9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2020 - Gesellschaft

Terrorismus ist nicht möglich ohne das Umfeld, das ihn stützt und ermöglicht, hat der Anwalt Richard Malka gestern zum Abschluss des Charlie-Hebdo-Prozesses gesagt (unser Resümee). Ganz ähnlich sieht es der Journalist Ulrich Chaussy, der bis heute zum rechtsextremistischen Mordanschlag auf den Verleger  Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke im Jahr 1980 recherchiert im Gespräch mit Dominik Baur von der taz: "Den Einzeltäter als historische Figur des Rechtsterrorismus haben aber diejenigen hervorgebracht, die diese Verbrechen aufzuklären hatten. Die haben dazu geneigt, das ideologische, politische und organisatorische Umfeld auszublenden, aus dem heraus diese Taten überhaupt erst möglich wurden."

Die Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" hat im Bundesjustizministerium eine Petition gegen das "Kinderkopftuch" eingereicht. Bei hpd.de ist das Statement der Organisation dazu zu lesen. Man beruft sich unter anderem auf den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ): "Für eine gesunde Entwicklung von Kindern ist es wichtig, dass jedes Kind einen unbefangenen Umgang mit sich und ihrem Körper erlernt. Psychischer Druck von außen, sei es durch Familie, Community oder in der Schule, hemmt die freie Entwicklung von Mädchen und kann die Gesundheit gefährden."

Die taz bringt ein Dossier zu den Thesen der Coronaleugner und "Querdenker", das eine Art Vademecum und Argumentationshilfe sein soll (Editorial). Es geht um Aussagen wie: "Lockdown ist schlimmer als Corona" oder "Masken sind sinnlos und gefährlich" und "Corona ist nicht tödlicher als die normale Grippe". Außerdem: Im Zeit Online Interview mit Wenke Hussmann erklärt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, wie die Pandemie einmal erinnert werden wird und wie sie die Gesellschaft bereits verändert hat.

Im SZ-Interview mit Jonathan Fischer erklärt der Journalist Johny Pitts, der in seinem gerade erschienenen Buch "Afropäisch" über schwarze Identität in Europa schreibt, weshalb viele schwarze MigrantInnen in Europa "sozial für akzeptabel erklärte Vorbilder" wie Bob Marley nachahmen und inwieweit das Leben von Schwarzen in Europa noch immer durch den Kolonialismus geprägt ist: "Europa holte sich immer wieder billige schwarze Arbeitskräfte, wollte sie aber weder integrieren noch fair entlohnen. Und das, nachdem die Kolonialmächte durch Ausbeutung der Afrikaner schon riesige Gewinne eingefahren hatten. Wer weiß schon, wie viel die Sixtinische Kappelle der Sklaverei verdankt, welche afrikanischen Bodenschätze die Prachtalleen in Paris finanziert haben? Wenn man durch Amsterdam läuft, dann sieht man noch Abbildungen schwarzer Menschen, die Zuckerrohr ernten - ein Hinweis darauf, woher der Reichtum dieser Stadt stammt. Oder haben Sie schon mal über den Zusammenhang von kongolesischen Kakaoplantagen und belgischer Schokolade nachgedacht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2020 - Gesellschaft

Die britische Journalistin Julie Burchill wollte 2021 ein Buch mit dem Titel "Welcome to the Woke Trials: How #Identity Killed Progressive Politics" veröffentlichen, in dem sie über jene Zeit schreibt, in der sie ihren Job beim Observer verlor. Der britische Ableger des Verlags Little, Brown and Company cancelte das Projekt jetzt - nachdem Burchill der muslimischen Bloggerin Ash Sarkar nach einem Twitter-Schlagabtausch, in dem es um einen sieben Jahre alten Text des Spectator-Redakteurs Rod Liddle ging, vorwarf, sie bete einen Pädophilen an, resümiert Andrian Kreye in der SZ: "Burchills Verlag will sich zum Rauswurf seiner prominenten Autorin nicht weiter äußern, sondern schickt auf Anfrage nur eine Verlautbarung. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, den Vertrag mit Burchill zu kündigen. Man glaube - so auch die Beteuerung dieses Verlags - leidenschaftlich an die freie Meinungsäußerung. Frau Burchill habe aber doch Grenzen überschritten, das könne man nicht mehr verteidigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2020 - Gesellschaft

