Bestellen Sie bei eichendorff21!Die russische Investigativ-Journalistin Jelena Kostjutschenko, die zwei Anschläge überlebte und über russische Kriegsverbrechen in der Ukraine berichtete, spricht im FAS-Interview mit Artur Weigandt unter anderem über das Verhältnis zu ihrer lange Zeit Putin-treuen Mutter: "In Mykolajiw sah ich in der Leichenhalle ein dreijähriges Mädchen mit Schrapnellverletzungen; ein Mitarbeiter erkannte seine Patentochter. Es waren die Schwestern Arina Butova und Veronika Birjukova, drei und siebzehn Jahre alt - getötet von russischer Artillerie. Ich schickte meiner Mutter Fotos. Ihre Antwort: 'unvermeidliche Kollateralschäden'. In mir brach etwas. Wie konnte dieselbe Frau das sagen, die verletzte Vögel rettet und Tomaten pflanzt, damit kein Setzling stirbt? Ich wollte den Kontakt abbrechen. Doch dann fragte ich mich: Bin ich bereit, meine Mutter Putin zu überlassen? Wir stritten monatelang, bis ich begriff, dass ich ihr zuhören musste. Heute nennt meine Mutter den Krieg ein Verbrechen." Kostjutschenko hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. Ebenfalls in der FAZ erzählt Dmitri Muratow wie die freie Presse in Russland nach einer Blütezeit während der Perestroika wieder geknebelt wurde: Das 1989 verabschiedete Pressegesetz wurde von Putin inzwischen 60 Mal geändert.
"Wir befinden uns längst mitten in einem Kalten Cyberkrieg", behauptet im Interview mit der Zeit die amerikanerische Hackerin Chris Kubecka. Die Europäer sind darauf denkbar schlecht vorbereitet, meint sie und nennt Beispiele: "Niederländische Hacker haben 2024 öffentlich gemacht, dass sie einen Weg in einen großen Teil der europäischen Photovoltaik gefunden haben. Auch in all die wunderbaren Balkonkraftwerke in Deutschland. Das Steuerungssystem eines Herstellers ließ eine offene Tür zu Millionen solcher Anlagen." Wie sich ein solcher Angriff auswirkt, konnte man in der Ukraine sehen: "Im Dezember 2015 legten russische Hacker Teile des Stromnetzes in der Westukraine lahm. Etwa 230.000 Menschen waren ohne Strom. Weil die Systeme so alt waren, konnte man sie nach drei Stunden zum Glück wieder manuell hochfahren. Bei modernen Anlagen wie in Deutschland kann das schwieriger sein." Und mit dem Strom "brechen nach und nach weitere Systeme zusammen - Wasserversorgung, Krankenhäuser, Kommunikations- und Zahlungssysteme. Selbst Tanken wird unmöglich. All das wirkt sich auch auf psychologischer Ebene aus."
In der FAZ erzählt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš aus seiner Kneipe von der Stimmung in Tschechien vor den Parlamentswahlen an diesem Wochenende. Es sieht nicht gut aus: "Ja, die Russen wollen uns wieder einkassieren, wieder besetzen. Noch schlimmer ist aber, dass es bei uns links und rechts außen Parteien gibt, die Putin nicht nur verstehen, sondern auch mehr oder weniger offen verehren ... Die tschechischen Links- und Rechtsradikalen wollen aus der EU und aus der NATO aussteigen. In Umfragen kommen sie zusammen auf etwa zwanzig Prozent. Jaroslav Hašek würde über diese Parteien gleich mehrere, vielleicht eher komische als tragische Kurzgeschichten schreiben können. Der Anführer dertschechischen Rechtsextremisten, dessen Familie zum Teil aus Japanstammt, hetzt gegen die Ukraine und gegen Fremde wie die in Tschechien kaum vorhandenen Migranten aus den arabischen Ländern. Die immer perfekt und sehr teuer gekleidete Anführerin der Linksextremisten, die nicht weniger nationalistisch, ja nicht weniger völkisch als die Rechten auftreten, sitzt als Kommunistin seit Ewigkeiten im EU-Parlament im von ihr so verhassten Brüssel. Warum tut sie sich das an, möchte man sie fragen."
