9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2020 - Gesellschaft

In einem interessanten Hintergrund für die Zeit beschreibt Volker Weiß die zunächst ganz schön ratlose Reaktion der AfD und verwandter rechtsextremer Kreise auf Corona. Fast vergessen, dass die Partei anfangs härtere Maßnahmen forderte. In der Folge bekam sie die Krise nicht recht in den Griff und wirkte lange abgeschlagen. Das neue Spektrum der Coronaleugner bietet der AfD nun Chancen und Gefahren: "Tatsächlich haben die 'Querdenker' die extreme Rechte weiter aus dem eigenen Sud geführt. Wie sich bei den Protesten in Berlin und Leipzig gezeigt hat, umfassen die Teilnehmer ein Spektrum, das von QAnon-Freaks, 'Reichsbürgern', Hooligans und Neonazis bis zu Althippies, besorgten Eltern und der bürgerlichen Globuli-Fraktion reicht. In diesem Milieu finden nun Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Esoterik zusammen mit Freiheitsrhetorik Verbreitung. Die Ausweitung des Milieus ist ein Erfolg, die gleichzeitige Verwischung der Konturen birgt für die bisherigen Wortführer der extremen Rechten aber auch Risiken. Alte Kader wie der Verleger Götz Kubitschek sehen angesichts der neuen Allianzen den eigenen elitären Nimbus in Gefahr und äußern Skepsis."

Wieder demonstrierten Tausende Coronaleugner in Berlin. Ingo Arzt setzt sich in der taz mit ihrem Argument auseinander, "viele Menschen stürben ja nicht an Corona, sondern mit. Stimmt. Gehört zum Allgemeinwissen über Corona. Die meisten Verstorbenen hatten auch noch andere Krankheiten. Diabetes. Haben chronische Lungenkrankheiten. HIV. Hepatitis. Krebs. Deren Tod zählt offenbar in den Augen vieler Demonstrierender nicht. Weil sie ohnehin bald gestorben wären? Die selbsternannten Querdenker, die mit dem Grundgesetz rumfuchteln: sie treten seinen Inhalt mit Füßen."

Michael Angele organisiert im Freitag ein Streitgespräch zwischen der Religionswissenschaftlerin Yasemin El-Menouar und dem Philosophen Roman Veressov, der zu den säkularen Linken in der Linkspartei gehört, über die Frage, auf wieviel Resonanz Islamismus und Dschihadismus in der muslimischen Bevölkerung stoßen. Auf viel, meint Veressov unter Bezug auf verschiedene Studien, was El-Menouar bestreitet, deren Studien für die Bertelsmann-Stiftung stets die Friedfertigkeit der großen muslimischen Mehrheit bestätigen. Veressov hofft auf eine Reform des Islams, aber da macht ihm El-Menouar keine Hoffnungen: "Der Gedanke, dem Islam fehle eine Reformation, und die damit verbundene Idee, der Islam stecke irgendwie im Mittelalter fest, ist irreführend. Islamismus und Dschihadismus sind keineswegs der Ausdruck historischer Rückständigkeit, sondern ganz und gar moderne Phänomene. Auch hinken die Vergleiche mit dem Christentum."

Klaus Walter unterhält sich für die SZ mit der Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming über Pornografie, die ihrer Meinung nach befreiend wirken kann, weil dort nicht nur ein Schönheitsideal vorherrsche: "Genau genommen ist der Porno in der Mainstream-Kultur der einzige Ort, wo wir eine große Vielfalt an Vulven sehen können. Grundsätzlich denke ich, dass Pornos unsere Körperbilder, und auch unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen, weniger drastisch beeinflussen als Mainstream-Medien wie Werbung und Hollywood. Aber Pornos sind eben der bessere Sündenbock."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2020 - Gesellschaft

Hätte ein Rechtsextremer in Dresden einen Homosexuellen umgebracht (aber es war ein Islamist, mehr hier), hätte es in der Linken wohl Empörung gegeben, so entlockte der Mord den hiesigen Moralmonopolisten kaum eine Reaktion. Große Teile der Linken sind gegenüber Islamismus taub und fürchten, als "islamophob" zu gelten, sagt der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber im Gespräch mit Daniela Wakonigg von hpd.de: "Es gibt sehr wohl eine in der Gesellschaft kursierende hetzerische Muslimenfeindlichkeit. Es gibt aber auch eine menschenrechtliche Islamkritik. Beide Einstellungen setzen manche Linke mitunter objektiv gleich, womit eine aufklärerische Position diskreditiert wird. Das kann man übrigens ganz gut daran ablesen, dass Feministinnen als Rassistinnen gelten, wenn sie die Frauendiskriminierung in muslimischen Kontexten kritisieren. Auch Islamisten bedienen sich derartiger Vorwürfe. Hier gibt es also eine bedenkliche 'Diskurs-Koalition'."

