9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2021 - Gesellschaft

Die britischen Medien zelebrieren sehr ausgiebig den Tod von Prinz Philip im Alter von 99 Jahren, auch dem Guardian vergeht jegliche Spottlust. In der New York Times schreibt Tina Brown, eigentlich Expertin für salzige Indiskretionen, sehr pietätsvoll über den Tod des Mann, der stets zwei Schritte hinter der Königin ging und versichert. In der SZ erzählt Christian Zaschke einige Anekdoten aus dem Leben des Prinzgemahls, mit dessen legendärer Boshaftigkeit es höchstens brasilianische Putschisten aufnehmen konnten: "Prinz Philip blickte dem dekorierten Admiral auf die geschmückte Brust, es war 1968, das Königspaar besuchte Brasilien. Nachdem er lange genug auf die Auszeichnungen geschaut hatte, fragte er den Admiral, ob dieser all die schönen Orden auf dem künstlichen See der Hauptstadt Brasília erworben habe. Philip liebte es, Menschen aus der Reserve zu locken. Der brasilianische Admiral hätte beleidigt sein können, er hätte patzig antworten können oder gar nicht. Der Admiral aber sagte: 'Ja, Sir. Nicht durch Heirat.'"
Stichwörter: Monarchie, Prinz Philip, Brasilia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2021 - Gesellschaft

Im März bezichtigte der liberale Publizist Guy Sorman in einer französischen Kultursendung Michel Foucault des sexuellen Missbrauchs an minderjährigen Jungen. Weder die Moderatoren noch die französischen Medien schenkten der Anschuldigung zunächst viel Aufmerksamkeit, auch der von Sorman in seinem neuen Buch "Dictionnaire du Bullshit" erhobene Vorwurf, Foucault habe tunesische Jungs zwischen acht und neun Jahren 1969 bei Vollmond auf dem Friedhof von Sidi Bou Said, wurde nicht in Frankreich, sondern nur von der Sunday Times aufgegriffen, resümiert Martina Meister in der Welt und fragt: Was ist dran an dieser "Bombe"? Und muss Foucault jetzt gecancelt werden? Vorerst wohl nicht: In Sidi Bou Saïd "hat sich jetzt die Korrespondentin der Wochenzeitung Jeune Afrique auf Spurensuche begeben. Und das Bild, das Frida Dahmani malt, ist sehr viel nuancierter als die Erinnerungen Sormans. Sie trifft dort auf Moncef Ben Abbes, eine Art lebendiges Dorfgedächtnis: 'Foucault war kein Pädophiler, aber er fühlte sich angezogen von jungen Epheben, von Knaben zwischen 17 und 18, die er in den Büschen unterhalb des Leuchtturms nahe des Friedhofs traf', wird Ben Abbes zitiert."  Sorman lehnte Interviewanfragen ab,  derweil "nutzen die rechten Medien den Vorwurf, um den Alt-68ern den Prozess zu machen. Die Linken schweigen."

Auch die SZ eröffnet ihr Feuilleton heute mit den Vorwürfen gegen Foucault. Willi Winkler hat bei Didier Eribon, dem ersten Foucault-Biografen, nachgefragt, aber keine Reaktion erhalten. Dafür antwortet Ulrich Johannes Schneider, Philosophieprofessor am Institut für Kulturwissenschaften in Leipzig und Mitherausgeber des "Foucault-Handbuchs": Für ihn, "ist es 'eher nicht vorstellbar, dass Foucault minderjährige Araber sexuell ausgebeutet hat. Ich habe 1982 Foucaults Vorlesungen in Paris besucht; er hat mich beeindruckt als jemand, der an sein eigenes Verhalten - als Professor, als Intellektueller - hohe Maßstäbe anlegt. Der Versuch, Foucault als drogenlustigen Maverick oder als sexwütigen Schwulen zu charakterisieren, sind früher geäußerte Bilder, die eine Verbindung von Leben und Werk insinuieren.' Schneider hält eine solche Verbindung für kurzschlüssig."

