Auf
Zeit online schreiben Christian Fuchs und Christina Schmidt über die
fünf Jugendlichen, denen vorgeworfen wird, eine Neonazi-Terrorzelle namens "Letzte Verteidigungswelle" gegründet zu haben. Die fünf wurden vorgestern verhaftet. Was bei ihnen vor allem auffällt: Sie sind sehr jung,
zwischen 14 und 18 Jahre alt, und sie kommen aus verschiedenen Bundesländern. "Der Zusammenschluss gehört zu einem
neuartigen Phänomen von gewaltbereiten und neonazistischen Gruppen brutaler junger Männer. Nach Recherchen der
Zeit existieren aktuell
über 120 solcher Jugendkameradschaften in ganz Deutschland. Sie sollen für verschiedene rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten verantwortlich sein. Neben Angriffen auf Asylunterkünfte und Pride-Paraden sollen sie auch gewalttätige Übergriffe auf Politikerinnen und Politiker von SPD, Grünen und Linkspartei verübt haben. Weitere Gruppen dieses Milieus sind zum Beispiel 'Deutsche Jugend voran', 'Deutsche Jugend Zuerst', 'Elblandrevolte' oder 'Jung und Stark'. Auch Mitglieder dieser Gruppen sind, wie in Berlin, schon zu Haftstrafen verurteilt worden oder sitzen, wie in Sachsen, in
Untersuchungshaft."
"Wir sind in
keinem Jahr 1933, weder hier noch in den USA",
erklärt der
Historiker Michael Wildt im Interview mit Michael Hesse (
FR), der offenbar gern was anderes gehört hätte. Aber aufpassen sollte man schon, meint Wildt, denn eine Lehre kann man durchaus aus der Geschichte ziehen: Für Demokratie muss man kämpfen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass "einer rechtsextremen Partei keine Macht gegeben werden" darf. "Wenn das Bundesamt für Verfassungsschutz die
AfD als gesichert rechtsextrem einstuft und die Gerichte, die jetzt von der AfD angerufen werden, diese Einschätzung bestätigen, dann ist es meiner Ansicht nach zwingend, ein
Verbotsverfahren gegen die AfD einzuleiten. Damit allein gewinnt man sicher nicht die Wählerinnen und Wähler der AfD zurück, aber es ist ein
klares Signal, dass sich die Demokratie gegen die Kräfte, die sie zerstören wollen, wehrt."
Ohne nähere Kommentierung referieren Friederike Haupt und Theresa Weiß in der
FAZ nochmal den
Verfassungsschutzbericht zur AfD. Auch sie finden auf den tausend Seiten des Berichts viele Belege für einen "
ethnisch-abstammungsmäßigen Volksbegriff", der in der AfD verfochten werde: "Im Kapitel zur Menschenwürde wird Alice Weidel mehrfach zitiert, weil sie Menschen nicht als Individuen begreife, sondern sie in
unterschiedlich wertige Kategorien einteile, argumentiert der Verfassungsschutz. Sie behauptete etwa in einem Interview, die deutsche Kultur kenne keine 'Messerkriminalität', und wenn 'diese Leute aus gewaltbereiten Gesellschaften' auf gleichberechtigte Frauen und Männer in Deutschland träfen, 'kommt es zu einem Clash,
Clash of Cultures'. Der Verfassungsschutz sieht darin eine pauschale Abwertung von Migranten."