Immerhin haben der SPD-Linke Kevin Kühnert (unser Resümee) und der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck das Defizit linker Parteien bei der Wahrnehmung von Islamismus inzwischen thematisiert, konstatiert Mona Jaeger im Leitartikel der FAZ: "Zunächst hatte der Mord an Samuel Paty auf ihrer Seite nämlich keine so eindrucksvollen Reaktionen hervorgerufen. Wieder einmal drängte sich der Eindruck auf, dass Herkunft und Hintergrund des Täters darüber entscheiden, wie laut der Aufschrei nach einer Tat ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2020 - Gesellschaft

Es gibt gute Nachrichten zu Corona, schreibt Zeynep Tufekci im Atlantic. Impfmittel sind gefunden und Behandlungsmöglichkeiten haben sich wesentlich verbessert. Und dennoch: "Ein verheerender Anstieg steht bevor. Und schlimmer noch, wir treten unvorbereitet und führungslos in diese furchtbare Phase ein und mit Zahlen, die es schwierig machen werden, einen dramatischen Anstieg der Krankenhauseinweisungen, der Todesfälle und der möglichen Langzeitfolgen für die Überlebenden zu vermeiden. Fast jeden Tag bricht Amerika neue Rekorde in bestätigten Fällen: Sie sind um 40 Prozent höher als noch vor einer Woche. Diese Fälle sind nicht auf eine Region oder einen Bundesstaat beschränkt; die ganze Nation befindet sich inmitten eines schrecklichen Anstiegs. Das gilt auch für einen großen Teil Europas, wo Land für Land Rekordzahlen von Fällen verzeichnet werden."

In der SZ denkt Cathrin Zinkant darüber nach, wie ein künftiger Impfstoff gegen Corona verteilt werden sollte. "Für alle wird der noch zu definierende Anteil von 25 Millionen Impfungen schließlich nicht reichen, die bis Jahresende weltweit ausgeliefert werden sollen. Also, Alte und Kranke zuerst, was irgendwie auch naheläge? Oder lieber ein paar jugendliche Teilnehmer der einschlägigen Superspreading-Events, wie es im Tagesspiegel kürzlich vorgeschlagen wurde?" Bis das entschieden ist, bleibt nur: Maske auf und "Gymnastik vor dem Wasserkocher".

Der Psychologe Ahmad Mansour berichtet in der taz von seiner Arbeit in Gefängnissen, etwa von Rollenspielen, bei denen Nazis und Islamisten gleichzeitig zu den Probanden gehören und von der seltsamen Einigkeit des Nazis Alex und des Islamisten Khaled, wenn es um die  Rolle des Vaters geht. Beide ersehnen sich das Verständnis des Vaters und verteidigen zugleich ein Bild des gnadenlosen Vaters: "Auch bei anderen Themen kommen diese Parallelen zum Vorschein - die Rolle der Frau, Autorität, Ressentiments gegen Juden, Schwule, Lesben... Angenehm ist den beiden ihr Konsens nicht. Schließlich leben sie von ihren Ideologien der Abgrenzung. Doch wir entdecken gerade diese Schnittmengen in den Workshops immer wieder. Sowohl Alex als auch Khaled weisen unreflektierte Solidarität mit dem Aggressor auf, mit ambivalenten Autoritäten, unter denen sie gelitten haben."

"Politik wird in Deutschland ausschließlich für heterosexuelle Kernfamilien gemacht", ärgert sich in der Welt Boris Pofalla, der dagegen die neuseeländische Regierungschefin Jacinda Ardern hält, die es den Menschen in ihrem Land freigestellt hat, in der Coronakrise ihre "Bubble" frei zu wählen. Ganz anders die europäischen Politiker: "Ihre Entscheidungen privilegieren die Kleinfamilie gegenüber Alleinlebenden, den Mainstream gegenüber der Subkultur, das Alter gegenüber den Jungen, Heterosexuelle gegenüber Homosexuellen, Großunternehmen gegenüber Selbstständigen, die Religion gegenüber den Künsten, den Profisport gegenüber der Sexualität. Sie stellten das Konforme über das Widerständige und die Reproduktion über die Kreativität. Kurz, sie entschieden sich für das totale Suburbia."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2020 - Gesellschaft