Bereits gestern hatte Georg Blume in der Zeit - in einem heute hinter Paywall online stehenden Artikel - über die Vorwürfe berichtet. Blume hat Sorman erreicht, der möchte aber nicht konkreter werden: "Diese Affäre Foucault interessiert mich gar nicht. Ich bin nicht Teil der Pariser Intelligenzija. Ich lebe zurückgezogen, bin Franzose und Amerikaner. Ich spreche über Foucault nur aufgrund der Doppelmoral, die in Frankreich seit Jahrhunderten existiert." (…) "Allerdings räumt Sorman ein, dass er selbst Foucault nie auf diesem Friedhof gesehen habe. Doch bekam er mit, wie damals unter Intellektuellen über Foucault gesprochen wurde, vor allem in der Entourage des Chefredakteurs des linken Pariser Wochenmagazins Nouvel Observateur, Jean Daniel. Der verbrachte viele Urlaube in Sidi Bou Saïd und traf dort auf Foucault. Diese Gruppe, so erinnert sich Sorman, habe über die sexuellen Eskapaden Foucaults gelästert, man habe über seine nächtlichen Friedhofsabenteuer mit kleinen Jungen gelacht. 'Alle wussten es.'"

In der taz erklärt Sigrid Graumann vom Ethikrat, warum sie bereits gegen Corona Geimpften ihre Rechte (in der taz "Privilegien" genannt) erst zurückgeben will, wenn ein sehr viel größerer Anteil der Bevölkerung geimpft ist. Im Interview mit Jasmin Kalarickal sagt sie: "Wir müssen aufpassen, dass die Solidaritätszumutung, die wir den Bürgerinnen und Bürgern auferlegen, nicht überstrapaziert wird. Wenn bei 11 Prozent Geimpften darüber diskutiert wird, dass diejenigen, die geimpft sind, Dinge tun dürfen, die andere nicht tun dürfen, und gleichzeitig nicht allen ein Impfangebot gemacht werden kann, wird das zu Recht als ungerecht empfunden."

"Das nächste Virus könnte ein Viertel der Bevölkerung auslöschen", sagt der griechische Epidemiologe und Soziologe Nicholas Christakis im NZZ-Gespräch mit Christine Brinck. Spätestens 2024 sieht er Licht am Ende des Tunnels, vorher gelte es aber die Trümmer zu beseitigen: "Millionen Menschen haben Jobs oder Geschäfte verloren, Millionen Kinder und junge Leute haben Unterricht verpasst. Millionen, die die Krankheit überstanden haben, sind angeschlagen. Das ist keine schöne neue Welt. Etwa fünfmal mehr Menschen, als gestorben sind, werden langfristig behindert sein. All dieser soziale, psychische, ökonomische und medizinische Schutt muss erst einmal abgetragen werden. Wenn man sich die Geschichte der Pandemien anschaut, braucht das etwa zwei Jahre. (…) Ende 2023, Anfang 2024 beginnt die postpandemische Phase. Das Leben kehrt zu einer Art Normalität zurück. Es könnte sogar so aussehen wie die Roaring Twenties, die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts nach der Spanischen Grippe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2021 - Gesellschaft

Zum heutigen internationalen Tag der Roma erklärt Zeljko Jovanovic, Direktor der Roma-Initiative der Open Society Foundations, in der Welt, weshalb die mangelnde Anerkennung von Identitäten durch die Mehrheitsbevölkerung auch soziale Ungleichheit bedingt: "Erst kürzlich zeigte eine Studie, dass die Chancen für Roma Kinder ungleich schlechter sind. Über die Hälfte wird in der Schule gemobbt oder Opfer von Gewalt, ein Viertel der Kinder wird sogar von Lehrern oder anderem Schulpersonal diskriminiert. Unsere Kinder werden um Bildungschancen, um Arbeitschancen, um gesellschaftliche und politische Teilhabe gebracht. Und um Lebensjahre: In Europa ist die Lebenserwartung von Roma im Schnitt zwischen sieben und 20 Jahren geringer als die der Mehrheitsbevölkerung. Noch immer leben in Europa drei von zehn Roma ohne Leitungswasser, acht von zehn Roma sind von Armut bedroht. Auch Covid19 trifft Roma besonders stark."

Im Tagesspiegel plädiert Sidney Gennies für die Rückgabe von Rechten an Geimpfte, denn: "Der notwendige Lockdown in seinen verschiedenen Härtegraden schränkt nicht nur den Alltag heute ein, er bedroht all das, worauf sich Menschen nach dem Ausnahmezustand freuen: Theater, Bars, Restaurants, das Hotel am geliebten Ferienort - für viele: den Arbeitsplatz. Die Freiheit der Geimpften, ihr Geld, kann helfen, diese Dinge zu sichern, für jene, die sich jetzt noch gedulden müssen. Das ist jedenfalls für alle besser, als nur mit Milliarden Steuergeldern Unternehmen am Leben zu halten, deren Betreiber nichts lieber würden, als zu arbeiten."

