9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2772 Presseschau-Absätze - Seite 117 von 278

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2021 - Gesellschaft

Die Autorin Naïla Chikhi hat fünf Jahre danach ein Buch zur Kölner Silvesternacht vorgelegt. Im Gespräch mit Martin Bauer bei hpd.de blickt sie auf die seltsame Diskussion, die über die Ereignisse entbrannt war, zurück. Nach der Aufnahme von fast einer Million vor dem Krieg fliehenden Menschen (war) die politische Stimmung im Land sehr aufgeheizt. Die erschütternden massiven sexuellen Übergriffe nutzte das rechtspopulistische Lager, um seine fremdenfeindliche Propaganda zu säen. Und bedauerlicherweise war das linke Spektrum nicht im Stande, innezuhalten, die Fakten zu analysieren, um dann eine eigene Position zu erarbeiten und diese zu verteidigen. Die Politik der 'neuen Linken' scheint eine Politik der 'Reaktion auf rechte Positionen' zu sein. Mit anderen Worten: auch wenn die Populisten - zum Glück - bis jetzt nur eine laute Minderheit bilden, bestimmen sie das Spiel."
Stichwörter: Chikhi, Naila

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2021 - Gesellschaft

Der Mord eines jungen weißen Evangelikalen an asiatischen Prostituierten in der letzten Woche war sehr wohl eine rassistische Tat, schreibt Vina Yun in der taz und erzählt die Geschichte westlicher orientalisierender Klischees über asiatische Frauen: "Der übersexualisierende Blick auf asiatische Frauen ist jedoch nicht nur das Resultat von europäischem Kolonialismus und Orientalismus. Zur Entmenschlichung und Legitimierung von Gewalt gegen Frauen asiatischer Herkunft haben auch der Imperialismus und Militarismus der USA seit dem späten 19. Jahrhundert wesentlich beigetragen, die die koloniale Denkweise weiterführten. Die heutigen Sexindustrien in vielen asiatischen Staaten - Thailand, Vietnam, Korea - sind im Zuge von Kriegen und der dauerhaften Präsenz von US-Soldaten entstanden."

Ahmad Mansour startet in der Welt unter dem Titel "Eine Geschichte der Unterwanderung" eine Serie über den "Politischen Islam" und beschreibt an den Muslimbrüdern, warum er so schwer greifbar ist - durch die informelle Struktur vieler dieser Bewegungen: "Strukturen und Vernetzungen wurden irgendwann eine Belastung für die Arbeit dieser Organisation. Sie erkannte, dass sie auf nachverfolgbare Netzwerke verzichten konnte, weil das Ziel klar war und die ideologische Verbundenheit zählte. Ob jemand dazugehört, merkt man also nicht durch ein Schild an der Bürotür, auf dem 'Muslimbrüder' steht, oder durch Mitgliedsausweise, sondern nur durch Gesinnungen und Handlungen. Und das macht den Kampf gegen sie so schwer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2021 - Gesellschaft

"Impfen ja, nein, vielleicht?" Cover der Zeitschrift Natürlich, für die gestern in der FAS geworben wurde.
Für die FAS begibt sich Florentin Schumacher nach Baden-Württemberg, das Land, wo die Grünen dreißig Prozent erreichen und die "Querdenker" herkommen. Deren Protest nennt er unter Bezug auf eine Studie des Soziologen Oliver Nachtwey "postmodern": "Mit einem abgehängten, rechten Provinzler hat die 'Querdenken'-Demonstrantin wenig zu tun. Gebildet, eher weiblich, Mittelschicht, enttäuscht von den Grünen, Misstrauen in Staat und Medien, nicht fremdenfeindlicher als der Durchschnitt, wichtige Themen sind Natur, alternative Medizin, Impfkritik."

Rainer Balcerowiak schildert in der taz nochmal die Fronten in der Berliner Kopftuchdebatte. Die scheidende Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres hält beharrlich am Berliner Neutralitätsgesetz fest, nun muss Karlsruhe entscheiden. Balcerowiak folgt ihren Argumenten: "In den wortmächtigen medialen Auseinandersetzungen über dieses Thema kommt eine Gruppe .. kaum zu Wort - die Betroffenen. Es sind längst keine Einzelfälle mehr, dass gerade muslimische Mädchen von Mitschülern und/oder Eltern massiv dazu gedrängt werden, ein Kopftuch zu tragen, als Symbol der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Weltanschauung und in Abgrenzung zu den 'Ungläubigen'. Lehrerinnen mit Kopftuch würden diesen Druck natürlich weiter befeuern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2021 - Gesellschaft