Der türkische Journalist Can Dündar hat vor dem Roten Rathaus in Berlin die Gefängniszelle nachbauen lassen, in der er in der Türkei saß, erzählt Peter Laudenbach in der SZ. "Die Installation ist Teil des Herbstsalons, mit dem das Maxim Gorki Theater jetzt zum siebten Mal eine groß angelegte Ausstellung politischer Kunst zeigt. In ihrer dokumentarischen Sachlichkeit und Härte wirkt die Zellen-Installation wie das Kontrastprogramm zu den ironischen Albernheiten der Selbstdarstellungsshow, die Jan Böhmermann gerade im Haus der Kulturen der Welt veranstaltet. Fragt man Can Dündar, ob er jetzt Künstler sei, antwortet der freundliche Mann komplett frei von Pose und Eitelkeit: 'Ich teile meine Erfahrungen.' Auf der kleinen Bühne vor der Installation hat er im Gespräch mit dem Grünen-Politiker Cem Özdemir eine einfache und etwas spöttische Erklärung für seine Installation: 'Ich habe deutsche Politiker gebeten, das Silivri-Gefängnis zu besuchen, aber sie hatten keine Zeit.' Also hat Dündar das Gefängnis einfach nach Berlin gebracht."
In der Welt sieht der Historiker Volker Reinhardt deutliche Parallelen zwischen dem Frankreich der Revolution und dem heute: Auch die Revolutionäre von 1789 haben das Land bis über die Haarspitzen verschuldet, um "das ungefährdete Überleben der Armen" zu gewährleisten. Aber es gibt auch Unterschiede: Der wichtigste "zwischen einst und jetzt besteht in der Rolle der Intellektuellen. Zwischen 1792 und 1794 wurden die revolutionären Bewegungen von Bildungsbürgern wie Maximilien de Robespierre und Louis Antoine de Saint-Just angeführt, die ihre ideologischen Dogmen an der im Kern rückwärtsgewandten Politiklehre des Genfers Jean-Jacques Rousseau ausrichteten und diese mit der Idee eines alle Menschen zur Tugend verpflichtenden 'Gemeinwillens' totalitär umformten. Eine solche Anleitung oder gar Führung durch eine selbsternannte revolutionäre Avantgarde war weder auf dem Höhepunkt der 'Gelbwesten'-Bewegung in den Jahren 2018 und 2019 noch in nachfolgenden Protestbewegungen zu erkennen - die Konstellation, dass sich eine akademisch ausgebildete Sekundär-Elite den Weg zur Macht durch eine Koalition mit dem Volk zu bahnen sucht, scheint sich somit nicht zu wiederholen. Allerdings ist auch das Fortleben einer weiteren französischen Kulturtradition bislang nicht zu konstatieren: die Suche nach Versöhnung", wie sie Montaigne vorschwebte.
Am Wochenende wird in Tschechien gewählt und nach den Umfragen stehen die Aussichten sehr gut für den rechtpopulistischen Politiker und Milliardär Andrej Babiš, in das Amt des Premierministers zurückzukehren, berichtet in der taz Florian Bayer. Verantwortlich dafür seien u.a. die schlechte Wirtschaftslage Tschechiens und die miserable Kommunikation des konservativen Regierungsbündnisses Spolu, erklärt ihm Otto Eibl, Politikwissenschaftler an der Masaryk-Universität Brno: "Auch mit seiner Ukraine-kritischen Haltung trifft Babiš einen Nerv in der tschechischen Gesellschaft: Eine Umfrage zeigt, dass fast die Hälfte der Tschechen die militärische Unterstützung für die Ukraine als zu hoch empfindet. Bisher lieferte Prag Waffen und Munition und gilt als verlässlicher Unterstützer des angegriffenen Landes. Babiš will diese Lieferungen stoppen und fordert eine stärkere Rolle der Nato. Besonders bedenklich sei laut Eibl, dass Antisystemrhetorik mittlerweile in den Mainstream vordringe. Denn erstmals treten Parteien offen für einen EU- und Nato-Austritt ein. Die kommunistische Stačilo! (Genug!) unter Kateřina Konečná propagiert den Austritt aus beiden Bündnissen und vertritt prorussische Positionen. Tomio Okamuras rechtspopulistische SPD spielt wieder die Migrationskarte. 'Wir haben bereits öfter negative Wahlkämpfe erlebt. Aber diesmal ist die Wut vieler Wähler - und einiger Kandidaten - schon bemerkenswert', sagt Eibl."
