Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 25

Magazinrundschau vom 22.09.2003 - Nouvel Observateur

Anlässlich des 40. Todestags von Jean Cocteau erscheint eine ganze Reihe von Publikationen über den Dichter und Regisseur, darunter auch eine neue Biografie über den "Ungeliebten" die ausführlich vorgestellt wird. Sein "Übermaß an Talenten" sei ein "Fluch" gewesen: "Flüchtig betrachtet ist er ein Autor ohne Werk, der nur Bonmots produziert hat. Verfolgt vom alten Traum vom Gesamtkunstwerk, war er der Reihe nach oder gleichzeitig Zeichner, Stilist, Choreograf, Poet, Regisseur, Texter und Schriftstelle, um ihn zu verwirklichen. Ein vielseitiger Dilettant, dem ein bedeutender Roman oder eine unanfechtbares Werk fehlt, die ihn in einer literarischen Tradition verankert hätten." Claude Arnauds Biografie räume nun mit dieser "Ungerechtigkeit" auf. Ab 25. September würdigt ihn überdies eine Ausstellung im Centre Pompidou, die unter anderem in einer 300 Meter langen Vitrine, die sich durch die sieben Ausstellungsräume schlängelt, fast 900 Stücke aus seinem privaten Nachlass zeigt.

Erinnert wird auch an Edith Piaf, die am gleichen Tag wie Cocteau starb, außerdem wird über die Entdeckung von sechs unbekannten Chansons in der Bibliotheque nationale berichtet.

Im Debattenteil sind Auszüge aus der Biografie von Saïd K. Aburish über Yassir Arafat, dem "Schöpfer und Botschafter der palästinensischen Identität" zu lesen. Außerdem bringt der Nouvel Obs Auszüge aus dem neuen Buch von Susan Sontag, "Devant la douleur des autres", in dem sie sich mit den Bildern von Krieg, Entsetzen und Tod auseinandersetzt.

Zu lesen sind schließlich die Rezension der Erinnerungen des französischen Historikers Michel Winock sowie zwei Kritiken des neuen Films des kanadischen Regisseurs Dennys Arcand, der in Cannes zwei Auszeichnungen gewann; die erste hält "Les Invasions barbares" für eine "Tränendrückermaschine", die zweite dagegen für Kunst.

Magazinrundschau vom 15.09.2003 - Nouvel Observateur

Zum 11. September erinnert sich Isabel Allende in einem Gespräch mit dem Pariser Magazin an den letzten Augenblick mit ihrem Vater, bevor er beim Putsch in Chile vor dreißig Jahren ermordet wurde: "Sein letzter Augenblick mit mir und Beatriz, meiner älteren Schwester, war ohne Worte. Ich war mir der Bedeutung der Situation nicht bewusst. Da er vom Volk das höchste Mandat hatte, war er nicht gewillt, sich den Putschisten zu beugen oder zu demissionieren. Aber er forderte er, dass seine Töchter, die anderen Frauen und Zivilisten den Palast verlassen. Keine unnützen Toten, vor der Welt Zeugnis ablegen, das war sein Anliegen. Nach einer letzten schweigenden Umarmung öffnete er uns die Tür. In diesem Moment wusste ich nicht, dass er bereit war, seine Loyalität zum chilenischen Volk mit seinem Leben zu bezahlen und dass ich ihn niemals wiedersehen würde."

Im Debattenteil sind Auszüge aus dem Vorwort zu einem Buch des ehemaligen französischen Außenministers Hubert Vedrine zu lesen, in dem er versucht, die Frage zu beantworten, was "Europa und Frankreich angesichts des amerikanischen Imperiums" tun könne ("Face a l?hyperpuissance", Fayard). Das Dossier erkundet dazu passend, wie sich das Denken seit dem 11. September verändert habe. Unter anderem geht es um das "Ende der europäischen Vision" (hier), "die Perversitäten der Hyperpermissivität" (hier) und "die Illusion des globalen Dorfs" (hier).

Lange habe man geglaubt, sie seien völlig aus der Mode gekommen, jetzt "kehren sie mit Macht zurück" und liefern sich dem Rezensenten zufolge regelrechte "Straßenkämpfe": die Literaturzeitschriften. Vorgestellt werden - von der alteingesessenen NRF bis zu Neugründung wie L'imbecile de Paris - sieben Hefte nebst Auflage, Ausrichtung und Glaubensbekenntnis. Auch Bernard-Henri Levy bringt seine Regle du jeu neu heraus. Wir verlinken aber auf Frederic Beigbegers Zeitschrift mit dem schönen Titel Bordel, auch wenn es sich idiotischerweise um eine Flash-Adresse handelt.

