Heute ist der Internationale Tag zur Beseitigung von
Gewalt gegen Frauen. "Gewalt gegen Frauen beginnt nicht erst, wenn einer zuschlägt",
schreibt Patricia Hecht in der
taz. "Was ihr vorausgeht, ist in einer Gesellschaft angelegt, in der die Frage,
wer Macht hat und wer nicht, entlang von Geschlechtergrenzen beantwortet werden kann. Obwohl oder gerade weil das jahrhundertelang gewachsen ist, konnten sich erst die Delegierten der Pekinger Weltfrauenkonferenz
1995 darauf einigen, Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung zu verfolgen.
Erst 2000 wurde sexualisierte Kriegsgewalt durch die Vereinten Nationen geächtet.
Erst 2004 gab es in Deutschland die erste repräsentative Studie zu Gewalterfahrungen von Frauen.
Erst 2014 wurde die erste und bisher einzige europaweite Studie dazu veröffentlicht."
Die
taz bringt ein kleines Dossier zum Thema. Patricia Hecht
beleuchtet die Lage in den
Frauenhäusern in Corona-Zeiten. Besonders häufig sind Frauen in
Flüchtlinslagern sexueller Gewalt ausgesetzt,
erklärt Elizabeth Ngari von "Women in Exile" im Interview mit Gareth Joswig. Rainer Wandler
schreibt über "
Spanien und 'die andere Pandemie'". Und Carolina Schwarz
schreibt über die Hölle der
Vergewaltigungsprozesse - die oft nichts bringen: "Dass Vergewaltiger für ihre Taten verurteilt werden, kommt nur in den
seltensten Fällen vor. Der Kriminologe
Christian Pfeiffer, der seit Jahrzehnten zu diesem Thema forscht, kam bei einer Untersuchung zu einem dramatischen Ergebnis: Von hundert Frauen, die vergewaltigt werden, erlebt nur etwa eine Betroffene die Verurteilung des Täters."
Emma veröffentlicht aus Anlass des Tages einen Aufruf einiger
religionskritischer Autorinnen, die insistieren, dass auch Frauenverachtung
im Islam zur Kenntnis genommen wird: "Wie die rechtsextremen Attentäter, die der
Incel-Szene zugerechnet werden, zeigen auch
islamistische Attentäter ausgeprägten Hass auf Frauen. Deshalb fordern wir die Finanzierung von Forschung, die den Zusammenhang zwischen dem Hass auf Frauen und Extremismus analysieren, sowie die Einrichtung von Lehrstühlen, die insbesondere Formen des islamischen Extremismus untersuchen..." In der SZ
insistiert Meredith Haaf: "Veränderung findet bei jedem Einzelnen an."
Laut dem Globalen Terrorismus-Index nimmt die Zahl terroristischer Anschläge weltweit ab, mit einer Ausnahme: die Zahl
rechtsextremistischer Taten steigt,
meldet Zeit online. Im
Interview mit der
FR warnt der Soziologe
Wilhelm Heitmeyer vor "rechten Bedrohungsallianzen", die für die Gesellschaft noch gefährlicher seien als einzelne Gewaltakte von Rechten: "Man kann sich das als
Zwiebelmuster vorstellen mit den verschiedenen Schichtungen in einem Eskalationsprozess. Das beginnt bei den Einstellungsmustern in der Bevölkerung zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, geht über zum autoritären Nationalradikalismus der AfD, dann zum systemfeindlichen Milieu, in dem Rechtsextreme und Neonazis agieren, zu den klandestinen rechtsterroristischen Unterstützungsmilieus bis hin zu den Vernichtungstätern. Zwischen diesen Milieus bestehen Legitimationsbrücken. Das Ganze wird zusammengehalten durch eine
Ideologie der Ungleichwertigkeit und Gewaltakzeptanz", die mit der
Abwertung von Personen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit (Juden, Migranten, Homosexuelle) einhergehe. "Für diesen Zusammenhang ist nun wichtig, dass jene Teile der Bevölkerung, die solche Einstellungen vertreten, mit dafür verantwortlich sind, dass rechte Bedrohungsallianzen entstehen, denn sie liefern
Legitimationen für extremes politisches Verhalten. Auch die
rohe Bürgerlichkeit."
Claudius Seidl graut's in der
FAZ vor pater- und maternalistischen Tendenzen der Politik im
Blick auf Innenstädte. Die veröden wegen des
Abzugs des Einzelhandels (in der Coronakrise um so mehr).
Grün und Kultur sollen es richten. "Und dann wird die Straße
verkehrsberuhigt, begrünt, bepflanzt. Dann wird
weniger Lärm sein in der Stadt, weniger Gestank, und allen wird es besser gehen. Und genau das ist der Moment, da man, als Städter, darauf bestehen möchte, dass man
nicht wegen der Ruhe und der guten Luft in die Stadt gekommen ist. Und auch nicht wegen der Gemeinschaft. Dass man, im Gegenteil, am städtischen Leben die Freiheit schätzt, keiner Gemeinschaft beitreten zu müssen und sich seine Gesellschaft selbst aussuchen zu können." Besonders arg treibt es übrigens die sozialistische Bürgermeisterin von
Paris, Anne Hidalgo, die die Stadt zur Pralinenschachtel für Touristen und die wenigen verbliebenen Bobos umbaut - für Seidl ist das auch kein Weg.
Der umstrittene Psychologe
Jordan Peterson ist nach längerer Krankheit genesen und will bei Randomhouse Canada einen Nachfolger seines Bestselllers "12 Rules for Life" unter dem originellen Titel "12 More Rules for Life" vorlegen. Aber Angestellte des Verlags haben
so heftig dagegen protestiert, dass sich die Leitung des Hauses genötigt sah, ein großes Meeting zu dem Thema anzusetzen. Manisha Krishnan
zitiert bei
Vice.com Stimmen von empörten Angestellten: "'Er ist eine
Ikone der Hassrede und der Transphobie, und die Tatsache, dass er eine Ikone von 'White Supremacy' ist, macht mich unabhängig vom
Inhalt seines Buchs nicht stolz für eine Firma zu arbeiten, die ihn veröffentlicht', sagt ein junger Angestellter, der ein Mitglied der Mitglied der LGBTQ-Community ist und dem Hearing beiwohnte."
Außerdem: In der
NZZ amüsiert sich der Kunsthistoriker
Jörg Scheller über die Umkehrung der Rollen von
Alt und Jung: Heute seien die Jungen vernünftig und glaubten an die Wissenschaft (zum Beispiel in Sachen Klimaschutz), während die Alten die Wissenschaften heute als "Herrschaftsapparate" kritisierten und auch sonst "auf der Klaviatur der Gegenkultur" spielten.