9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2021 - Gesellschaft

Ein alle zwei Jahre erscheinender Report des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), des Statistischen Bundesamts und der Bundeszentrale für politische Bildung zeigt, dass es in Deutschland starke soziale Unterschiede gibt und dass sich diese Unterschiede in der Pandemie noch verschärfen, berichtet Patricia Hecht in der taz: "In der unteren Einkommensgruppe mit unter 1.000 Euro arbeiteten nur 13 Prozent im Homeoffice - in der oberen von mehr als 2.500 Euro dagegen mehr als 40. Von finanziellen Problemen infolge der Pandemie berichteten neben Selbstständigen zudem vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, an- und ungelernte Arbeiter:innen sowie Personen mit niedrigen Einkommen." Der Bericht lässt sich hier herunterladen.

Im SZ-Feuilleton möchte Aurelie von Blazekovic Geschlecht als Kategorie ganz fallen lassen und am liebsten aus dem Personalausweis streichen. Aber schon sprachlich gibt es viele Hürden, wie ihr Lann Hornscheidt, tätig in den Gender Studies an der Berliner Humboldt Universität, im Gespräch erklärt: Misslich, "dass es für geschlechtsneutrale Pronomen keine geläufige Form gibt. 'Mein Vorschlag im Moment wäre 'ens' zu nehmen', sagt Lann Hornscheidt. Der Mittelteil aus dem Wort Mensch, eine etwa sechs Monate alte Wortneuschöpfung Hornscheidts. 'En'' sei völlig genderfrei und auch als Endung verwendbar. Mit der Form 'Liebe Bürgens' wären demnach weniger Personen bestimmten Geschlechts angesprochen, sondern einfach: Menschen. 'Ens' ließe sich an Wörter wie 'jemandens' und 'diesens' anhängen und könnte als Artikel benutzt werden. Statt 'Der Erfinder' hieße es 'dens Erfindens'. Oder: Eine Person, die erfindet."

Der neugegründete Verlag w_orten & meer, der laut viel retweetetem Style Sheet "diskriminierungskritische Wortungen zum Anliegen" hat, hat Hornscheidts Idee schon aufgegriffen (sie verlegen auch Hornscheidts Buch zum Thema). Ziel ist es, mit "Autorens, Übersetzens und anderen Menschen" neue Sprachformen zu finden. Die verlegten Texte sollen gut verständlich für alle Menschen, "insbesondere aber für Diskriminierte" bleiben, eine ganze Menge von Richtlinien ist dabei zu beachten: "Bei Übersetzungen wünschen wir uns, dass die Genderungen entweder explizit als Herstellungen benannt werden (Frauisierte statt Frauen) oder auf exkludierende Genderungen explizit hingewiesen wird (zum Beispiel in einer vorangestellten Anmerkung, Fußnote, im Nachwort etc.). In Bezug auf antirassistische Schreibweisen wünschen wir uns, dass die aktuellen Selbstbenennungen von antirassistischen Initiativen verwendet werden. Dies bedeutet momentan Schwarz (immer großgeschrieben), People of Color - PoC(s), BPoC(s), Sinti*zze und Rom*nja, Indigene Gesellschaften usw. Hautfarben sind immer Herstellungen und keine Substanz oder objektive Wahrnehmung."

In der NZZ blickt Hoo Nam Seelmann in sprachliche Abgründe der anderen Art, wenn sie die Kultur des Schimpfens im Allgemeinen und in Korea im Besonderen erklärt. Im Kontrast zur höflich-distanzierten Fassade stehen die oft "derb-vulgären" Schimpfworte, die sie in fünf Cluster aufteilt: "Das vierte Cluster besteht aus Wendungen, die mit Krankheiten zu tun haben. Man wünscht den anderen alle möglichen Krankheiten wie Pocken, Lepra und Typhus, besonders pikant in Zeiten von Covid-19. Inzwischen ist diese Variante rückläufig, da Epidemien seltener geworden sind. Das fünfte Cluster hat mit Dummheiten zu tun, die man den anderen unterstellt. Häufig verwendete Wörter hierbei sind 'Steinkopf', 'Kopf voll Tinte' oder 'Idiot'."

