9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2018 - Ideen

Stark irritiert hat Clemens Klünemann (NZZ) das neue Buch des französischen Soziologen Emmanuel Todd gelesen, "Où en sommes-nous? Une esquisse de l'histoire humaine", eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus, in dem er besonders Deutschland mit völkerpsychologischen Wesenszuschreibungen (autoritätsgläubig, maßlos, überheblich - und das seit der Steinzeit) bedenkt. "Unbeabsichtigt bestätigt er damit eine Erkenntnis, die sich bereits am Beispiel der deutsch-französischen Kulturkriege der Jahrhundertwende hat gewinnen lassen - dass nämlich das überspitzte Bild des Nachbarn nur schlecht ein tiefer liegendes Selbstbild verbirgt. Das nach Dominanz strebende Deutschland dient als Erklärung für den schmerzlich erfahrenen Verlust der 'exception française' und damit des französischen Maßstabs, an dem während Jahrhunderten das politische, aber vor allem das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Europa und der Welt gemessen wurde. Beim eigenen Niedergang hört die Freundschaft auf!"

In der FR sieht der Frankfurter Sozialphilosoph Rainer Forst die Demokratie in Gefahr - durch rechts- und linksnationale Strömungen einerseits, durch transnationale Phänomene wie Migration oder Finanzmärkte, auf die national gar nicht mehr reagiert werden kann, andererseits. Forst beschreibt das in aller Ausführlichkeit, bis er zu dem Schluss gelangt: "Progressive Politik muss Wege finden, transnationale demokratische Macht zu generieren, und es wäre gut, zumindest in Europa damit anzufangen und die entsprechenden 'Parteienfamilien' zu echten transnationalen Parteien zu formen, die das, was Gemeinwohl heißt, neu bestimmen."

Eine sehr viel gefährlichere Lektion lernt Arno Widmann aus der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Dieser Krieg zerstörte Europa. Doch während das alte Europa brannte, arbeiteten Paul Gerhardt, Otto von Guericke, Christoffel von Grimmelshausen, Andreas Gryphius und Angelus Silesius, Lope de Vega, Calderón de la Barca, Baltasar Gracián und die Maler Diego Velázquez, Francisco Zurbarán und Esteban Murillo, René Descartes, Thomas Hobbes, Francis Bacon, Galileo Galilei und William Harvey an einem neuen, schreibt Widmann in der FR: "Man kann sich die Vernichtung nicht radikal genug vorstellen. Nicht nur Häuser und Menschen wurden zerstört, sondern auch Institutionen, Ideen und Ideale. Aber aus dieser Zerstörung, nein, mitten in ihr entstand die Moderne. ... Erst der Untergang einer alten ermöglichte den Aufgang einer neuen Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2018 - Ideen

Amelia Lester erzählt in politico.com, was es mit dem "Intellectual Dark Web" (IDW) auf sich hat, einem losen Zusammenschluss von Intellektuellen und Silicon-Valley-Unternehmern, die sich gegen linke Identitätspolitik wenden und für sich in Anspruch nehmen, Werte der Aufklärung zu verfechten. Ihr Lieblingsmagazin ist Quillette (aus dem auch der Perlentaucher schon häufiger zitierte), das von der Redakeurin Claire Lehmann betrieben wird: Dies Magazin "hat zeitweise schon einen massisven Widerhall aus sozialen Medien bekommen. Seine Autoren wurden alle mögliche Namen an den Kopf geworfen, von 'Clown' bis 'Kryptofaschist'. Aber zu den Fans der Seite gehören der Pop-Psychologe Jordan Peterson, der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, die Psychologieprofessoren Steven Pinker aus Harvard und Jonathan Haidt von der New York University und Kolumnisten wie David Brooks, Meghan Daum und Andrew Sullivan."

