Ein größeres Problem als die Einschränkung von Meinungsfreiheit ist die "
Enthemmung von Meinung",
sagte Navid Kermani (bereits vorgestern) im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann im
Deutschlandfunk: "Das ist, glaube ich, ein Problem, das betrifft ja nicht nur Deutschland, dass einfach durch die
technologische Entwicklung heute jeder immer alles sagen kann, was er will. Das führt natürlicherweise
zu einer Verrohung." Auch verletzen solle man nicht: "Freiheit ist nicht, immer alles sagen zu dürfen. Zur Freiheit gehört, dass man für sein Wort auch zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn es
andere verletzt."
Darauf antwortet
Hamed Abdel-Samad (leider nur auf Facebook,
hier): "
Subjektive Gefühle kann man nicht erfassen, deswegen dürfen sie nicht als Kategorie anerkannt werden. Nicht derjenige, der etwas sagt, sollte seine Meinung an Gefühle anpassen, sondern der Empfänger sollte lernen, dass seine Gefühle nicht das
Maß aller Dinge sind... Gerade in Zeiten wo die Meinungsfreiheit von allen Seiten unter Beschuss steht, erwarte ich von einem Intellektuellen, wie Kermani, ohne wenn und aber für die Meinungsfreiheit einzustehen, statt sich daran zu beteiligen, diese noch mehr, unter dem Vorwand der verletzten Gefühle, einschränken zu wollen!"
An amerikanischen Universitäten wird Reflexion kaum noch geduldet, "das
moralische Denken hat das rationale abgelöst", meint der Philosoph
Peter Boghossian im
Interview mit der
NZZ. Konservative Stimmen gebe es an den Unis kaum noch: "Und das ist verkehrt und muss von uns geändert werden. Konservative Stimmen müssen in die Akademie zurückkehren.
Weltanschauliche Vielfalt muss als Primärwert gesetzt werden. Wir können nicht zulassen, dass der Mangel an öffentlichem Vertrauen unsere Institutionen erodieren lässt. ... Das ist der Fehler, den die Leute machen - sie denken: 'Oh, Diversität! Was für ein wohlklingendes Wort, das fühlt sich gut an!' Was tatsächlich damit gemeint ist, ist oftmals bloß
ideologische Homogenität. Studierenden zu sagen, dass Sprache eine Form von Gewalt sei, ist eine der Sachen, die unsere Universitäten wirklich umbringen. Du wirst nie in der Lage sein, Probleme zu lösen, wenn du damit beschäftigt bist, beleidigt zu sein, und obendrauf noch alle anderen für eine existenzielle Gefahr für dein Leben hältst."
(Boghossian hatte zusammen mit dem Mathematiker James Lindsay und der Frühneuzeit-Forscherin Helen Pluckrose von 2017 bis 2018 unter wechselnden Pseudonymen zwanzig wissenschaftliche
Aufsätze mit absurden Thesen verfasst, von denen einige in anerkannten Fachzeitschriften für Gender Studies und verwandte Fachgebiete angenommen worden waren.
Mehr dazu hier)
Im
Interview mit
Spon plädiert der Sprachforscher
Eric Wallis dafür, Rechte nicht aus den Unis auszuschließen, sondern mit ihnen zu reden: "Meinungsfreiheit ist zu einem politischen Schlagwort geworden. Damit wird gerechtfertigt, dass jeder
seine Meinung rausbrüllen darf, und dagegen darf keiner was sagen. Erstens vergessen Menschen dabei, dass andere eben eine komplett andere Meinung haben und diese äußern dürfen. Zweitens gehört zur Meinungsfreiheit die
Dimension des Zuhörens. Nur so nützt Meinungsfreiheit unserer Gesellschaft: wenn wir Meinungen, die wir nicht mögen, zumindest zur Kenntnis nehmen und versuchen sie ansatzweise zu verstehen."