"Ich bin wütend. Die ganze Zeit. Ich bin seit Jahren wütend", schreibt die pakistanische Autorin Fatima Bhojani in der New York Times, das Machogehabe ihrer Landsleute geißelnd. "Wir wuchsen mit Geschichten von Frauen auf, die der 'Ehre' wegen getötet und aus Rache vergewaltigt wurden. Frauen, die mit Säure übergossen und Frauen, die mit Öfen verbrannt wurden. Pakistan rangiert auf dem 'Women, Peace and Security Index' 2019-2020 auf Platz 164 von 167 Ländern und liegt damit knapp über Jemen, Afghanistan und Syrien. In den zwei Monaten seit der Vergewaltigung einer Frau an einer Autobahn vergewaltigte ein Polizist eine Frau in ihrem Haus. Ein Mädchen wurde von ihrem Cousin und Onkel ermordet, weil es mit einem männlichen Freund telefoniert hatte. Eine Frau, die nach der Arbeit auf einen Bus wartete, wurde gekidnappt und vergewaltigt. Ein Teenager beging Selbstmord, nachdem sie von den Männern erpresst worden war, die sie vergewaltigt und den Übergriff auf Video aufgezeichnet hatten. Eine 6-Jährige wurde von ihrem Vater zu Tode geprügelt, weil sie Lärm machte. Allein zwischen Januar und Juni gab es 3.148 gemeldete Fälle von Gewalt gegen Frauen und Kinder."

Bessere Kommunikation bei den Covid-Regeln fordert Jan Schweitzer auf Zeit online und empfiehlt einen Blick nach Irland: "Die Iren haben schon seit September ein System mit verschiedenen Stufen etabliert, von Level 1, bei dem es noch zu relativ harmlosen Eingriffen ins Leben der Bevölkerung kommt, bis zu Level 5, bei dem sehr einschneidende Maßnahmen gelten. Übersichtlich aufgeteilt in verschiedene Bereiche (etwa 'Gesellschaftliche und familiäre Treffen', 'Sport' oder 'Bars, Cafés und Restaurants'), erfährt jede Bürgerin hier ganz konkret, zu jeder Zeit und unveränderlich, welche Maßnahmen bei welchem Level gelten." Wer Klarheit hat, macht auch mit bei den Maßnahmen, glaubt Schweitzer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2020 - Gesellschaft

Gut, der harte Lockdown ist jetzt unvermeidlich. Aber warum der weiche gescheitert ist, darüber sollte man schon reden, findet Lenz Jacobsen bei Zeit online. Es nicht zu tun, bedeute nämlich, dass "Vorurteile die Deutungshoheit übernehmen können. An den hohen Infektionszahlen sind dann immer die schuld, die man eh schon in Verdacht hatte: die Glühweintrinker, die Arbeitgeberinnen, die Schulen, die rücksichtslosen anderen eben."

Wir sind alle schuld, meint in der SZ Stefan Braun. "Das Kollektiv hat versagt; so muss man das zusammenfassen. Schaut man auf die Bund-Länder-Beschlüsse von Anfang November, dann war das nichts anderes als ein flammender Appell, doch noch zur Vernunft zu kommen. Der sogenannte Lockdown light war die eindringliche Bitte, sich zurückzunehmen, um zu verhindern, was jetzt eingetreten ist. Der Appell traf freilich auf eine Bevölkerung, die schon da müde war von der Krise. Wer ehrlich zu sich selbst ist, kennt die Anflüge von Trotz, Ignoranz und Erschöpfung, die dazu führten, dass man doch diesen oder jenen Weihnachtseinkauf machte, obwohl die Geschäfte voll waren und einem beim Einkaufen mulmig wurde."

Im Interview mit der SZ versteht der Ethnologe Thomas Hauschild die Aufregung um "eingeschränkte Weihnachten" nicht. Eingeschränkt feiern wir doch schon seit Jahrhunderten, meint er. Noch im Mittelalter war Weihnachten nämlich ein kollektives Fest. "Es wurde öffentlich getanzt, man kann das heute noch in den romanischen Ländern beobachten, wo Weihnachten weiterhin eine öffentliche Vergnügung ist. Damals zogen im Rahmen der Heischebräuche Kindergruppen in der Dunkelheit umher und führten Krippenspiele oder Ähnliches auf, um irgendetwas abzubekommen vom großen Kuchen. ... Im Gegensatz zur Bettelei dürfen die Heischenden etwas verlangen. Heische ist ein Recht auf Teilhabe. Was zu Konflikten führte und die Rückzugstendenzen der Wohlhabenden verstärkte. Im 19. Jahrhundert wendet sich das Fest endgültig nach innen, indem man nur noch die eigenen Kinder beschenkt."