Ein junger Mann hat vor einigen Tagen in Atlanta acht Prostituierte, alle asiatischer Herkunft, umgebracht. Eine rassistische Tat? Auf dies Motiv lässt sich die Tat nicht verkürzen, meint Klaus Ungerer bei hpd.de: "Er wollte Frauen töten. Warum? Bislang deutet mehr darauf hin, dass er sie nicht wegen ihrer ethnischen Abstammung ermordete. Sondern weil sie Frauen waren. Und weil sie für Sex standen, käuflichen Sex. Wenn etwas an dem jungen Mann auffällig erschien, dann seine Religiosität: Er ist Baptist, er wurde oft mit der Bibel in der Hand gesehen, Bekannte beschreiben ihn als 'still und intensiv religiös'. In dem wenigen, was aus seiner polizeilichen Vernehmung durchgesickert ist, hieß es, er habe sich gegen 'Versuchung' wehren wollen. Der Mann, so scheint es, ist von dem geprägt, was sich christliche Sexualmoral nennt und den Namen nicht verdient hat."
Stichwörter: Terrorismus, Incels, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2021 - Gesellschaft

Identitätspolitik ist ein "Schrei nach Teilhabe", schreibt Jagoda Marinic in der SZ, auch in Richtung von Wolfgang Thierse. Dabei sei es gerade während der Pandemie wichtig, beispielsweise auch Daten über den Zusammenhang von Herkunft und Krankheit zu erheben, fährt sie fort: "Welche Milieus trifft es wie? Wie lässt sich gegensteuern? Je differenzierter die Analyse, desto passgenauer könnten die Hilfsmaßnahmen sein. Doch in Deutschland wird von offizieller Seite nicht einmal erhoben, ob Minderheiten besonders betroffen sind von Corona oder mehr auf Intensivstationen landen; dahinter scheint die Angst zu liegen, Ressentiments zu schüren. (...) Wer in Deutschland trotzdem öffentlich fordert, dass strukturelle Missstände statistisch erhoben werden müssen, wird oft zum Spalter erklärt: Wer Herkunft als Merkmal benannt wissen will, betreibe Identitätspolitik. Dabei betreibt so jemand Teilhabe-Politik und fordert lediglich, dass sich eine vielfältige Gesellschaft um alle gleichermaßen bemüht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2021 - Gesellschaft

Der Mythos von der vorbildlichen deutschen Corona-Bewältigung zumindest in der ersten Welle bröckelt zusehends. In der Zeit berichtet Annika Joeres nach ausführlichen Recherchen, dass in Deutschland in der ersten Welle wesentlich mehr Menschen an Corona erkrankt sind als in den offiziellen Statistiken angegeben wurde, ganz einfach, weil nicht bestätigte Verdachtsfälle nicht nachgeprüft wurden: "Das RKI räumt auf Anfrage ein, dass bei den 'veröffentlichten Meldedaten immer von einer gewissen Untererfassung auszugehen ist'. Theoretisch wäre das RKI in der Lage, bundesweit die Verdachtsfälle über die Gesundheitsämter zu ermitteln und zu veröffentlichen. 'Aufgrund begrenzter Ressourcen der Gesundheitsämter werden (...) bestätigte Covid-19-Fälle priorisiert', schreibt das RKI. Weiter kommentieren möchte das Institut die Zahlen nicht, auch das Gesundheitsministerium und Jens Spahn wollen sich nicht zu der offenbar steileren ersten Welle äußern." In vielen anderen Ländern, etwa Großbritannien oder Frankreich, wurden die Verdachtsfälle dagegen mitgezählt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2021 - Gesellschaft

In Deutschland gibt es praktisch täglich "Femizide" oder versuchte Morde. Männer reagieren mit tödlicher Gewalt, wenn ihre Frauen sich von ihnen trennen. Verhindert werden können sie nur, wenn das ganze Umfeld wachsam ist, sagen die Journalistinnen Laura Backes und Margherita Bettoni im Gespräch mit Carolina Schwarz in der taz: "In Rheinland-Pfalz gibt es runde Tische für Hochrisikofälle von Gewalt in engen Beziehungen. Dafür füllen Betroffene einen Fragebogen aus. Gab es eine Steigerung der Gewalt? Oder: Hat er Sie schon einmal gewürgt? Je öfters eine Frau 'Ja' ankreuzt, desto höher das Risiko. Dann kommt es zu einer Fallkonferenz mit dem Jugendamt, Frauenhäusern, der Krisenintervention, Polizei und Staatsanwaltschaft, die gemeinsam nach den besten Möglichkeiten suchen, die Frau zu schützen. Bei einer Evaluation des Pilotprojekts kam heraus, dass nach diesen Interventionen nur ein Viertel der Täter wieder gewalttätig wird. Das ist der richtige Weg." Die beiden sind Autorinnen des Buchs "Alle drei Tage - Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen".

