Spätaffäre - Archiv

Für die Augen

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Spätaffäre vom 07.04.2014 - Für die Augen

Mit "Es werde Stadt - 50 Jahre Grimme-Preis in Marl" hat Dominik Graf weniger eine Hommage an einen der wichtigsten hiesigen Medienpreise gedreht, als sich vielmehr essayistisch mit dem Niedergang des deutschen Fernsehens befasst. Das Ergebnis ist melancholisch, zärtlich, wütend - und entsprechend nicht zu verpassen! Beim WDR kann man sich den Film online ansehen. (104 Min.)

Gestern ist der Schauspieler Mickey Rooney gestorben, der nicht nur den sommersprossigen Knirps geben konnte oder mit Judy Garland tanzte, sondern auch echten Noir. Hier spielt Rooney in Don Siegels Gangsterfilm "Baby Face Nelson":


Spätaffäre vom 04.04.2014 - Für die Augen



Heute vor hundert Jahren wurde Marguerite Duras in Saigon geboren - eine der wichtigsten Autoren und Autorenfilmer im Frankreich des 20. Jahrhunderts. Die NZZ würdigte sie am Samstag mit einem ausführlichen Artikel. Wir haben auf Youtube einen Film von ihr gefunden: "Agatha et Les Lectures illimitées" von 1981, mit Bulle Ogier, Yann Andréa und der Stimme von Duras. Das Münchner Haus der Kunst beschrieb den Inhalt anlässlich einer Vorführung so: "Inspiriert von Robert Musils 'Mann ohne Eigenschaften' schreibt Marguerite Duras einen Dialog zwischen einem Bruder und einer Schwester, die sich endgültig trennen werden. Die inzestuöse Liebe ist für Duras das Wesentliche: eine Liebe, die nie enden, aber auch nicht ausgelebt werden kann. Sie ist verdammt und erhält sich in der Geborgenheit dieser Verdammung. Duras analogisiert die inzestuöse Liebe mit dem Akt des Lesens, der Auflösung der Grenzen zwischen Autor und Leser, einer ekstatischen Verschmelzung ihrer Körper mit dem Text. Dennoch, so Duras: 'Wenn er vom Körper seiner Schwester spricht, spricht er vom Unberührbaren.' Die Kamera fährt immer wieder über die gedruckten Seiten des 'Agatha'-Buchs." Hier zum Ansehen (Unter dem Icon "Captions" kann man englische Untertitel einblenden, 82 Minuten).

Bei diesem Film muss man nichts vom Inhalt erzählen: Rita Hayworth wirft die Mähne zurück und treibt Glenn Ford in den Wahnsinn. "Gilda" (1946), in seiner ganzen gloriosen Pracht, hier zum Ansehen (im Original, 106 Minuten).

Spätaffäre vom 03.04.2014 - Für die Augen

Heute wurde Ai Weiweis Ausstellung "Evidence" im Martin-Gropius-Bau eröffnet - alle großen Zeitungen berichteteten darüber (siehe unsere heutige Presseschau). Ai Weiwei durfte selbst nicht zur Ausstellungseröffnung kommen. Eine Arte-Dokumentation begleitete ihn bei der Vorbereitung zu seiner Ausstellung und zeigt die Lebensumstände des Künstlers, der unter ständiger Bewachung der Regierung steht: Dutzende Kameras rund um sein Haus dokumentieren jede Bewegung Ai Weiweis, seiner Familie, von Freunden und Besuchern. Alle Telefonate werden abgehört, und er hat Ausstellungsverbot in allen öffentlichen Museen Chinas. (52 Min.)

Ganz so weit ist es mit Lars von Trier noch nicht gekommen, aber zur Persona Non Grata in Cannes hat er es immerhin schon gebracht. Heute läuft sein neuer Film "Nymph()maniac Vo. II" an (siehe unsere Kinokolumne sowie die Presseschauen von gestern und heute). "Ich bin klein, aber wenn ich von einer kleinen Anhöhe aus schreie, bin ich sicher, dass die Welt mir gehorchen wird", sagt er über sich in der sehr sehenswerten Doku "Tranceformer" von 1997, die bei Youtube zu sehen ist. (52 Min.)



Im Alter von 75 Jahren ist gestern der virtuos ironisch-fantastische Fabulierer Urs Widmer gestorben. Bei 3sat ist er auf der Buchmesse 2009 im Gespräch mit Ernst A. Grandits über seinen Roman "Herr Adamson", den Tod und das Schreiben zu sehen. (15 Min.)