Es ist zwar vielleicht nicht ganz Thema einer Feuilleton-Debattenrundschau, aber Timo Daums heise.de-Artikel über die neue S-Klasse von Daimler liest sich einfach zu interessant: Vom Traum des autonomen Fahrens habe Daimler längst Abschied genommen, so Daum, auch andere hochfliegende Zukunftspläne wurden stillschweigend eingespart: "Die neue S-Klasse zeigt, in welche Richtung es geht: in die Vergangenheit. Mit Technik und Luxus vollgestopfte Edelkarossen, an alte Oktanzeiten erinnernd, verkaufen an Firmen (dank Dienstwagenprivileg) und an solvente Männer, deren Durchschnittsalter bei 55 Jahre liegt. Ausfahrbare Griffe, aber kein batteriebetriebenes Modell in Sicht: Daimler fährt sich selbst und ganz allein in die Bedeutungslosigkeit, wird bald eher wie Bugatti oder Maybach zum Nischenhersteller."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2020 - Gesellschaft

Die düstere Realität der Coronakrise, auch in Deutschland, benennt Gereon Asmuth in der taz mit ein paar Zahlen: "Bis zu den ersten 10.000 an oder mit Corona Gestorbenen dauerte es gut sieben Monate. Die zweiten 10.000 kamen in gerade mal sieben Wochen ums Leben. Und für die dritten Zehntausend wird es wahrscheinlich nur drei Wochen dauern. Also bis Silvester. Das ist keine Schwarzmalerei, es lässt sich an der Kurve der Neuinfizierten ablesen."

Julian Nida-Rümelin und der Rechtswissenschaftler Eric Hilgendorf fordern angesichts der Corona-Zahlen in der Welt dringend eine effizientere Corona-App: "Wenn das Fehlen einer Corona-Tracking-App dazu führt, dass die Politik zu Lockdown-Maßnahmen gezwungen ist, mit all den Folgen, die damit verbunden sind - dann müssen sämtliche Verletzungen und Einschränkungen von Individualrechten durch Lockdown-Maßnahmen gegen die Einschränkung des Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung abgewogen werden. Wir sprechen hier von der vermeidbaren Infektion Hunderttausender, von der unnötigen Vernichtung mühsam aufgebauter unternehmerischer Existenzen und auch von den extremen staatlichen Schulden, die die nächsten Generationen abzutragen haben werden."

Sehr zornig attackiert Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne die angebliche Solidarität der Regierung mit den Selbständigen. Die Hilfen seien bürokratisch und an Kriterien geknüpft, die mit der Lebensrealität der Sebständigkeit nichts zu tun haben, so Lobo, und erinnert an ein kleines Faktum: "Selbstständige sind diejenigen, die unternehmerisch arbeiten, dabei oft dringend benötigte Innovationen hervorbringen, aus denen später vielleicht irgendwann einmal große Unternehmen hervorgehen. Oder vielleicht auch nicht. Aber staatliche Anerkennung gibt es eben erst, wenn Selbstständige für Festanstellungen sorgen. Vorher sind sie eine Last."

Rechtsextremisten finden Islamismus im Grunde ganz prima, schon weil sie sein Frauenbild teilen, sagt die Susanne Kaiser, Autorin eines Buchs über "Politische Männlichkeit", im Gespräch mit Nina Rossmann von der taz: "Im Sinne des biologistischen Arguments herrschen Männer über Frauen, aber müssen auch Hierarchien ausfechten, mit Männern aus anderen Gruppen kämpfen. Dass dieser Kampf auf Augenhöhe unter 'Alphamännern' stattfindet, ist sogar das Ideal, das heißt, sie müssen gar keinen Hehl aus ihrer Bewunderung machen. Diese Theorie ist wiederum anschlussfähig mit der Idee des Ethnopluralismus, der von sich behauptet, kein Rassismus zu sein, sondern neue Kulturen zu schätzen, solange jeder auf seinem Territorium bleibt - und anschlussfähig auch zur rechtsextremen Idee der weißen Scharia, die den Rassenkrieg zwischen Rechtsextremen und Dschihadisten herbeiführen will, um die Welt neu aufzuteilen."