Die Medizinhistorikerin Bettina Schöne-Seifert erteilt in der FAZ eine Stunde "Nachhilfe aus dem ethischen Proseminar". Natürlich sollen Geimpfte Privilegien haben, wenn sie nicht ansteckend sind, schreibt sie, und nimmt Argumente der Fraktion auseinander, die Maßnahmen bis ultimo verlängern will. Ein "Argument gegen 'Impf-Privilegien', das vermutlich in den internen politischen Debatten keine kleine Rolle spielt, fürchtet, dass die Normalisierung für Geimpfte als indirekter Impfzwang wahrgenommen werden könnte. Damit könnte es dem Lager der Impfgegner oder Corona-Leugner in die Hände spielen. Ganz ausschließen lässt sich das wohl nicht. Aber warum sollte man darauf Rücksicht nehmen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2021 - Gesellschaft

Im Interview mit der SZ kritisiert der Soziologen Oliver Nachtwey, dass es in Deutschland keine Statistiken gibt zur Frage, wieviel härter Corona arme Menschen trifft als wohlhabende. Er wittert dahinter Absicht: "Es gibt in Deutschland ausgezeichnete soziologische Forschungen zu den Folgen der Pandemie. Aber auf staatlicher Seite weiß und kommuniziert man viel zu wenig über die Sozialstruktur der Infektionen. Schließlich müsste man dann ja zugeben, dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist und Menschen aus der Unterklasse ein höheres Infektionsrisiko haben. Es wird permanent versucht, jegliches Klassenbewusstsein aus dem öffentlichen Bewusstsein herauszuhalten - die Statistik ist ein Mittel dazu."

Die Journalistin Brigitte Theißl, Autorin des Buchs "Klassenreise - Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt" erzählt im Gespräch mit Timo Stukenberg von der taz, was sie unter dem Begriff "Klassismus" versteht, der den sozialen Gegensatz ins Kaleidoskop der Opferidentitäten bei der modischen Linken hineinzieht. Für die Berichterstattung über die "von Klassismus Betroffenen" gibt sie folgende Tipps: "Einerseits ist es wichtig, stets die eigene Sprache zu reflektieren und solche Begriffe wie 'sozial Schwache' oder 'Unterschicht' endgültig zu streichen. Es gibt dazu allerlei Leitfäden. Das Gleiche gilt für die Bildsprache. Bilder, die Menschen auf einem kaputten, verlassenen Spielplatz von hinten mit zerrissener Kleidung zeigen, stigmatisieren Menschen ebenso. Außerdem ist es ganz wichtig, dass Betroffene selbst zu Wort kommen und sie nicht nur zu ihrer Biografie, sondern auch als Expert*innen für ihre eigene Lebenssituation befragt werden."

Zehn Jahre nach der Katastrophe von Fukushima möchte die japanische Regierung das Land gern als "Cool Japan" verkaufen, wozu auch die Olympischen Spiele von Tokio beitragen sollen. Aber nicht alle Japaner machen da mit, erklärt die Japanologin Barbara Holthus im Interview mit der FR: "Es ist eine bunte Gruppe. Viele sind schon seit den Studentenprotesten in den 1960er Jahren aktiv, ihre Netzwerke waren lange aber verdeckt. Der Protest gegen die Spiele hat sie sichtbar gemacht. Diese Menschen haben viele Kritikpunkte zu Olympia: Korruption oder die Vertreibung von Obdachlosen, wo Spielstätten gebaut wurden. Die Kritik am Umgang mit der Dreifachkatastrophe von Fukushima ist auch ein wichtiger Teil der Proteste gegen Olympia. Und es ist wirklich eine kleine Gruppe: Am vergangenen Samstag waren es nur rund 70 Menschen - und das, obwohl angeblich 80 Prozent der Bevölkerung nicht mehr hinter den Olympischen Spielen stehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2021 - Gesellschaft

Zwei Professoren der Universität Grenoble werden in der Berichterstattung schon gar nicht mehr beim Namen genannt, weil sie von der Studentenvertretung Unef mit einer wilden Kampagne in sozialen Medien und per Graffiti als "Islamophobe" und Faschisten denunziert wurden. In Frankreich erregt die Affäre großes Aufsehen, weil die Ermordung Samuel Patys mit einer ähnlichen Kampagne gegen ein designiertes Opfer angefangen hatte. FAZ-Korrespondentin Michaele Wiegel konnte mit einem der Professoren reden, einem Deutschen, der seit Jahren in Frankreich lehrt: "Es sei wirklich schade, dass man an einer Universität nicht vernünftig Argumente austauschen und ruhig diskutieren könne. Schwerer treffe es ihn, dass etwa 80 Prozent seiner Kollegen ihm die Unterstützung verweigerten oder nur heuchlerisch schrieben, er habe ja selbst zu der Polemik beigetragen. 'Ich habe wirklich keinen Kreuzzug gegen den Islam geplant. Ich wollte nur das Konzept der Islamophobie kritisch hinterfragen', sagt er. Er habe auch keine Lust, Anzeige zu erstatten, aber suche jetzt Rechtsbeistand von einem Anwalt." Ein schöner Beleg für die These, dass Cancel Culture ihr Vorbild in der Fatwa hat.