Spätaffäre vom 02.04.2014 - Für die Augen

Mit Dominik Grafs Friedrich-Ani-Verfilmung "Kommissar Süden und der Luftgitarrist" aus dem Jahr 2009 bringt 3sat ein echtes Highlight der deutschen Fernsehkrimi-Produktion. Zur Erstausstrahlung 2009 schrieb Ekkehard Knörer bei Cargo einen schönen Text über den Film: "Und das Luftgitarrespielen als symbolisches Handeln ist wirklich ganz toll. Es geht um eine Verausgabung um nichts, um ein Handeln, ein Fühlen, ein Sich-Vergessen im Ersatz. Dabei muss man's schon können, muss aber das Können, wenn's Ernst wird (ganz am Ende, haarscharf und famos an der Grenze zum Exzess: Alexander Scheer), auch wieder vergessen können. Wie hier auf diese Subkultur geschaut wird, ist sehr, sehr schön; wie sie Jeepster sagen und Vagabond." Hier in der Mediathek (90 Min.)

Noch marginaler als die Subkultur der Luftgitarristen ist die der Luftschlagzeuger. Ihr hat Ari Gold in seinem Debütfilm "Adventures of Power" (2008) ein Denkmal gesetzt - wenn er sie nicht sogar erfunden hat. Mit viel Liebe fürs Detail und einem grandiosen 80er-Jahre-Soundtrack erzählt der Film, wie der Außenseiter Power (gespielt vom Regisseur und Autor selbst) mit seinen Luftschlagzeugkünsten einen Bergarbeiterstreik beilegt. Auf Youtube ist dieser hinreißende Indie-Film in englischer Original- (hier) und deutscher Synchronfassung zu finden. (90 Min.)

Spätaffäre vom 01.04.2014 - Für die Augen

Heute vor dreißig Jahren wurde Marvin Gaye von seinem Vater, einem baptistischem Prediger, erschossen. Morgen, am 2. April, wäre er 75 Jahre alt geworden. Sein Bruder Frankie Gaye erzählt in dieser BBC-Dokumentation (59 Minuten) , wie sehr sich die Familie, auch wegen ihrer sehr speziellen baptistischen Sektenzugehörigkeit und des streng religiösen Vaters, als Außenseiter fühlte. "Und dann war unser Nachname auch noch Gaye!" Auch die Gewalt in der Gaye-Familie wird offen angesprochen. Gayes Geschichte wird von Freunden und Biografen erzählt.



Groß besprochen wurde in den letzten Tagen die Hans-Richter-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Dort zu sehen ist unter anderem auch sein surrealistischer Experimentalfilm "Dreams That Money Can Buy" aus dem Jahr 1947, in dem ein Mann anderen allein durch die Macht seines Blickes Träume auslöst. Lukas Foerster schrieb dazu in der taz: "Die alternative Traumfabrik, die da von europäischen Migranten fernab von Hollywood herbeifabuliert wird, ist einerseits ein Gegenmodell zur dominanten Kulturindustrie. Gleichzeitig hat das Strukturprinzip des Films, das unbehauene Nebeneinander ganz unterschiedlicher sinnlicher und visueller Intensitäten, viel mit dem Spektakel des frühen Kinos und dessen Ursprung auf dem Jahrmarkt zu tun." Auf Youtube gibt es den Film in voller Länge (80 Min.):


Spätaffäre vom 31.03.2014 - Für die Augen

Vor fünfzig Jahren putsche Brasiliens Militärs. Einer ihrer mächtigsten und virtuosesten Gegner war der Fußballer Socrates, der mit seinem selbstverwalteten Verein Democracia Corintinia die Generäle zur Weißglut brachte. Vor den Spielen trugen sie Transparente mit der Aufschrift "Sieg oder Niederlage, aber immer demokratisch!". In der großartigen Dokumentation "Rebellen am Ball" von Gilles Perez und Gilles Rof huldigt der Fußballer Eric Cantona den Helden des politischen Widerstands: Socrates, Didier Drogba, Carlos Caszely, Predrag Pasic und Rachid Mekhloufi:




Woody Allen: "Celebrity"

Wie ungewöhnlich, dass 3sat auch einmal Teile seines Filmprogramms in die Mediathek stellt: Mit Woody Allens "Celebrity" beschließt der Kultursender seinen Themenschwerpunkt "Jet Set Stories" mit einer schwarz-weißen Satire auf den Kultur- und Kunstbetrieb. In einer Nebenrolle zu sehen: Leonardo Di Caprio bei einem seiner ersten Versuche, seine Karriere künstlerisch avancierter auszurichten. Hier in der Mediathek. (109 Min.)

Spätaffäre vom 28.03.2014 - Für die Augen

Kaum zu glauben, bei Snagfilms (about) gibt's eine Menge Filme legal online zu sehen. Wir greifen einen heraus, einen typischen Dokumentarfilm der Siebziger, Oscar-prämiert, über streikende Arbeiter im "Harlan County, USA" (so auch der Titel von Barbara Kopples Film von 1976, 103 Minuten). Er zeigt, wie hart Streiks in Amerika werden konnten - inklusive bewaffneter Posten der Minen-Gesellschaft, die die Streikbrecher begleiten. Roger Ebert lobte den Film seinerzeit in höchsten Tönen, andere fanden ihn unausgewogen - der Standpunkt der Minengesellschaft kommt nicht so zum Tragen. Heute sieht man den Film vielleicht eher als Dokument einer längst versunkenen Kultur.

