9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2019 - Ideen

Wie schwierig die Findung der Wahrheit sein kann oder die angemessene Reaktion in einer Demokratie auf ihre Leugner, erklärt die amerikanische Historikerin Jill Lepore, die gerade in ihrem Buch "Diese Wahrheiten" eine politische Geschichte der USA von 1492 bis 2017 erzählt, im Interview mit der SZ: "1925 wird in Tennessee ein Lehrer verurteilt, weil er Evolutionstheorie unterrichtete. Und die war in dem Bundesstaat per Gesetz verboten. Da stellte sich also die Frage: Ist es legitim, das Ergebnis wissenschaftlicher Methoden zu ächten, wenn die demokratische Mehrheit das so will? Es ist ein bisschen eine Präfiguration der heutigen Klimadiskussion. Die Mehrheit der Amerikaner hat einen Klimawandelleugner gewählt. Das macht sein Leugnen nicht wahr. Aber es macht es schwieriger, sich den Leugnern politisch zu widersetzen."

Hört auf, die Geisteswissenschaften zu attackieren, ruft in der NZZ der Philosoph Markus Gabriel. Nur sie schützen die Werte der Aufklärung, warnt er. "Was nützen Naturwissenschaften und Technik, wenn sie - wie in China - zur Unterwerfung der Bevölkerung eingesetzt werden? Was nützen diese Disziplinen dem Menschen, wenn sie, wie bisher, weitgehend ohne ethische Reflexion voranschreiten? Und was nützt Machine Learning, wenn es Cambridge Analytica und soziale Netzwerke hervorbringt, die gerade systematisch zur Selbstzerstörung des demokratischen Rechtsstaats führen? Hier fängt kritisches Denken an, das in der gegenwärtigen Diskussion aufgrund eines unbegründeten Abgesangs auf die Geisteswissenschaften zu kurz kommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2019 - Ideen

Christian Schubert porträtiert für die FAZ den ungewöhnlichen französischen Philosophen Gaspard Koenig, der sich nicht scheut, für seine Bücher zu recherchieren und Interviews zu führen. In seinem jüngsten Buch "Fin de l'individu" (noch nicht übersetzt) vergleicht er Künstliche Intelligenz mit Leibeigenschaft: "Koenig, der Liberale, bedauert, dass wir schleichend unseren Willen zu eigenverantwortlichen Entscheidungen aufgeben. KI wählt für uns den Partner, die Arbeitsstelle, was wir lesen, essen und mit welchen Freunden wir in Kontakt stehen. 'Auszusteigen wird immer schwieriger. Das unterhöhlt aber die Basis der offenen Gesellschaft. Wie Popper sagte, gehört dazu, dass sich der Einzelne dem Stamm entziehen kann', klagt Koenig."

Außerdem: Maßnahmen gegen die Klimakrise reichen nicht, sagt der Philosoph Charles Eisenstein  ("Klima - Eine neue Perspektive") im Gespräch mit Laura Sophia Jung von der taz, wir müssen ins gesamt ökologisch wirtschaften: "Ich glaube, wir müssen die Erde anders sehen. Sie ist nicht einfach ein Haufen Ressourcen. Sie ist lebendig, heilig, ein bewusstes Wesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2019 - Ideen

Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz sieht in der Zeit einen ähnlichen globalen Paradigmenwechsel nahen, wie er sich zuvor nur 1945 und 1980 zugetragen hat. Von 1945 bestimmte das Regulierungsparadigma die Politik auf allen Seiten, wurde jedoch ab 1980 durch die Deregulierung oder Dynamisierung abgelöst, die zu einer immensen Liberalisierung in beiden politischen Lagern, links und rechts, führte: "Gefragt ist ein neuerlicher politischer Paradigmenwechsel, der die Dynamisierung der Märkte und Identitäten seinerseits einer Regulierung unterzieht, sie gewissermaßen in neue soziale, kulturelle und staatliche Regeln einbettet: Gefragt ist ein einbettender Liberalismus. Man kann ihn sich in unterschiedlichen progressiven und konservativen Spielarten vorstellen, aber grundsätzlich ist er weder einfach 'linker' oder einfach 'rechter' als die Synthese aus Neo- und Linksliberalismus es war. Denn die Frage 'Regulierung oder Dynamisierung' verläuft quer zur Links-rechts-Unterscheidung." 