Der Parisien geht mit AFP etwas genauer auf den Ursprung der Affäre ein, die einiges über das Klima an den Universitäten sagt. Sie trägt sich am Institut d'Etudes Politiques zu, wo der deutsche Professor K. wie gesagt seit Jahren lehrt. An diesem Elite-Institut, an dem viele künftige hohe Beamte und Politiker ausgebildet werden, wurde ein "Tag der Gleichheit" vorbereitet, der unter dem Titel "Racisme, islamophobie, antisémitisme" stehen soll. Professor K. habe sich In langen E-Mail-Wechseln in der Vorbereitungsgruppe  gegen den Begriff der "Islamophobie" in dieser Zusammenstellung gewehrt: "Zu seinen zahlreichen Argumenten gehört, dass 'man zweifeln kann, ob eine ihres Namens würdige akademische Debatte zu einem zusammengestoppelten und ganz und gar fabrizierten Begriff stattfinden kann (...) Ich weigere mich kategorisch, mir einreden zu lassen, dass die (eingebildete) Verfolgung muslimischer Extremisten (und anderer verirrter Muslime) wirklich an die Seite des seit Tausenden von Jahren existierenden Antisemitismus und des quasi universellen Rassismus gestellt werden sollte.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2021 - Gesellschaft

Frauenverachtung findet man auch in Deutschland noch überall, warnt Claudia Becker in der Welt, da sollte man sich nichts vormachen: "Verbale Frauenverachtung ist der Boden, auf dem körperliche Gewalt gedeiht, deren traurigstes Ausmaß die Zahl der Frauen ist, die von ihrem Partner getötet werden. In Deutschland ist das im Schnitt an jedem dritten Tag der Fall. Umso wichtiger ist es, wachsam für die alltäglichen Diskriminierungen zu bleiben. Und umso verblüffender ist die Gleichgültigkeit, mit der Frauen die alltägliche Sprachgewalt über sich ergehen lassen. In diesem Jahr trugen die Skispringerinnen bei ihrem Weltcup in Titisee-Neustadt Leibchen, auf denen der Betten-Handel-Sponsor: 'Wir sind Matratze' geflockt hat. Wie witzig. Von der Emma abgesehen, hielt sich die mediale Aufregung über die eindeutige Anspielung in sehr engen Grenzen."

Die Arbeit von Frauen würdigen kann man nur, wenn man ihre Arbeit auch irgendwo erwähnt oder archiviert findet, erinnert in der NZZ Sabine von Fischer und blickt dabei der Wikipedia ins Auge: "Wenige Monate vor der Verleihung des Nobelpreises an die Physikerin Donna Strickland wurde dem Antrag auf Löschung ihres Wikipedia-Artikels wegen mangelnder Signifikanz stattgegeben", schreibt sie und zitiert einen Tweet der Physikerin Jamie R. Lomax: "Today marks the first day in my lifetime that there's been a living recipient of the Nobel Prize in physics who is a woman-Donna Strickland. Although, her university hasn't promoted her to full professor and she didn't have a Wikipedia page until ~2 hours ago. - Dr. Jamie R Lomax (@jrlomax) October 2, 2018." Immerhin: "Dank dem Nobelpreis wurde Strickland der Eintrag dann umgehend gewährt. Andere Taten von Frauen aber werden weiterhin wegen vermeintlicher Irrelevanz ohne öffentlichen Aufschrei gelöscht: Kein Archiv, kein Schulbuch, kein Kalenderabreißblatt erinnert an sie."