"Wer Rechtspopulisten und Islamisten pauschal gleichsetzt, verharmlost damit den Islamismus", meinen hingegen die freien Journalisten Sarah Rukaj (Jungle World, Freitag) und Nico Hoppe (schreibt unter anderem für Achgut), in der NZZ: "Antisemitismus, Misogynie und Homophobie finden sich selbstverständlich unter Islamisten, aber auch unter Rechten und einigen Linken. Während der Islamismus den Antisemitismus als seinen stolzen Wesenskern hervorkehrt und aus seiner Ablehnung von selbstbestimmten Frauen und Homosexuellen kein Geheimnis macht, ist das selbst bei rechtsautoritären Parteien anders. Judenhass wird hier meist verklausuliert geäußert, und Antisemitismus gehört kaum noch zu den konstituierenden Merkmalen europäischer Rechter."

Wenn der Staat nur genug überwacht, glaubt der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, im Gespräch mit Benno Stieber in der taz, dann verschwinden die Verschwörungstheoretiker schon. Darum befürwortet er auch eine Beobachtung der "Querdenken"-Bewegung durch den Bundesverfassungsschutz: "Eine Beobachtung würde den Verschwörungsunternehmern das Geschäft verderben, und sie müssten sich neue Verkaufsmaschen suchen. Ich denke, man hat gesehen, dass ein Zurückweichen des Rechtsstaates vor diesen Gruppen, die Leute immer weiter ermutigt hat." In der SZ begrüßt Ronen Steinke die Entscheidung des Landesamts für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg, die Querdenken-Bewegung zu beobachten

Der Prozess gegen den Attentäter von Halle nähert sich dem Ende. Für die taz-Korrespondenten Pia Stendera und Konrad Litschko bleibt als Eindruck aus den Erzählungen der Opfer vor allem die Ignoranz und Kälte der Polizei und der Behörden: "Auch über den Tag des Attentats hinaus bleibt die Opferhilfe von offiziellen Stellen, vorsichtig ausgedrückt, überschaubar. Der Kiez Döner kämpft seit dem Anschlag um sein Überleben. Das Geld für den nötigen Umbau wurde nicht vom Staat, vom Land oder von der Stadt Halle bereitgestellt, sondern von einer jüdischen Studierendenorganisation gesammelt. Und wer hat jemals auch nur in das Gesicht von Adiraxmaan Aftax Ibrahim gesehen? Eine aktive Begleitung erfährt er nur durch die Mobile Opferberatung und andere Betroffene, Soligruppen und Nachbar:innen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2020 - Gesellschaft

Die Schriftstellerin Anne Rabe weist in der taz auf politische Unterschiede im Land hin, "um die es kein Herumreden mehr geben kann". Mit Schrecken liest sie die Ergebnisse zehnten Leipziger Autoritarismus-Studie (hier online), die zwar in ganz Deutschland ein Absinken der Zustimmung zu Rechtsextremismus beobachtet - allerdings gilt das nur, wenn man die Neuen Länder in den Durchschnitten untergehen lässt. In Ländern wie Sachsen-Anhalt oder Thüringen erfreut sich die AfD ausgerechnet in der Jugend großer Zustimmung, so Rabe, die nach Erklärungen sucht: "Die Nachwendekinder wurden größtenteils von Erwachsenen erzogen, die sich vor 1989 mit dem System arrangiert und dieses gestützt hatten. War es bis 1989 noch Aufgabe der Lehrer, die Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen, sollten sie nach der Wiedervereinigung die Werte des vormaligen Klassenfeinds unterrichten. In dieser Schizophrenie eine glaubwürdige Stabilität zu vermitteln, war ein Akt der Unmöglichkeit. Dazu kommt das große Schweigen, das Johannes Nichelmann in seinem Buch "Nachwendekinder" beschrieben hat - über die Verbrechen der Diktatur, das bloß anekdotenhafte Erzählen scheinbar unpolitischer Alltagsgeschichten bis hin zur Ostalgie in welcher der Unrechtsstaat nachträglich zum Hort sozialer Wärme und Sicherheit wird."

