9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2279 Presseschau-Absätze - Seite 149 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2018 - Ideen

Nick Cohen hatte neulich in Quillette Pascal Bruckner beschuldigt, in seinem jüngsten Buch "An Imaginery Racism", einer Kritik des Begriffs der "Islamophobie" "rechts" zu argumentieren (unser Resümee). Bruckner repliziert am selben Ort: "Vielleicht ohne dies zu wollen, reproduziert Cohens Lesart meines Buchs eine Taktik, die aus dem Kalten Krieg bekannt ist. So wie wir einst belehrt wurden, dass die Kritik an der Sowjetunion dem amerikanischen Imperialismus in die Hände spielt, werden diejenigen, die salafistische, wahhabitische oder khomeinistische Fanatiker angreifen, heute beschuldigt, die Interessen der nationalistischen Rechten zu vertreten. Diese Art stalinistischer Erpressung, führte Generationen fortschrittlicher Intellektueller in ein feiges Schweigen und in selbstgefälliges Einverständnis mit dem Totalitarismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2018 - Ideen

Die altlinke, an der Frankfurter Schule orientierte Philosophin und Feministin Nancy Fraser ruft auf die Frage nach den Ursprüngen des Populismus: "hier". Im Gespräch mit Nils Markwardt und Dominik Erhard bei philomag.de erklärt sie den "progressiven Neoliberalismus" für schuldig, den sie als ein "ein seltsames Bündnis zweier Kräfte" beschreibt: "Auf der einen Seite die dynamischsten, postindustriellen, symbolisch aufgeladenen Teile der US-Wirtschaft - Silicon Valley, Wall Street und Hollywood. Auf der anderen Seite der liberale Mainstream der 'Neuen sozialen Bewegungen' - liberaler Feminismus und LGBTQ-Rechte, Multikulturalismus und Umweltschutz. Obwohl Letztere in diesem Bündnis die Juniorpartner waren, steuerten die 'Progressiven' etwas Unentbehrliches bei: eine emanzipatorische Fassade, die als Alibi für die Raubzüge des Kapitals diente." Zum Glück aber, so Fraser, gibt es mit Bernie Sanders "eine progressive populistische Alternative zum progressiven Neoliberalismus"! Und Fraser ruft gar zu einer "Politik der Spaltung" auf, "um eine neue progressiv-populistische Mehrheit zu schaffen". Es gibt also neben Chantal Mouffe (unsere Resümees) eine zweite Pasionara des linken Populismus.

In der Zeit warnt dagegen der Soziologe Andreas Reckwitz ("Die Gesellschaft der Singularitäten") eindringlich vor der Neoliberalismus-Gebetsmühle: "Der Neoliberalismus wird tatsächlich momentan als Allzweck-Erklärungsformel überstrapaziert. Das hat Folgen: Es erschwert uns, die tief greifende Transformation, welche die westlichen Gesellschaften seit den 1970er-Jahren erleben, in ihrer ganzen Komplexität zu begreifen. Es macht es damit auch schwieriger, angemessene politische Antworten zu finden."

Außerdem: Ebenfalls in der Zeit lokalisiert der Historiker Christopher Clark die Ursprünge heutiger Identitätsdebatten in europäischen Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2018 - Ideen

Achtung, neuer Theorie-Import aus Frankreich: Jürg Altwegg stellt auf der Medienseite der FAZ den Geografen Christophe Guilluy vor (den vor einigen Tagen auch schon die politische Korrespondentin der FAZ, Michaela Wiegel interviewte). Im Moment der "Gilets jaunes" sei Guilluy der Mann der Stunde: "Aufgrund seiner Analyse von Karten, Bevölkerungszahlen und Wahlresultaten zeigte er als Erster, dass sich Frankreichs Probleme keineswegs auf die Banlieues der Einwanderung beschränken. Die Gewinner der Globalisierung vertreiben ihre Opfer vielmehr ganz aus den Städten. Die Metropolen blühen, die Provinzen veröden. An diesem Graben entschied sich die Wahl in Frankreich wie in den Vereinigten Staaten. " Das jüngste Buch des Geografen heißt "No Society". Hier weitet Guilluy seine Theorie auch auf andere Länder aus.

