Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 25

Magazinrundschau vom 14.07.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil beschreibt der belgische Schriftsteller Francois Weyergans, warum auch in diesem Herbst sein Buch, das bereits seit vier Sommern beharrlich angekündigt wird, nicht erscheinen wird. Was offenbar auch am Eigenleben liegt, das seine zentrale Romanfigur, ein Schriftsteller, entwickelt. Nicht ganz ohne Weyergans' Zutun: "Ich gestatte ihm gelegentlich, das Stück zu verlassen, und dann fällt er für zwei Stunden bei Wine and Bubbles ein, wo er sich mit dem Eigentümer des Ladens eine Flasche 14,5-prozentigen Languedoc teilt statt Xanax, während ich grünen Tee trinke, ein grauenerregendes Aufputschmittel."

In einem Essay fragt sich Peter Schneider (mehr hier), ob sich "die Pazifisten geirrt" hätten, und erklärt, warum die "Einhelligkeit", mit der in Deutschland der Irakkrieg kritisiert wird, für ihn etwas "Beängstigendes" hat. Es sei doch ein "überraschendes Phänomen, dass der Verlauf des Krieges beide Seiten in ihrer Meinung bestärkt hat. Wir hatten Recht, heult das Weiße Haus in Richtung Europa, wir sind diejenigen, die klar gesehen haben; wir hatten den Durchblick, entgegnen Millionen deutsche Pazifisten, die gegen der Krieg waren. Für dieses paradoxe Spektakel kann es nur eine Erklärung geben: Die Wortführer erinnern sich lediglich an diejenigen ihrer Prophezeiungen, die sich durch die Ereignisse anscheinend bewahrheitet haben und vergessen entschlossen jene, die entkräftet wurden."

Eine ausführliche Besprechung stellt eine Geschichte des Reisens vor ("Humeurs vagabondes. De la circulation des hommes et de l?utilite des voyages", Fayard). Außerdem zu lesen ist ein Interview mit der Gründerin der Befreiungsbewegung Liberation, Lucie Aubrac, über den von den Nazis erschossenen Philosophen Jean Cavailles (mehr hier und hier), anlässlich dessen 100. Geburtstag jetzt eine Biografie erschienen ist (Le Felin).

Die erste Folge einer Sommerserie über "große Schätze in kleinen Museen" der französischen Provinz widmet sich zwei Häusern in Bagnols-sur-Ceze und Pont-Saint-Esprit. Vorgestellt werden eine Reihe amerikanischer Publikationen über den Familien-Clan von John Houston, und in einem kleinen Schwerpunkt erinnert der Nouvel Obs an den 10. Todestag des französischen Chansonniers Leo Ferre, zu lesen sind unter anderem ein Porträt, ein Interview Ferres Sohn Mathieu und eine Zusammenstellung von Veröffentlichungen und CDs.
Stichwörter: Irakkrieg, Schneider, Peter, Clan

Magazinrundschau vom 07.07.2003 - Nouvel Observateur

In einem Einführungstext zu einem Sonderheft des Nouvel Obs, das am 9. Juli erscheint und vermutlich nur am Kiosk zu haben ist, feiert Jean Daniel Claude Levi-Strauss (mehr hier) als "größten Ethnologen des 20. Jahrhunderts". "Levi-Strauss ist ein gleichermaßen überholter wie unersetzlicher Meister. Die Widerlegungen seiner Thesen sind stets von der Anerkennung des Tributs begleitet, der ihm zu zollen ist. (?) Sein Denken bleibt eine Referenz: Er hat wahrscheinlich die besten Konzepte des Andersseins entwickelt, der Differenz, des Vergleichs und der Entstehung des Ichs durch den Anderen. Weil man den Anderen verstehen kann: Das Andere ist nicht total fremd, man kann darin ein 'strukturelles Unbewusstes' entdecken, das nicht weit entfernt von unserem ist. Und das wilde Denken ist nicht das Denken von Wilden, sondern ein noch nicht domestiziertes Denken."

