Die Schriftstellerin
Anne Rabe weist in der
taz auf
politische Unterschiede im Land hin, "um die es kein Herumreden mehr geben kann". Mit Schrecken liest sie die Ergebnisse zehnten Leipziger Autoritarismus-Studie (
hier online), die zwar in ganz Deutschland ein Absinken der Zustimmung zu Rechtsextremismus beobachtet - allerdings gilt das nur, wenn man die
Neuen Länder in den Durchschnitten untergehen lässt. In Ländern wie Sachsen-Anhalt oder Thüringen erfreut sich die AfD
ausgerechnet in der Jugend großer Zustimmung, so Rabe, die nach Erklärungen sucht: "Die Nachwendekinder wurden größtenteils von Erwachsenen erzogen, die sich vor 1989
mit dem System arrangiert und dieses gestützt hatten. War es bis 1989 noch Aufgabe der Lehrer, die Kinder zu
sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen, sollten sie nach der Wiedervereinigung die Werte des vormaligen Klassenfeinds unterrichten. In
dieser Schizophrenie eine glaubwürdige Stabilität zu vermitteln, war ein Akt der Unmöglichkeit. Dazu kommt das
große Schweigen, das
Johannes Nichelmann in seinem
Buch "Nachwendekinder" beschrieben hat - über die Verbrechen der Diktatur, das bloß anekdotenhafte Erzählen scheinbar unpolitischer Alltagsgeschichten bis hin zur Ostalgie in welcher der Unrechtsstaat nachträglich zum Hort sozialer Wärme und Sicherheit wird."
Klimakrise, Identitätspolitik, Corona, Impfleugner - darüber regen sich derzeit
Rechte und Esoteriker auf. Und was macht
die Linke? Wendet sich vom Diskurs ab, interessiert sich nicht, kritisiert Andrian Kreye in der
SZ. "Die Linke war und ist viel zu beschäftigt, sich um
Fragen der Höflichkeit zu kümmern, auf die Identitätsdebatten so oft hinauslaufen, um ihre ursprüngliche Aufgabe wahrzunehmen: den Kampf um eine wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit. So aber sind Impfgegner kein Häuflein Irrer, die man in den Griff kriegen muss, sondern das Symptom einer
gesellschaftlichen Krise, das die Rechte kapert. Diese Krise wird man über Debatten allein nicht lösen können. Schon gar nicht, wenn die Debatten nicht mehr der Konsensfindung einer demokratischen Gesellschaft dienen, sondern in Ritualen erstarrt sind, in denen jeder dem anderen nur noch zeigen will, wo der Hammer hängt."
In der
Welt schmeißt Magnus Klaue
Coronomaßnahmen und Klimamaßnahmen in einen Topf, rührt einmal kräftig und und klagt dann über den Verlust individueller Lebensgestaltung: "Erst wenn beide Gruppen, Junge wie Alte, erkennen, dass diese Politik, statt ihr individuelles Leben zu schützen, aus ihnen
hypochondrische Frühvergreiste macht, die im Namen des Weiterlebens die Individuen verraten, die weiterleben sollen, könnte sich an der deprimierenden Lage etwas ändern." Was das im Falle von Corona ändern soll, bleibt unklar, außer, dass sehr viele mehr Menschen sterben werden.
In der
SZ stellt Christina Berndt fest, dass die gleichbleibend hohe Zahl der Neuinfektionen zeigt, dass der Lockdown light, der auf die
individuelle Vernunft des Bürgers setzt, von viel zu vielen Menschen nicht ernst genommen wird. Sie fordert mit Blick auf die übervollen Geschäfte einen
harten Lockdown schon vor Weihnachten: "Wie effektiv harte Maßnahmen sind, hat Irland vorgemacht, wo schon Ende Oktober ein drastischer Lockdown mit gravierenden Kontaktbeschränkungen und Geschäftsschließungen verhängt wurde. Die Zahl der Neuinfektionen sank in sechs Wochen um
75 Prozent - und dabei konnten die Schulen offen bleiben. Dem Beispiel sollte Deutschland folgen."
Auch die
Leopoldina plädiert für einen harten Lockdown noch vor Weihnachten. In einer
kurzen Stellungnahme heißt es: "Die gegenwärtige Situation ist nach wie vor ernst und droht sich weiter zu verschärfen. Trotz des seit Anfang November in Deutschland geltenden Teil-Lockdowns sind die
Infektionszahlen auf einem sehr hohen Niveau. Jeden Tag sterben mehrere Hundert Menschen. Die Krankenhäuser und insbesondere das medizinische Personal sind bereits jetzt an ihren Grenzen und die Gesundheitsämter überlastet. Um die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zurückzuerlangen, empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in der Ad-hoc-Stellungnahme
'Coronavirus-Pandemie: Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen' ein
zweistufiges Vorgehen." Ab dem 14. Dezember sollen alle Kontakte auf das absolut notwendige Mindestmaß beschränkt werden. Und vom 24. Dezember bis 10. Januar soll das öffentliche Leben weitgehend ruhen. Alle Einzelheiten im
Pdf. Christian Drosten stimmt zu,
meldet Zeit online: "Drosten sagte, das Papier sollte vielleicht verstanden werden als 'deutliche und
letzte Warnung der Wissenschaft'. Entscheide sich die Politik anders, habe sie sich nicht mehr für die Wissenschaft entschieden."
In der
Zeit fragt Michael Schlieben, was die
Kritiker der Bundesregierung eigentlich genau wollen: "Mal wird ein
Masterplan gefordert, dann wieder viel
mehr individuelle und zielgenaue Maßnahmen. Mal wird empört gesagt, dass man nicht bei jeder Welle das Land dichtmachen könne, dann wird wieder genörgelt, dass die Politik sich viel zu lange Zeit lasse. Stets mit dem Gestus: Es sei doch völlig klar, was zu tun sei. Auch wenn man ein paar Wochen zuvor noch etwas anderes gesagt hat."