Gerade hat der Bundesgesundheitsminister im ungeimpften Deutschland einen AstraZeneca-Impfstopp verkündet, weil bei sieben von 1,6 Millionen Geimpften in Deutschland Thrombosen in Hirnvenen auftraten. Das sind 0,00044 Prozent, rechnet Andreas Rosenfelder in der Welt vor. Verstehen wir eigentlich noch, was ein Risiko ist, fragt ebenfalls in der Welt der Philologe Jonas Grethlein: "Vor allem die Bilder aus Bergamo und die tägliche Hypostasierung eigentlich interpretationsbedürftiger Zahlen zu Fakten und Sachzwängen haben Angst erzeugt. Die Angst ist deswegen so groß, weil es ein zentrales Anliegen unserer Gesellschaft ist, Risiken auszuschließen. Aber Risiken sind die Kehrseite von Handlungsfreiheit, das zeigt der Begriff der Kontingenz. Negiert man Schicksalskontingenz, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen, beraubt man sich am Ende der Handlungsfreiheit. In der gegenwärtigen Krise tritt diese Dialektik der Kontingenz mit besonderer Klarheit zu Tage."

Nein, wir leben nicht in einer Corona-Diktatur, meint in der NZZ Roman Bucheli auf Caspar Hirschi (unser Resümee), wir fliegen in der Pandemie nunmal auf Sicht und können das nur mit Hilfe der Wissenschaftler. Über die Kosten reden sollte man aber schon, findet Bucheli: "Obgleich all dies mit schwerwiegenden menschlichen, psychischen und wirtschaftlichen Folgen verbunden ist, hat sich die Gesellschaft bis heute nicht darauf verständigt, ob diese Kosten irgendwie gegeneinander aufgerechnet werden sollten und unter welchen Gesichtspunkten dies allenfalls geschehen könne. Verspätet sind wir also auch in der Grundsatzdiskussion, ob und wie wir uns eine Wertehierarchie vorstellen könnten. Da wir die Kosten erheblicher Folgeschäden in Kauf nehmen, ist in der Frage ihrer Verteilung und den damit verbundenen ethischen Abwägungen dringend ein gesellschaftlicher Konsens zu suchen."

Der Religionskritiker Carsten Frerk prüft auf seiner Seite fowid.de Studien zu Muslimfeindlichkeit, die von islamischen Organisationen wie "Claim" und "Inssan" vorgelegt werden und auf die sich etwa der von der Bundesregierung geförderte "Mediendienst Integration" bezieht. Die dort präsentierten Zahlen erscheinen ihm oft nicht seriös: "In der Bearbeitung des Themas zeigte sich jedoch, dass in den vergangenen zehn Jahren die Diskussion um Diskriminierungen und Muslimfeindlichkeit eine bestimmte Richtung genommen hat, die sich zwar politisch und finanziell durchsetzen konnte, aber einer kritischen empirischen Prüfung nicht standhält. Viele Studien auf diesem Gebiet erlauben nämlich keinen unverzerrten Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern vielmehr auf die ideologisch verzerrten Perspektiven derer, die mit diesen Studien ihre eigene gesellschaftspolitische Agenda umsetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2021 - Gesellschaft

Das Instagram-Video zweier Künstler über "Deutsche mit Nazihintergrund" (unsere Resümees)  sorgt weiter für Debatten. Der Künstler Leon Kahane kritisiert im taz-Gespräch mit Erica Zingher den angeblichen "Antifaschismus" der beiden Videokünstler, die sich selbst als Opfer von Rassismus inszenieren und den Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus nicht thematisierten. Nebenbei kritisiert Kahane Michael Rothbergs Begriff der "multidirektionalen Erinnerung": "Juden wurden aus einer antikapitalistischen völkischen Ideologie zum Feindbild gemacht. Im Kolonialismus wurden Menschen hingegen aus kapitalistischem Interesse versklavt. Die multidirektionale Erinnerung verbirgt meiner Ansicht nach die Unterschiede in den Ideologien mehr, als sie deutlich zu machen, um die Ähnlichkeiten in den Erfahrungen zu unterstreichen. Gerade da darf es auch beim Erinnern keine Abkürzungen geben."