In einem weiteren Debattentext ("Genet und die Palästinenser") reagiert der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo und Freund von Jean Genet auf ein Buch des Essayisten Eric Marty ("Bref Sejour a Jerusalem", Gallimard), der Genet des Antisemitismus bezichtigt hat. Es habe auf ihn den gleichen Effekt gehabt wie Sartres Genet-Biografie: beide seien ihm "nach etwa dreißig Seiten aus der Hand gefallen". Wie schon Sartre wollten beide Autoren Genet schlicht "reduzieren". Im Falle Martys werde hier "nicht nur dem zu analysierenden Text beschränkende Gewalt angetan, sondern dem einzigartig bunten und komplexen poetischen Universum Genets einige Folgerungen der Art extrahiert: Genet ist Antisemit, hasste Israel und träumte von seiner Zerstörung." Seine eigene Lektüre von Genets "Un captif amoureux" (im Aufsatz "Genet et les Palestiniens, ambiguite politique et radicalite poetique") habe vielmehr gezeigt, dass das posthume Werk des Schriftstellers "eigentlich weniger vom Misslingen der palästinensischen Revolution als von seinem Autor handelt."

Neben Krimi-Empfehlungen für die Ferien (vielleicht hat ja der ein oder andere Lust, am Strand auf dieses Weise sein Französisch aufzubessern) befindet sich der Nouvel Obs im sommerlichen Festivaltaumel. In dieser Woche ist das 57. Festival von Avignon an der Reihe: Wir lesen Interviews mit den Regisseuren Bartabas vom Theatre equestre Zingaro (hier) und Lukas Hembleb, der ein Stück von Pierre Charas nach Motiven von Bacon inszeniert (hier), vorgestellt wird das Tanztheaterprogramm und außerdem präsentiert der Obs seine "sechs Highlights".

Magazinrundschau vom 30.06.2003 - Nouvel Observateur

Der Soziologe Alain Touraine ruft die "finale Krise" aus. In einem Debattenbeitrag stellt er fest, dass sich die "Zivilgesellschaft zunehmend von Angst leiten" lasse. Gleichzeitig gehe der französische Staat, der einmal die "Hauptkraft der Modernisierung" gewesen sei, in die "Defensive". Touraine fragt sich nun, wie dessen Rolle neu zu bestimmen sei. "Im Lauf der Jahrhunderte haben wir unsere Handlungen an der Überlegenheit der Natur ausgerichtet, heute ist unser zentrales Ziel unsere Beziehung zu uns selbst. Wir sind aus dem Jahrhundert von Marx ins Jahrhundert Freuds gewechselt und versuchen nun, das Subjekt zu retten oder wiederzufinden, das angesichts der Entfesselung unkontrollierbarer Kräfte riskiert, die Kontrolle über sich zu verlieren." Er plädiert dafür, "die Rolle des Staats nicht zu vermindern", sondern in Bezug auf "öffentliche Belange zivilere Regierungsformen zu definieren und zum Laufen zu bringen."

Weitere Artikel: Zwei französische Lyriker - Andre Velter und Philippe Beck - haben sich den Essay des französischen Außenministers Dominique de Villepin (hier) über die Poesie vorgenommen und beurteilen ihn durchaus unterschiedlich. In der Abteilung Arts-Spectacles geht es in mehreren Texten um das 55. Festival in Aix. So erläutern Macha Makeieff und Jerome Deschamps, die für die Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" verpflichtet wurden, in einem Interview ihre "traditionelle Auffassung" der Oper ("Mozart ist Mozart, und das ist auch gut so"). In einem weiteren Gespräch berichtet Anja Silja, der "zweifellos unbeugsamste Sopran der lyrischen Welt", über "Größe und Dekadenz" des modernen Gesangs. Und in einem Porträt wird der "Benjamin" der Festspiele Francois Serhan vorgestellt, der in Aix seine erste Oper präsentiert.

Bücher: 100 Jahre Tour de France - die Liste der Publikationen ist erwartungsgemäß lang; der Nouvel Obs versucht, eine kleine Orientierungsschneise durch den Dschungel zu schlagen. Als "elektrisierend und zärtlich" wird der neue Roman "Frictions" (Gallimard) von Philippe Dijan (mehr hier) beurteilt.

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs widmet dem Phänomen "Matrix Reloaded" ein ganzes Dossier. In einem Interview erklärt der Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard (mehr hier), was er von der expliziten Verwendung seiner Theoreme des Virtuellen und der Simulation im Film hält: "Im Grunde liegt hier das gleiche Missverständnis vor wie bei den simulationistischen Künstlern der Achtziger in New York. Diese Leute halten die Hypothese vom Virtuellen für eine Tatsache und übertragen sie in sichtbare Fantasmen. Aber das Wesen dieses Universums besteht gerade darin, dass die Kategorien des Realen nicht dazu taugen, darüber zu sprechen."