Auf Arte wird gerade Agnieszka Hollands präzise recherchierte und angenehm unprätenziös dramatisierte Miniserie "Burning Bush" über die Selbstverbrennung Jan Palachs im Jahr 1969 und die Folgen in einer sich immer mehr verhärtenden Tschechoslowakei gezeigt (hier in der Mediathek von Arte). Unsere Suche nach einer englisch untertitelten Dokumentation über Palach blieb leider erfolglos. Dafür fanden wir "Prague spring '68 Sofia summer" (2008) - einen Dokumentarfilm von Nayo Titzin (58 MInuten), der einen für Westler höchst ungewöhnlichen Blick auf den Prager Frühling zeigt: Er handelt davon, wie Prag und die Besetzung Prags im August 1968 in Sofia wahrgenommen wurde, und bietet eine Menge authentisches Material aus dieser Zeit, das hier unbekannt sein dürfte.


Spätaffäre vom 27.03.2014 - Für die Augen

Und sehen Sie, was wir hier gefunden haben: Eine Dokumentation des Hessischen Rundfunks von 1981 über Bourdieu und die "feinen Unterschiede". (43 Min.)




"Es war einmal Little Odessa..."

James Grays beeindruckend düsterer Debütfilm "Little Odessa" - ein Blick auf die russisch-jüdischen Einwanderer in New York mit Tim Roth, Maximilian Schell und Vanessa Redgrave - lief gestern Abend auf Arte. In die Mediathek ist er leider nicht gelangt. Dafür aber eine Dokumentation über das Zustandekommen dieses Films, in der Gray eine Menge über das New York seiner Kindheit und natürlich seinen Film erzählt. "Es war einmal... Little Odessa" (53 Minuten).

Spätaffäre vom 26.03.2014 - Für die Augen

Gerade läuft in den Kinos ein Spielfilm über das Leben der "Mary Poppins"-Autorin PL Travers - "Saving Mr. Banks" mit Emma Thompson und Tom Hanks in den Hauptrollen (Kritik in der Stuttgarter Zeitung). Hier ein Dokumentarfilm der BBC über das komplexe Leben von Travers, ihren zwanzig Jahre währenden Kampf mit Walt Disney, der "Mary Poppins" verfilmte, die seltsame Adoption ihres Kindes (ein Zwilling) und die Filmversion, die sie zu einer reichen Frau machte, ihr Buch aber überschattete. (58 Min.)



Und wer jetzt noch nicht genug hat von Mary Poppins, kann hier den Soundtrack hören.



Die Dokumentation "Denn sie kennen kein Erbarmen - Der Italowestern" in der 3sat-Mediathek lief zwar schon einige Male im Fernsehen - Hans-Jürgen Panitz und Peter Dollinger haben sie immerhin schon im Jahr 2006 vorgelegt - aber sie ist durchaus sehenswert, denn sie wirft einen ganz spezifischen Blick auf ein europäisches Kino in der Krise, das aber aber noch die Kraft hatte, kreativ auf diese Krise zu reagieren. Schließlich war der Italowestern stilbildend für das Weltkino von Hongkong bis Hollywood und das bis heute. Nebenbei erfährt man, dass Sergio Leone seine Western nicht gedreht hätte, wenn es "Winnetou" nicht gegeben hätte. (87 Min.)

Spätaffäre vom 25.03.2014 - Für die Augen



Andy Sommers Dokumentation über Gustav Mahler ist interessant, weil sich dort unter anderem Claudio Abbado, Pierre Boulez und Henry-Louis de la Grange, Autor einer monumentalen Mahler-Biografie, äußern. De la Grange zitiert den berühmten Satz, den Mahler als Leiter der Wiener Oper zu seinen Musikern und Sängern sagte: "Was ihr eure Tradition nennt, das ist nichts anderes als Schlamperei." Für Mahler, so de la Grange, musste jede Note neu gedacht werden. Auch Boulez spricht die für Mahler eigentümliche avancierteste Modernität im Blick auf die musikalische Tradition an. Die Doku ist zur Zeit in der Mediathek von Arte zu sehen und dauert knapp 90 Minuten.

Wer will schon schlafen, wenn er auf einen interstellaren Ambient-Trip in Endlosschlaufe gehen kann: Wir empfehlen die Symphonies of the Planet mit Bildern von der Erde, aufgenommen aus der Voyager (30 Minuten). Nicht neu, aber absolut hypnotisch.