Und sonst: Benoit Pivert erinnert anlässlich des Schulbeginns an den "zeitlosen" Roman "Die Klasse" des Kafka-Zeitgenossen Hermann Ungar aus dem Jahre 1927 (mehr hier). Empfohlen wird schließlich eine Kassette mit den zehn schönsten Aufnahmen von Rudolf Serkin, die anlässlich des 100. Geburtstags des "moralischen Pianisten" zusammengestellt wurde.

Magazinrundschau vom 08.09.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil ist ein Vorabdruck aus einem Essay von Tzvetan Todorov über die "neue Weltunordnung" zu lesen. Darin plädiert er für ein Europa als "ruhige Kraft", dessen Pazifismus sich aber nicht einfach in einer "unzureichenden Selbstentwaffnung" erschöpfen und sich damit zur "leichten Beute" für militante Gegner machen dürfe. "Es handelt sich nicht einfach um die Wahl zwischen 'Idealismus' und 'Realismus': keine gute Politik kann es sich erlauben, auf eines von beiden zu verzichten... Europa könnte den Weg zu einem ruhigen Umgang mit der Macht öffnen, dessen Vorteile man nicht außer Acht lassen kann."

Anlässlich eines Essaybandes über Schriftsteller von Proust über Borges und Wilde bis hin zu Nerval ("De la Litterature") erläutert Umberto Eco in einem Interview das fruchtbare Verhältnis zwischen dem Essayisten und dem Schriftsteller Eco. Zupass kommt ihm dabei offensichtlich die beim "romanischen Menschen ausgeprägtere Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können". Wenn er etwa zwei Sachen zu erledigen habe, von denen eine dringender sei, fange er grundsätzlich mit der anderen an. "Wenn ich etwas für die Universität machen muss, ist das genau der Moment, aufs Land zu fahren und einen Roman zu schreiben. Das gibt mir das Gefühl, ein Ehebrecher zu sein." Sollte man vielleicht auch mal probieren.

Ansonsten viele Buchbesprechungen in dieser Woche, darunter ein gründlicher Verriss von Denis Bertholets Biografie über Claude Levi-Strauss ("langweilig und überflüssig"), ein Roman von Philippe Claudel, ein Debütroman von Cyril Montana und ein Roman über das Leben des Jazztrompeters Chet Baker von Alain Gerber. Und Jacques-Pierre Amette erklärt, weshalb er sich Bertold Brecht zur Hauptfigur seines neuen Romans "La Maitresse de Brecht" auserkoren hat ("Ich fände es schön, wenn der Leser nach der Lektüre meines Buchs Lust hätte, Brecht wiederzulesen").

Anlässlich seines Films "Raja", der die Geschichte eines Mädchens aus Marrakesch erzählt, erklärt Regisseur Jacques Doillon (mehr hier), weshalb dies sein vermutlich letzter Film sein werde. Besprochen wird schließlich "Good Bye Lenin", der jetzt in Frankreich anläuft.

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - Nouvel Observateur

In einem Debattenbeitrag verteidigt der Historiker und Soziologe Jean Bauberot "das Universelle" und erklärt, warum es unerlässlich sei, unsere Vorstellung davon zu erneuern. Nur wenn man über einen "klaren Blick auf die Ambivalenzen seiner eigenen Kultur" verfüge, werde es möglich, "andere Kulturen zu schätzen, ohne seine eigenen grundlegenden Werte verleugnen zu müssen".

Als "manichäischen General" in "Kriegslaune" entlarvt Laurent Joffrin nach der Lektüre von "Ouest contre Ouest" in seiner Kurzbesprechung dessen Autor Andre Glucksmann. "Jede Verzögerung, jeder Einwand, jede Forderung einer Erklärung sind nichts als vulgärer Antiamerikanismus, gefährlicher Nationalismus und anachronistischer Gaullismus. Wer sich dagegen sträubt, in die Uniform zu steigen, gehört zum 'schlechten Westen', ins Lager der Weicheier der Freiheit und zu den Saboteuren der 'Achse des Guten'."