Weitere Deutungsversuche liefern der Schriftsteller Stephane Zagdanski (hier), der Romancier und Essayist Jean-Michel Truong (hier) sowie der Philosophiedozent Elie During (hier), und in einem fiktiven Dialog zeigen die Filmfiguren Neo und Fanfan la Tulipe, wie groß der "Kulturschock" zwischen zwei Superhelden aus einem Cyberthriller und einem "französischen Ausnahmefall" wirklich ist.

Weitere Artikel: Im Debattenteil fragt sich anlässlich des Buchs von Moshe Lewin über die Geschichte der UdSSR ("Le Siecle sovietique", mehr hier) die Gründerin der italienischen Zeitung il Manifesto, Rossana Rossanda, wie Stalin zu beurteilen sei, und der ehemalige französische Premier Laurent Fabius kritisiert die "seltsame Milde" gegenüber Fidel Castro, der für ihn - zumal nach der letzten Repressionswelle - "schlicht ein Diktator" ist. Zu lesen ist ein Interview mit Ursula Vian Kübler, Witwe von Boris Vian (mehr hier), von dessen Gesamtwerk gerade die letzten beiden Bände erschienen sind (Fayard). Vorgestellt wird außerdem ein Band mit Abschiedsbriefen, die während der Okkupation von der Gestapo zum Tode Verurteilte an ihre Familien geschrieben haben ("La Vie a en mourir. Lettres de fusilles 1941-1944", Tallandier).

Magazinrundschau vom 16.06.2003 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil druckt das Magazin Auszüge aus einem Text des Schaupielers Sean Penn, der am 30. Mai in der New York Times zu lesen war. Penn berichtet darin unter anderem über seine (teilweise kritisierte und belächelte) Reise nach Bagdad im Dezember vergangenen Jahres und bekennt seine andauernde Beunruhigung, die er bereits im Oktober 2002 in einem offenen Brief an George W. Bush formuliert hatte. Für Penn hat sich der "Schatten" des 11. September demnach keineswegs gelichtet. "Zur einem Zeitpunkt, da die Medien Syrien, Iran und Nordkorea auf die Liste möglicher Kampfziele setzen, sollten wir einmal über die Mittel nachdenken, die für diese Kreuzzüge der Gewalt jederzeit zur Verfügung stehen, während es zugleich unmöglich ist, Kreuzzüge zu finanzieren, die andere Völker und uns selbst von sehr realen Leiden erlösten. Ich spreche von unserem Geld. Unserer Demokratie. Unserer Fahne."

In einem kleinen Schwerpunkt rechnet der Nouvel Obs mit der "Achse der Lüge" ab, auf der Bush und Blair ihre Irak-Politik begründet hätten. So beschäftigt sich ein Artikel mit den bisher nicht gefundenen Massenvernichtungswaffen, ein Kommentar sichtet Bush in der "Lügenfalle", und ein weiterer Text beschreibt den Autoritäts- und Vertrauensverlust, den sich Blair mit seiner "Staatslüge" eingehandelt habe. Unter dem Oberbegriff "Lügen" kann dann natürlich auch Hillary Clintons Biografie respektive der Eiertanz ihres Mannes abgehandelt werden. (Was wäre überhaupt die Welt ohne die ehrlichen Franzosen!)

Besprochen wird eine Anthologie über Griechenlandreisen, die Schriftsteller und Intellektuelle seit dem Mittelalter unternommen haben. Der Band rekonstruiert unter anderem die Reisen von Freud, Lamartine, Lord Byron und Chateaubriand (Laffont). Vorgestellt wird außerdem eine Biografie über die zum Islam konvertierte schweizer Schriftstellerin Isabelle Eberhardt (1877-1904, mehr hier) von Goncourt-Preisträger Edmonde Charles-Roux (Grasset).