Das Burkavebot wude in der Schweiz zwar von Populisten initiiert, denen es darum geht, fremdenfeindliche Ängste und Affekte zu schüren, aber falsch findet es Richard Herzinger in seinem Blog nicht: "Dass sich Menschen gegenseitig ins Gesicht sehen können, ist in freiheitlichen Gesellschaften nicht nur aus Gründen der amtlichen Identifizierbarkeit einer Person unverzichtbar. Es ist auch die erste Voraussetzung für zivilisierte Kommunikation und unbefangenen Austausch unter gleichgestellten Bürgern - und damit für jeglichen demokratischen Diskurs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2021 - Gesellschaft

Alice Hasters, Autorin des Bestsellers "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" kritisiert im Gespräch mit Jutta Rinas von rnd.de den "weißen" Feminismus: "Ich würde nicht sagen, der Feminismus ist insgesamt zu weiß, aber er wird zu weiß gedacht. Und es gibt auf jeden Fall eine feministische Ecke, die die Perspektive von weißen Frauen stark priorisiert. Das ist der dominante Feminismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2021 - Gesellschaft

Matthias Alexander stellt in der FAZ die vom Soziologen Peter Dienel in den siebziger Jahren entwickelte Idee des "Bürgergutachtens" vor, die einige Städte im Moment umsetzen, um städtebauliche Projekte zu entwickeln und zu begleiten: "Die Idee Dienels war, einen Laien-Rat zu schaffen, der sich mit einer einzelnen Sachfrage beschäftigt. Etwa hundert Bürger im Alter von mindestens vierzehn Jahren werden mittels Zufallsgenerator aus dem Einwohnermelderegister ausgewählt, diese Gruppe stellt dem Anspruch nach einen repräsentativen Querschnitt durch die Bürgerschaft nach Geschlecht, Alter und Milieu dar. Dass der Verdienstausfall kompensiert wird, macht die Teilnahme auch für Berufstätige interessant."

In der Schweiz wird über ein Burkaverbot abgestimmt, das von der Rechten eingebracht wurde. Dennoch spaltet die Frage die politischen Lager, denn auch auf Seite der Linken plädieren einige für das Verbot. Rebecca Schönenbach wendet sich bei hpd.de etwa gegen die Organisation Amnesty International, die das Burkaverbot wegen angeblicher Islamophobie ablehnt. Denn man muss nicht Kopftuch tragen, um Muslimin zu sein, und die Mehrheit der Musliminnen tragen gar kein Kopftuch, so Schönenbach. "Zu befürchten, ein Verbot würde Frauen diskriminieren, die selbst keine Verschleierung tragen, ist widersinnig. Durch diese Behauptung wird Musliminnen ihre Identität abgesprochen. Sie werden gerade von denjenigen, die vorgeben, Musliminnen schützen zu wollen, 'zwangsverschleiert', medial mit der Vollverschleierung oder zumindest dem Kopftuch gleichgesetzt. Die ständige Assoziation von Musliminnen mit jeder Form von Verschleierung ist die eigentliche Stigmatisierung, gegen die vorgegangen werden sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2021 - Gesellschaft

Die Künstlerin Moshtari Hilal und der Autor Sinthujan Varatharajah greifen die Buchhändlerin Emilia von Senger in einem Instagram-Video an, weil sie ihren Laden mit ererbtem Geld eröffnet hat und die Familie, von der sie es erbte, angeblich in den Nationalsozialismus verstrickt war (unsere Resümees). Die Künstler schlagen vor, von Deutschen als "Menschen mit Nazihintergrund" beziehungsweise "Genozidhintergrund" zu sprechen. Patrick Bahners erzählt den Fall in der FAZ in aller Ausführlichkeit nach und fasst den Diskurs der beiden so zusammen: "Die Gentrifizierung, die Emilia von Senger durch die Anmietung eines Ladenlokals am Kottbusser Damm betreibt, setzt in der totalitären Logik des Künstler-Tribunals die genozidale Geschäftstätigkeit der Wehrmacht an der Ostfront fort. Wie kann man einer Buchhändlerin sogar einen Vorwurf daraus machen, dass sie Angestellte beschäftigt? Die herbeifantasierte Ausnutzung prekärer Verhältnisse wird in eine Kontinuität zur Zwangsarbeit gestellt."