Großbritannien ist fest in der Hand von Eliten um Nigel Farage, zu der sich auch Elon Musk und Peter Thiel hinzugesellt haben, schreibt die schottische SchriftstellerinA.L. Kennedy in der SZ. Widerstand gibt es da kaum. "Premierminister Keir Starmer ist ein moralisch ausgehöhlter Algorithmus, der alles verspricht, was populär erscheint. Aus unerklärlichen Gründen hat er sich entschlossen, die Hasspolitik von Nigel Farages 'Reform'-Partei zu übernehmen. (...) Unser Gesundheitssystem NHS schleppt sich zur endgültigen Demontage und in die Arme amerikanischer Gesundheitsfirmen. Musk und die anderen Oligarchen haben unser politisches und kulturelles Umfeld so umgeformt, wie es ihnen passt. Sie beschleunigen den Niedergang unserer Künste und schüren das toxische männliche Verhalten, das zu einer sogenannten Epidemie männlicher Einsamkeit geführt hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Deutschland blockiert sich selbst mit dem Glauben, dass in der alten Bundesrepublik alles besser lief als heute, meint der HistorikerFrank Trentmann im Interview mit der FR. "Über Jahrzehnte hat sich die Haltung verfestigt, Deutschland könne die Welt da draußen ausblenden. Viele Bürger betrachten sich und ihr Land nicht als international vernetzte Gesellschaft mit entsprechenden Pflichten. Man macht das Gartentor zu, und die Krisen sollen draußen bleiben - so die Illusion. Aber so funktioniert es nicht. Das führt zu einer Selbstblockade: Wir sehen jede Krise als isoliertes Problem - ob Rente, Kitas, Bundeswehr oder Bürgergeld - und diskutieren sie fragmentiert. In Wirklichkeit greifen sie ineinander. Nur ein struktureller Blick kann da weiterhelfen."
Putins Krieg gegen die Ukraine und deren nationale Identität erinnert den HistorikerChristian Osthold in der NZZ an Stalins Vorgehensweise in den 1930er. Damals versprach man der Ukraine Eigenständigkeit, als sie diese aber auch einforderte, wurde dies sofort unterbunden und endete im Holodomor (unsere Resümees). Stalin etablierte "ein repressives Grundmuster, das Wladimir Putin im Krieg gegen die Ukraine mit neuen Mitteln wiederbelebt. Wie in den dreißiger Jahren verfolgt Moskau auch heute das Ziel, Kontrolle über die Ukraine durch die Zerstörung ihrer kulturellen Eigenständigkeit zu erzwingen. (...) Wie bereits in der Stalinzeit folgte auch in der Gegenwart die Eskalation militärischer Gewalt auf das Scheitern weicherer Einflussstrategien. (...) Doch mit der zunehmenden Westorientierung der Ukraine setzte der Kreml auf Eskalation. Die Wiederaufnahme stalinistischer Gewaltmuster ist in zweifacher Hinsicht verstörend: Sie macht unmissverständlich klar, dass eine souveräne Ukraine in der Logik des Kremls nicht vorgesehen ist - und dass Russland die dunkelsten Kapitel seiner Geschichte nicht nur nicht aufgearbeitet hat, sondern sie zum Leitbild erhebt."