Magazinrundschau vom 10.06.2003 - Nouvel Observateur

In einem Debattenbeitrag - einer Art "Beweisführung in zehn Punkten" - erklärt der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi (mehr hier), wie Berlusconi es geschafft hat, Italien "in Rekordzeit in die Katastrophe zu führen". "Wer hat Berlusconi eigentlich 'erlaubt', all das in so kurzer Zeit zu tun? Überlegen wir kurz. Wenn ein Premierminister in Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland es gewagt hätte, per Anordnung einen Journalisten aus einem Fernsehsender zu befördern, der ihm nicht passt, hätten sich am nächsten Tag Oppositionspolitiker wie ein Bollwerk vor diesen Sender gestellt, gefilmt von Kameras der ganzen Welt. Weil sich die Demokratie auf diese Art zur Wehr setzt und nicht, indem man sich in irgendwelche stillen Kämmerlein des betroffenen Senders begibt und dort die Rolle des armen Teufels spielt."

Die Schriftstellerinnen Catherine Millet ("Das sexuelle Leben der Catherine M.") und Christine Angot ("Inzest") beschäftigen sich in ihren neuen Büchern beide mit dem Schriftsteller Charles Perrault (1628 - 1703, mehr hier), der vor allem für seine Märchensammlung ("Feenmärchen für die Jugend", dtv) berühmt war. In einem Gespräch miteinander geben sie Auskunft darüber, wie sie dazu kamen, sich mit Perrault und seinen Märchen zu beschäftigen, und inwiefern die Unterschiede im jeweiligen Zugang und der Behandlung des Themas auch der "Lust" entsprang, sich "an dieser Herausforderung zu messen". (Christine Angot: "Peau d'ane", Catherine Millet: "Riquet a la houppe, Millet a la loupe", beide Stock)

Besprochen werden der zweite Roman des Ex-Häftlings Abdel-Hafed Benotman, der darin in einer Mischung aus Fiktion und Autobiografie die Geschichte einer algerischen Kindheit im Paris der sechziger Jahre erzählt. Vorgestellt werden eine Enzyklopädie der Historiker des 20. Jahrhunderts (Armand Colin), ein Essay des Politikwissenschaftlers Jean-Pierre Azema über den Begründer der Resistance, Jean Moulin (Perrin), und ein Band mit Interviews und Gesprächen mit Georges Perec. Die Journalistin Christine Ockrent schließlich antwortet auf den Verriss ihrer Biografie über Francoise Giroud.

Magazinrundschau vom 02.06.2003 - Nouvel Observateur

Das Titeldossier beschäftigt sich mit der Schwulenbewegung und was sie seit der ersten öffentlichen Demonstration 1969 in New York verändert hat. In einem Interview gibt der Philosoph Didier Eribon Auskunft über seinen "Dictionnaire des cultures Gays et Lesbiennes" (Larousse), in dem er die Geschichte dieser "Revolution" von A bis Z durchbuchstabiert. Darin erklärt er unter anderem, warum der Christopher Street Day eigentlich ein "Mythos" sei. So habe es bereits "seit Ende des 19. Jahrhunderts" in Städten wie Paris, London, Berlin und New York "einen unglaublichen Reichtum homosexuellen Lebens gegeben", der erst "durch den Zweiten Weltkrieg vernichtet" worden sei; anschließend folgte der "Konservativismus der 50er und 60er Jahre". "Alles was davor geschehen war, wurde dadurch aus dem kollektiven Gedächtnis und dem historischen Wissen gelöscht. Und als 1968 an den Mauern der Sorbonne Plakate eines 'comite d?action pederastique' klebten, glaubte man, die Schwulen seien damit erstmals in der Geschichte aus dem Schatten getreten."

Eine Rezension seines Dictionnaires lobt dieses als "Meilenstein im Pfuhl der Vorurteile": "Seine wissenschaftliche Objektivität, die Vielzahl der berücksichtigten Gebiete - von der Music-Hall bis zur Ethnologie - die Einfachheit der Einleitungen (...), die Qualität der Abbildungen machen es zu einem Nachschlagewerk, dem der Erfolg gewiss ist."
In kleinen Porträts werden Märtyrer, Vorkämpfer und Denker der Bewegung vorgestellt (von Magnus Hirschfeld über Oscar Wilde bis zu Michel Foucault). Berichtet wird über den schwulen Pay-TV-Sender Pink TV, der bald auf Sendung gehen soll, ein Artikel untersucht, wie (unterschiedlich) die Werbung in den USA und Frankreich den milliardenschweren Markt anspricht und erobern will, und ein kleiner Text widmet sich schließlich alten und neuen Formen der Homophobie.

