Anna Prizkau,
FAZ-Redakteurin, hat als Russlanddeutsche Ausgrenzungserfahrungen gemacht. Von Antirassisten wie
Kübra Gümüşay oder
Mohamed Amjahid, über die sie im Feuilletonaufmacher der
FAS schreibt, ist sie allerdings nicht mit gemeint. Vor allem stört sie
deren Sprache: "Da stehen dann auch Worte wie '
markiert' oder '
rassifiziert', die in ihrer ausgrenzenden Kälte nach einem alten Deutschland klingen. An diese dunkle Zeit muss man auch denken, wenn man das
Buch 'Wir müssen über Rassismus sprechen' von
Robin DiAngelo aufschlägt. Die Amerikanerin ist so etwas wie ein Idol für viele der Antirassismus-Kämpfer Deutschlands. In ihrem Buch, der deutschen Übersetzung, aber stehen Worte wie '
multirassisch' oder '
Rassenfragen' - und das in unserem Land mit seiner Geschichte zu lesen fühlt sich nicht richtig an, nicht gut."
Die französische Regierung will durch neue Gesetze den Laizismus stärken. Der Politologe
Alain Policar hält davon
im Gespräch mit Rudolf Balmer von der
taz sehr wenig: "Die Staatsführung geht davon aus, dass die weltlichen Regeln von einem unklar identifizierten Feind bedroht sind. Bezeichnend dafür ist die gegenwärtige Polemik über den '
Islamo-gauchisme' (auf Deutsch etwa 'Islam-Linke', Anm. der Redaktion). Wer ist da gemeint? Islamistische Terroristen und Komplizen solcher Staatsfeinde, muslimische Linke, mit Muslimen solidarische Linke? Ich sehe dahinter eine
unerfreuliche Strategie, in der Manier eines Donald Trump einen inneren Feind zu bestimmen und politische Gegner als dessen Alliierte zu diskreditieren."
Wer zwanzig Jahre nach dem 11. September immer noch glaubt, der
islamische Extremismus lasse sich mit
noch mehr Religion bewältigen statt mit Laizismus, dem
empfiehlt Kacem El Ghazzali in der
NZZ das Buch
"Der alltägliche Islamismus" der jemenitisch-schweizerischen Politikwissenschafterin
Elham Manea. Der "politische Islam war nicht nur eine Reaktion auf die Ideologien der westlichen Moderne (Sozialismus, Liberalismus), sondern auch auf die
authentischen alternativen Traditionen der verschiedenen muslimischen Mehrheitsgesellschaften, die eine Art Autonomie zu bewahren versuchten. Elham Manea weist in ihrem Buch darauf hin, dass dieser 'islamische Aktivismus' in Wirklichkeit die
Ursache des Problems ist - und nicht die Lösung, wie man im Westen gerne glaubt. Denn hier werden Vertreter des politischen Islam oft als 'gemäßigt' wahrgenommen, als
dialogbereite Partner, die dem Jihadismus und dem Radikalismus entgegenwirken."
Die
Organisierte Kriminalität organisiert sich sehr wohl
in Clans, der Begriff ist nicht rassistisch,
schreibt Fabio Ghelli in der
taz: Aber "Kriminelle Clans sind kein arabisches, türkisches oder italienisches Phänomen. Sie sind ein globales und gleichzeitig endemisches Phänomen - also
auch ein deutsches. Sie sind kein toxischer Fremdkörper in einem gesunden System. Sie sind Teil des Systems."
Wokeness in der westlichen Welt zu praktizieren ist ein Kinderspiel. Wie sieht es aber im
Rest der Welt aus, fragt der Historiker
Julien Reitzenstein in der
Welt. "Muss man den Bevölkerungen der
muslimischen Staaten Südostasiens, der
arabischen Welt oder auch in
Afrika vorwerfen, dass sie in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit nicht woke sind? Muss man sie sanktionieren? Und wie ist es mit den Machismo-Gesellschaften Mittel- und Südamerikas? Soll man verlangen, dass sich diese Kulturen jenen Blaupausen anpassen, die woke-weiße privilegierte Menschen von einer gerechten Welt zeichnen? ... Es ist deshalb an der Zeit, eine ehrliche Debatte zu führen: Erwarten die Verfechter der woke culture, dass
auch die Menschen in Mali, Afghanistan und dem brasilianischen Regenwald ihren Konzepten und Werten folgen? Dieser moralische Anspruch wäre
jenem der Kolonisatoren nicht unähnlich. Oder sind diese Menschen zu rückständig für solch fortschrittliche Konzepte? Dann könnte man an die paternalistische Arroganz der Kolonisatoren denken und fragen, ob die woke culture-Idee hier nicht über ihre eigenen Füße stolpert."
In der
SZ geht Julia Werner die neudeutsche Definition von der "
Übergriffigkeit" auf die Nerven, die jede ungeplante Nähe ins Reich der Aggression verbannt: "Das Verweisen auf den Übergriff ist in Wahrheit eine sehr bequeme Art, sich
aus allen menschlichen Verantwortungen zu stehlen: Die Freundin hat ja gesagt, man müsse ihr nicht in der Notaufnahme beistehen, also geht man auch nicht hin. Der Freund hat ja ausdrücklich erklärt, er würde die Wohnungsauflösung des verstorbenen Vaters schonganz alleine schaffen. Wenn die Freunde dann trotzdem vor der Tür stehen oder am Krankenbett sitzen - dann sind das Momente nicht des unverhofften Glücks, sondern eines
absoluten Kontrollverlustes, also der größten Sorge der neuen Übergriffsfanatiker, die wirklich immer noch glauben, im Leben ließe sich alles planen und kontrollieren."
Einen Fall von Übergriffigkeit
macht der Historiker
Julien Reitzenstein in der
NZZ auf der Homepage des "Projekts Ihnestr. 22" aus, das sich mit den Opfern des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) an die Ihnestrasse 22 in Berlin-Dahlem beschäftigt. Dort "ist zu lesen: 'In der Ihnestr. 22 forschten Wissenschaftler_innen schließlich auch an den Körpern von Personen, die in nationalsozialistischen Vernichtungslagern und Heilanstalten ermordet wurden. Insbesondere
Sinti_zze und Rom_nja,
J_üdinnen, schwarze Personen und Menschen mit Behinderung fielen den Arbeiten des KWI-A zum Opfer.' Solches darf man da mehrfach lesen. Und ja, dort steht tatsächlich: J_üdinnen. In dieser Ausprägung findet man
geschlechtergerechte Sprache selbst an der progressiven FU nicht allzu oft. Menschen aus unserer Mitte geschah unermessliches Unrecht. Man nahm ihren Besitz, ihre Familien, ihre Würde, ihr Leben, schändete ihre Leichen - und versucht nun den Ermordeten mit geschlechtergerechter Sprache
wozu genau zu verhelfen? Gerechtigkeit? Das wirkt geschmacklos, das ist
übergriffig und vor allem - wem ist damit geholfen?"