Klimakrise, Identitätspolitik, Corona, Impfleugner - darüber regen sich derzeit Rechte und Esoteriker auf. Und was macht die Linke? Wendet sich vom Diskurs ab, interessiert sich nicht, kritisiert Andrian Kreye in der SZ. "Die Linke war und ist viel zu beschäftigt, sich um Fragen der Höflichkeit zu kümmern, auf die Identitätsdebatten so oft hinauslaufen, um ihre ursprüngliche Aufgabe wahrzunehmen: den Kampf um eine wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit. So aber sind Impfgegner kein Häuflein Irrer, die man in den Griff kriegen muss, sondern das Symptom einer gesellschaftlichen Krise, das die Rechte kapert. Diese Krise wird man über Debatten allein nicht lösen können. Schon gar nicht, wenn die Debatten nicht mehr der Konsensfindung einer demokratischen Gesellschaft dienen, sondern in Ritualen erstarrt sind, in denen jeder dem anderen nur noch zeigen will, wo der Hammer hängt."

In der Welt schmeißt Magnus Klaue Coronomaßnahmen und Klimamaßnahmen in einen Topf, rührt einmal kräftig und und klagt dann über den Verlust individueller Lebensgestaltung: "Erst wenn beide Gruppen, Junge wie Alte,  erkennen,  dass  diese  Politik,  statt ihr individuelles Leben zu schützen, aus ihnen hypochondrische  Frühvergreiste macht, die im Namen des Weiterlebens die Individuen verraten, die weiterleben sollen, könnte sich an der deprimierenden Lage etwas ändern." Was das im Falle von Corona ändern soll, bleibt unklar, außer, dass sehr viele mehr Menschen sterben werden.

In der SZ stellt Christina Berndt fest, dass die gleichbleibend hohe Zahl der Neuinfektionen zeigt, dass der Lockdown light, der auf die individuelle Vernunft des Bürgers setzt, von viel zu vielen Menschen nicht ernst genommen wird. Sie fordert mit Blick auf die übervollen Geschäfte einen harten Lockdown schon vor Weihnachten: "Wie effektiv harte Maßnahmen sind, hat Irland vorgemacht, wo schon Ende Oktober ein drastischer Lockdown mit gravierenden Kontaktbeschränkungen und Geschäftsschließungen verhängt wurde. Die Zahl der Neuinfektionen sank in sechs Wochen um 75 Prozent - und dabei konnten die Schulen offen bleiben. Dem Beispiel sollte Deutschland folgen."

Auch die Leopoldina plädiert für einen harten Lockdown noch vor Weihnachten. In einer kurzen Stellungnahme heißt es: "Die gegenwärtige Situation ist nach wie vor ernst und droht sich weiter zu verschärfen. Trotz des seit Anfang November in Deutschland geltenden Teil-Lockdowns sind die Infektionszahlen auf einem sehr hohen Niveau. Jeden Tag sterben mehrere Hundert Menschen. Die Krankenhäuser und insbesondere das medizinische Personal sind bereits jetzt an ihren Grenzen und die Gesundheitsämter überlastet. Um die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zurückzuerlangen, empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in der Ad-hoc-Stellungnahme 'Coronavirus-Pandemie: Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen' ein zweistufiges Vorgehen." Ab dem 14. Dezember sollen alle Kontakte auf das absolut notwendige Mindestmaß beschränkt werden. Und vom 24. Dezember bis 10. Januar soll das öffentliche Leben weitgehend ruhen. Alle Einzelheiten im Pdf.  Christian Drosten stimmt zu, meldet Zeit online: "Drosten sagte, das Papier sollte vielleicht verstanden werden als 'deutliche und letzte Warnung der Wissenschaft'. Entscheide sich die Politik anders, habe sie sich nicht mehr für die Wissenschaft entschieden."