Ein sehr düsteres Bild von der russischen Gesellschaft zeichnet der HistorikerAlexey Tikhomirov in der FAZ: "Seit dem 1. September 2025 verschärft Russland seine repressiven Gesetze in bislang ungekanntem Ausmaß. Mit der Kriminalisierung schon des bloßen Lesens oder Suchens nach 'extremistischen Materialien' greift der Staat in den innersten Bereich des Denkens ein. Die Grenze der Strafbarkeit verschiebt sich von unerwünschten Handlungen hin zur Überwachung unerwünschter Gedanken. Parallel beschneiden neue Vorschriften zur Weitergabe von Mobiltelefonen, die Pflichtinstallation der staatlichen App 'Max' und das Werbeverbot für VPN-Dienste die letzten Rückzugsräume digitaler Autonomie. ... Der Orwellʼsche Große Bruder will jeden Winkel des Lebens kontrollieren - Sprache wie Verhalten, öffentlich wie privat. Russland zählt inzwischen zu den am stärksten überwachten Gesellschaften der Welt: In Moskau allein sind Hunderttausende Kameras installiert, viele davon mit Gesichtserkennung gekoppelt. Im Rahmen des Programms 'Safe City' analysiert KI den öffentlichen Raum, registriert selbst kleinste Regelverstöße in Echtzeit. Milliardeninvestitionen treiben die Ausweitung in die Regionen voran - von Bahnhöfen über Wohnviertel bis in die Schulen. Offiziell als Kriminalitätsprävention deklariert, dient das System längst der politischen Kontrolle: Oppositionelle werden anhand biometrischer Daten identifiziert und festgenommen."
"Die Schweiz profitiert noch immer vom Mythos der Alpenfestung", ärgert sich Georg Häsler in der NZZ. Damit müsse jetzt Schluss sein und mehr in die Verteidigung investiert werden: "Die politische Blase in Bern hofft darauf, die Lage werde sich schon nicht weiter verschlechtern. Doch nur schon der machtpolitische Staus quo, diese hybride Mischung aus Desinformation, Sabotage und Probeangriffen, bringt die Bedrohung näher an die Schweiz heran, als das der Bundesrat in einem Strategiepapier je zu formulieren wagte. Doch die schleichende Erosion der europäischen und der transatlantischen Bündnisverpflichtung ist real - und gefährlich." Will "sich die Schweiz in einer solchen Welt selbst behaupten, braucht es die Einsicht, dass die Freiheit mit der Sicherheit unmittelbar verbunden ist und deshalb auch etwas kostet: Die Schuldenbremse stellt keinen Wert, sondern bloß ein Instrument der Selbstbeschränkung dar, vergleichbar mit der Neutralität."
Immerhin, aus Moldawien kommen mal gute Nachrichten freut sich Michael Martens im Leitartikel der FAZ nach dem proeuropäischen Ausgang der Wahlen in dem kleinen Land (unsere Resümees). Einiges hat die EU hier ausnahmsweise mal richtig gemacht, notiert er, vor allem durch das Assoziierungsabkommen von 2016. Das Land ist jetzt Europa zugewandt: "Der Anteil Russlands am Außenhandel Moldaus machte zuletzt nur noch 2,5 Prozent aus." Aber Martens warnt auch: "So schnell wird Moskau nicht aufgeben. Russland hat schon früher bewiesen, dass es die Republik Moldau auch ohne Panzer und Stiefel unters Joch zwingen kann. Durch die Kaperung des Justizsystems in Kooperation mit lokalen Kriminellen ist es Moskau in den vergangenen Dekaden oft gelungen, den Weg des Landes zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit abzubremsen."
Unter Boris Jelzin gab es noch eine Möglichkeit für Russland, sich Richtung Europa zu entwickeln - diese Chance wurde aber von Putin zunichte gemacht, meint der Schweizer Unternehmer Walter Denz, der seit 1992 Geschäfte in Russland macht, im NZZ-Interview mit Rico Bandle. "Versagt haben nicht die Menschen, sondern die demokratischen Parteien, die in den 1990er Jahren einen ernstzunehmenden Machtfaktor darstellten. Anstatt sich abzusprechen und Kompromisse zu finden, haben sie sich bekämpft und gegenseitig sabotiert. Anfang der nuller Jahre gab es ein Zeitfenster, in dem aus meiner Sicht eine Entwicklung zum Guten möglich gewesen wäre. (...) Vor den Wahlen von 2003 gab es Bemühungen, dass sich die demokratischen Parteien zusammentun, um zumindest eine Sperrminorität zu erreichen. Das wäre möglich gewesen. Aber sie konnten sich nicht einigen." Selber keine Geschäfte in Russland mehr machen, will Denz dann aber auch nicht.