Was das Video in den Köpfen junger Menschen anrichten kann, zeigt ein ausufernder Zeit-online-Artikel Jule Hoffmanns, die durch das Video erstmals von den Naziverbrechen erfahren zu haben scheint: "Es ist kein Zufall, dass der Impuls von Menschen wie Hilal und Varatharajah ausgeht, deren Perspektive geprägt ist von Alltagsrassismus, von rassistischen Anschlägen und Fragen der Zugehörigkeit und des Deutschseins. Für sie ist klar zu erkennen, wie ungebrochen, wie 'stabil' die Kontinuität des Nationalsozialismus in Deutschland ist, wie sie im Video sagen."

Der Historiker Alexander Zinn, ehemaliger Geschäftsführer des Lesben-und Schwulenverbands, fragt in der FAZ nach dem Streit um Wolfgang Thierse, "wie die Lesben- und Schwulenverbände in linksidentitäres Fahrwasser" geraten konnten. Es hat nach seiner Analyse zum Teil mit schlichten persönlichen Interessen vieler Wortführer zu tun: "Pragmatische Politikansätze wurden zurückgedrängt, stattdessen übernahmen Akteure das Ruder, die in den akademischen Blasen der Universitäten in Fragen von Queer-Theory, Postkolonialismus und intersektionaler Diskriminierung geschult worden sind. Mangels anderer Berufsaussichten drängen sie bevorzugt in Nichtregierungsorganisationen und Medien, wo sie in den letzten Jahren an vielen Stellen tonangebend wurden."

Der Perlentaucher widmet sich in "9punkt" ja eher der Feuilleton-Debatte. Aber diese Meldung aus golem.de klingt doch arg nach historischen Einschnitt: "Audi stellt Verbrennermotor-Entwicklung ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2021 - Gesellschaft

Nun wird es also die viel diskutierte Studie über Rechtsextremismus in der Polizei geben, und die Studienleiterin Anja Schiemann will dafür alle 300.000 PolizistInnen im Lande befragen. wie sie im Gespräch Konrad Litschko in der taz erläutert: "Eine Vollerhebung ist auch sinnvoller, als sich einzelne Bereiche herauszupicken, weil die Polizei ja ganz unterschiedliche Dienststellen und Anforderungen hat. Je mehr Polizeibeamte wir befragen, desto aussagekräftiger wird es. Dazu führen wir auch qualitative Experteninterviews. Das einzige Problem, was ich sehe, sind einzelne Bundesländer, die nun eigene Studien machen. Die müssen wir auch für unsere Studie mit ins Boot holen, damit wir am Ende einen Vergleich für alle Bundesländer haben."

Der homosexuelle Rom-Aktivist Gianni Jovanovic verteidigt im Gespräch mit Jan Feddersen von der taz Identitätspolitik: "Es ist wichtig, dass Menschen das Recht haben, sich selbst zu bezeichnen, und mittlerweile auch ihr eigenes Geschlecht wählen können, weil sie es wollen, müssen, weil sie einfach anders als die heteronormative Gesellschaft sind. In einer freien, demokratischen Gesellschaft ist dieses Recht unverzichtbar. Ich finde es ganz wichtig, dass Identitäten benannt werden, ob es im optischen Medium ist, im Hörfunk oder im Lesebereich. Ich liebe Gendersternchen so dermaßen, ich kann gar nicht mehr ohne, ich finde, es sieht schon komisch aus, wenn keins da ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2021 - Gesellschaft

Alex Rühle interveniert in der SZ gegen den sich durchsetzenden Standard, beim Fernunterricht die Kameras auszulassen. Datenschutz und die Privatsphäre von SchülerInnen muss man ernst nehmen, aber bitte nicht ihre Launen und Phobien ("Hashtag Selbstinszenierung"): "Joachim Bauer, der Entdecker der Spiegelneuronen, schrieb mal, die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns würden in erster Linie durch Beachtung, Interesse, Zuwendung und Sympathie anderer Menschen aktiviert. Momentan werden nicht die Spiegelneuronen aktiviert, sondern höchstens die eigene Spiegelneurose: Man sieht ja den ganzen Tag nur sich selbst. Würde es den Kindern nicht guttun, Vertreter ihrer Peergroup in genau derselben, semiperfekten Situation zu sehen? Und damit jeden Tag daran erinnert zu werden, dass sie nicht allein sind mit diesem Gesamtmurks?"

In der taz findet der Berliner Philosophielehrer Nils B. Schulz insgesamt Schule maßlos überschätzt.