In einem kleinen Schwerpunkt wird der 100. Geburtstag von George Orwell begangen: mit einem Porträt, Laurent Joffrin, erklärt, weshalb gerade die Linke Orwell (wieder) lesen sollte und der Philosophiedozent und Orwell-Spezialist Jean-Claude Michea begründet in einem Interview, inwiefern Orwell heute "aktueller denn je" sei. Besprochen werden ein Band mit den gleichermaßen "traurigen und witzigen" Porträts junger Franzosen ("Jeunesses", Le Dilletante), die Henri Calet 1954 für die Zeitschrift "Elle" geschrieben hat. Vorgestellt wird schließlich noch ein 800-Seiten-Wälzer des französischen Außenministers Dominique de Villepin über die "Leidenschaft ihres Lebens: die Poesie" ("Eloge des voleurs de feu", Gallimard).

Außerdem zu lesen: ein Interview mit Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin, anlässlich eines Comebacks per neuer DVDs und CDs und ein Hinweis auf zwei Ausstellungen über die Entdeckung der Sahara im Musee de l?Homme und im Museum d?Histoire naturelle.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - Nouvel Observateur

Viele Bücher und Cannes-bedingt noch einmal viel Film in dieser Woche. Vor allem aber eine sehr französische Erregung, die "Affäre Moliere". Der Schweizer Dozent Dominique Labbe will mittels statistischer Methodik entdeckt haben, dass ein Großteil der Stücke von Moliere in Wirklichkeit von Corneille geschrieben wurden ("Corneille dans l'ombre de Moliere. Histoire d'une decouverte", les Impressions nouvelles). War Corneille also Molieres "Neger", fragt der Obs besorgt. Offenbar mitnichten. "Alles was der Wissenschaftler aus Grenoble tut, ist die statistische Lexikologie (die weder die Wertigkeit einer Agenturmeldung noch von Kohlenstoff hat) als absolute Methode zu behaupten; er behauptet damit auf reichlich laute Art, die Debatte um die Zuschreibung der Werke Corneilles und Molieres zu entscheiden." Diese Debatte ist aber offenbar ein Phantom. "Alle dreißig Jahre", versichert der literarische Berater der Comedie Francaise, tauche diese Geschichte auf. Die inhaltliche Analyse der Stücke zeige indes, "dass Moliere mit Corneille nichts zu tun hat".

Als skandalös wurde auch ein Nachruf von Fabrice Pliskin auf den Schriftsteller Maurice Blanchot empfunden. Der Autor und Choreograf Daniel Dobbels wirft ihm in einer Replik nun vor, seinen Blanchot nicht richtig gelesen zu haben.

Besprochen werden eine posthume Sammelausgabe der Bücher von Sebastien Japrisot (Denoel), von denen einige verfilmt wurden (zum Beispiel "Ein mörderischer Sommer"), zwei philosophische Essays von Yannick Haenel und Francois Meyronnis und ein Buch der Direktorin des rechtsmedizinischen Instituts in Paris über ihre Arbeit. Mit einem polemischen Verriss - "Verrat"- wird die Biografie der Journalistin Christine Ockrent über Francois Giroud quittiert (Fayard). Im Filmteil sind Interviews mit Bertrand Blier ("Les Cotelettes", hier) und Denis Arcand ("Les Invasions barbares", hier) zu lesen, außerdem ein Porträt von Francois Ozon ("Swimming Pool").

Im Titeldossier untersucht der Obs schließlich die Frage, warum (auch) die französischen Lehrer "am Ende" sind.

Magazinrundschau vom 19.05.2003 - Nouvel Observateur

In einem Debattenbeitrag erläutert Norman Mailer den eigentlichen Sinn und Zweck des Irakkriegs, der darin bestanden habe "die weißen Amerikaner in ihrer Männlichkeit zu bestärken." Nach seiner Analyse habe man "einen Krieg gebraucht: Die amerikanische Wirtschaft war am Boden, die Märkte im freien Fall, die Zukunft sah düster aus, und einige traditionelle Bastionen des amerikanischen Glaubens (die Unversehrtheit der großen Wirtschaftsunternehmen, das FBI und die katholische Kirche, um nur drei zu nennen) litten aus unterschiedlichen Gründen unter einem schrecklichen Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Und weil unsere Regierenden keinen einzigen Lösungsvorschlag für diese Probleme hatte, war es nur natürlich, dass sie ihr Engagement einem höchst ambitionierten Unternehmen zuwandten: sich auf den ehrenvollen Kriegspfad zu wagen!"