Und in die seit einigen Wochen geführten Debatte um die "Modernität Nietzsches" mischt sich heute Jean Daniel mit einer Verteidigungsrede ein.

Sehr gelobt und als "fesselnd" beurteilt ("giftig, voll köstlicher Bosheit und unzähligen Anekdoten") wird dagegen ein Buch des Goncourt-Preisträgers Pierre Combescot, der die fast vergessene Geschichte eines Diamantencolliers von Marie-Antoinette erzählt. Ansonsten werden vorwiegend Bücher nicht-französischer Autoren vorgestellt, interessant darunter die "alarmierende" Studie des seit 20 Jahren in Paris lebenden amerikanischen Journalisten und Camus-Biografen Herbert Lottmann "L'Ecrivain engage et ses ambivalences. De Chateaubriand a Malraux ". Lottmann untersucht darin die Frage, ob die französischen Schriftsteller auch "gute Politiker" seien, beziehungsweise die Gründe, die sie dazu veranlasst haben, sich in politische Fragen einzumischen.

Zu lesen sind Interviews mit Ian McEwan (hier) und Elfriede Jelinek (hier) über ihre neuen Bücher sowie ein Gespräch mit Stephen Frears, der gerade an einem Film über Tony Blair arbeitet, über seine jüngste Produktion "Dirty Pretty Things".

Ein kurzer Überblick informiert schließlich über das Programm des 29. Festival du cinema americaine in Deauville und Kurztipps über die Herbstproduktionen der Pariser Theater.

Magazinrundschau vom 25.08.2003 - Nouvel Observateur

Viel zu lesen in dieser Woche. In einem Debattenbeitrag verteidigt der iranische Philosoph Dariush Shayegan die Existenz universeller Werte. Im Extremfall, so Shayegan, tendiere der Multikulturalismus dazu, sich zu einer Art "Identitätspolitik" zu entwickeln, in der sich "der Begriff der Kultur unfehlbar mit einer stark reduzierten ethnischen Identität vermischt." Gegen den Multikulturalismus, der dem Westen "Ethnozentrismus" vorwirft, sagt Shayegan: "Im Grunde sind alle Zivilisationen ethnozentrisch, auch der Islam, trotz seiner Toleranzlehren. Erst sehr spät entstand im Westen dank der beginnenden Moderne ein neuer Blick auf die Welt. Man begann am exklusiven Gleichheitszeichen zu zweifeln, das die Tugend in eins setzte mit den Qualitäten der eigenen Ethnie oder Religion. Und man interessierte sich dafür, was jenseits von Besonderheiten und traditionellen Atavismen, allen Menschen gemein ist. Und dies dank einer Eigenschaft, die von allen Menschen gleich welcher Rasse, Sprache oder ethnischen Eigenschaften geteilt wird: der Vernunft." Das letzte Buch des Autors heißt "La lumiere vient de l'occident" (Das Licht kommt aus dem Westen, Editions de l'Aube) und hat laut NouvelObs im Iran für große Aufmerksamkeit gesorgt.

Ebenfalls im Debattenteil diskutieren der Philosoph Michel Onfray (mehr hier) und der Essayist und Journalist Jean-Claude Guillebaud (mehr hier)die Frage, ob man als Linker Nietzscheaner sein könne.

In einem teilweise ziemlich kontroversen Gespräch erörtern die Schriftsteller Frederic Beigbeder und Luc Lang (mehr hier und hier) ihre unterschiedlichen Ansätze, mit denen sie den 11. September in neuen Büchern verarbeitet haben. Es geht vor allem um die Statthaftigkeit der Fiktionalisierung des Ereignisses, aber auch um divergierende Meinungen zu Amerika und zur amerikanischen Politik. ("Windows on the World? von Frederic Beigbeder, Grasset; "11 Septembre mon amour? von Luc Lang, Stock)

Des weiteren beschäftigt sich das Magazin aus Anlass des bevorstehenden Bücherherbsts mit der Frage nach Sinn, Zweck und Ursachen der gigantischen Überproduktion in der Buchbranche. "691 Romane in einem Monat: Heute wird zweimal so viel veröffentlicht wie vor zehn Jahren. Warum eine solche Inflation, obwohl der Absatz ständig weitersinkt und die Zahl der schon totgeborenen Bücher sich häuft?" Zu Wort kommen Verleger, Buchhändler und Autoren, die alle unterschiedliche Erklärungen haben. Claude Cherki vom Großverlag Seuil etwa meint: "Wir sind Neinsagermaschinen. Wir verbringen unsere Zeit damit, Manuskripte abzulehnen, auf die die Kleinverlage scharf sind. Und es dann nicht schaffen, sie zu verkaufen."