In der Zeit fragt Michael Schlieben, was die Kritiker der Bundesregierung eigentlich genau wollen: "Mal wird ein Masterplan gefordert, dann wieder viel mehr individuelle und zielgenaue Maßnahmen. Mal wird empört gesagt, dass man nicht bei jeder Welle das Land dichtmachen könne, dann wird wieder genörgelt, dass die Politik sich viel zu lange Zeit lasse. Stets mit dem Gestus: Es sei doch völlig klar, was zu tun sei. Auch wenn man ein paar Wochen zuvor noch etwas anderes gesagt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2020 - Gesellschaft

Es gibt vereinzelte Initiativen wie die der Künstlerin Veronika Radulovic und des Autors Christian Y. Schmidt, die die Bürger aufrufen, Kerzen aufzustellen (mehr hier). Aber insgesamt gedenken die Deutschen ihrer Corona-Toten kaum. Schon gar nicht gibt es eine Individualisierung wie auf der bewegenden Seite "The Loss" von NBC News, wo Corona-Tote porträtiert werden - viele davon sind ziemlich jung gestorben. Carolina Schwarz fragt in der taz, wieso wir es in Deutschland nicht schaffen, der Toten zu gedenken: "Ist es die deutsche Arroganz, aufgrund derer wir noch immer denken, wir seien nicht so schlimm betroffen wie andere und hätten die Pandemie besser im Griff? Ist es der Appell, in einer ohnehin schon angstvollen Zeit nicht noch mehr Panik schüren zu wollen? Ein Großteil der Deutschen hat das Glück, bisher noch keine Verstorbenen persönlich zu kennen. Doch sind wir wirklich so unsolidarisch, dass wir nicht nach links und rechts gucken können und sehen, dass in diesem Land schon knapp 20.000 Menschen der Pandemie zum Opfer gefallen sind? Vermutlich ist es eine Mischung aus alldem. Doch wichtiger als Gesellschaftsanalysen ist jetzt die Frage, wie ein Gedenken in unserem Land aussehen könnte."

Dass die Deutschen ein Problem mit Opfern haben, stellen auch neun ehemalige Geiseln der "Landshut" fest, die in der Welt ein Museum des Deutschen Herbstes fordern. Und das Flugzeug gehört auch dorthin, meinen die neun, darunter der Copilot Jürgen Vietor, der die entführte Boeing 737 nach der Ermordung des Kapitäns Jürgen Schumann von Aden nach Mogadischu fliegen musste.  Ein Museum in Friedrichshafen, für das der Bundestag bereits 15 Millionen Euro bereit gestellt hat, wäre eine Möglichkeit. Weil Kulturstaatsministerin Monika Grütters das jedoch "bizarr" fände, schlagen die neun Berlin vor: "Die Entführung der "Landshut" ist natürlich Teil der Geschichte der alten Bundesrepublik, aber da man heute weiß, dass auch die Geheimdienste der Sowjetunion und der DDR indirekt involviert waren, handelte es sich doch um ein gesamtdeutsches Ereignis. Der Flughafen Tegel ist zwar seit Kurzem außer Betrieb, aber wohl schon für künftige Nutzungen verplant. Im alten Flughafen Tempelhof jedoch stehen sieben gewaltige Hangars leer. Nur für drei davon gibt es bisher konkrete Nutzungspläne - so soll dort das Alliiertenmuseum einziehen." Ein solches Museum wäre auch wichtig, um "den namenlosen Opfern ein Gesicht zu geben und ihrer zu gedenken. Die Prominenten haben ihre Lobby - natürlich auch zu Recht. Opfer wie Alfred Herrhausen, Hanns Martin Schleyer oder Siegfried Buback. Aber wo ist die Erinnerung an die 'Kollateralschäden'? An Fahrer, Personenschützer, Polizisten? An zufällig vorbeikommende Menschen? Auch sie brauchen einen Ort des Gedenkens."

Endlich, Corona hat es erzwungen, Stadtflucht überall (oder jedenfalls wird drüber nachgedacht), freut sich Dankwart Guratzsch in der Welt. Das hat seiner Meinung nach für Stadt wie Land nur Gutes, denn: "Den überfüllten Städten steht eine ausgezehrte, brachfallende Landeskultur gegenüber. Die Agrarindustrie mit ihrer Massentierhaltung, ihrer Riesenfelderwirtschaft, ihrer herbeigespritzten Artenarmut und ihren Heeren von Saisonarbeitern hat nicht nur natur-, sondern auch menschenfeindliche Züge angenommen. Ganze Infrastrukturnetze brechen in sich zusammen. In den Städten wird über Wohnungsnot geklagt - auf dem Land fallen die Mieten und Grundstückspreise ins Bodenlose."