Für Staats- und Verfassungsrechtler ist laut einem weiteren Artikel im Tagesspiegel klar: "Nicht die Gewährung von Grundrechten muss begründet werden, sondern deren Einschränkung. 'Warum sollen Menschen, die sich nicht anstecken können und auch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit andere nicht anstecken, ihre Rechte nicht wie in normalen Zeiten ausüben können?', fragt der Berliner Verfassungsrechtler Christian Pestalozza."

Verbunden mit einer kleinen Geschichte der Nacht kritisiert Magnus Klaue auf Zeit Online die nächtlichen Ausgangssperren: Indem der Staat "seinen Bürgern immer weniger die Urteilsfähigkeit zutraut, die zu eigenem Nutzen und zum Nutzen der anderen zu gebrauchen den Erwachsenen auszeichnet, verwandelt er sich erneut in eine Agentur fürsorglicher Patronage, die all das verkörpert, wovon das Bürgertum sich einst zu emanzipieren trachtete. Er macht aus seinem eigenen Souverän eine Ansammlung unmündiger Pubertierender, die nach Sonnenuntergang möglichst gar nicht mehr aus dem Haus gehen sollten. So erweist sich der gesundheitspolitische Maßnahmenstaat auch alltagsgeschichtlich, in seinem Verhältnis zur Regulation des Verhältnisses von Tag und Nacht, als Rückschritt in vormoderne Verhältnisse auf der Grundlage der Moderne."

Wird die Pandemie den Niedergang der Städte endgültig besiegeln, fragt sich Gerhard Matzig derweil in der SZ: "Hinter geschlossenen Läden werden viele Läden des Einzelhandels genau das: geschlossen. Die große Pleitewelle steht noch bevor. Davor ducken sich ein paar müde 'Click & Meet'-Unverdrossene - und irgendwo wischt eine unverzagte Gastronomin zwischen Saarbrücken und Stralsund mal wieder die Tische ab, die sie mit Lockdown-Tränen netzen darf. Die Verzweiflung in den Städten ist wie mit Händen zu greifen."

Wir leben in einer fest strukturierten Gesellschaft, und am deutlichsten wird das beim Thema Erben, das soziale Ungleichheiten in Deutschland immer weiter zementiert und vergrößert, sagt Sozialwissenschaftler Rudolf Stumberger im Gespräch mit Martin Bauervon hpd.de: "Laut einer jüngsten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung geht fast die Hälfte des Erbschafts- und Schenkungsvolumens an die reichsten zehn Prozent der Begünstigten. Der Rest - also 90 Prozent - teilt sich die verbleibende Hälfte. Das heißt, dass die große Mehrheit der Bevölkerung im Einzelfall kaum mehr als 40.000 Euro erbt, manche aber auch gar nichts. Die soziale Ungleichheit setzt sich durch die Erbschaften zugunsten einer kleinen Gruppe immer weiter fort."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2021 - Gesellschaft

Beschwingt erzählt Gustav Seibt in der SZ von seinem Impftermin in Hangar 4 des stillgelegten Tempelhofer Flughafens. Geimpft wurden Männer und Frauen ab sechzig. "Es ist die Mitte der Gesellschaft, die Steuerzahler der vergangenen vierzig Jahre, die die das Land am Laufen hielten und es oft immer noch tun." Die Schar der Helfenden wiederum sah aus, "als seien sie von der Neuköllner Sonnenallee, Berlins 'arabischer Straße', aus dem Bülow-Kiez in Kreuzberg oder dem einstmals roten Wedding kurzfristig herbeigerufen worden. Die Ankommenden also sind weißhaarig, die Empfangenden eher schwarzhaarig. Manchmal sieht es aus wie in der Serie '4 Blocks' oder in einem Rapper-Video. 'So könnte Berlin künftig funktionieren', schrieb Götz Aly kürzlich in der Berliner Zeitung, 'gutgelaunt, gut gemischt, zum Nutzen aller. (…) Unwillkürlich ergriff mich in dem monströsen Faschistenbau das freudige Gefühl, wir alle hier - 'Wir sind Berlin'. So hatte sich der Führer das nicht vorgestellt.'"