In der NZZ möchte die amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum eigentlich nicht darüber nachdenken, was ein Mensch ist - interessanter fände sie die Frage, was ein Elefant ist oder ein Schwein -, aber sie bleibt dann doch beim Menschen. Oder vielmehr bei dem Fehler des Menschen, sich ins Zentrum der Welt zu stellen. Aristoteles sah das noch anders: "Er hielt seine Schüler dazu an, ihr wissenschaftliches Interesse nicht von den unscheinbaren Tieren abzuwenden, denn in jedem Wesen sei etwas Wunderbares, nicht zuletzt der allen gemeinsame Lebenswille. Dieser Sinn fürs Wunderbare, der uns ein umfassenderes ethisches Bewusstsein vermitteln sollte, ist ein tief verwurzelter Teil unserer Menschlichkeit. Aber gerade dieser Sinn ist im Schwinden begriffen, und der Mensch dominiert die Erde mittlerweile so sehr, dass wir kaum mehr das Gefühl haben, mit anderen Tieren auf einer Grundlage der Gegenseitigkeit leben zu müssen." (Der Text erschien ursprünglich in der von der NYT initiierten Reihe "The Big Ideas")

Und: Im Standard lässt die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz anlässlich von 100 Jahren Frauenwahlrecht in Österreich kein gutes Haar am immer noch herrschenden Chauvinismus in Österreich.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2018 - Ideen

Picasso im Netz? Oder Beethovens Neunte? Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider hält nichts von digitalen Surrogaten, die zu einer "Sklerose des Ästhetischen" führten. Für ihn zählt nur die direkte Begegnung mit der Kunst, erklärt er in der NZZ. Das gelte ganz besonders für die Literatur: "In einer ebenso polemischen wie bedenkenswerten Erklärung hat der Schriftsteller Karl Kraus vor hundert Jahren die Sklerose der Einbildungskraft für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verantwortlich gemacht. Die Leute, so meinte er, waren durch den Niedergang der Sprachkultur nicht mehr in der Lage, die Wirkungen und Auswirkungen der Nachrichten, die sie lasen, imaginär zu verarbeiten. Ihre Vorstellungskraft war durch Sprachverhunzung abgestorben. Von dieser Lesart der Kriegsursache 1914 hat man begreiflicherweise in den vielen Historien des Ersten Weltkrieges, die in den letzten Jahren herauskamen, nichts gelesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2018 - Ideen

Noch immer wird über Margarete Stokowski diskutiert, die nicht in der Buchhandlung Lehmkuhl auftreten wollte, weil dort rechte  Literatur verkauft werde (mehr hier): Sehr einschlägig und sachkundig erklärt Per Leo, einer der Autoren des Buchs "Mit Rechten reden", im Welt-Interview mit Mara Delius, warum es grundfalsch ist, nur die eigene Haltung zu demonstrieren, anstatt sich für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremen eine Strategie zu überlegen. Die haben nämlich eine: "Der Witz ist, dass man genau das aus den Büchern lernen könnte, die bei Lehmkuhl im Regal stehen. Sie sind nämlich mit Bedacht ausgewählt. Wir reden hier ja nicht über irgendwelche Hetzliteratur, sondern über drei Bücher aus dem AntaiosVerlag. Deren Verleger Götz Kubitschek ist kein Denker. Er versteht etwas von Literatur, aber von Theorie und Ideengeschichte hat er keine Ahnung. Darum hat er auch nur einen einzigen Text geschrieben, dem man so etwas wie eine Wirkungsgeschichte attestieren könnte. Der allerdings verdient aufmerksame Lektüre. Er trägt den programmatischen Titel 'Provokation' und findet sich in dem bei Lehmkuhl ausgestellten Sammelband 'Die Spurbreite des schmalen Grats'."

In der taz plädiert auch Jan Feddersen für weniger Empörung und mehr Selbstbewusstsein in der Debatte: "Mit Rechten reden?  Die Frage darf sich Linken nicht stellen. Man muss. Schläger und Mobs gehören der Polizei überantwortet, Redende muss man selbst stellen. Bloß keine Konfliktscheu, das Denken in Wertegemeinschaften und Verschnupftheitsblasen ist aus der Zeit, nur der starke Rahmen grundgesetzlich geschützter Meinungsfreiheit kann zählen - das wird dann allerdings für manche Linke ungemütlicher. Die Mentalitäten der wohlfeilen Empörung, der Beleidigthaftigkeit fundamentaler Sorte müssen in die politischen Kinderzimmer zurückgebracht werden."