Die Bundeswehr ist heute in einer ähnlichen Lage wie die preußische Armee im Jahr 1806 angesichts der revolutionären Kriegsführung der napoleonischen Truppen, schreibt der Militärhistoriker Sönke Neitzel auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Er stellt der aktuellen Bundeswehr ein katastrophales Zeugnis aus. Gewiss, sie hat auch ein paar beeindruckende Einsätze wie in Afghanistan vorzuweisen. Aber Neitzel warnt: "Sie ist in einer ungeeigneten Struktur gefesselt, verfährt sich in ziellosen Verfahren und verfügt nicht über die notwendige Haltung, diese Missstände zu ändern. Und damit ist sie nicht in der Lage, sich auf die Bedingungen des Gefechtsfelds der Zukunft einzustellen." Insgesamt habe sich in achtzig Jahren Frieden ein ungeheuer träger Wasserkopf entwickelt. Die Zahlen, die Neitzel nennt, klingen absurd: "Derzeit dienen in der Bundeswehr fast so viele Oberstleutnante wie Hauptgefreite - jeweils rund 10.000... Zur Erinnerung: Während des Kalten Kriegs standen rund 60 Prozent Mannschaften etwa acht Prozent Offiziere gegenüber." Aber Neitzel hat auch einen Trost parat: "Armeen verschlanken ihre Verwaltungen zumeist im Krieg."
"Tiefpunkt der französischen Dekadenz" ist der Leitartikel der FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel betitelt, die auf die Verurteilung Nicolas Sarkozys zu fünf Jahren Gefängnis zurückkommt - der ehemalige Präsident muss gemäß einem neuen französischen Gesetz provisorisch ins Gefängnis, obwohl die Berufung noch aussteht: "Das Urteil gegen Sarkozy beschädigt massiv die Wahrnehmung des höchsten Staatsamtes. Er wurde schuldig gesprochen, Teil einer kriminellen Vereinigung gewesen zu sein. Das bedeutet, dass sich der Mann, der als Garant der Verfassung dienen soll, wie ein gewöhnlicher Verbrecher verhalten haben soll. Damit wird das Amt des Präsidenten entehrt. Der Vertrauensverlust in die Politik nimmt in einer der ältesten europäischen Demokratien ein bedenkliches Ausmaß an." Sarkozy soll laut Urteil Teil einer kriminellen Vereinigung gewesen sein - was ihm allerdings nicht nachgewiesen werden konnte, ist, dass er Geld von Gaddafi für seinen Wahlkampf angenommen hat. "Ohnehin war die Beweislage dünn", so Wiegel.
Vieles hängt von Gagausien ab, erzählen Christian Zsolt-Varga und Ramin Mazur in der FAZ. Denn morgen sind in Moldawien Wahlen, die darüber entscheiden, ob das Land der EU zustrebt, wie es die Präsidentin Maia Sandu will, oder im russischen Einflussbereich untergeht. Und "in Gagausien, der mehrheitlich turksprachigen autonomen Region im Süden, zeigt sich dieser Kampf in seiner erbittertsten Form. Beim EU-Referendum 2024 stimmten 95 Prozent gegen den Beitritt, für Sandu nur 2,3 Prozent. Selbst in Transnistrien, wo russische Soldaten stationiert sind, war die Ablehnung nicht so massiv."
