Lesen ist viel mehr als Buchstabieren,
schreibt Alexander Kluge in einem Essay für die
NZZ. "In der Tradition des Talmud gibt es die Suche nach dem verlorenen Buchstaben. Das Heil liegt nicht in dem
schon Ausformulierten. Das Wichtigste bleibt unbekannt, ist verborgen. Es gibt die dunkle Seite des Alpha. Gershom Scholem beschreibt, dass Gott in vier Wochen Gotteszeit (das sind mehr als 13,5 Milliarden Jahre) mit den Buchstaben und Zahlen 'gespielt' habe. Er hat auf sie 'eingehämmert'. Dann hat er in einer Woche Kosmos, Erdenwelt und uns geschaffen. Offenbar sind Buchstaben und Zahlen etwas anderes als bloße Symbole. Sie sind auch
nicht bloß Techniken. Lesbarkeit und der Respekt vor dem, was wir nicht lesen können, gehen der Realität voraus. Lesen ist Vertrauenssache. In den Chips der digitalen Welt arbeitet Silizium, der Sand. Wo zu viel Sand ist, das nennt man Wüste. Aber in der Wüste gibt es bekanntlich heftig kämpfendes Leben. Es gibt vor allem die Baukunst der Oasen. Lesen und Leserwelt, das sind solche Oasen. Feste Orte der Verlässlichkeit in einer
zum Atomismus tendierenden Welt."
Micha Brumlik
schreibt in der
taz den Nachruf auf den
Psychoanalytiker und Essayisten Carlo Strenger, der im Alter von nur 61 Jahren gestorben ist: "Für die hierzulande neu anschwellende Debatte um '
Israelkritik' beziehungsweise 'israelbezogenen Antisemitismus' ist sein 2011 auf Deutsch publiziertes Buch 'Israel - Einführung in ein schwieriges Land' nach wie vor unerlässlich; nicht zuletzt, weil dieses Buch klarmacht, wie komplex die gesellschaftliche Lage in diesem Land, das längst nicht mehr von einer aufgeklärten Bürgerlichkeit geprägt ist, tatsächlich ist." Einen weiteren Nachruf
schreibt René Scheu in der
NZZ.
In der
NZZ kritisiert der Philosoph und Unternehmensberater
Reinhard K.
Sprenger den deutschen Hang zur
Rundumabsicherung, die den Zufall stornieren soll: "Vorsorge, Plan, Versicherung, Back-up, Nummer sicher - übrigens ein Wort aus dem Strafvollzug. Das Leben wird unter eine vorauslaufende Ceteris-paribus-Klausel gestellt:
Alles soll gleich bleiben, und wenn sich etwas ändert, dann bitte nur als willkürlich herbeigeführte Perfektionierung. Die Politik verspricht, den Menschen vor dem Zustoßenden zu schützen. Unter der Hand wandelt sich die Zufallsvorsorge zur
infantilisierenden Volkspädagogik: Der Mensch ist, was er ist, das Ergebnis planerischer Absicht." Aber besser wäre es, dem Zufall eine Chance zu geben, meint Sprenger. Nur dann "sind wir herausgefordert, uns
in der Freiheit zu üben und die Gelegenheiten zu nutzen, deren endliche Summe das ganze Leben ist".