Nachhören kann man auf den Seiten von Deutschlandfunk Kultur jetzt die Gesprächsreihe mit Peter Sloterdijk in der Volksbühne, bei der sich der Philosoph den ganz großen Fragen widmet: Freiheit zum Beispiel, wie das Resüme ahnen lässt: "'Wir haben heute das Problem einer gewissen Freiheitsverwöhnung', meint Peter Sloterdijk: 'Wir haben die Erinnerung an die Kosten der Freiheitskämpfe weitgehend verloren.' Der Wille zur Freiheit werde in westlichen Gesellschaften mehr und mehr 'von der Nötigung zur Freiheit überlagert'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2018 - Ideen

Im Interview mit der FR spricht der israelische Holocaustforscher Yehuda Bauer über das Dritte Reich, Antisemitismus damals und heute und die Flüchtlingspolitik heute. Problematisch findet er, wie Flüchtlinge trotz ihrer Unterschiedlichkeit heute einheitlich gelabelt werden: "Auch hier bei uns existieren sehr viele verschiedene ethnische Gruppen, von einer Einheit kann man nur sehr bedingt sprechen. Nehmen Sie die Palästinenser. Es gibt sie seit 1912. Das war das erste Mal, dass Palästina in einer Zeitung in Haifa erwähnt wurde. Bis dahin war das, was jetzt Palästina ist, ein Teil Syriens. Wenn überhaupt, haben sich die Bewohner als Südsyrer identifiziert. Dann kamen die Kolonialisten, Franzosen und Engländer, erst jetzt entstand Palästina, das Volk der Palästinenser. Es ist ganz neu. Das heißt aber nicht, dass es kein Volk ist. Es ist natürlich ein Volk. ... Wenn eine große Gruppe von Menschen sagt, wir sind ein Volk, dann sind sie ein Volk. Bleiben wir bei den Palästinensern. Die Masse der Bevölkerung stammt von Bauern ab: Griechen, Juden, Römern, die das Land bevölkerten. Da man weniger Steuern zahlen musste, wenn man Moslem war, trat man zum Islam über. Mit den Juden war es ähnlich."

In der NZZ blickt der Philosoph Reinhard K. Sprenger skeptisch auf die Weltverbesserer. Er hält es mehr mit den "Helden der Negativität", die lieber Übel beseitigen, als Gutes schaffen wollen: "Diejenigen, die dem zustimmen, orientieren sich an einer negativen Realität, von der sie sich abgrenzen wollen. Das hat sehr praktische Vorteile: Die Aufforderung, etwas nicht zu tun, umgeht die Versuchung, etwas 'einzig Richtiges' absolut zu setzen. Sie behauptet keine allein denkbare Wahrheit. Sie bekennt sich zur Mehrdeutigkeit: Im Wahren ist immer auch etwas Falsches, im Vernünftigen immer auch etwas Unvernünftiges, in der Freiheit immer auch etwas Zwang. Eine negative Ethik hat also kein Ziel - außer Schaden zu vermeiden. Sie will keinen Endzustand erreichen, kein Paradies auf Erden. Es ist gerade der Gegenentwurf zum Perfektionsideal, zur breitbeinigen Basta!-Politik, die überall ins Kraut schießt."

Die Digitalisierung bedeutet einen gewaltigen Umbruch. Das muss man - bei aller Kritik im Detail - positiv sehen, meint in der NZZ der Philosoph Andy Clark. "Wir leben jetzt in einer Welt, "die mehr durch Möglichkeit, Durchlässigkeit, Wandel und Verhandelbarkeit geprägt ist denn durch veraltete Vorstellungen oder fest umrissene Wesenheiten und Fähigkeiten. Diese Welt erschließt bemerkenswerte Potenziale, auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Teilen und Gruppensolidarität sind nun einfacher denn je zuvor, und die Kartografierung neuer Gemeinschaften anhand ihrer Verbindungen und Spuren im Internet führt dazu, dass viele zuvor verborgene Demografien auf gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Ebene wahrgenommen und respektiert werden."

Außerdem: In der Welt erklärt Gusti Yehoshua Braverman, Vorsitzende der Diaspora-Abteilung der World Zionist Organization, warum Antizionismus Antisemitismus ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2018 - Ideen

Noch stöhnen alle über den Lärm von Autos, Baustellen, Musik. Aber "wenn Beschleunigung und Tempo keinen besonderen Sound mehr haben", wie gefährlich leben wir dann, fragt sich Ueli Bernays in der NZZ angesichts von Elektroautos und -rädern. Werden wir den Lärm, der doch auch Ausdruck einer großen Vitalität war, nicht vermissen? "Wird in Zukunft Stille herrschen? In der Kultur der Gegenwart dominiert sie schon heute. Der Lärm hat kaum mehr ästhetische Bedeutung, er ist bloß noch eine Funktion der Lautstärkeregler. In frühen Spielarten von Techno wie etwa Gabber oder Drum'n'Bass wurden Trommel- und Zwerchfelle noch strapaziert. Seither aber scheint Pop-Musik durch sphärische Mäßigung geprägt zu sein. Das zeigt sich in Stilen wie House, Lounge, Trip-Hop; im Hip-Hop aber hat die Dominanz der Sprache den Lärm der Beats seit je in Grenzen gehalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2018 - Ideen