Nicht frei von Häme. Das heutige Titelbild von Libération: "Knast".Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Vorgeworfen werden ihm und seinen Mitarbeitern, dass sie versucht hätten, illegale Wahlkampffinanzierung beim libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi einzuwerben - dass tatsächlich Geld geflossen ist, wurde nicht nachgewiesen. Sarkozy will Berufung einlegen, beteuert seine Unschuld, aber die Strafe wird dennoch vorerst fällig, und er muss sie innerhalb eines Monats antreten. Er ist nicht der erste aus seinem Kabinett, der verurteilt wurde, schreibt Laurent Joffrin in seinem Onlinemagazin Lejournal.info. Die Behauptung, sie seien Opfer eines juristischen Komplotts geworden, findet er hanebüchen: "Die Akten all dieser Personen wurden von Dutzenden von Richtern in der Ermittlungsphase, in erster Instanz oder in der Berufungsinstanz geprüft. Diese Richter sind per definitionem unterschiedlich, gewerkschaftlich organisiert oder nicht, rechts oder links, jung oder alt, unerbittlich oder nachsichtig. Wie kann man auch nur einen Moment lang glauben, dass, hätte eine heimliche Absprache sie alle dazu gebracht hätte, Unschuldige zu verurteilen, dann keiner von ihnen dies lautstark angeprangert hätte? Nein: Bevor die Strafen verhängt wurden, haben die zuständigen Gerichte die Akten geprüft, die Parteien angehört und die Urteile abgewogen. Die Justiz hat gesprochen, das ist alles." Hier Rudolf Balmers taz-Bericht zur Verurteilung.
Frankreich ist ein Paradies, das sich für die Hölle hält, hat Pascal Bruckner mal gesagt. Diese These bestätigt Didier Eribon im Gespräch mit Verena Mayer von der SZ und beschwört, wie man es in Frankreich seit Jahren tut - eine "Wut, das Gefühl, dass sich etwas ändern muss". Auf die Frage, ob Frankreich angesichts seiner Verschuldung vor dem Kollaps steht, antwortet er: "Macron hat in den vergangenen Jahren alles getan, um den öffentlichen Sektor zurückzustutzen, Bildung, Gesundheitssystem, die öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn Sie heute in einem kleinen Dorf wohnen, dann ist die Grundschule geschlossen, die Post, der Bahnhof. Zum Arzt müssen Sie 50 Kilometer fahren, in die Geburtsklinik 150. Dazu kommt, dass von Macrons Wirtschafts- und Sozialpolitik vor allem die Vermögenden profitieren."
Tayyip Erdogan ist es nie gelungen, die türkische Kulturszene auch nur im mindesten auf seine Seite zu ziehen. Dafür bestraft er sie nun mit immer neuen Festnahmen, schreibt Bülent Mumay gewohnt sarkastisch in seiner FAZ-Kolumne: Schwule Singer-Songwriter werden wegen angeblich obszöner Liedtexte, Mädchenbands wegen lockerer Kleidung ins Gefängnis gesteckt. Aber nicht jeder wird so schlecht behandelt: "Ich will Ihnen noch von einem anderen Urteil dieser so sehr auf Moral bedachten Justiz unter Regierungskontrolle berichten, das letzte Woche erging. Ein wegen sexualisierter Gewalt und Belästigung eines 12-jährigen Mädchens angeklagter Mufti einer anatolischen Stadt wurde für das gegen ihn laufende Verfahren auf freien Fuß gesetzt, obwohl ihm 19 Jahre Haft drohen. Während Journalisten, Menschenrechtler und Kunstschaffende die in ein Open-Air-Gefängnis verwandelte Türkei nicht verlassen dürfen, wurde für den Mufti das Ausreiseverbot aufgehoben."
Immer kafkaesker ergeht es zugleich politischen Gefangenen in Russland, erzählt Natalja Kljutscharjowa in der SZ. "Meist läuft es folgendermaßen ab: Jemand wurde beispielsweise zu acht Jahren Haft wegen irgendeiner Erklärung gegen den Krieg verurteilt und sitzt seine Haft in einem Lager ab. Plötzlich tauchen in seiner Zelle Beamte auf und befehlen: 'Mit deinen Sachen zum Ausgang.' Man bringt ihn fort, ohne Erklärung, wohin und weshalb. Dann beginnt eine lange und anstrengende Reise ohne klares Ziel, bis sich schließlich herausstellt, dass er sich in Untersuchungshaft befindet - und dass gegen ihn ein neues Verfahren eingeleitet wurde."