Ergänzend dazu gibt es einen kleinen Überblick über Empfehlungen, Neuerscheinungen, Thementrends etc. und Überlegungen, an wen wohl der 100. Prix Goncourt gehen wird.

Vorgestellt wird schließlich Claude Millers (mehr hier) Tschechow-Adaption "La Petite Lili", die in Cannes lief.

Magazinrundschau vom 18.08.2003 - Nouvel Observateur

Der Filmregisseur Pascal Thomas antwortet auf Patrice Chereaus Attacke gegen die Streiks der Kulturschaffenden von vergangener Woche (hier). "Die Störer des Spektakels haben sich nicht geweigert, in Avignon oder anderswo zu spielen. Sie haben nur etwas anderes gespielt als das, was sie einstudiert haben: Sie haben es vorgezogen, ihr Leben zu spielen."

In einem weiteren Debattenbeitrag erklärt der israelische Literaturwissenschaftler Avraham B. Yehoshua, inwiefern die internationale Gemeinschaft anlässlich der Evakuierung der Siedlungen in den 1967 besetzten Gebieten eine "vorrangige Rolle" in Israel zu spielen habe. "Der israelische Staat ähnelt einem Drogenabhängigen, der unfähig ist, sich von seiner Droge zu befreien. (Die internationale Gemeinschaft) sollte den Süchtigen zuverlässig und entschieden bei ihrer Entziehungskur helfen."

In einem Interview gibt der israelische Schriftsteller David Grossman (mehr hier und hier) Auskunft über seinen neuen Roman "Quelqu'un avec qui courir" (Seuil). Über das Leben im heutigen Israel sagt er: "Wir leben unser Leben nicht, sondern wir überleben zwischen zwei Katastrophen. Der Tod ist überall, die unerträgliche Leichtigkeit des Todes." Besprochen werden außerdem die Lebenserinnerungen des Journalisten Yves Courriere, der als Reporter schon über den Algerienkrieg berichtet hat, "Eclats de vie" (Fayard).

Erste Anzeichen dafür, dass der Sommer bald vorbei ist: Die Sommerserien gehen zu Ende. So die Reihe über Familiendynastien, die mit einem Porträt der Familie Dumas schließt, ebenfalls zum letzten Mal geht es zu kleinen Museen in die Provinz, diesmal ins Zollmuseum nach Bordeaux und das Kunstmuseum Agen. Vorgestellt werden außerdem der neue Film von Andre Techine "Les Egares" mit Emanuelle Beart, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Gilles Perrault, sowie die Ausstellung "Alors, la Chine?" mit Arbeiten chinesischer Künstler im Centre Pompidou.

Magazinrundschau vom 11.08.2003 - Nouvel Observateur

Der Film- und Theaterregisseur Patrice Chereau (mehr hier) beschäftigt sich in einem leidenschaftlichen Text noch einmal mit den geplatzten Theaterfestivals dieses Sommers und fragt sich, "wie man sich überhaupt weigern kann zu spielen". Ein solcher Streik sei "das Schlimmste, was passieren kann... Man muss sagen dürfen, ohne sich beleidigen zu lassen, dass all diese Absagen ein verzweifelter und verrückter Akt waren.". "Man sagt: 'Wir Künstler werden ncht anerkannt.' Dies ist ein Argument, über das ich zuerst lächeln musste und das mich dann traurig machte. 'Die Kultur bekommt keine Anerkennung.' Aber wir sollten gar keine Anerkennung erwarten! Fordern wir sie, aber erwarten wir sie nicht. Anerkennung bekommt man nur durch seine Arbeit, durch das, was man mit ihr sagt. Bevor man ein günstiges Statut erwartet und bevor man sagt 'Man erkennt mich nicht an', sollte man sich vielleicht lieber zunächst einmal fragen, was man mit seiner Arbeit in diesem Metier sagen will und warum man sie macht."