Eine Corona-Fatigue konstatiert die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR, niemand stellt mehr sich oder sein gewohntes Leben in Frage, wie noch im ersten Lockdown: "Aus den aufregenden Augenblicken der Ausnahme im ersten wurde die Leere im zweiten Lockdown. Jetzt scheint uns die Gegenwart in ihrer Fraglichkeit nichts mehr zu sagen. Sie scheint sich vielmehr ins Diffuse, Unklare, in Sinnlosigkeit aufzulösen. Orientierung scheinen wir jetzt nur noch von den Lebensmustern erwarten dürfen, die wir vor all dem Spuk der letzten Monate ausgebildet haben... Die jetzige Leere speist sich aus der Missachtung unserer selbst. Da wir uns selbst und unser frühjährliches Aufgefordert-Werden zu grundlegenden Neuanfängen nicht ernst genommen haben, ist es jetzt kein Wunder, dass wir in Depression und Verzweiflung verfallen. Orientierung scheinen uns jetzt nur mehr die alten 'Normalitäten' zu bieten, die wir zumindest im Frühjahr guten Mutes meinten abschütteln zu wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2020 - Gesellschaft

"An vielen Berliner Schulen gibt es ein massives Problem mit islamistischem und auch mit antisemitischem Denken", konstatiert Peter Stolz, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin der GeschichtslehrerInnen Deutschlands im Tagesspiegel und fordert: "Alle politischen Institutionen müssen für sich die Frage klären, was die Religionsfreiheit nach Artikel 4 des Grundgesetzes in der Schule konkret bedeutet. Beispielsweise reklamieren muslimische Schülerinnen und Schüler im Unterricht für sich diesen Artikel und fühlen sich damit nicht nur subjektiv im Recht, sondern beziehen sich auf einen sehr weitgehenden normativen Aspekt des Grundgesetzes: Die freie Ausübung des persönlichen Glaubens. Bedeutet dies im weitestgehenden Sinn, dass religiöse Bekenntnisse und deshalb auch Wünsche nach Halal und Haram in der Berliner Schule nachzukommen ist, dann entsteht ein nicht aufzulösender Konflikt mit anderen normativen Prinzipien des Grundgesetzes (Art. 1- 20)?  Oder bedeutet es als 'härteste' Gegen-Variante, dass unter Religionsfreiheit die weitestgehend säkularisierte Form der christlichen Bekenntnisse und des Judentums gemeint ist?"

Vor einigen Tagen zitierte FAZ-Redakteur Thomas Thiel die Ergebnisse einer Studie der Sozialwissenschaftler Matthias Revers und Richard Traunmüller an der Frankfurter Uni zum Thema Meinungsfreiheit an deutschen Hochschulen, die in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie erschien und derzufolge ein Drittel bis die Hälfte der Befragten dagegen seien, "Redner mit abweichenden Meinungen zu den am meisten umstrittenen Themen Islam, Geschlecht und Zuwanderung an der Hochschule zu dulden". Noch höher sei "der Anteil derer, die solchen Personen keine Lehrbefugnis geben würden, wiederum ein Drittel will ihre Bücher aus den Bibliotheken verbannen."

Die Studie ist allerdings keineswegs repräsentativ, wirft Deniz Yücel in der Welt ein: "Ihre Ergebnisse klingen nicht mehr halb so alarmierend, wenn man betrachtet, was da genau abgefragt wurde: Soll jemand an der Universität sprechen, lehren oder mit Büchern in der Universitätsbibliothek vertreten sein, der a) 'Glaubt, dass der Islam mit dem westlichen Lebensstil unvereinbar ist'; b) 'Denkt, dass es biologische Unterschiede in den Begabungen von Frauen und Männern gibt'; c) 'Jede Form von Einwanderung ablehnt'; d) 'Homosexualität für unmoralisch und gefährlich hält'. Mindestens zwei der abgefragten Ansichten sind keine 'Abweichungen von der linken Orthodoxie', wie die Autoren schreiben, sondern extremistische Auffassungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2020 - Gesellschaft

Sexuelle Belästigung wird gar nicht immer als solche identifiziert. In ihrem dem Buch "Grauzonen gibt es nicht" hat Sara Hassan darum "Red Flags" entwickelt, also Kritierien, an denen man sexuelle Belästigung festmachen kann. Darüber spricht sie mit der taz-Autorin Carolina Schwarz: "Es wäre paternalistisch, jemandem einreden zu wollen, dass er oder sie gerade Belästigung erfährt. Doch wir müssen davon ausgehen, dass sexualisierte Momente in unserer Gesellschaft so normalisiert sind, dass viele bestimmte Handlungen gar nicht mehr problematisieren. Mit einer 'Das ist halt sein Humor'-Haltung reden sie sich ein, dass kein übergriffiges Verhalten stattgefunden hat."
Stichwörter: Sexuelle Belästigung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2020 - Gesellschaft