Dieser Winter scheint niemals zu enden. Der Lockdown hört nie auf, geimpft wird auch kaum. Wo ist die Hoffnung, fragt auf Zeit online Christian Bangel. Die Warnungen sind ja berechtigt, aber auch Zuversicht tut not, meint Bangel, dem eine "merkwürdige Deformation öffentlicher Kommunikation in Zeiten von Corona" auffällt. Er würde gern auch mal hören: "Wie sehr sich die Lage zum Guten ändert, seit ein Impfstoff nach dem anderen zugelassen wird und sich als hochwirksam gegen die Krankheit und einen schweren Verlauf erweist - auch bei der britischen Mutante, die hierzulande vor allem zirkuliert. Immer klarer wird auch, dass Geimpfte deutlich seltener ansteckend sind. Impfstoffhersteller zeigen sich außerdem optimistisch, dass sie auch künftige Mutationen des Virus mit leichten Modifikationen in den Griff bekommen können. All das sind sehr gute Nachrichten. Wir befinden uns, so sagte es RKI-Chef Lothar Wieler kürzlich, 'im letzten Frühjahr dieser Pandemie'."

Auf eine verblüffende Fehlstelle in deutschen Corona-Analysen macht der Soziologe Felix Römer bei geschichtedergegenwart.ch aufmerksam: Man weiß zwar, dass die Pandemie die Ärmeren eher trifft, es gibt aber anders als in Großbritannien oder den USA so gut wie gar keine Daten dazu, keine Karten nach Stadtgebieten, keine Statistiken nach Einkommensgruppen: "Eine Auswertung der internationalen Literatur am Robert Koch-Institut (RKI) ergab im Sommer 2020, dass bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland erst eine einzige Studie zum Thema Ungleichheit und Covid-19 entstanden war. Noch dürftiger ist das Angebot der amtlichen Statistik. Die Website des Statistischen Bundesamtes zu den 'Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Gesellschaft' enthält keinerlei Analysen nach Einkommen oder ähnlichen Indikatoren der Ungleichheit - als ob diese in der Pandemie hierzulande überhaupt nicht existiere."

Die Europäer machen die EU und ihre Regierungen für das schleppende Anrollen der Impfaktion verantwortlich, berichtet wenig überraschend Laurenz Gehrke bei politico.eu unter Bezug auf eine neue Umfrage: "51 Prozent der deutschen Befragten sagten, dass die Europäische Union die Einführung des Impfstoffs schlecht gehandhabt hat, eine Ansicht, die von 35 Prozent der französischen und 24 Prozent der schwedischen Befragten geteilt wurde. In Großbritannien sagten 45 Prozent, dass die EU einen schlechten Job gemacht hat, während 77 Prozent sagten, dass sie die Erfolgsbilanz ihrer Regierung in Sachen Impfung gutheißen. Im Gegensatz dazu haben nur 23 Prozent der Deutschen, 19 Prozent der Schweden und 18 Prozent der Franzosen eine ähnlich großzügige Meinung über die Einführung von Impfstoffen in ihren jeweiligen Ländern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2021 - Gesellschaft

In der NZZ singt Eva Menasse dem NDR-Podcast von Christian Drosten ein Ständchen. So funktioniert eine echte Debattenkultur, lobt sie, nicht mit Rechthaberei, sondern mit ständiger Überprüfung des eigenen Standpunkts. Drosten und andere Forscher "haben sich manchmal innerhalb eines Tages drastisch korrigiert. Ohne jedes schlechte Gewissen: 'Ich habe gestern Nacht noch ein paar Studien gelesen, und daher . . .' Die Arbeit eines Wissenschaftlers strebt nicht danach, die eigenen Annahmen einzubetonieren, sondern sie hart zu überprüfen. Wie ein Schachspieler, der gegen sich selbst spielt, wie ein Hacker, der die eigene Firewall attackiert: Wie kommt man rein, wo ist mein Leck? Ausgesiebt wird, was fehlerhaft oder nicht gut genug ist; das Übrige ist vorläufig richtig. Schon am nächsten Tag kann es falsch sein. Und das ist die kühle Schönheit und zwingende Sinnhaftigkeit wissenschaftlichen Denkens, maximal entfernt von all dem entsicherten Meinen, grundlosen Schreien und Beleidigtsein, das die Welt erfüllt."