Über ein besonders dreistes Stück Fake News schreibt in der NZZ der Historiker Volker Reinhardt. Es geht um die Konstantinische Schenkung, ein Papier, das den Päpsten seit dem 4. Jahrhundert eine umfassende Führungsstellung in der Christenheit garantierte. Dass das Papier aus dem 8. Jahrhundert datierte, also gefälscht war, erkannte 1440 der Humanist Lorenzo Valla. Als Historiker lernt man früh, niemandem zu glauben, so Reinhardt, vor allem keinen Zeitzeugen: "Das ist kein Nachteil, sondern macht es nur noch spannender, denn jetzt beginnt die Arbeit der kritischen Überprüfung - was wird wie und warum eingefärbt, was wird damit bezweckt? Authentizität ist also das Fake-Wort der Gegenwart schlechthin, es wird in jedem Exklusivinterview beschworen und in jedem Instagram-Posting angerufen; dabei genügt schon die Gegenwart einer Kamera, ob angeblich verborgen oder nicht, um den Schein der Unmittelbarkeit und Echtheit zu hinterfragen. Das gilt auch für angeblich historische Ereignisse, wenn sie in bewegten Bildern festgehalten sind - der revolutionäre Sturm auf das Winterpalais der Zaren während der Oktoberrevolution hat bekanntlich nie stattgefunden, sondern wurde nachträglich zu 'dokumentarischen Zwecken' nachgestellt, was seiner Glaubwürdigkeit keineswegs geschadet hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2018 - Ideen

Vor zweihundert Jahren erschien Arthur Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung". In der NZZ denkt Rüdiger Safranski in einem Essay über den Willen nach, wie Schopenhauer ihn verstand: "Es haben sich viele Missverständnisse eingeschlichen, weil man nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass Schopenhauer auch dem Begriff des Willens (wie auch dem der 'Vorstellung') eine vom Üblichen abweichende Bedeutung gibt. Der Willensbegriff der philosophischen Tradition, aber auch der umgangssprachliche, verbindet 'Wille' mit 'Absicht', 'Zweck'. Auf jeden Fall ist das 'Gewollte' zuvor in meinem Geist, ehe ich zur Aktion des Wollens komme. In solchem Verständnis ist der Wille intellektualisiert, ein Treibsatz, den wir zünden, nachdem der Verstand seine Pläne gemacht hat. So aber versteht Schopenhauer den 'Willen' gerade nicht. Wille ist vielmehr eine primäre Strebung, die sich im Grenzfall auch noch ihrer selbst bewusst werden kann und dann erst das Bewusstsein eines Zieles, einer Absicht, eines Zweckes gewinnt. Aus dieser Perspektive sind auch die unbewussten inneren Körpervorgänge Bewegungen des Willens und darüber hinaus: In allem, was lebt, lebt der Wille, sogar noch in der anorganischen Welt, dort zum Beispiel in der Gravitation.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2018 - Ideen

Die Stokowski-Debatte ist noch nicht zu Ende! Soll eine Buchhandlung wie Lehmkuhl in München auch ausgewählte rechte Literatur anbieten? Selbst auf die Gefahr hin, dass Margarete Stokowski dort nicht liest? Liane Bednarz fasst in einem nützlichen Essay auf starke-meinungen.de noch mal die wesentlichen Beträge und Argumente der Debatte zusammen und widmet sich am Ende dem Argument, das man die Bücher doch auch in der Bibliothek lesen könne: "Vor allem aber ist die Literatur rechtsintellektueller Autoren in den staatlichen Bibliotheken auf Vordenker aus der Weimarer Republik begrenzt. Wer etwa in den Münchner Staatsbibliothek nach Werken aus dem Antaios-Verlag sucht, findet dort nur eine geringe Auswahl. Die von Lehmkuhl geführten Bücher 'Die Spurbreite des schmalen Grats' von Götz Kubitschek, 'Mit Linken leben' von Martin Lichtsmesz und Caroline Sommerfeld sowie der Sammelband 'Nationalmasochismus' sind dort gar nicht erst vorhanden."