Sollte die russische Seele in ihrer unendlichen Duldsamkeit nun doch ein wenig aufgestöbert werden? Sergei Gerasimowmacht in seiner NZZ-Kolumne folgende Beobachtung: "Die Russen beginnen offenbar zu verstehen, dass der Krieg auch für sie eine wachsende Misere bereithält. Mit dem Resultat, dass immer weniger bereit sind, den Krieg zu unterstützen oder gar an die Front zu ziehen. Während im 4. Quartal 2023 mehr als 200.000 Personen Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnet haben und im 4. Quartal 2024 mehr als 150.000, waren es im 2. Quartal 2025 nur noch 37.900. Was heißt, dass die russische Armee schrumpft - und höchstwahrscheinlich weiter schrumpfen wird. Es gibt immer weniger 'Fleisch', um die Schützengräben zu füllen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im NZZ-Interview mit Thomas Ribi wagt der Historiker und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Karl Schlögel einen Ausblick auf die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für Europa. "Ich glaube, es wird zu einer Spaltung in Europa kommen - entlang der Haltung der Staaten zum Ukraine-Krieg. Sie wird zu einem Prüfpunkt werden. Die Lage ist sehr ernst. Nicht nur für die Ukraine, sondern auch für den Westen. Das kann man natürlich als Erpressungsrhetorik verstehen, um Menschen einzuschüchtern, die immer noch nicht verstanden haben, was geschieht. Aber ich meine es nicht so. Sondern als Aufforderung, Abschied zu nehmen von einer Welt, die es so nicht mehr gibt, und sich der Realität zu stellen. (...) Ich gehe davon aus, dass auch die Ressourcen des Putin-Regimes begrenzt sind und dass der Augenblick kommen wird, wo diese Grenzen sichtbar werden. Was in fünf Jahren ist, weiß ich nicht. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich Russland wieder bereisen und mir selbst einen Eindruck verschaffen kann."
Sonntagsfrage in Mecklenburg-Vorpommern. Ist der NDR sicher, dass er sich nicht verzählt hat?
Putin hat im schönen MV eine absolute Mehrheit. Und die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Genossin Schwesig mit ihm zahlt sich für die @spdde nicht aus. pic.twitter.com/pMDNuAomEY
Seit dem Frühjahr 2014, als "grüne Männchen" die Krim besetzten, testet Putin den Westen. Die Methode ist immer dieselbe: "Eine Grenze wird testhalber überschritten. Die Reaktion wird genau beobachtet. Bleibt sie aus - oder ist sie zu schwach -, wird die nächste Grenze übertreten. Schritt für Schritt, langsam, heimlich, nähert sich das Raubtier Europa und wählt sein nächstes Opfer", schreibt der ukrainische Autor und Journalist Sergey Maidukov in der SZ. "Aggression hört niemals von selbst auf. Ohne Widerstand steigert der Angreifer nur den Druck. Das ist ein Axiom, das die 32 Mitglieder der Nato in den Jahrzehnten stabiler, ruhiger Existenz vergessen haben. Friedfertigkeit ist eine edle menschliche Eigenschaft - doch sie überlebt nur dort, wo es keine Aggressoren gibt. Erinnert unsere Welt heute an einen solchen behaglichen Ort? Drei russische MiG-31-Kampfjets, die zwölf Minuten lang über Estland kreisten, gaben die Antwort. Estland erklärte dies zur fünften Verletzung seines Luftraums in diesem Jahr" und das wird immer so weitergehen, warnt Maidukov und fordert Taten: "Die Wahrheit über menschenfressende Raubtiere ist, dass sie meist lahm oder zahnlos sind. Widerstand stoppt sie."
Am Freitag drangen drei russische Kampfjets in den Nato-Luftraum über Estland ein und flogen dort für mehrere Minuten herum. In der SZ resümiert Hubert Wetzel, was das zu bedeuten hat: "Drei hochmoderne, schwer bewaffnete - und bemannte - Kampfjets, die auf die Hauptstadt eines Nato-Landes zufliegen, sind eine sehr viel ernstere Bedrohung als primitive, unbemannte Fluggeräte. Putin, das lässt sich kaum noch leugnen, testet die Nato. Er will wissen, wie weit er gehen kann, was sich die Nato traut, vor allem aber: wie geschlossen das Bündnis zusammensteht und seine Provokationen kontert. Er hat mit Nadelstichen angefangen, sich inzwischen aber zu Dolchstößen in die Ostflanke der Allianz vorgearbeitet."
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