In der
NZZ zeichnet Pascal Bruckner nach, wie der ehemals trotzkistische Politiker
Jean-
Luc Mélenchon, Chef der linksextremen Partei "La France insoumise", "in eine
rotbraune Position abrutschen" konnte: Opportunismus ist der Hauptgrund, meint Bruckner: "Mit einem unvergleichlichen Gespür hat Mélenchon sehr schnell erkannt, dass das Erneuerungspotenzial der Linken nicht mehr bei den weißen konservativen Volksschichten liegt, sondern bei den
Kindern mit arabisch-
muslimischem Migrationshintergrund. Seine Haltung zum Kopftuch ist für diesen Wandel symptomatisch. Bis 2019 lehnte er den Hijab vehement ab und nannte ihn ein 'Stück Stoff' und eine Provokation gegen die Republik. ... Das ändert sich 2019, als er zusammen mit salafistischen Organisationen an einer Demonstration gegen die Stigmatisierung von Muslimen in Frankreich teilnimmt, nachdem die Moschee in Bayonne von einem 84-jährigen, geistig verwirrten Rechtsextremisten mit einem Maschinengewehr beschossen worden war. Von diesem Zeitpunkt an sollte sich seine Haltung gegenüber Israel und den Juden in Frankreich
grundlegend ändern, ohne dass man weiß, ob es sich dabei um eine Rückkehr des Verdrängten oder um zynischen Pragmatismus handelt."
In Frankreich zirkuliert ein Bericht der Regierung über den Einfluss der
Muslimbrüder. In der Presse und in den Sozialen Medien ist das siebzigseitige Dokument verlinkt (
hier als pdf-Dokument). In
Le Point beschreiben Géraldine Woessner und Erwan Seznec, wie die Muslimbrüder in Frankreich vor allem
auf lokaler Ebene Einfluss gewinnen: "
Le Point hat in Colombes im Großraum von Paris recherchiert, wo der Einfluss des Kabinettschefs des grünen Bürgermeisters, der eine Koranschule leitet, für Beunruhigung in der Präfektur des Departements Hauts-de-Seine sorgte. Dies ist kein Einzelfall. Der Direktor der Al-Kindi-Schulgruppe, der gerade seinen Vertrag mit dem Staat wegen Verstoßes gegen die Werte der Republik verloren hat, ist stellvertretender Bürgermeister der Republikaner in Saint-Étienne. Einige politische Parteien haben den Muslimbrüdern die Arme geöffnet. '
La France insoumise', die in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen 2022
69 Prozent der muslimischen Stimmen erhalten hat, macht ihnen große Zugeständnisse."
Bereits auf der ersten Seite betont der Bericht, der von zwei hohen Beamten verfasst wurde die "stark ausgeprägte"
europäische Dimension des Phänomens. "Sie ist untrennbar mit seiner türkischen Komponente (Milli Görüs) verbunden und auch in der paneuropäischen Struktur, die aus der Bruderschaft hervorgegangen ist, sehr präsent, wenn auch subtiler. Die Notwendigkeit
einer Bestandsaufnahme der Bruderschaftsbewegung ist übrigens in mehreren Ländern in unterschiedlicher Form zu spüren (Vereinigtes Königreich, Schweden, Deutschland und Österreich)."
In der
Welt ist der britische Journalist Neil Clark empört über die
Wahlen in Rumänien. Man muss den rechten Kandidaten Calin Georgescu nicht gut finden, um die Annullierung seiner Wahl und seinen Ausschluss von der darauffolgenden zu kritisieren, findet er und gibt Brüssel die Schuld an den Neuwahlen, bei denen am Ende der "nette, vernünftige, EU- und Nato-freundliche Kandidaten der 'Mitte'" gewann. "Was in Rumänien geschah, sollte uns alle beunruhigen. Wenn wir wirklich an die Demokratie glauben, dann ist
die Stimme alles. Wenn die Wähler einen Kandidaten wählen wollen, der als 'rechtsextrem' oder 'linksextrem' bezeichnet wird, dann ist das ihre Sache. Es ist bemerkenswert, wie der 'liberale' Diskurs der Elite dazu übergegangen ist, von '
demokratischen Werten' statt von 'Demokratie' zu sprechen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Wenn 'demokratische Werte' die Demokratie übertrumpfen, dann öffnet sich die Tür für den
Ausschluss von Kandidaten, die nach Ansicht der Machthaber die 'falschen' Positionen vertreten." (Es haben in Rumänien allerdings keine "Machthaber" entschieden, sondern das Verfassungsgericht.)