Stuttgart ist die grünbraune Hochburg des "Querdenkertums". Minh Schredle ist in der Stuttgarter linken Wochenschrift kontext immer noch einigermaßen fassungslos, wie unbehelligt die CoronaleugnerInnen am Samstag hier demonstrieren durften: "Nicht nur zeigte sich die Stuttgarter Polizei am vergangenen Samstag sehr kulant bei Verstößen gegen den Infektionsschutz. Teils entstand sogar der Eindruck einer über wohlwollende Sympathie hinausgehenden Kumpelhaftigkeit zwischen Rechtsbrechern und Ordnungshütern. Etwa wenn .. Heinrich Fiechtner mit einer stilisierten Hakenkreuzbinde als Maske unter dem Kinn mit zwei Polizisten plaudert, dabei den Landtagsdirektor als 'antidemokratische Ratte' betitelt - und alle drei herzhaft lachen."

In der FR kritisiert Krautreporter Stephan Anpalagan, dass die Polizei, die bei linken Demonstrationen oft Härte zeige, bei den Querdenker-Demonstrationen untätig bleibe, obwohl die Auflagen nicht eingehalten werden: "Es ist eine gefährliche Mischung aus kalkuliertem Rechtsbruch, unübersichtlichem Versammlungsgeschehen und polizeilicher Überforderung, die sich in solchen Demonstrationen wiederholt Bahn bricht. Die Coronapandemie ist für eine komplexe Organisation wie die Polizei noch immer neu, und auch nach vielen Monaten und Dutzenden Demonstrationen scheint es keine belastbare Einsatztaktik zu geben, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Zumindest machen sich langsam reifende Erkenntnisgewinne innerhalb der Polizeibehörden und ihrer Funktionäre bemerkbar. So hieß es noch im Mai 2020 in einem Tweet der 'Gewerkschaft der Polizei' (GdP): '#Corona - Teilnehmende an sogenannten Hygienedemos dürfen nicht pauschal kriminalisiert werden.' Es gelte zwischen Agitatoren, Mitläufern und Beobachtern zu differenzieren. #GdP-Vize Jörg Radek: 'Dazu braucht die #Polizei klare Lagebilder.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2021 - Gesellschaft

Anna Prizkau, FAZ-Redakteurin, hat als Russlanddeutsche Ausgrenzungserfahrungen gemacht. Von Antirassisten wie Kübra Gümüşay oder Mohamed Amjahid, über die sie im Feuilletonaufmacher der FAS schreibt, ist sie allerdings nicht mit gemeint. Vor allem stört sie deren Sprache: "Da stehen dann auch Worte wie 'markiert' oder 'rassifiziert', die in ihrer ausgrenzenden Kälte nach einem alten Deutschland klingen. An diese dunkle Zeit muss man auch denken, wenn man das Buch 'Wir müssen über Rassismus sprechen' von Robin DiAngelo aufschlägt. Die Amerikanerin  ist  so  etwas  wie  ein  Idol für viele der Antirassismus-Kämpfer Deutschlands. In ihrem Buch, der deutschen Übersetzung, aber stehen Worte wie 'multirassisch' oder 'Rassenfragen' - und das in unserem Land mit seiner Geschichte zu lesen fühlt sich nicht richtig an, nicht gut."

Die französische Regierung will durch neue Gesetze den Laizismus stärken. Der Politologe Alain Policar hält davon im Gespräch mit Rudolf Balmer von der taz sehr wenig: "Die Staatsführung geht davon aus, dass die weltlichen Regeln von einem unklar identifizierten Feind bedroht sind. Bezeichnend dafür ist die gegenwärtige Polemik über den 'Islamo-gauchisme' (auf Deutsch etwa 'Islam-Linke', Anm. der Redaktion). Wer ist da gemeint? Islamistische Terroristen und Komplizen solcher Staatsfeinde, muslimische Linke, mit Muslimen solidarische Linke? Ich sehe dahinter eine unerfreuliche Strategie, in der Manier eines Donald Trump einen inneren Feind zu bestimmen und politische Gegner als dessen Alliierte zu diskreditieren."