Wann man sich berühren darf, ist in jeder Gesellschaft anders codiert. In Korea berühren sich die Menschen mehr, doch ist das weniger sexuell aufgeladen als im Westen, erzählt Hoo Nam Seelmann in der NZZ. "Man schläft gern zusammen unter einer Decke. Geschwister tun dies, ebenso Freunde. Die Tochter verbringt beispielsweise die Nacht vor ihrer Hochzeit mit der Mutter, um Danke schön zu sagen und sich von ihr zu verabschieden. Diese physische Nähe unter den Familienmitgliedern wird zusätzlich verstärkt, indem man sich auch im Alltag gern gegenseitig massiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2020 - Gesellschaft

Wer sich als Selbständiger oder freier Künstler auf die großzügigen Versprechen der Politiker verließ und Corona-Soforthilfen nicht ganz so ausgab, wie es im Kleingedruckten stand, kann jetzt mit dem Vorwurf des "Subventionsbetrugs" rechnen, berichtet Andreas Thamm in der taz: "Seit Oktober sammelt der Verband der Gründer und Selbstständigen (VGSD) solche Fälle. Bis Mitte Oktober hat der Zoll nach Recherchen des VGSD von den Banken insgesamt 8.200 Verdachtsmeldungen im Zusammenhang mit den Coronasoforthilfen erhalten." Insgesamt aber wurden immerhin 30 Milliarden Euro an Hilfen für Selbständige zur Verfügung gestellt. In unserer Angestelltenrepublik sind Selbständige immer noch Exoten. Nun wird erstmals ihr häufig prekärer Status bemerkt, so Barbara Dribbusch im taz-Kommentar: "Die wirtschaftliche Verwundbarkeit von Selbstständigen, viele davon in der privaten Dienstleistung, zeigt sich wie nie zuvor. Selbstständige in Dienstleistungbranchen, besonders im Kulturbereich, sind durch den Teillockdown bis in den Januar hinein mit einem faktischen Berufsverbot belegt oder leiden indirekt unter den Kontaktbeschränkungen."

In der SZ denkt Kurt Kister über den Kniefall Willy Brandts vor fünfzig Jahren nach und die Kniefälle der BLM-Bewegung. Dass sich da was verändert hat, ist klar: "Die Handlungen der Einzelnen, seien dies Brandt oder auch Helmut Kohl und François Mitterrand auf dem Friedhof von Verdun, verlangen Stellungnahme, negativ oder positiv, aber sie verbieten Mitmachen. Simpel gesagt: Bahr konnte nicht neben Brandt knien. Beim #takeaknee ist das anders: Hier bedeutet positive Stellungnahme nahezu zwingend Mitmachen. Wer nicht selbst auf die Knie geht, schließt sich aus, er oder sie gehört zu den 'anderen'. Brandts Kniefall war der Kniefall eines Einzelnen für alle; #takeaknee sind fünfzig Jahre später die Kniefälle (ein seltsamer Plural) der vielen gegen die anderen."

Jetzt ist auch noch Söder nach links abgedreht. Bald werden Konservative außer der AfD keine politische Alternative mehr haben, warnt in der NZZ Wolfgang Bok: "Noch geht die Strategie von Söder und Merkel auf, die Konkurrenz von rechts zu Feinden der Demokratie zu erklären. Das fällt auch deshalb leicht, weil die AfD mit jeder Häutung brauner und weithin als zerstrittener Haufen obskurer Sonderlinge erscheint. Für aufrechte Konservative ist eine solche Gruppierung allenfalls im Sinne einer Protestbekundung wählbar. Nun fühlen sie sich auch noch von der Söder-CSU verraten - und sind damit parteipolitische Waisen. Niemand weiß, wohin diese Heimatlosen tendieren."

Der Observer begrüßt in seinem Editorial ein Urteil des Londoner High Court, das es Kindern unter 16 künftig untersagt, im Hinblick auf eine Geschlechtsumwandlung pubertätsblockierende Medikamente einzunehmen. Die Redaktion zitiert Fälle wie den von Keira Bell, die eine Geschlechtsumwandlung rückgäng machte - nachdem ihr beide Brüste amputiert worden waren. Zweifellos, so die Autoren,  gibt es "transsexuelle Erwachsene, die als Kinder begannen, Pubertätsblocker einzunehmen, und die im Gegensatz zu Bell und anderen Jugendlichen, die ihre Behandlung in Frage gestellt haben, der Meinung sind, dass dies die richtige Entscheidung war. Aber dies war nicht die Frage vor dem Gericht: Es ging darum, ob Kinder in der Lage sind, in vollem Bewusstsein einzuwilligen."