Nick Cohen bespricht in Quillette Pascal Bruckners Buch gegen den Begriff der "Islamophobie", das unter dem Titel "An Imaginary Racism" gerade auf Englisch erschienen ist und wirft Bruckner vor, die Linke nicht mehr präzise kritisieren zu können, weil er die Rechte nicht in den Blick nimmt: Die neue Rechte und ihre Weggenossen litten unter dem selben Mangel an imaginativer Sympathie wie die Rechte, so Cohen: "'Muslime' sind für die Rechten ebenso ein Block wie die 'Weißen' für die Linken. Ihre Lebensumstände, Meinungen, Individualität werden aus der Lust auf Slogans und Anschwärzung der gleichen falschen Uniformität geopfert. Bruckner schreibt, als sei der Populismus nie passiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2018 - Ideen

"Die derzeitige Diskussion zur Roboterethik denkt moralische Fragen anthropozentrisch", klagt der Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner in der NZZ und fordert eine "Verantwortungspraxis gegenüber Robotern aus moralischen Gründen". In Zukunft werden Roboter Teil menschlich-sozialer Kontexte sein, meint er. Und: "Wenn wir einen kurzen Blick auf die Menschheitsgeschichte der Moral werfen, so ist diese nicht statisch, sondern ganz im Gegenteil ein Prozess der schrittweisen Inklusion in den 'Moral-Klub'. Im antiken Griechenland und im Römischen Reich gab es Menschen und Sklaven, beide der Gattung Mensch, aber mit sehr unterschiedlichen moralischen Rechten. Vor gut zweihundert Jahren, um ein anderes Beispiel zu nennen, war die Vorstellung, dass Tieren moralische Rechte zugesprochen werden könnte, kaum denkbar. Können wir wirklich ausschließen, dass es in der Zukunft eine Roboterethik geben wird, bei der es um die Verantwortung gegenüber Robotern gehen wird? Oder gar Roboterrechte diskutiert werden?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2018 - Ideen

Der in Oxford lehrende Historiker Faisal Devji beschreibt in der NZZ knapp und anschaulich die verschiedenen Strömungen des Islam mit der jeweils dahinter stehenden Machtpolitik. Eine Zukunft sieht er weder für das iranische noch das saudische noch das türkische Modell, weil sie es nicht schaffen, Islamismus mit Demokratie zu verknüpfen. "So unterschiedlich sie sind, haben sich alle diese Länder im Namen ihres Vormachtstrebens den Islam auf die Fahne geschrieben. Aber gerade die Universalisierung, die mit der allseitigen Inanspruchnahme der Religion einhergeht, bedeutet auch eine Inflationierung. Der Islam selbst lässt sich unter solchen Umständen immer weniger in den Dienst der Politik nehmen. Bald einmal wird er nicht mehr sein als der Nationalcharakter der muslimischen Gesellschaften in der Region."
Stichwörter: Devji, Faisal, Islam, Islamismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2018 - Ideen

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg sprach vor einer Woche in Wien zum Thema "Demokratie - wer hat Angst vor dem Volk?" Die NZZ druckt die Rede, in der Muschg die immer wieder als Vorbild gepriesene Schweizer Demokratie aufs Korn nimmt - und das Internet: "Da gibt es nichts, was es nicht gibt, wenn es etwas bringt. Dafür erlaubt die schlaue Technologie nicht mehr, Politiker von Demagogen zu unterscheiden oder schiere Narzissten von grandiosen Präsidenten. Ein globaler Unternehmer wie Christoph Blocher kann ungestraft als bodenständiger Eidgenosse auftreten und eine Schweiz vertreten, die ihm passt, ob sie existiert oder nicht. Ein Emoji, das er zum Stimmenfang einsetzt, nennt er 'Gottfried Keller' und lobt seinen 'Martin Salander' - ein Fake, von dem nicht einmal das Gegenteil wahr ist."