Wer zwanzig Jahre nach dem 11. September immer noch glaubt, der islamische Extremismus lasse sich mit noch mehr Religion bewältigen statt mit Laizismus, dem empfiehlt Kacem El Ghazzali in der NZZ das Buch "Der alltägliche Islamismus" der jemenitisch-schweizerischen Politikwissenschafterin Elham Manea. Der "politische Islam war nicht nur eine Reaktion auf die Ideologien der westlichen Moderne (Sozialismus, Liberalismus), sondern auch auf die authentischen alternativen Traditionen der verschiedenen muslimischen Mehrheitsgesellschaften, die eine Art Autonomie zu bewahren versuchten. Elham Manea weist in ihrem Buch darauf hin, dass dieser 'islamische Aktivismus' in Wirklichkeit die Ursache des Problems ist - und nicht die Lösung, wie man im Westen gerne glaubt. Denn hier werden Vertreter des politischen Islam oft als 'gemäßigt' wahrgenommen, als dialogbereite Partner, die dem Jihadismus und dem Radikalismus entgegenwirken."

Die Organisierte Kriminalität organisiert sich sehr wohl in Clans, der Begriff ist nicht rassistisch, schreibt Fabio Ghelli in der taz: Aber "Kriminelle Clans sind kein arabisches, türkisches oder italienisches Phänomen. Sie sind ein globales und gleichzeitig endemisches Phänomen - also auch ein deutsches. Sie sind kein toxischer Fremdkörper in einem gesunden System. Sie sind Teil des Systems."

Wokeness in der westlichen Welt zu praktizieren ist ein Kinderspiel. Wie sieht es aber im Rest der Welt aus, fragt der Historiker Julien Reitzenstein in der Welt. "Muss man den Bevölkerungen der muslimischen Staaten Südostasiens, der arabischen Welt oder auch in Afrika vorwerfen, dass sie in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit nicht woke sind? Muss man sie sanktionieren? Und wie ist es mit den Machismo-Gesellschaften Mittel- und Südamerikas? Soll man verlangen, dass sich diese Kulturen jenen Blaupausen anpassen, die woke-weiße privilegierte Menschen von einer gerechten Welt zeichnen? ... Es ist deshalb an der Zeit, eine ehrliche Debatte zu führen: Erwarten die Verfechter der woke culture, dass auch die Menschen in Mali, Afghanistan und dem brasilianischen Regenwald ihren Konzepten und Werten folgen? Dieser moralische Anspruch wäre jenem der Kolonisatoren nicht unähnlich. Oder sind diese Menschen zu rückständig für solch fortschrittliche Konzepte? Dann könnte man an die paternalistische Arroganz der Kolonisatoren denken und fragen, ob die woke culture-Idee hier nicht über ihre eigenen Füße stolpert."

In der SZ geht Julia Werner die neudeutsche Definition von der "Übergriffigkeit" auf die Nerven, die jede ungeplante Nähe ins Reich der Aggression verbannt: "Das Verweisen auf den Übergriff ist in Wahrheit eine sehr bequeme Art, sich aus allen menschlichen Verantwortungen zu stehlen: Die Freundin hat ja gesagt, man müsse ihr nicht in der Notaufnahme beistehen, also geht man auch nicht hin. Der Freund hat ja ausdrücklich erklärt, er würde die Wohnungsauflösung des verstorbenen Vaters schonganz alleine schaffen. Wenn die Freunde dann trotzdem vor der Tür stehen oder am Krankenbett sitzen - dann sind das Momente nicht des unverhofften Glücks, sondern eines absoluten Kontrollverlustes, also der größten Sorge der neuen Übergriffsfanatiker, die wirklich immer noch glauben, im Leben ließe sich alles planen und kontrollieren."

Einen Fall von Übergriffigkeit macht der Historiker Julien Reitzenstein in der NZZ auf der Homepage des "Projekts Ihnestr. 22" aus, das sich mit den Opfern des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) an die Ihnestrasse 22 in Berlin-Dahlem beschäftigt. Dort "ist zu lesen: 'In der Ihnestr. 22 forschten Wissenschaftler_innen schließlich auch an den Körpern von Personen, die in nationalsozialistischen Vernichtungslagern und Heilanstalten ermordet wurden. Insbesondere Sinti_zze und Rom_nja, J_üdinnen, schwarze Personen und Menschen mit Behinderung fielen den Arbeiten des KWI-A zum Opfer.' Solches darf man da mehrfach lesen. Und ja, dort steht tatsächlich: J_üdinnen. In dieser Ausprägung findet man geschlechtergerechte Sprache selbst an der progressiven FU nicht allzu oft. Menschen aus unserer Mitte geschah unermessliches Unrecht. Man nahm ihren Besitz, ihre Familien, ihre Würde, ihr Leben, schändete ihre Leichen - und versucht nun den Ermordeten mit geschlechtergerechter Sprache wozu genau zu verhelfen? Gerechtigkeit? Das wirkt geschmacklos, das ist übergriffig und vor allem - wem ist damit geholfen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2021 - Gesellschaft