In einem weiteren Debattenbeitrag analysiert der ehemalige spanische Regierungschef Felipe Gonzales, wozu die "Lektionen aus dem Chaos im Irak dienen könnten" und erklärt, dass es "genau richtig war, sich gegen die Intervention zu stellen."

Vorgestellt werden die Essaysammlung "Esquisses de mythologie" (Quarto) des 1986 gestorbenen Philologen und Religionshistorikers Georges Dumezil (mehr hier), eine Studie über japanische Prostituierte im 11. Jahrhundert und die noch vor seinem Tod 2001 autorisierte Biografie des Malers Balthus (mehr hier). Außerdem zu lesen ist ein Porträt des ägyptischen Regisseurs Youssef Chahine (mehr hier), der derzeit in New York einen neuen Film dreht, und die Besprechung des Films "Le Faisan d'or" des kirgisischen Regisseurs Marat Sarulu. Schließlich nimmt Francois Forestier Abschied von Marie Trintignant.

Und wer neidisch werden will, liest noch das Dossier der Woche, das in Landhäusern schwelgt - Preise und "Checkliste fürs Glücklichsein" inklusive.

Magazinrundschau vom 04.08.2003 - Nouvel Observateur

In einem Debattenbeitrag fordert der chilenische Schriftsteller Luis Sepulveda (mehr hier, Leseprobe hier) "weder Vergeben noch Vergessen für Pinochet!". In seinem Text, einem Vorabdruck aus dem Buch "La Folie Pinochet", das bei Editions Metailie erscheinen wird, kritisiert er, dass es in seinem Land noch immer wimmele von "Militärs, hysterischen Bourgeois, Katholiken und Antikommunisten, Unternehmenschefs, die sich allesamt dank der vom Staatschef garantierten Straffreiheit bereichern konnten (?) und Juristen, die nie weder an das Gesetz noch an die Justiz geglaubt haben".

In einem weiteren Artikel analysiert Eugenio Scalfari, der Gründer von L'Espresso und la Repubblica, das beschädigte Image von Tony Blair. "Blair repräsentiert den postmodernen Helden, bepackt mit all seinen ambitionösen Anwandlungen und Widersprüchen, denen es an Größe fehlt." Besprochen wird ein Band mit Zeichnungen, Gouachen und Aquarellen von Schriftstellern aus der Sammlung von Pierre Belfond, darunter von Baudelaire, Cocteau, William Burroughs und Henri Miller.

In der Reihe über Familiendynastien werden die Menuhins vorgestellt und die Serie über kleine, aber feine Museen in der Provinz führt in dieser Woche nach Vannes ins Musee de la Cohue und nach Laval ins Musee du Vieux-Chateau. Hingewiesen wird außerdem auf den Skulpturenpark "Le Vent des forets" in den Wäldern bei Mairie de Fresnes-au-Mont (laut besonderem Hinweis vernünftigerweise nur außerhalb der Jagdsaison zugänglich), zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Maler Jacques Monory, der Anfang der 60er Jahre sein gesamtes Werk zerstört hatte, und derzeit mit neuen Arbeiten in zwei Ausstellungen (mehr hier) vertreten ist.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - Nouvel Observateur

In einem Interview erklärt der ägyptisch-amerikanische Chemiker und Nobelpreisträger Ahmed Zewail, was den Forschritt des wissenschaftlichen Denkens in der arabisch-muslimischen Welt verhindert und welche Wege zu einer Renaissance es geben könnte. Abgesehen davon, dass es keinen singulären benennbaren Grund gebe und mit Verweis auf die "gelehrten Araber", ohne die sich "Entwicklung Europas um 500 Jahre verzögert" hätte", sieht er eine Hauptursache in der Kolonisation, die "per definitionem ein Klassen- und Kastensystems, das einer minoritären Regierungselite gegenübersteht, eingeführt" habe. Nach der Dekolonialisierung und dem Zweiten Weltkrieg, habe sich die islamische Welt "zunächst nach Westen, dann nach Osten orientiert", dabei aber "im Sinne der ökonomischen Entwicklung nicht das mindeste erreicht. Nach dem Ende des Kalten Krieges (...) blieb schließlich nur noch ein Ort, an den man sich wenden konnte: der Himmel."

Im Nachdruck eines weiteren Interviews warnte der Lyriker, Schriftsteller und Dramaturg Kateb Yacine (mehr hier) schon im Jahr 1985 vor dem "Terrorismus einer Staatsreligion".

