In der
taz staunt Stefan Reinecke über ein "wutbebendes Echo" auf das "friedenspolitische
Manifest der letzten SPD-Linken", ohne zu sagen, wo es bebt. Man kann ja mal drüber diskutieren, findet er: "Die SPD-Linken fordern die Aufrüstung der Bundeswehr. Aber keine maßlose. Und sie stellen eine richtige, nötige Frage: Was kommt
nach der Aufrüstung? Der Nato-Doppelbeschluss 1979, übrigens ein Gründungsmotiv der Grünen, enthielt, wie der Name schon sagt, zweierlei: die Drohung mit Pershings aufzurüsten und das Angebot an Moskau abzurüsten. Die SPD-Linken fordern etwas Ähnliches: nämlich, Aufrüstung mit Abrüstungsangeboten zu verbinden. Eine
Rüstungsspirale in Europa kann ja kein Ziel sein."
Das Ziel, Leid in der Ukraine zu verhindern, ist ja löblich, aber nicht so, findet Daniel Brössler in der
SZ. "Natürlich berufen sich die Unterzeichner auf Willy Brandt und die Entspannungspolitik der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Dabei unterschlagen sie, dass Brandt und sein Nachfolger Helmut Schmidt immer auch auf Abschreckung gesetzt haben. Und sie ignorieren, dass
die Voraussetzungen heute andere sind. Während es der Sowjetunion um die Erhaltung des Status quo ging, ist der Gewaltherrscher Wladimir Putin Revanchist. Er will
zurückerobern, was aus seiner Sicht Moskau gehört. Der Kreis um Mützenich beklagt stattdessen, in Deutschland hätten sich 'Kräfte' durchgesetzt, 'die die Zukunft vor allem in einer militärischen Konfrontationsstrategie und Hunderten Milliarden Euro für Aufrüstung suchen'."
Der Grünen-Politiker
Konstantin von Notz, drei Jahre lang Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums für die Nachrichtendienste, wünschte sich im Interview mit Wolf Wiedmann-Schmidt (
Spiegel), dass die Bedrohung durch Russland endlich mal
ernst genommen würde: "Im Kanzleramt hat man sich jahrelang die Situation schöngeredet und die
Bedrohung nicht wahrhaben wollen. Das betrifft vor allem die Regierung von Angela Merkel, aber auch das Kanzleramt unter Olaf Scholz. Er hat es in drei Jahren Ampel nicht geschafft, der Öffentlichkeit klarzumachen, wie massiv die feindlichen Aktivitäten Russlands sind.
Sabotage,
Cyberangriffe, das Ausspähen von Militäranlagen und kritischer Infrastruktur durch
Drohnen - all das findet fast täglich in Deutschland statt." Notz plädiert für ein europäisches Äquivalent zu den
Five Eyes.
Während die SPD-Gruppe um Rolf Mützenich Frieden mit Putin fordert, nimmt jener die letzten Oppositionellen im Land fest: Der russische Politiker
Lew Schlosberg, der bis zuletzt Kritik an der russischen Kriegsführung und am Krieg gegen die Ukraine übte (
unser Resümee), wurde nun für zwei Monate unter Hausarrest gestellt,
meldet unter anderem
Meduza. "Das Strafverfahren geht auf ein im Internet veröffentlichtes Video einer Debatte zwischen Schlosberg und dem Historiker Yuri Pivovarov über den Krieg in der Ukraine zurück. Laut Jabloko [
eine russische System-Oppositionspartei, Anm. d. Red.] argumentierte Schlosberg während der Debatte, dass Russland und die Ukraine so schnell
wie möglich einen Waffenstillstand vereinbaren sollten. Staatliche Ermittler werfen Schlosberg vor, er habe mit der Veröffentlichung des Videos 'öffentliche Handlungen begangen, die darauf abzielen, den Einsatz der russischen Streitkräfte zu diskreditieren'. Schlosberg bestreitet, das Video hochgeladen oder das Social-Media-Konto verwaltet zu haben, über das es veröffentlicht wurde."
So mutig und standhaft viele
russische Oppositionelle - heute zumeist im Exil - auch sind, sie gehen in ihrer Kritik an ihrem Land nicht weit genug und sind stets bemüht,
auch die Russen selbst als Opfer Putins darzustellen und zu schonen,
kritisiert Richard Herzinger in seiner
Perlentaucher-Kolumne: "Diese Haltung äußert sich auch darin, dass sich die Exiloppositionellen zwar mit der Ukraine generell solidarisch erklären, die meisten von ihnen der russischen Öffentlichkeit jedoch nicht zu viel an Aufklärung über die von den Invasoren in der Ukraine begangenen Gräueltaten zumuten wollen. Lieber konzentrieren sie sich darauf, den Russinnen und Russen vor Augen zu führen,
welcher Schaden ihnen selbst aus Putins Krieg erwachse. Folgerichtig scheuen sich die Köpfe der 'russischen Opposition', das
imperial-kolonialistische Konstrukt, das sich 'Russische Föderation' nennt, grundsätzlich in Frage zu stellen."
Die
Präsidentschaftswahlen in Polen liefen nach dem Wahlsonntag nur noch unter "Weiteres", dabei offenbart diese Wahl viel über die Zukunft Europas und der liberalen Demokratie, schreibt Thomas Schmid in der
NZZ (und auf
seinem Blog). "Polen hat noch eine andere Schwäche des liberalen Parteienwesens offenbart. In diesem galt es als ausgemacht, dass es die mehr oder minder
weltoffenen Eliten sein müssen, die die Politik gestalten. Polen zeigt, dass es auch anders geht. Und dass das liberale Spektrum ratlos vor dieser Tatsache steht." So war PiS-Kandidat
Karol Nawrocki ein Kandidat, der eben durch seine zwielichtige Vergangenheit eine glaubhafte Anti-Establishment-Rolle spielen konnte, während der Bürgerplattform-Kandidat
Rafal Trzaskowski nur Politik für Städter machte. "Die liberale Demokratie läuft Gefahr, ihre inklusive Kraft zu verlieren. ... Wollen die bürgerlichen Demokraten regierungsfähig bleiben, müssen sie nicht nur verbal beweisen, dass sie
Teil der gesellschaftlichen Mehrheit sind."