Die Pandemie hat Müdigkeit und Depression in unserer Gesellschaft, die ohnehin schon kurz vor dem Burn-out stand, noch verstärkt, diagnostiziert der Philosoph Byung-Chul Han in der Welt: "Die Pandemie verschärft auch das Suizid-Problem. Seit dem Ausbruch der Pandemie steigt in Korea die Suizidrate rasant. Das Virus verstärkt offenbar auch die Depression. Den psychischen Folgen der Pandemie wird aber global zu wenig Beachtung geschenkt. Die Menschen werden auf ihr biologisches Leben reduziert. Alle lauschen nur den Virologen, die eine Deutungshoheit erlangen. Die eigentliche Krise der Pandemie besteht darin, dass das nackte Leben sich verabsolutiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2021 - Gesellschaft

In der FAZ berichtet Gina Thomas von einer erschreckenden Anzahl an Missbrauchsfällen an englischen Schulen. Eine junge Frau, Soma Sara, hatte auf ihrer Webseite erzählt, wie sie in der Schule "von Jungen ausgelacht, gedemütigt und sexuell missbraucht" worden war. Daraufhin meldeten sich Tausende, denen es ähnlich ergangen war: "Da werden Initiationsriten von Mädchen geschildert, die strippen müssen, wenn sie in die Oberstufe einer Jungenschule eintreten, und es wird von Wettbewerben berichtet, bei denen Jungen sich gegenseitig herausfordern, mit dem angeblich hässlichsten Mädchen zu schlafen. Da ist von Punktesystemen für die Bewertung sexueller Leistung und von Prämien für die höchste Zahl sexueller Trophäen die Rede. Selbst eine Neunjährige wurde gezwungen, Nacktfotos zu schicken. Diese Bräuche sind derart verbreitet in Großbritannien, dass viele glaubten, sie seien 'normal'." Ein Aufreger wurde die Geschichte aber nur, weil sich unter den Schulen auch mehrere renommierte Privatschulen befanden.

Wenn man will, dass Mädchen Missbrauch melden, dann müssen die Gesetze geändert werden, die Vergewaltiger nur selten überführen und erst mal die Mädchen unter Verdacht stellt, fordert Joan Smith im Guardian: "Wenn ein Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung eröffnet wird, konzentriert sich die Polizei auf die Beschwerdeführer und stellt unglaublich aufdringliche Nachforschungen über ihre Vorgeschichte an. Mädchen, die jetzt vielleicht darüber nachdenken, zur Polizei zu gehen, müssen wissen, dass sie wahrscheinlich aufgefordert werden, ihre Mobiltelefone auszuhändigen, auch wenn sie intime Fotos und Nachrichten enthalten, und Zugang zu Schul- und Krankenakten zu gewähren. Fälle brechen dadurch oft zusammen: Nehmen wir an, ein Mädchen beschuldigt den Jungen X der Vergewaltigung, und die Ermittler finden eine scherzhafte Textnachricht von vor drei Monaten, in der sie einer Freundin mitteilt, dass sie auf X steht. Das Verständnis von Zustimmung ist so gering, dass schon dies die Glaubwürdigkeit ihrer Beschwerde untergräbt, obwohl wir alle das Recht haben, unsere Meinung darüber zu ändern, ob wir mit jemandem Sex haben wollen, besonders wenn die andere Partei grob oder bedrohlich wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2021 - Gesellschaft

Transpersonen sind zu symbolischen Objekten einer Debatte geworden, die mit ihnen als Person oft gar nichts zu tun hat. Der Arzt Thomas Lempp beschreibt in der FAZ die Not und Verwirrung junger Menschen, denen er in seiner Praxis begegnet: "In mein Sprechzimmer kommen keine Opfer einer Multioptionsgesellschaft, bei denen das Nicht-festgelegt-Sein und der schnelle gesellschaftliche Wandel mit unbegrenzten Möglichkeiten an Vielfalt zu einer individuellen Überforderung führte. Ich treffe verwundbare Kinder und Jugendliche mit einer insgesamt weiterhin seltenen Entwicklungsvariante, die auf Unterstützung angewiesen sind und zunächst einmal ein Recht auf ein bedingungsloses Hilfeversprechen haben."