Außerdem: In der NZZ versucht sich Reinhard Mohr an einer Typologie der Deutschen. In der SZ plädiert Constanze von Bullion für "eine große staatliche Geste, eine Gedenkstunde, irgendwas", um die Corona-Toten zu würdigen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2020 - Gesellschaft

Sind Waldorfschulen Corona-Hotspots? Paul Wrusch zitiert in der taz eine Menge Beispiele von Waldorfschulen in Deutschland, die sich nur widerwillig an die Regeln halten und von Lehrern, die überzeugt sind, dass das Virus einem gesunden Immunsystem nichts ausmacht. "Es gibt etwa 250 Waldorfschulen in Deutschland mit knapp 90.000 SchülerInnen. Jede von ihnen ist autonom, hat individuelle Konzepte und wird durch kollegiale Selbstverwaltung geleitet. Allgemeingültige Aussagen lassen sich deshalb kaum treffen. 'Erziehung zur Freiheit' lautet das Motto der Waldorfpädagogik. Da die Freiheit derzeit eingeschränkt ist, wundert es nicht, dass es im Waldorfumfeld heftige Auseinandersetzungen gibt. Auf Demos gegen die staatlichen Maßnahmen sind neben Rechtsextremen auch viele Esoteriker und Menschen aus der Anthroposophen- und Waldorfszene dabei."

Ein sehr ausführliches Gspräch über Anthroposophie und Antisemitismus führt Andreas Lichte bei hpd.de mit dem Religionsphilosophen und Anthroposophie-Experten Ansgar Martins.

Viel geklagt wird, dass Frauen in Unternehmen und Hierarchien oft nicht den gleichen Status erreichen wie Männer. Die ehemalige CDU-Familienministerin Kristina Schröder fragt in der Welt, ob das an den Frauen liegt, die sich "relativ hartnäckig so verhalten, als ob sie das gar nicht wollten. Marxistisch ausgedrückt haben sie das falsche Bewusstsein. Sie wählen immer noch sehr häufig das falsche Studienfach, den falschen Ehemann und die falsche Steuerklasse. Und nach der Geburt des ersten Kindes begehen sie dann die entscheidende Sünde: Sie scheiden eine Zeit lang ganz aus dem Beruf aus, länger als ihr Mann, und kehren danach oft mit weniger Arbeitszeit zurück. Natürlich nicht alle Frauen. Aber bei tausend zufällig ausgewählten Männern und tausend zufällig ausgewählten Frauen wird sich diese Tendenz sehr klar zeigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2020 - Gesellschaft

In der SZ liebäugelt der Medizinethiker Wolfram Henn, Mitglied des Ethikrats, mit einer berufsspezifischen Impfpflicht und Zugangsbeschränkungen für Nicht-Geimpfte, etwa in Flugzeugen: "Darf oder soll es eine arbeitsvertraglich festgelegte Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen mit hohem Expositions- und Weiterverbreitungsrisiko geben, namentlich für medizinisches Personal etwa in der Intensivmedizin oder in Pflegeeinrichtungen? Ethisch hielte ich es für gut begründbar, wenn Ärztinnen oder Krankenpflegern, die im Rahmen ihrer eigenen freien Berufswahl besondere Verantwortung für Kranke und Schwache übernommen haben, von ihrem Klinikträger abverlangt würde, die ihnen anvertrauten Menschen mit dem geringen Aufwand einer Impfung bestmöglich vor einer Einschleppung des Virus zu schützen. Allerdings könnte eine Ausweitung solcher Risiko-Berufsgruppen, etwa auch auf Personal in Bildungseinrichtungen oder im Verkehrswesen, dann doch zu einer Aushöhlung des 'Rechtes auf Nicht-Geimpftwerden' führen."

Im Dlf-Interview mit Lennart Pyritz fordert die Infektiologin Marylyn Addo vor allem transparente Kommunikation: "Was sind die Ergebnisse der Studien, die jetzt durchgeführt wurden. Auf welcher Datenlage beruht die Zulassung. Was für Nebenwirkungen sind zu erwarten. Wie wird sichergestellt, dass auch im weiteren Verlauf die sicherheitsrelevanten Daten erhoben werden, auch nach einer Notfall- oder konditionalen Zulassung."