In der Berliner Zeitung kritisiert Maxi Beigang den Sexismus in der deutschen Presse. "Im Zuge der US-Wahlberichterstattung schrieb die Zeit zum Beispiel über die nächste First Lady der USA und beschrieb ihren Jobstatus, noch als Joe Biden Vizepräsident war, mit einer merkwürdigen Formulierung: 'Dabei blieb sie beruflich unabhängig: Selbst als Second Lady unterrichtete 'Dr. Biden' an einem sogenannten Community College'. Warum aber die Anführungszeichen? Warum folgt die Zeit nicht entweder der ungeschriebenen Medienregel und verzichtet gänzlich auf die Titelnennung oder lässt die Gänsefüße einfach gleich ganz sein? Stattdessen wird sich auf seltsame Weise von der Promotion von Jill Biden distanziert, ihre akademische Leistung verliert so an Wert. Auch diese Zeitung tappt immer wieder ins sexistische Fettnäpfchen."

In der NZZ nehmen heute gleich drei Texte den Islamismus kritisch unter die Lupe: Kritik an Mohammed muss selbstverständlich erlaubt sein, schreibt Abdel-Hakim Ourghi, Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie und Religionspädagogik in Freiburg i. Br. Er plädiert dafür, die historische Figur Mohammed genauer zu untersuchen und den Wandel der muslimischen Gelehrten, die aus dem Menschen eine quasi heilige Figur machte. Der Vorwurf der Islamophobie "ist eine Strategie, um nicht nur den Islam unangreifbar zu machen, sondern auch die Macht der konservativ-politischen Organisationen und ihrer Anhänger zu stärken. Es ist heutzutage dringender denn je geworden, das religiöse Erbe des Islams und der muslimischen Wissenstradition kritisch zu beleuchten und gegebenenfalls auch infrage zu stellen."

Ebenfalls in der NZZ warnt Monireh Kazemi davor, den politischen Islam in Deutschland einfach gewähren zu lassen: "Für mich als Exiliranerin weisen nicht nur die Zustände in den islamisch geprägten Stadtteilen Deutschlands erhebliche Parallelen zu dem Prozess auf, der schließlich zur islamischen Revolution und zur Machtübernahme der Islamisten in Iran geführt hat. Auch die Haltung von Medien, Politik und Zivilgesellschaft, diese Themen wenn möglich zu ignorieren, wiederholt auf furchterregende Weise die damalige Untätigkeit." Kazemi erinnert daran, sie sehr auch die Linke sich damals einwickeln ließ: "Das gesamte iranische und internationale linke Spektrum entschied sich dagegen, die Proteste der iranischen Frauen gegen die Verschleierungspflicht zu unterstützen. Die Begründung war damals, man dürfe auf keinen Fall den Schah-Anhängern und den westlichen Imperialisten in die Hände spielen. Es war ihnen dabei egal, dass die Islamisten noch wesentlich brutaler und rücksichtsloser vorgingen als die Reaktionären. Eine Kritik nicht äußern zu dürfen, weil sie den Falschen in die Hände spielen könnte - kennen wir das nicht auch heute?"

Schließlich plädiert der Basler Theologieprofessor Georg Pfleiderer für eine möglichst unaufgeregte und sachliche Kritik am Islamismus, die keine neuen Opfererzählungen produziert.

In der Welt ärgert sich der Literaturwissenschaftler Magnus Klaue über die "moralische Erpressung" in der Coronabekämpfung: "Wer immer die getroffenen Maßnahmen für zu rigide oder in ihrer Ausrichtung für falsch halte, nehme den Tod von Menschen in Kauf. Jede Diskussion über den gesundheitspolitischen Nutzen etwa der Schließung von Restaurants und Cafés wird so für verantwortungslos erklärt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2020 - Gesellschaft

Viel Kritik gibt es an der Demonstration der "Querdenker" in Leipzig am Wochenende. Dort hatten Zehntausende Menschen größtenteils ohne Abstand und Maske gegen die Coronaregeln demonstriert, berichtet Zeit online. Dass hier für "Freiheit" demonstriert worden sei, weist Cornelius Pollmer in der SZ entschieden zurück: "Wer im Lockdown-light-Monat November bundesweit für ein öffentliches Gedränge mobilisiert, wer sich in diesem Gedränge auch noch frei und überlegen fühlt, weil er oder sie keine Maske trägt, der kämpft vielleicht für seine eigene Freiheit - Freiheit im Sinne von Egoismus. Die Freiheit aller anderen aber gefährdet man mindestens mittelbar, insbesondere deren Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Unverständlich findet Pollmer auch die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Bautzen, das die Demo im Zentrum Leipzigs zugelassen hatte.