Vorgestellt werden die Erinnerungen von Lesley Blanch, der Ehefrau von Romain Gary, der er in seinen Roman "Lady L." widmete ("Voyage au coeur de l?esprit", Denoel). Und in einem kleinen Interview gibt Haruki Murakami (mehr hier) Auskünfte über sein Buch "Les Amants du Spoutnik" und verrät mehr über sein nächstes Projekt mit dem Titel "Kafka am Meer". Ansonsten steht das Heft ganz im Zeichen der Filmfestspiele von Cannes, in mehr oder weniger umfangreichen Texten werden Beiträge im und außerhalb des Wettbewerbs vorgestellt, darunter "Dogville" von Lars von Trier (hier), "Va-et-vient" von Joao Cesar Monteiro (hier), "Ce jour-la" von Raoul Ruiz (hier) und Filme von Wim Wenders (hier), Andre Techine (hier) und Pupi Avati (hier).

Das Titeldossier beschäftigt sich in dieser Woche einmal mehr mit dem Thema Kopftuch, das vor allem junge Musliminnen vermehrt tragen und tragen wollen. Das laizistische Frankreich hat damit besondere Probleme. Texte erläutern die Rechtslage und die Vorschriften des Koran, zu Wort kommen junge Gläubige und Gegner des Kopftuchs, und der Soziologe Farhad Khosrokhavar erklärt im Interview die identitätsstiftende Funktion des Tuchs und relativiert gleichzeitig dessen als "bedrohlich" empfundene religiöse Aussage.

Magazinrundschau vom 12.05.2003 - Nouvel Observateur

Anlässlich des nächste Woche beginnenden Filmfestivals in Cannes wirft der Nouvel Obs einen Blick in die Vergangenheit. Er bat gut dreißig Cineasten, darunter Olivier Assayas, Catherine Breillat und Patrice Chereau (hier) und fast zwanzig Filmkritiker (hier) um ihre persönlichen Voten für die besten Filme der letzten 50 Jahre. Unumstrittener Gewinner ist demnach "Die Nacht des Jägers" von Charles Laughton (mehr hier). "Der Film wurde von einem Viertel der Befragten genannt, und rangierte auf der Liste der Cineasten an erster, in der Journalistenauswahl an dritter Stelle." Den zweiten Platz teilen sich Hitchcocks "Vertigo" und "Le mepris" (Die Verachtung) von Godard, an vierter Stelle steht "Van Gogh" von Maurice Pialat, gefolgt von Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" und Fellinis "Amarcord".

Didier Eribon empfiehlt die Lektüre eines Sammelbands mit (teilweise bisher unveröffentlichten) Texten über die Situation in französischen Gefängnissen von Sartre, Foucault, Deleuze und Genet aus den Jahren 1971 bis 1973: "Le Groupe d'Information sur les Prisons. Archives d'une lutte" (Imec). Der Band lasse die "intellektuelle Atmosphäre" dieser Zeit wieder entstehen, außerdem sei das Thema nach wie vor "aktuell". Die Beschäftigung mit diesem Themenkomplex war Grundlage für Foucaults Schrift "Überwachen und Strafen".

Rezensiert werden der zweite Band der Memoiren des Widerstandskämpfers und Augustinus-Experten Andre Mandouze (Editions du Cerf). In einem kleinen (und durchaus unvollständigen) ABC wird schließlich der Schriftsteller, Kinderbuch- und Comicautor Pennac (eigentlich Daniel Penacchioni) vorgestellt. Außerdem wurde in dieser Woche ein kleines Dossier über Leonardo da Vinci zusammengestellt, dem der Louvre eine große Ausstellung widmet (mehr hier). Bernard Genies porträtiert den "absoluten Künstler", ein weiter Text widmet sich Leonardos Wertschätzung der Malerei als "göttliche Kunst", vorgestellt werden neun Kilo neue Bücher und Bildbände, und es gibt einen Hinweis auf zwölf Manuskriptbände da Vincis, die ansonsten in einem Banktresor ihr Dasein fristen und erstmals seit 1952 wieder gemeinsam ausgestellt werden.