Jürgen Habermas hat nochmal eine zweibändige Philosophiegeschichte auf 1.700 Seiten vorgelegt. Die Philosophie müsse reflektieren, was der Wissensfortschritt des 20. Jahrhunderts für uns bedeute, erklärt er im NZZ-Gespräch mit dem Theologen Henning Klingen seine Motivation. Unser Wissen erstrecke sich nicht nur auf Empirisches,  die Überzeugungskraft einer praktischen Vernunft gehe "nicht in einer für praktische Zwecke bloß in Dienst genommenen theoretischen Vernunft" auf, erläutert er: "Dann dürfen wir aber auch solche Lernprozesse erwarten, die sich nicht in einer Steigerung von Produktivkräften niederschlagen, die sich vielmehr in Institutionen der Freiheit und der Gerechtigkeit verkörpern. Historische Umstände fordern uns zu solchen oft schmerzlichen normativen Lernprozessen heraus. Dabei lernen wir, wenn alles gut geht, unterprivilegierte Andere in unsere Lebensformen einzubeziehen oder diskriminierte Fremde als gleichberechtigte Andere in einer gemeinsam erweiterten Lebensform anzuerkennen."

Michael Angele verteidigt im Freitag die Soziologin Cornelia Koppetsch, der bei einem Eklat bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises Plagiatsvorwürfe gemacht wurden (unsere Resümees). Es sei keineswegs so, dass der Begriff "Neogemeinschaften", wie von der Jury behauptet, von Andreas Reckwitz erfunden worden sei: "Weder hat Reckwitz den Begriff 'erfunden' - eine simple Google-Recherche hätte erbracht, dass er zum Beispiel bei unserem Autor Franz Schandl 2007 auftauchte -, noch verwendet Koppetsch ihn wie Reckwitz. Neogemeinschaften sind bei ihr (wie bei Reckwitz und anderen) auf digitale Kommunikationsformen gestützt, aber sie sind (anders als bei Reckwitz) eine 'Reaktion auf globale Verunsicherungen'." Andere Textübernahmen bei Koppetsch will Angele als "Schlamperei unter Zeitdruck" werten: "Tragischerweise trifft es eine Autorin, die sich intensiv mit anderen Positionen beschäftigt." Strenger sieht das Alexander Cammann in der Zeit: "Es geht um Übernahmen, Aneignungen und Verschleierungen, die zum Beispiel eine Professorin ihren Studierenden in Seminararbeiten nicht durchgehen lassen kann, aber auch ansonsten in Büchern nicht zulässig sind - seien sie nun wissenschaftlich oder populär."

Weitere Artikel: In der NZZ sinnieren die Philosophen Walter Mengisen und Markus Christen über die gesellschaftliche Bedeutung des Sports.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2019 - Ideen

Der Grundkonsens der westlichen Gesellschaften ist flöten gegangen, das einzige, was wir noch erreichen können, ist friedliche Koexistenz der kulturellen linken Eliten und der Traditionalisten, meint der Philosoph Alexander Grau in einem Vortrag für das Philosophicum Lech 2019, das die NZZ veröffentlicht. "Da in diesem Kulturkampf der Spätmoderne nicht einfach nur Werte aufeinanderprallen, sondern unvereinbare Konzepte von Werteressourcen, ist eine Verständigung zwischen den Lagern nur schwer möglich. Oberflächlich betrachtet, sprechen beide noch dieselbe Sprache, faktisch benutzen die beiden Milieus aber ein eigenes Idiom, das sich in das Idiom der Gegenseite nicht mehr übersetzen lässt. Assoziiert zum Beispiel der eine mit der traditionellen, intakten Kleinfamilie Geborgenheit, Wärme, Liebe und Zuwendung, so verbindet der andere damit Enge, Heuchelei, Abhängigkeit und Diskriminierung. Die beiden Sprachwelten sind schlicht unvereinbar."