Versagt hat auch die Polizei, findet Julius Geiler im Tagesspiegel: "Von der Polizei unbegleitete Hooligan-Gruppen jagten Journalisten durch die Stadt, Einsatzkräfte wurden mit Flaschen und Pyrotechnik beworfen, mehrfach wurden Polizeiketten durchbrochen. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union sprach am Sonntag von 38 Medienvertretern, die in Leipzig an ihrer Arbeit gehindert worden seien - neun davon durch Polizeibeamte. Zudem habe man eine völlig neue Dimension der Gewalt beobachtet, heißt es von Seiten der Gewerkschaft."

Die Neonazis haben bei der Demo ein größere Rolle gespielt, als die Veranstalter offiziell zugeben möchten, beobachtete Henrik Merker für Zeit online: "Nach außen hin grenzt sich Querdenken von den Neonazis und Hooligans ab. In den Flyern, mit denen die Bewegung zur Teilnahme aufrief, distanzierte sie sich von Extremismus aller Art. In Reden und Chatgruppen werden Rechtsextreme hingegen regelrecht eingeladen - unter dem Verweis, man dürfe sich als deutsches Volk nicht spalten lassen. Der aufrührerische Verlauf der Versammlung war vorbereitet."

Marie Schmidt hörte für die SZ die Schillerrede des Virologen Christian Drosten und nahm für sich, aber auch für die Querdenker da draußen folgendes mit: "So sehr Drosten immer wieder darauf besteht, dass ihn als unabhängigen Akademiker nichts zu regulatorischen Maßnahmen legitimiert - unpolitisch kann man nicht nennen, wie er sich die Folgen seines Wissens vorstellt. In der Pandemie zeige sich nämlich: 'Je mehr ich mich als Individuum aus freien Stücken verantwortlich verhalte, desto weniger Anlass gebe ich dem Staat, ins gesellschaftliche Leben einzugreifen. Je unbedachter und egoistischer ich aber handle, desto eher muss der Staat meine Freiheit beschränken, um das Gemeinwesen wie auch das Wohlergehen der anderen Menschen wirksam zu schützen.'" Die ganze Rede Drostens kann man bei Zeit online lesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2020 - Gesellschaft

Die Coronakrise ist auch die Stunde der Medizinhistoriker, sagt Cornelius Borck, Leiter des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck, im Gespräch mit Elisabeth von Thadden bei Zeit online: "Wer in Europa in den vergangenen Jahrzehnten Medizin studiert hat, konnte Seuchen im Grunde für überwunden oder zumindest für überwindbar halten. Pandemien waren in der Ausbildung wie in der Öffentlichkeit ein Thema von gestern. Das erweist sich nun als Irrtum. Sie hatten ihren Platz im kollektiven Gedächtnis eingebüßt: Anders lässt sich auch kaum erklären, dass die Spanische Grippe von 1918/19 mit ihren Zigmillionen Toten wie vergessen war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2020 - Gesellschaft

In der Geschichte der Bundesrepublik gab es kaum eine Debatte, "in der die jeweils radikalsten Wortführer der Streitparteien nicht so gut wie jedes verbale Mordwerkzeug - vom Faschismus- oder Stalinismus/Kommunismus-Vorwurf bis zur hemmungslosen persönlichen Diskriminierung - benutzt hätten", erinnert der Schriftsteller Peter Schneider in der Welt. Viele "Verbannungswörter" haben heute allerdings an Biss verloren, aber die "Links-Rechts-Einweisung" zieht immer noch, meint er: "Es könne doch nicht sein, haben Monika Maron und Judith Hermann überlegt, dass jemand, der sich von 'links' entferne, sofort rechts oder gar rechts außen ankomme. In der Tat wird es immer wichtiger, den verlorenen Streitraum zwischen links und rechts zurückzuerobern. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man die eigene Position verstärke, wenn man den Gegner mit dem jeweils giftigsten Ausdruck politischer Beschimpfung in die Ecke stellt."