"Blackfacing" oder "Kulturelle Aneignung" etwa in parodistischen Karnevalskostümen sind heute tabu. Michael Miersch findet in seiner "Zwischenrufe"-Kolumne bei den Salokolumnisten aber noch bedenkliche Ausnahmen von der Regel: "Nun fiel mir beim Nachdenken darüber auf, dass es einen Bereich gibt, der von diesem Verdikt bisher verschont blieb: Travestieshows. Jedenfalls habe ich noch von keinem Protest dagegen gelesen oder gehört. Dort werden Frauen parodiert. Schlimmer noch: Frauen werden auf angeblich typisch weibliche Ausdrucksformen und Gesten reduziert. Skandal!!! Wenn ein Indianerkostüm Rassismus ist, dann sind Travestieshows eindeutig Sexismus. Ein Fall für woke Kulturwächter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2021 - Gesellschaft

Etwas selbstgefällig, aber irgendwie "erfrischend" verkehrt findet Sonja Zekri in der SZ, dass die beiden KünstlerInnen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah auf Instagram den familiären Nazi-Hintergrund von Kulturbetriebsgrößen ins Visier nehmen. Auch wenn es Zekri ein bisschen leid tut, dass dies auch die Inhaberin eines queerfeministischen Buchladens in Neukölln traf. Immerhin zeigt die sich reumütig: Es fallen Worte wie 'Whitewashing' durch queere Themen und die Frage, wie jemand 'mit so einem Namen so einen Laden eröffnen'  könne. Ja, wie? Emilia von Senger sieht ein bisschen mitgenommen aus, aber das kann an der gleißenden Februarsonne liegen. Vor ihrem Laden am Kottbusser Damm hat sich eine kleine Warteschlange gebildet. Senger hat auf die Vorhaltungen mit Selbstkritik reagiert. 'Einen queerfeministischen Buchladen zu eröffnen und gleichzeitig nicht über seine Nazi-Familiengeschichte zu sprechen, geht nicht', schrieb sie auf Instagram."

Betrübt spazieren die FAZ-Autoren Kevin Hanschke und Simon Strauß über die Berliner Kantstraße, deren struppiges Ende besonders hart von den Schließungen betroffen ist: "So leergefegt dieser Straßenblock, so pseudolebendig der nächste. Vor einem neu eröffneten Donut-Stand hat sich eine Schlange aus circa dreißig Menschen gebildet, die sich bis an die Kreuzung hinzieht. Ein älterer Mann mit Hut, der an den stoisch Wartenden vorbeitrottet, bemerkt sarkastisch: 'In der Krise braucht der Mensch Süßigkeiten.' Aber auch die Confiserien an der Kantstraße verschwinden allmählich. Mit 'Madame Chocolat' hat einer der traditionsreichsten Süßwarenhändler schließen müssen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2021 - Gesellschaft

Wo immer demokratischer Diskurs zusammenbricht oder sich gar nicht etabliert, macht sich Antisemitismus breit, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog - und blickt nach Belarus, in die Ukraine, aber auch auf bestimmte Diskurse und den Islamismus. Der angeblichen Israelfreundlichkeit rechtspopulistischer Parteien traut er keine fünf Zentimeter über den Weg: "In Wahrheit ist laut Umfragen die Zustimmung zu antisemitischen Stereotypen etwa bei den Wählern der AfD um ein Mehrfaches höher als bei denen der anderen im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Und als der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland 2018 in einem Artikel eine 'globalisierte Klasse' angriff, die 'in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Startups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten' sitze und daher nur eine schwache 'Bindung an ihr jeweiliges Heimatland' besitze, hatten seine Anhänger das Signal auch ohne ausdrückliche Nennung der Juden verstanden."

Die Welle der Missbrauchsvorwürfe in Frankreich reißt nicht ab, zuletzt wurde bekannt, dass gegen Gerard Depardieu bereits 2018 und kürzlich gegen den Journalisten Patrick Poivre d'Arvor Anzeige erstattet wurde, schreibt Martina Meister in der Welt. Es mag schwerfallen "inmitten der Denunziationswelle einen kühlen Kopf zu bewahren", aber: "Mit der Überhöhung von sexuellem Missbrauch als Libertinage ist jetzt Schluss. Der Kulturbetrieb wird von immer mehr Opfern, die in die Öffentlichkeit gehen, zur Introspektion gezwungen. Alles, was Intellektuelle, Politiker, Künstler und Vertreter der Medien jahrzehntelang in den dunklen Alkoven der Republik trieben, wird ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und nicht länger als exception culturelle, als kulturelle Ausnahme und durch Kulturgeschichte bedingten Mentalitätsunterschied abgetan. Es fühlt sich an wie eine Zeitenwende. Sie mag mit der Verhaftung des linken Hoffnungspolitikers Dominique Strauss-Kahn 2011 in New York begonnen haben, aber erst jetzt, fast ein Jahrzehnt später, sind ihre Auswirkungen überall zu spüren, selbst an Frankreichs Elitehochschulen."