Ebenfalls in der NZZ grübelt der Politologe Frank Decker über die "Ambivalenzen des Populismus".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2019 - Ideen

Jens Bisky unterhält sich für die SZ mit dem Soziologen Andreas Reckwitz über dessen neues Buch "Das Ende der Illusionen - Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne". Reckwitz beschreibt darin unter anderem einen neuen Konflikt innerhalb der sozialen Mittelklasse: "Die neue, urbane Mittelklasse ist mit den Liberalisierungsprozessen der vergangenen Jahrzehnte verbunden, sie ist globalisierungsfreundlich und stark bildungsorientiert, teilt Werte wie Flexibilität, Unternehmertum, Emanzipation, Diversität. Die traditionelle Mittelklasse befindet sich eher im kleinstädtischen Raum, vertritt eher Werte wie Sesshaftigkeit, Ordnung, Verwurzelung, und ist eher globalisierungsskeptisch. Sie sieht sich durch den Liberalisierungs- und Mobilisierungsschub in die kulturelle Defensive gedrängt - und beginnt jetzt ja auch teilweise zurückzuschlagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2019 - Ideen

Jörg Häntzschel hat für die SZ ein Treffen der "Ateliers de la pensée" besucht, einer Denkwerkstatt afrikanischer Intellektueller, die sich unter dem Motto "Afrika bezaubernd machen" in Dakar traf. Ihr Ziel ist unter anderem ein "neues kulturelles Selbstbewusstsein Afrikas" so Häntzschel. Dazu gehören Rückgabeforderungen kultureller Artefakte aus westlichen Museen, ein Besinnen auf immaterielle Traditionen des Kontinents, aber auch Selbstkritik, wie sie Achille Mbembe äußerte: "Natürlich sei Europa zu verurteilen für die Abertausenden Afrikaner, die es im Mittelmeer ertrinken lasse. Aber afrikanische Staaten wie Libyen machten sich mitschuldig" und "Südafrika behandele afrikanische Migranten oft schlimmer als europäische Länder. Er sprach bitter von schwarzer 'négrophobie'. Er schlug deshalb ein vereintes Afrika ohne Grenzen vor, einen 'riesigen Raum der Zirkulation', nicht zuletzt natürlich, damit Afrikas Jugend nicht länger gezwungen wird, ihr Leben oder ihre Würde auf der Flucht zu verlieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2019 - Ideen

Die Geisteswissenschaften stecken bis heute in der Krise, weil sie keinen präzisen Begriff ihrer eigenen Tätigkeit haben und sich im Laufe der Geschichte "immer wieder gerne weltanschaulich vereinnahmen" ließen, konstatiert der Anglizist Ludwig Pfeiffer in der NZZ:  "Heutigen Untersuchungsgebieten wie Gender-Studies, Postcolonial Studies und oft auch den Medienwissenschaften sind weltanschauliche Vorentscheidungen auch dann eingeschrieben, wenn sie nicht mehr staatlich vorgeschrieben sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2019 - Ideen

Der Streit um die Meinungsfreiheit geht weiter. Steht wirklich alles zum besten, wie es Harald Staun in der FAS behauptete (unser Resümee), oder sollte man die Meinungsfreiheit gar einschränken, wie es Navid Kermani zu befürworten schien (unser Resümee)? Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel sagt im Gespräch mit der Zeitschrift Internationale Politik und Gesellschaft (IPG): "Die Verrohung des öffentlichen Diskurses hat ... mindestens zwei Quellen: zuerst und zuvörderst den Rechtspopulismus, der bewusst die sogenannten roten Linien überschreitet, aus Überzeugung oder mit strategischer List. Da hat sich ein rechter Gramscianismus breitgemacht. Die Linksliberalen mit ihrer intransigenten Hybris und ihrer Sehnsucht nach Ausschließung sind die andere Quelle. Beide Lager polarisieren die Debatte. Eine wirklich demokratische Debatte muss aber radikal offen und pluralistisch sein (Laclau; Mouffe; Gramsci selbst) und nicht durch eng gezogene rote Linien nur die 'richtige' Moral zulassen."