In der FAZ attackiert Judith Basad einige ältere und jüngere Texte der Genderforschung, denen sie vorwirft Praktiken wie die Genitalverstümmelung zu beschönigen: "Manchen Gender-Instituten fällt es deshalb schwer, Genitalverstümmelungen zu verurteilen. So veröffentlichte das Institut für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt Universität Berlin 2005 ein Magazin mit dem Namen 'Female Genital Cutting: die Schwierigkeit, sich zu positionieren'. In mehreren Beiträgen wird diskutiert, wie man sich wissenschaftlich mit Genitalverstümmelungen auseinandersetzen sollte, ohne eine 'westliche Perspektive' einzunehmen und sich somit des Rassismus schuldig zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2018 - Ideen

In einem längeren Essay für republik.ch leuchtet Nils Markwardt unter Zuhilfenahme einiger Neuerscheinungen (besonders Philip Manows Buch "Die Politische Ökonomie des Populismus") die komplexen Faktoren für den Niedergang der Sozialdemokratie aus, um der sozialdemokratischen Idee am Ende doch brennende Aktualität zu bescheinigen: "Tatsächlich ist der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ja keineswegs verschwunden, ganz im Gegenteil. Wurde dieser lediglich von der 'Dritte Weg'-Ideologie überdeckt, bestünde die gegenwärtige Aufgabe darin, ihm neue Ausdrucksformen zu verleihen. Innerhalb einer pluralisierten Gesellschaft, in der sich zudem die völlige Entpolitisierung der Gewerkschaften vollzogen hat, lässt sich das aber nicht mit einem Drehbuch aus den siebziger Jahren machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2018 - Ideen

Eine gleiche Geltung aller Meinungen führt zu Tohuwabohu, schreibt Simon Strauß in der FAZ. Es brauche Autorität und Hierarchie, um im Meinungsgewoge eine Richtung zu finden, insistiert er und beruft sich dabei auf einen Text Hannah Arendts über die "Die Krise in der Erziehung": "Es ist ein Irrglaube zu meinen, dass das Individuum in der Masse besser und gerechter aufgehoben sein könnte als in einer hierarchischen Welt: 'Denn die Autorität einer Gruppe ist stets erheblich stärker und tyrannischer als die strengste Autorität einer einzelnen Person je sein kann.' Heute, wo der Populismus auf der einen und der Moralismus auf der anderen Seite in der Gesellschaft immer mehr Raum gewinnen, scheint eine Wiederannäherung an den Gedanken einer verantwortungsethischen Autorität nötiger denn je."

Außerdem: Ebenfalls in der FAZ fragt Kai Bremer, ob "sich Syrien befrieden lässt, indem man den Westfälischen Frieden studiert". Zurückgehend auf Reden Frank-Walter Steinmeiers und Büchern von Herfried Münkler (hier) und Brendan Simms (hier), hat hierüber eine Tagung in Loccum stattgefunden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2018 - Ideen

Niemand kritisiert das Silicon Valley länger als er, betont Richard Sennett im Gespräch mit Stephan Hilpold vom Standard und lässt auch das Argument nicht gelten, dass Konzerne wie Google dazu beitragen, Städte wie Dublin zu modernisieren: "Bereits als ich in den 1990ern 'Der flexible Mensch' geschrieben habe, war das Silicon Valley ein potemkinsches Dorf der vermeintlichen Offenheit. Aber noch ein Wort zu Dublin: Nicht Google hat Dublin zu einer moderneren Stadt gemacht, sondern das Faktum, dass es die einzige säkulare Stadt in einem stockkonservativen Land war. Menschen vom Land sind nach Dublin geflüchtet, nur dort hat man etwa Kondome bekommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2018 - Ideen

Heute tagt der Rechtschreibrat über die Frage, ob der Genderstern in die amtliche Rechtschreibung aufgenommen werden soll. Für den Dlf hat Monika Dittrich verschiedene Stimmen zum Thema zusammengetragen. Politische Sprachvorschriften seien das Kennzeichen autoritärer Regime, meint etwa der Linguist Peter Eisenberg: "Was im Augenblick passiert, ist eine politische Bewegung einer Pressure-Group, die der deutschen Sprache gefährlich werden kann (…) Niemand hat das Recht, in die deutsche Sprache reinzugreifen, ihre Grammatik zu manipulieren, den Leuten den freien Sprachgebrauch zu verbieten und dafür zu sorgen, dass sie Ideologeme von sich geben." Und auch von feministischer Seite kommt Kritik, da Frauen hinter dem Stern wieder deklassiert würden, wie die Linguistin Luise Pusch erklärt: "Die Feministinnen, die für das große I gekämpft haben, 20 Jahre lang, die fühlten sich doch schon sehr düpiert, dass dann der alte Zustand wiederhergestellt werden soll."