Lasst die Natur in Ruhe, ruft in der NZZ Vittorio Magnago Lampugnani den Stadtflüchtern zu, aber auch den Städtebegrünern. Denn wer aufs Land zieht, zerstört Natur. Und in der Stadt ist Natur nie natürlich: "Wir brauchen eine neue Stadt, die die Natur möglichst schont: also eine kompakte und unverblümt artifizielle Stadt. Wenn wir die Natur erhalten wollen, dürfen wir sie nicht ohne Not konsumieren und auch nicht in die Stadt hineinführen. Im Gegenteil: Die Stadt muss sich in sich selbst zurückziehen, dicht und hart und künstlich werden. Das mutet naturfeindlich an, ist aber in Wahrheit die einzig mögliche Art, der Natur aufrichtig und langfristig Respekt zu erweisen." Zwar hat Lampugnani nichts gegen Parkanlagen, Gärten, Straßenbäume oder Dachbegrünung, "dadurch entsteht aber noch lange kein urbaner Naturraum. Das Oxymoron bleibt: Die Stadt ist nicht natürlich, die Natur nicht urban. ... Und die große, die eigentliche ökologische Herausforderung besteht nicht darin, die Stadt verstärkt zu begrünen, sondern die Verstädterung einzudämmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2021 - Gesellschaft

In den USA musste die 27 Jahre alte Alexi McCammond zwei Wochen, nachdem sie ihren Job als erste afroamerikanische Chefredaktorin der Teen-Vogue angetreten hatte, wieder zurücktreten, berichtet Sarah Pines in der NZZ. Der Grund: zehn Jahre alte Tweets, in denen sie nach einer Party schrieb, "sie ergoogle gerade, wie man verhindern könne, mit 'asiatisch' geschwollenen Augen aufzuwachen. An anderer Stelle hatte sie sich über eine asiatische Lehrkraft beschwert, die ihr eine schlechte Note gegeben hatte. Außerdem war sie einmal in einem 'indianischen' Halloween-Kostüm gesichtet worden, was heute ebenfalls als Affront gegenüber indigenen Völkern gewertet werden kann. ... In den amerikanischen Medien stößt der Rausschmiss McCammonds auf viel Beifall. Dass nun unter der Ägide einer vornehmlich weißen Empörungskultur asiatische und schwarze Minderheiten gegeneinander aufgehetzt werden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie."

Ronya Othmann hat eine neue Kolumne in der FAS. In ihrem ersten Text rät sie intersektionalen Feministinnen, sich auch um Themen wie Zwangsheirat zu kümmern, die sie bisher eher meiden: "Der Kampf gegen Gewalt an Frauen sollte das Kerngeschäft des Feminismus sein. Bei all den Grabenkämpfen und Begriffsklaubereien: Themen wie Zwangsheirat müssen wieder in den Blick aller Feminist*innen geraten. Zu schweigen, aus Angst rassistische Ressentiments zu bedienen, geht auf Kosten der Betroffenen."

In der SZ plädiert die Autorin Mithu Sanyal für mehr Experimentierfreude und Gelassenheit in der Diskussion über die Beschreibung von Menschen mit Diskriminierungserfahrungen. Aber sie erkennt auch das Grundproblem daran: "Wie können wir Menschen bezeichnen, die nicht viel mehr vereint als Diskriminierungserfahrungen, ohne sie wiederum auf diese zu reduzieren?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2021 - Gesellschaft

In der Berliner "Expert*innenkommission zu antimuslimischem Rassismus" sitzen wohl auch einige Mitglieder, die islamistischen Organisationen nahestehen, berichtet Frederik Schindler in der Welt. Es geht um die Vereine Inssan und Claim, die unter anderm Berichte zu "Islamophobie" herausbringen: "Welt-Recherchen zeigen, dass Inssan und die genannten Personen Bezüge zu islamistischen Organisationen aufweisen, die teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet wurden oder werden. Dennoch wird Inssan seit Jahren mit hohen Beträgen aus Bundes- und Landesmitteln gefördert. Gegründet wurde der Berliner Verein im Jahr 2002, nach eigenen Angaben verfolgt er das Ziel, 'die Entwicklung eines deutschsprachigen Islam zu fördern'."