Etwas skeptisch bespricht der Philosoph Michael Hampe in der Zeit Jürgen Habermas' 1.700-seitiges Vermächtnis "Auch eine Geschichte der Philosophie", eine Geschichte der Philosophie also, die sich offenbar auch mit frommen Fragen herumschlägt: "Habermas erkennt eine Metaphysik als 'Gestalt des Geistes' in der Gegenwart nicht an, weil 'das Denken' seiner Meinung nach 'überzeugende Lernprozesse' durchlaufen hat, hinter die 'es' nicht mehr zurückfallen könne... Das Zeugnis über die Versetzung stellt der philosophische Zeitdiagnostiker aus. Aber werden gegenwärtige analytische Ontologen, die heute philosophy of mind oder Metaphysik betreiben, sein Bewertungssystem auch anerkennen? Gibt es auch außerhalb der Werke von Kant, Hegel und Habermas eine eindeutige Fortschrittsgeschichte der Philosophie, auf die sich die gesamte Zunft einigen könnte? Kaum."

In der taz schreibt Jan Feddersen den Nachruf auf die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker, die dem queeren Diskurs von den "fluiden Geschlechtern" misstraute: "Ihr komme es, diesen Haltungen widersprechend, auf Geschlechterdemokratisches an, darauf, dass es zwar Unterschiede zwischen Frauen und Männern gebe, diese aber keine Hierarchie begründen dürfen."

In Anlehnung an die Radioansprachen, die Thomas Mann ab 1940 aus dem kalifornischen Exil sandte, hat der Trägerverein der Mann-Villa, die 2016 von der Bundesregierung gekauft wurde und nun als deutsch-amerikanische Begegnungsstätte genutzt wird, eine Reihe mit Ansprachen für die Demokratie gestartet, die von der SZ gedruckt und vom Deutschlandfunk gesendet werden. Zum Auftakt spricht Francis Fukuyama über die Bedrohung der Demokratie durch autoritäre Regierungen: "Wir befinden uns in einer globalen Krise der Demokratie, in der die offene, tolerante Gesellschaft unter gewaltigem Druck steht. In diesem Kampf haben wir uns rückwärts bewegt. Thomas Mann litt in seiner Laufbahn unter einer weiteren Sache, gegen die wir uns wappnen müssen: seine Vorladungen vor das House Un-American Committee (das Komitee für unamerikanische Umtriebe im Repräsentantenhaus), also die Vorurteile gegen dissidentische Meinungen, die auch in den etabliertesten Demokratien existieren. Leider taucht dieser Trend heute in den USA, in Europa und in anderen Ländern, die eigentlich Bastionen der freien Gesellschaft sein sollten, wieder auf."

Außerdem: In der taz unterhält sich Juli Katz mit der Feministin Cinzia Arruzza, Ko-Autorin des Manifests "Feminismus für die 99 %", die die These vertritt, dass es keinen Feminismus geben könne, der nicht antikapitalistisch ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2019 - Ideen

Ein größeres Problem als die Einschränkung von Meinungsfreiheit ist die "Enthemmung von Meinung", sagte Navid Kermani (bereits vorgestern) im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann im Deutschlandfunk: "Das ist, glaube ich, ein Problem, das betrifft ja nicht nur Deutschland, dass einfach durch die technologische Entwicklung heute jeder immer alles sagen kann, was er will. Das führt natürlicherweise zu einer Verrohung." Auch verletzen solle man nicht: "Freiheit ist nicht, immer alles sagen zu dürfen. Zur Freiheit gehört, dass man für sein Wort auch zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn es andere verletzt."

Darauf antwortet Hamed Abdel-Samad (leider nur auf Facebook, hier): "Subjektive Gefühle kann man nicht erfassen, deswegen dürfen sie nicht als Kategorie anerkannt werden. Nicht derjenige, der etwas sagt, sollte seine Meinung an Gefühle anpassen, sondern der Empfänger sollte lernen, dass seine Gefühle nicht das Maß aller Dinge sind... Gerade in Zeiten wo die Meinungsfreiheit von allen Seiten unter Beschuss steht, erwarte ich von einem Intellektuellen, wie Kermani, ohne wenn und aber für die Meinungsfreiheit einzustehen, statt sich daran zu beteiligen, diese noch mehr, unter dem Vorwand der verletzten Gefühle, einschränken zu wollen!"