Erstaunlicher Weise ruft der offene Brief Uwe Tellkamps in der Zeitschrift Sezession, einer Publikation der Neuen Rechten (unser Resümee), nicht allzu viel Aufhebens hervor. In der SZ kann sich Alex Rühle nur wundern: "Auf der einen Seite ein korruptes Kartell, auf der anderen einzelne freidenkerische Helden, wacker im Meinungssturm ausharrend. Wer die Welt so sieht, für den ist es vielleicht konsequent, diesen Text auf sezession.de zu veröffentlichen. Er darf sich dann nur nicht wundern, wenn er mit toxisch rechtem, autoritärem Gedankengut in Verbindung gebracht wird, das macht er durch diesen publizistischen Schulterschluss schließlich ganz allein: Die meisten Autoren auf Sezession verachten die demokratische, pluralistische Debatte und huldigen einem 'autoritären Kult um Tat und Entscheidung', wie der Historiker Volker Weiß schreibt."

Im FR-Interview sprechen die Kulturwissenschaftlerin Nathalie Weidenfeld und ihr Mann, der Philosoph Julian Nida-Rümelin, die jüngst ein Buch zum Thema "Digitaler Humanismus" veröffentlicht haben, über Künstliche Intelligenz und Maschinenmenschen. Von apokalyptischen Visionen halten sie nicht viel: "Maschinen haben keine Absichten, weder gute noch böse. Wir müssen uns also keine Gedanken machen über Akteure, die sich gegen uns wenden, sondern darüber, wie wir diese technischen Möglichkeiten sinnvoll einsetzen können." Auf Zeit Online hat sich Lisa Hegemann das Papier der Bundesregierung zur "Strategie Künstliche Intelligenz" genauer angesehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2018 - Ideen

Aktualisiert: Aha, Uwe Tellkamp verortet sich also doch. Er publiziert seinen jüngsten offenen Brief zwar in der Zeitschrift Sezession des rechtsradikalen Intellektuellen Götz Kubitschek, möchte aber nicht in die "rechte Ecke" gestellt werden - die Debatte lappte gestern Nachmittag in die überregionalen Medien über. Martin Eimermacher berichtet bei Zeit online, Tim Niendorf schreibt im FAZ.Net. Tellkamp hat sich geäußert, nachdem die Dresdner Autoren Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser die Buchhändlerin Susanne Dagen (Kulturhaus Loschwitz, deutscher Buchhandlungspreis 2016) in einem offenen Brief in dem Dresdner Blättchen Elbhang-Kurier für ihre Veranstaltungsreihe "Mit Rechten lesen" attackiert hatten. Der Brief ist in Kubitscheks Sezession online gestellt. Tellkamp antwortet ihnen unter dem selben Link: "Wer ist es, der keinen Widerspruch verträgt? Oft habe ich den Eindruck, die politisch sich links oder bei den Grünen verortenden Tonangeber in weiten Teilen unserer Medien und unserer Kulturbranche sind es, nicht die paar rechten oder als rechts verschrienen Einmannunternehmen, die auf kleinen Blogs oder in kleinen Zeitschriften gegen die Wucht des Common sense anschreiben, wie ihn bei Themen wie Migration, Klimawandel, Europa, Trump Spiegel, Spiegel online, Zeit, Zeit online, Süddeutsche, selbst Bild, vertreten, FAZ und Welt mindestens gespalten, Focus, taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Redaktionsnetzwerk Deutschland, das Regionalzeitungen wie HAZ, LVZ und DNN beliefert, Hamburger und Dresdner Morgenpost, Sächsische Zeitung usw., von Talkshows und überhaupt dem ÖRR zu schweigen."