Das Dossier widmet sich einer angeblich neuen und zerstörerischen Tendenz zu zügel- und tabuloser Sexualität. Der Psychoanalytiker Willy Pasini erläutert anhand von Erfahrungen aus seiner Praxis, inwiefern die sexuelle Revolution "sämtliche Ketten gesprengt" habe, und der Philosophiedozent Dominique Folscheid gibt Auskunft über "herzlose Körper und körperlose Herzen."

Weitere Artikel: Bücherklau ist offensichtlich Volkssport in Frankreich. Ein kleiner Text informiert über das aktuelle Ausmaß und die Lieblingsobjekte der Klauerei - und deren Wandel. "Viele Buchhändler erinnern sich an die finsteren Jahre nach dem Mai 68: 'Da herrschte im anarchistischen Milieu oder in den sozialwissenschaftlichen und experimentalsoziologischen Fakultäten wie Vincennes ein Geist der Libertinage, der sich zum Diebstahl bekannte' (...) Im Visier standen ausnahmslos Bücher, die sich mit dem Situationismus beschäftigten." In der Reihe über Familiendynastien geht es in dieser Woche um den Picasso-Clan, und in der Serie über kleine Museen in der Provinz wird auf zwei Meisterwerke von Georges de la Tour hingewiesen, die in seiner Geburtsstadt Vic-sur-Seille hängen.

Besprochen werden schließlich der als "außergewöhnlich" gelobte Dokumentarfilm "La machine de mort khmere rouge" (mehr hier) von Rithy Panh über den kambodschanischen Genozid und der Film "Le cout de la vie" von Philippe Le Guay über unser "inniges Verhältnis" zu Geld.

Magazinrundschau vom 21.07.2003 - Nouvel Observateur

In einem langen Dossier wird noch mal der Streik der Bühnenkünstler und -arbeiter resümiert, der die Existenz einiger Festivals dauerhaft gefährdet. Der Schluss ist bitter:"'Bei dieser Gelegenheit', so sagt ein Beobachter, 'haben die Hauptpersonen nicht ihre Rolle, sondern ihre Karikatur gespielt'. Die kommunistische Gewerkschaft CGT ist im Korporatismus versunken, die sozialistische Gewerkschaft CFDT ist immer nur hintergelaufen. Der Arbeitgeberverband Medef war zu arrogant, die Regierung autistisch, die Künstler unrealistisch. Alle leben in ihrer jeweiligen Blase, ohne die Botschaft zu verstehen, die an sie gerichtet war."

Der Laizismus ist im Gegensatz zur Toleranz "inkompatibel" mit jeder Form einer "offiziellen Religion" erklärt die Philosophiedozentin Catherine Kintzler in einem Debattenbeitrag. "Die Übereinstimmung zwischen Toleranz und Laizismus besteht in der Fähigkeit zur Umsetzung der drei Sätze: 1) Niemand ist verpflichtet, religiöser zu sein als ein anderer, 2) niemand ist verpflichtet, religiöser zu sein als irgendjemand, 3) niemand ist verpflichtet, überhaupt religiös zu sein. Diese Bestimmung setzt voraus, dass ein öffentliches Recht die Koexistenz dieser Freiheiten regelt: es resultiert darin, dass die den Glauben betreffenden Dinge privat bleiben und dank des Schweigens des Gesetzes zivile Freiheit genießen."

Weitere Artikel: Didier Jacob porträtiert Beatrice von Rezzori und die Santa Maddalena Foundation (wunderschön!) in der Nähe von Florenz, in der die Frau von Gregor von Rezzori schon unzählige Schriftsteller zu Arbeitsaufenthalten zu Gast hatte, darunter Michael Ondaatje, Zadie Smith, Edmund White oder Bruce Chatwin. Vorgestellt werden Tagebücher und eine Auswahl von Briefen des Schriftstellers und Jünger-Übersetzers Henri Thomas (1912-1993, mehr hier). Nach dem Houston-Familienclan porträtiert Francois Forestier in dieser Woche die Brando-Familie ("sein Leben gleicht einem Ruinenfeld"). Und in der Serie über kleine Museen in der Provinz wird mit der Fondation Angladon-Dubrujeaud in Avignon und Le Cabanon von Le Corbusier in Roquebrune-Cap-Martin auf zwei weitere versteckte Schätze hingewiesen.