn Jahren. Warum eine solche Inflation, obwohl der Absatz ständig weitersinkt und die Zahl der schon totgeborenen Bücher sich häuft?" Zu Wort kommen Verleger, Buchhändler und Autoren, die alle unterschiedliche Erklärungen haben. Claude Cherki vom Großverlag Seuil etwa meint: "Wir sind
Neinsagermaschinen. Wir verbringen unsere Zeit damit, Manuskripte abzulehnen, auf die die Kleinverlage scharf sind. Und es dann nicht schaffen, sie zu verkaufen."
Ergänzend dazu gibt es einen kleinen
Überblick über Empfehlungen,
Neuerscheinungen, Thementrends etc. und
Überlegungen, an wen wohl der 100.
Prix Goncourt gehen wird.
Vorgestellt wird schließlich
Claude Millers (mehr
hier) Tschechow-Adaption
"La Petite Lili", die in Cannes lief.