An amerikanischen Universitäten wird Reflexion kaum noch geduldet, "das moralische Denken hat das rationale abgelöst", meint der Philosoph Peter Boghossian im Interview mit der NZZ. Konservative Stimmen gebe es an den Unis kaum noch: "Und das ist verkehrt und muss von uns geändert werden. Konservative Stimmen müssen in die Akademie zurückkehren. Weltanschauliche Vielfalt muss als Primärwert gesetzt werden. Wir können nicht zulassen, dass der Mangel an öffentlichem Vertrauen unsere Institutionen erodieren lässt. ... Das ist der Fehler, den die Leute machen - sie denken: 'Oh, Diversität! Was für ein wohlklingendes Wort, das fühlt sich gut an!' Was tatsächlich damit gemeint ist, ist oftmals bloß ideologische Homogenität. Studierenden zu sagen, dass Sprache eine Form von Gewalt sei, ist eine der Sachen, die unsere Universitäten wirklich umbringen. Du wirst nie in der Lage sein, Probleme zu lösen, wenn du damit beschäftigt bist, beleidigt zu sein, und obendrauf noch alle anderen für eine existenzielle Gefahr für dein Leben hältst."

(Boghossian hatte zusammen mit dem Mathematiker James Lindsay und der Frühneuzeit-Forscherin Helen Pluckrose von 2017 bis 2018 unter wechselnden Pseudonymen zwanzig wissenschaftliche Aufsätze mit absurden Thesen verfasst, von denen einige in anerkannten Fachzeitschriften für Gender Studies und verwandte Fachgebiete angenommen worden waren. Mehr dazu hier)

Im Interview mit Spon plädiert der Sprachforscher Eric Wallis dafür, Rechte nicht aus den Unis auszuschließen, sondern mit ihnen zu reden: "Meinungsfreiheit ist zu einem politischen Schlagwort geworden. Damit wird gerechtfertigt, dass jeder seine Meinung rausbrüllen darf, und dagegen darf keiner was sagen. Erstens vergessen Menschen dabei, dass andere eben eine komplett andere Meinung haben und diese äußern dürfen. Zweitens gehört zur Meinungsfreiheit die Dimension des Zuhörens. Nur so nützt Meinungsfreiheit unserer Gesellschaft: wenn wir Meinungen, die wir nicht mögen, zumindest zur Kenntnis nehmen und versuchen sie ansatzweise zu verstehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2019 - Ideen

In der Welt ärgert sich Richard Herzinger einmal mehr über die Geostrategen und Realpolitiker unter den Autoren, die - illusionslos nüchtern - fordern, der Westen solle aufhören, andere Länder zu seinen Werten bekehren zu wollen. Also Herfried Münkler und seine Frau Marina Münkler, Thomas Kleine-Brockhoff, aber auch Heinrich August Winkler: "Dass sich der Westen, jenseits schöner Worte, seit Ende des Kalten Krieges in übertriebener Weise der 'Bekehrung' nicht westlicher Weltteile gewidmet hätte, ist ein Mythos, der von eingefleischten Gegnern einer universalistischen Ausrichtung der Außenpolitik westlicher Demokratien in die Welt gesetzt wurde. Statt den Mythologen nach dem Munde zu reden, gilt es klarzumachen: Es sind autoritäre Regime wie die Chinas und Russlands, die ihrer eigenen Bevölkerung und anderen mit Gewalt ihre 'Werte' aufzwingen, und keineswegs der Westen, dessen Werte im Gegenteil von Demokratiebewegungen rund um die Welt immer wieder mit Vehemenz und großer Opferbereitschaft eingeklagt werden. Sie müssen vom Westen nicht erst 'bekehrt' werden. Ihr Problem ist vielmehr, dass sie von ihm allzu oft im Stich gelassen werden."